15.01.1997

SPIEGEL-GESPRÄCHE„Wir danken Ihnen für dieses Gespräch“

Fast 3000 SPIEGEL-Gespräche wurden seit 1957 gedruckt. Die Institution gilt als besondere Gattung, als argumentativer Disput, wie der Publizistikprofessor und frühere SPIEGEL-Redakteur Michael Haller urteilt**. Auszüge:
Als wichtigste Neuerung im deutschsprachigen Interview-Journalismus gilt das SPIEGEL-Gespräch. Nach einigen Versuchen für den Papierkorb erschien in der vorletzten SPIEGEL-Ausgabe des Jahres 1956 unter der Überschrift "Wie liquidiert man Stalin?" zum erstenmal ein ausführliches Interview. Gesprächspartner war die Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Ungarns, Anna Kethly, das Thema der Ungarn-Aufstand und die Folgen - es war sozusagen der Probelauf.
Dann, im ersten Heft des Jahres 1957, präsentierte das Magazin den nächsten, knapp 1100 Zeilen langen Dialog mit der Unterzeile: "Ein SPIEGEL-Gespräch mit dem Bundesminister für Verteidigung Franz Josef Strauß"; das Gespräch handelte von der Aufrüstung, der neuen Bundeswehr und der mit der Entstalinisierung möglich gewordenen Entspannung. Ein Gesprächsfoto gab es noch nicht, die Interviewer blieben anonym. In der SPIEGEL-internen Registratur gilt dieses als das erste von seither 2800 publizierten SPIEGEL-Gesprächen. Erst das folgende Gespräch stand unter der Rubrik "SPIEGEL-Gespräch" und endete mit dem danach geflügelten Standardsatz: "Wir danken Ihnen für dieses Gespräch."
Der SPIEGEL habe das Konzept von U. S. News & World Report aufgegriffen, schreibt der frühere SPIEGEL-Redakteur Hans Dieter Jaene, "als seine Hefte des Anzeigenzuwachses wegen so dick wurden, daß sie mit ''stories'' allein nicht mehr zu füllen waren. Neben der Titelgeschichte und den Serien ist das SPIEGEL-Gespräch seither drittes repräsentatives und seitenfüllendes Element des SPIEGEL". In den folgenden zehn Jahren wurde im Durchschnitt in jeder zweiten Ausgabe ein SPIEGEL-Gespräch veröffentlicht; einige davon bis zu zehn Druckseiten lang und damit umfangreicher als manche Titelgeschichte.
Für den deutschsprachigen Journalismus war das Rollenspiel zwischen den Fragern und dem Antwortenden äußerst ungewohnt: Da sitzen meist zwei Journalisten einer prominenten Persönlichkeit gegenüber, zeigen sich genau informiert, reden wie Experten und können mitunter mit präzisen Gegeninformationen aufwarten. Sie fassen nicht nur nach, sondern bringen in der Pose des stets ungläubigen Skeptikers Einwände und Vorhalte, als hätten sie den Befragten zu examinieren.
Im Verlauf der sechziger Jahre kam es immer häufiger vor, daß die zwei fragenden SPIEGEL-Redakteure als Kontrahenten auftraten, die zum Standpunkt des Gesprächspartners eine mit Fakten und Argumenten gestützte Gegenposition einnehmen: Aus der Abfolge logisch aneinandergereihter Fragen - wie noch in den ersten SPIEGEL-Gesprächen - war nun ein argumentativ sich entwickelnder, mitunter zänkischer, gelegentlich in Arroganz gekleideter Disput geworden, in dessen Verlauf nicht nur Sachdarstellungen, sondern auch die Denk- und Argumentationsweisen des Befragten problematisiert werden konnten. Dies machte dann den besonderen Reiz des SPIEGEL-Gesprächs: Zur Informationsvermittlung hinzu trat der argumentative Gehalt der Kontroverse.
Im SPIEGEL-Gespräch sei der Journalist "nicht Katalysator der Gedanken des Befragten, sondern (ist) genau informierter und sorgfältig vorbereiteter Gegenspieler, der eine geistige Auseinandersetzung provoziert, in der sich Argument und Gegenargument gleichwertig gegenüberstehen", umriß Dieter Just zutreffend diese Gattung und gab als Erklärung: "Das liegt vor allem daran, daß die sehr selbstbewußten Redakteure jeden Anschein, sie seien nur Übermittler der Anschauungen des Interviewten, geflissentlich vermeiden. Nicht selten nehmen die Redakteure eine antithetische Haltung ein, um ihren Gesprächspartner zu Widerspruch und profilierter Aussage zu zwingen." Diese Strategie geriet in den siebziger Jahren mehr und mehr zu einer Art Turnier-Ritual mit möglichst hohem Unterhaltungswert.
Die bissige, mitunter beißende Art der Gesprächsführung brachte auch Kritiker auf den Plan. "Das SPIEGEL-Gespräch will nicht informieren, sondern dekuvrieren, es ist kein Gespräch, sondern Inquisition. Schon die Fronten sind ungleich: dort das Opfer, hier zwei wohlvorbereitete Fragesteller und ein unbestechliches Tonbandgerät", kritisierte Hans-Joachim Netzer - und übersah, daß die im SPIEGEL-Gespräch evozierte Selbstdarstellung nicht nur einer prominenten Persönlichkeit gilt, sondern auch von A bis Z auf Freiwilligkeit basiert (was man von einem Verhör oder gar einer Inquisition nicht behaupten kann) und neben dem Unterhaltungswert einen gesteigerten Informationswert besitzt.
Es gehört zum Mythos des SPIEGEL-Gesprächs, zu glauben, die Interviewer seien derart formulierstarke und prägnante Rhetoriker, daß man die Tonbandabschrift des Interviews publiziere. Richtig ist vielmehr, daß jedes Gespräch gestrafft und sprachlich geschönt wird - daß viele Gesprächsprotokolle sogar redaktionell stark überarbeitet werden, bis sie nach Meinung der Redaktion druckwürdig sind.
Die Lesbarkeit des Textes - er soll abwechslungsreich, prägnant und flüssig, inhaltlich erhellend, wenn möglich auch mal schmunzelig sein - ist weit wichtiger als die Worttreue des tatsächlich geführten Gesprächs. Als Lektüre ist ja das Wort nicht mehr flüchtig, es besitzt nun die Qualität bewahrender Beständigkeit. Darum ist die offenere Syntax der Sprechsprache, sind deren Redundanzen, Unterbrechungen und Themen-Schleifen unerwünscht.
Das Rendezvous selbst dauert - den Erfahrungen des Schreibenden und dem Erfahrungsbericht verschiedener Redaktionsmitglieder zufolge - zwischen etwa 60 und 150 Minuten. In seltenen Fällen, wenn eine umfassende Problemsicht vorgenommen wird, wenn der Gesprächspartner sehr wortreich redet und/oder sich eine weitschweifige Diskussion entwickelt, kann sich das Gespräch schon mal über drei oder vier Stunden erstrecken. Im Durchschnitt, sagen SPIEGEL-Redakteure, stellt ein Bonner Politiker rund 80 Minuten für ein Gespräch zur Verfügung. Das Wortprotokoll dieses Gesprächs umfaßt dann rund 1200 bis 1500 Druckzeilen und ist damit fast doppelt so lang wie die zum Druck bestimmte Fassung, die heute in aller Regel zwischen 700 und etwa 900 Zeilen schwankt. Das sogenannte Eindampfen des Gesprächstextes ist also selbstverständlich.
Das SPIEGEL-Gespräch ist nicht zuletzt deshalb zur Institution geworden, weil prinzipiell der druckfertige Text dem Interviewten vorgelegt wird: Ihm steht es frei, den Text nach seinem Gutdünken abzuändern. Allerdings können allzu weitreichende Eingriffe dazu führen, daß die Redaktion die autorisierte Fassung für zu langweilig hält und auf die Veröffentlichung verzichtet. Hin und wieder kommt es auch vor, daß sich die politische Lage so rasch ändert, daß der Gesprächspartner den Text vor der Veröffentlichung zurückzieht. Auch dies wurde und wird vom SPIEGEL akzeptiert, das erstemal im August 1966, als Verteidigungsminister von Hassel das bereits autorisierte Gespräch seines Brigadegenerals Krupinski zurückzog. SPIEGEL-Gespräche seien "die geprüfte und autorisierte Niederschrift einer mündlich geführten Diskussion, die zu bearbeiten oder zurückzuziehen dem Gesprächspartner freisteht", kommentierte der SPIEGEL 1966.
Gesprächserfahrene SPIEGEL-Redakteure wissen über sehr unterschiedliche Autorisierungsformen zu berichten: Persönlichkeiten, die über sehr präzise Vorstellungen und einen prägnanten Sprachausdruck verfügen, ändern bei der Autorisierung nur wenig. Franz Josef Strauß wird da als angenehmer Gesprächspartner in Erinnerung gehalten. Persönlichkeiten indessen, die meist vage bleiben und über keine präzise Begriffssprache verfügen, verändern oftmals den vorgelegten Text und ändern dann nochmals ihre Veränderungen. Man erinnert sich da an Politiker wie den damaligen CDU-Oppositionsführer Helmut Kohl, mit dem vier Gespräche geführt wurden (während seiner Bundeskanzlerzeit verweigerte er sich dem SPIEGEL). Persönlichkeiten wiederum, denen es auf jedes Wort ankommt und die besonders mißtrauisch sind, schwächen Formulierungen nachträglich ab und paraphieren am Ende jede Manuskriptseite, als handele es sich um einen Staatsvertrag. Dieses Verhalten zeigte Martin Heidegger; man erlebte es vor allem bei osteuropäischen Staatschefs und Drittwelt-Potentaten.
Das Prinzip der Autorisierung und das darin eingeschlossene Recht auf Textkorrektur hat dazu geführt, daß bis heute das SPIEGEL-Gespräch als eine ausgesprochen faire journalistische Einrichtung hoch geachtet wird. Dank dieser Garantie stößt der SPIEGEL auch bei Persönlichkeiten, die unsicher oder dem Magazin politisch zuwider sind, auf Gesprächsbereitschaft. Und schließlich führte das Autorisierungsprinzip dazu, daß SPIEGEL-Gespräche als zitierfähige Dokumente gelten, an denen es nichts zu dementieren gibt. Sie bedeuten oftmals selbst das Ereignis, über das die anderen Medien berichten.
* Oben: Walter Knips, Johannes K. Engel, Dieter Wild 1975 in Wien; unten: Ernst Hess 1984 in Düsseldorf. * * Michael Haller: "Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten". Ölschläger-Verlag, München 1991. * Oben: v. r. Dieter Wild, Fritjof Meyer, 1973; unten: Heinz P. Lohfeldt 1978 in Washington.

DER SPIEGEL 0/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 0/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCHE:
„Wir danken Ihnen für dieses Gespräch“

Video 02:30

Extreme Kletterpartie im Video Über einen Kamm

  • Video "Extreme Kletterpartie im Video: Über einen Kamm" Video 02:30
    Extreme Kletterpartie im Video: Über einen Kamm
  • Video "Seltene Begegnung: Taucher filmt Königspinguine auf Schnabellänge" Video 01:30
    Seltene Begegnung: Taucher filmt Königspinguine auf Schnabellänge
  • Video "Trump gegen US-Spitzensportler: Hymnen-Streit geht in die nächste Runde" Video 02:05
    Trump gegen US-Spitzensportler: Hymnen-Streit geht in die nächste Runde
  • Video "AfD-Wahlparty: Wir werden den Altparteien in den Arsch treten" Video 02:28
    AfD-Wahlparty: "Wir werden den Altparteien in den Arsch treten"
  • Video "Bundestagswahl: Volksparteien verlieren deutlich, Kurs Richtung Jamaika" Video 04:30
    Bundestagswahl: Volksparteien verlieren deutlich, Kurs Richtung Jamaika
  • Video "Bundestagswahl: Proteste gegen die AfD in mehreren Städten" Video 00:48
    Bundestagswahl: Proteste gegen die AfD in mehreren Städten
  • Video "Videoanalye zum SPD-Ergebnis: So totenstill war es noch nie" Video 02:53
    Videoanalye zum SPD-Ergebnis: "So totenstill war es noch nie"
  • Video "Videoanalyse zum AfD-Ergebnis: Die müssen ihren Erfolg erst mal fassen" Video 02:38
    Videoanalyse zum AfD-Ergebnis: "Die müssen ihren Erfolg erst mal fassen"
  • Video "Bundestagswahl 2017: Gewinner und Verlierer" Video 04:30
    Bundestagswahl 2017: Gewinner und Verlierer
  • Video "FDP-Wahlparty: Comeback nach vier Jahren" Video 00:37
    FDP-Wahlparty: Comeback nach vier Jahren
  • Video "AfD-Spitzenkandidat Gauland: Wir werden sie jagen!" Video 00:31
    AfD-Spitzenkandidat Gauland: "Wir werden sie jagen!"
  • Video "Wahlparty der Grünen: Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet" Video 01:01
    Wahlparty der Grünen: "Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet"
  • Video "Bundestagswahlkampf im Netz: Man kann gegen Social Media nicht mehr gewinnen!" Video 03:19
    Bundestagswahlkampf im Netz: "Man kann gegen Social Media nicht mehr gewinnen!"
  • Video "Wahlkampf CDU vs. AfD: Stimmenfang am rechten Rand" Video 03:50
    Wahlkampf CDU vs. AfD: Stimmenfang am rechten Rand
  • Video "Hungriger Elefant: Futtersuche im Hau-Ruck-Verfahren" Video 00:34
    Hungriger Elefant: Futtersuche im Hau-Ruck-Verfahren