15.01.1997

SPIEGEL-SPRACHEDie Sprache des SPIEGEL

Gesellschaftskritik, oder was sich dafür hält, leidet gemeinhin unter der Vorstellung, sie müsse ihre Gegenstände entlarven. Womit sie sich befaßt, das stellt sie sich gern als undurchschaubar vor. Diese Auffassung spiegelt die Ohnmacht des Kritikers vor den Mächten wider, mit denen er es zu tun hat. Sie ist nicht nur paranoid, insofern sie ihr Gegenüber zur Verschwörung dämonisiert; sie ist falsch. Irrationales Pathos versagt vor den meisten gesellschaftlichen Sachverhalten schon deshalb, weil sie zutage liegen. Gerade ihre Evidenz macht sie unsichtbar. Das gilt, beispielsweise, für die deutsche Wochenzeitung DER SPIEGEL.
Das Geheimnis dieser Zeitung liegt an der Oberfläche. Sie charakterisiert sich selbst am schärfsten durch die Sprache, deren sie sich bedient. Daß sie es verstanden hat, eine eigentümliche, außerhalb ihrer Spalten nicht existierende Sprache sich zu schaffen, belegen die beiden folgenden Zitate, die als eine Versuchsanordnung gelten können; jeder Bewohner der Bundesrepublik wird ihre Quelle erraten - oder zu erraten glauben.
"X, der am 9. November im Hospital von S. starb, war im Kulturbetrieb seiner Zeit eine Rarität. In seinem kurzen Leben spielte er die Rolle eines Clowns und erreichte auf diese Weise zweierlei: Man zahlte ihm seine Drinks, ohne die er nicht auskommen konnte, und man nahm ihm die bitteren Wahrheiten seiner Dichtung nicht übel. Er wurde schließlich zu einer Art Nationalphänomen. Seine 90 Gedichte mußten siebenmal nachgedruckt werden ... Für seinen Biographen war der Dichter schon zu seinen Lebzeiten ein psychisch toter Mann. Als während einer Tournee auch der physische Tod eintrat, entstand in Literaturkreisen eine ungewöhnliche Erregung. Die widersprüchlichsten Versionen über die Todesursache wurden laut, darunter als wohl absurdeste die, X sei von Dichter-Konkurrenten vergiftet worden. Die glaubwürdigste und wohl auch einzig richtige Version ist die des Arztes vom Gesundheitsamt in S., die besagt, daß X an einer Alkoholvergiftung starb, die durch eine Lungenentzündung kompliziert worden war."
"Y, 27, Verwaltungsjurist, wurde am 11. Juni vom Staatspräsidenten von P. als Staatssekretär für besondere Aufgaben ins Kabinett berufen. Damit fand eine Blitzkarriere ihren vorläufigen Abschluß, die vor sieben Jahren einigermaßen unrühmlich begonnen hatte. Die juristische Fakultät der Universität Z. hatte damals die Dissertation des jungen Y kurzerhand in den Papierkorb gesteckt. Seiner einflußreichen Familie war es trotzdem gelungen, den genialisch angehauchten Versager als Referendar an den Bundesgerichtshof zu lancieren, nachdem er sich durch intime Eroberungen in den Kreisen der Hochfinanz einen gewissen Namen gemacht hatte. Das Aktenderby ließ den eher gefühlig veranlagten Anfänger jedoch zunächst kalt. Statt dessen verfiel er auf die Idee, sich als Sensationsschriftsteller zu versuchen, wobei er rasch einen beachtlichen Riecher entwickelte. Bereits der erste, keß hingehauene und sentimental verbrämte Skandalroman schockierte das internationale Publikum und hatte eine Selbstmordepidemie zur Folge. Beim Chef der Regierung von P. hatte sich der Sonntagsdichter durch ausgedehnte Saufabende, Parforceritte und Herrenpartys eingeführt. Die Bevölkerung war von dieser kostspieligen Form halboffizieller Geselligkeit freilich wenig angetan. Auch einflußreiche Regierungskreise betrachteten sie kaum als Befähigungsnachweis für den hochdotierten Posten im Kabinett. Minister Q. erhob sogar gegen die Berufung des weinseligen Benjamin offiziell Einspruch. Y sicherte sich jedoch rechtzeitig durch schöngeistige Leseabende und wohlgezielte Charme-Offensiven den Einfluß der Damen-Koterie aus der nächsten Umgebung des Regierungschefs. Sagte Y, als seine Berufung gesichert war: ,Der Alte kann ohne mich nicht mehr schwimmen noch waten.''"
Die erste dieser beiden Geschichten stand in der Nummer 51/1956 des SPIEGEL. Die Chiffre X steht hier für den Namen des größten englischen Dichters seit Eliot und Pound, des Walisers Dylan Thomas. Die zweite Geschichte handelt von Johann Wolfgang Goethe. Sie stand nie im SPIEGEL; einzig und allein deshalb nicht, weil es den SPIEGEL im Jahre 1776 noch nicht gab.
Das Experiment erweist, daß die Sprache der Zeitung unkenntlich macht, was sie erfaßt. Unter der Drapierung durch ihren Jargon sind weder die Züge Goethes noch die von Dylan Thomas wiederzuerkennen. Es wäre falsch, von einem SPIEGEL-Stil zu sprechen. Stil ist immer selektiv; er ist nicht anwendbar auf beliebig Verschiedenes. Er ist an den gebunden, der ihn schreibt. Hingegen ist die SPIEGEL-Sprache anonym, das Produkt eines Kollektivs. Sie maskiert den, der sie schreibt, ebenso wie das, was beschrieben wird.
Es handelt sich um eine Sprache von schlechter Universalität: Sie hält sich für kompetent in jedem Falle. Vom Urchristentum bis zum Rock and Roll, von der Poesie bis zum Kartellgesetz, vom Rauschgiftkrawall bis zur minoischen Kunst wird alles über einen Leisten geschlagen. Der allgegenwärtige Jargon überzieht alles und jedes mit seinem groben Netz: Die Welt wird zum Häftling der Masche.
Mit der kurrenten Schriftsprache wird kurzer Prozeß gemacht, und zwar angeblich aus Rücksicht auf den Leser, dem sie schlechterdings nicht zuzumuten sei, da sie über seinen Horizont gehe. Dieser Leser ist eine mythologische Figur, die in allen Sparten der Kulturindustrie anzutreffen ist; er erinnert an die Anima-Figur des deutschen Films, die den Namen Lieschen Müller trägt. "Die SPIEGEL-Redakteure betrachten sich", mit den Worten ihres Herausgebers, "selbst als Durchschnittsleser ... Das bedeutet, daß SPIEGEL-Redakteure nicht allzu klug sein dürfen." Selbstverständlich gibt es "den" SPIEGEL-Leser erst, seit es den SPIEGEL gibt: Die Zeitschrift produziert ihn als ihre eigene Existenzgrundlage. Nicht nur macht sie ihre Gegenstände diesem Leser kommensurabel, sondern auch den Leser dem Magazin. Sie zieht ihn auf ihre Ebene, sie bildet ihn aus. Das ist kein einfacher Vorgang, sondern ein komplizierter Prozeß der Domestizierung, der sich an den Leserbriefen im Detail studieren läßt, die das Magazin jede Woche auf vielen Spalten abdruckt. Sie beweisen, daß der Dressurakt, jedenfalls bei einem Teil der Leserschaft, durchaus gelungen ist. Viele Briefschreiber haben die Sprache des SPIEGEL regelrecht erlernt; manche versuchen sogar, sie zu überbieten. Es liegt in der Natur der "Masche", daß sie leicht aufzunehmen ist; sie bietet sich dazu an. Denn obgleich sie keineswegs simpel, sondern ganz artifiziell ist, so kann doch jeder über sie verfügen, weil sie weder mit der Person dessen, der sie gebraucht, noch mit der Sache, über die sie spricht, irgend etwas zu tun hat. Was an ihrer Struktur komplex scheint, ist gerade das Trickhafte, das Taschenspielerische: also das Erlernbare schlechthin. Die Koketterie mit der eigenen Gewitztheit, die rasch applizierte Terminologie, die eingestreuten Modewörter, der Slang der Saison, die hurtige Appretur aus rhetorischen Beifügungen, dazu eine kleine Zahl syntaktischer Gags, die sich meist von angelsächsischen Mustern herschreiben: das sind einige der auffälligsten Spezialitäten der SPIEGEL-Sprache.
Was derart den Leser des "deutschen Nachrichten-Magazins" unterhalten soll, straft diesen Untertitel Lügen. In der Tat ist der SPIEGEL keineswegs ein Nachrichtenblatt. Der redaktionelle Inhalt besteht vielmehr aus einer Sammlung von "Storys", von Anekdoten, Briefen, Vermutungen, Interviews, Spekulationen, Klatschgeschichten und Bildern. Gelegentlich stößt der Leser auf einen Leitartikel, eine Landkarte, eine statistische Tabelle. Unter allen Mitteilungsformen kommt diejenige am seltensten vor, nach der das Magazin benannt ist: die schlichte Nachricht. "Die Form, in der der SPIEGEL seinen Nachrichtengehalt an den Leser heranträgt", so heißt es im SPIEGEL-Statut, "ist die Story."
Diese typische Darbietungsform bedarf einer genaueren Erörterung. Auf den ersten Blick scheint sie dem flüchtigen Leser Vorteile zu bieten: Sie nimmt ihm die synthetische Arbeit ab, indem sie den Stoff für ihn zerkleinert und die einzelnen Informationen zu einem eingängigen Ganzen ordnet. Dem Verfahren liegt eine atomistische Vorstellung von der Natur der Information zugrunde, der zufolge sich jede Nachricht in eine homogene Menge von Partikeln auflösen läßt. Wie aber wird die derart aufbereitete und homogenisierte Masse zur Story synthetisiert?
Die Übersetzung in die SPIEGEL-Sprache genügt dazu nicht. Entfernt der Auflösungsprozeß die Nachricht aus dem Kontext der Situation, aus der sie entsteht, so verwandelt die Synthese zur Story sie in ein pseudo-ästhetisches Gebilde, dessen Struktur nicht mehr von der Sache, sondern von einem sachfremden Gesetz diktiert ist. Jede Nachricht hat eine Quelle, die sich angeben läßt; Zeit, Ort und Urheber sind von ihr nicht ablösbar. Diese Angaben gehören deshalb zum unentbehrlichen Minimum jeder, auch der kleinsten Zeitungsmeldung. Im SPIEGEL fehlen sie, weil sie mit dem Prinzip der Story nicht vereinbar sind: Story und Nachricht schließen einander aus. Während die Nachricht im allgemeinen für Unterhaltungszwecke ungeeignet und kein Genuß-, sondern ein Orientierungsmittel ist, stellt die Story ganz andere Bedingungen: Sie muß Anfang und Ende haben, sie bedarf einer Handlung und vor allem eines Helden. Echte Nachrichten ermangeln häufig dieser Eigenschaften: um so schlimmer für die Nachrichten!
Das SPIEGEL-Statut stellt die Unentbehrlichkeit des Helden ausdrücklich fest: "Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Deshalb sollten alle SPIEGEL-Geschichten einen hohen menschlichen Bezug haben." Was unter einem "hohen menschlichen Bezug" zu verstehen ist, bleibt dabei offen; die hinkende Formulierung läßt nichts Gutes ahnen. Auf den ideologischen Hintergrund des Story-Helden kommt das SPIEGEL-Statut nicht zu sprechen. Time drückt sich in dieser Hinsicht deutlicher aus: "Nachrichten", so heißt es dort, "entstehen nicht durch ''geschichtliche Kräfte'' oder Regierungen oder Klassen, sondern durch Individuen." Damit ist der Held gerechtfertigt. Human interest, Storys aus Fleisch und Blut: Solche Parolen gründen auf der Scheinwahrheit, daß Geschichte vom einzelnen gemacht werde. Der primär gesellschaftliche Charakter historischer Erscheinungen wird mit einem Seitenhieb auf den marxistischen Klassenbegriff geleugnet. Die Anekdote bestimmt die Struktur einer solchen Berichterstattung; die Historie wird zum Histörchen.
So offensichtlich die Mängel der Story für die Zwecke der Berichterstattung sind, sosehr der Informationscharakter des Magazins unter dem Zwang seines Jargons leidet, sein Ruf als der eines wohlunterrichteten Blattes hat darunter nicht gelitten. Das mag zunächst daran liegen, daß sich der SPIEGEL die Informationen, die er verarbeitet, allerhand kosten läßt. Im Gegensatz zu einem großen Teil der Tagespresse hat er sich nie mit dem Material begnügt, welches die Nachrichtenagenturen liefern. Er hat von Anfang an und mit großer Konsequenz ein eigenes, sehr umfangreiches und gut funktionierendes Netz von Korrespondenten im In- und Ausland aufgebaut. Diese Mitarbeiter haben sich ihrerseits nicht mit offiziellen und offiziösen Informationen zufriedengegeben; sie haben es verstanden, sich Zugang zu vertraulichen Nachrichtenquellen zu verschaffen. Ferner verfügt das Magazin über ein einzigartiges Archiv.
Jedes Manuskript wird, ehe es zum Satz geht, im Archiv der Zeitschrift einer Kontrolle unterworfen. Die Verifikation geschieht punktuell: Jede einzelne Sachbehauptung wird auf ihre Richtigkeit hin geprüft.
In den Spalten der Zeitschrift selber tritt der Unterschied zutage, der hier zu machen ist. Die Leitartikel von Jens Daniel gehören zu den besten Leistungen der deutschen Publizistik dieser Jahre. Das Verfahren ihres Verfassers ist unangreifbar, mag er nun mit seinen Schlußfolgerungen recht haben oder nicht. Sein Fall ist vollkommen klar: Er steht mit seinem Namen ein für das, was er sagt, und, was noch wichtiger ist, er nimmt für seine Äußerungen keinerlei objektive Gültigkeit in Anspruch. Im Gegenteil: Er wirkt gerade durch die entschiedene Subjektivität seiner Artikel, durch seine Überzeugung, durch sein Engagement. Niemals versucht er, seine Deutung der Nachrichten als diese selbst auszugeben.
Genau das aber tut der Story-Schreiber. Er bleibt grundsätzlich anonym, er legt die Karten nicht auf den Tisch, er arbeitet aus dem Unsichtbaren. Das rührt nicht von seiner persönlichen Bosheit, sondern von den Gesetzen seiner Form her, die eine ästhetische Form ist. Die Story ist eine degenerierte epische Form; sie fingiert Handlung, Zusammenhang, ästhetische Kontinuität. Dementsprechend muß sich ihr Verfasser als Erzähler aufführen, als allgegenwärtiger Dämon, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit, wie nur je ein Cervantes ins Herz des Don Quijote, ins Herz seiner Helden blicken kann. Während aber Don Quijote von Cervantes abhängt, ist der Journalist der Wirklichkeit ausgeliefert. Deshalb ist sein Verfahren im Grunde unredlich, seine Omnipräsenz angemaßt. Zwischen der simplen Richtigkeit der Nachricht, die er verschmäht, und der höheren Wahrheit der echten Erzählung, die ihm verschlossen bleibt, muß er sich durchmogeln. Er muß die Fakten interpretieren, anordnen, modeln, arrangieren: Aber eben dies darf er nicht zugeben. Er darf seine epische Farbe nicht bekennen. Das ist eine verzweifelte Position. Um sie zu halten, sieht sich der Story-Schreiber gezwungen zu retuschieren, zwischen den Zeilen zu schreiben. Keine Publikation hat es in der Technik der Suggestion, des Durchblicken-Lassens, des Innuendo weiter gebracht als der SPIEGEL.
Gerade seine kritische Haltung, oder was dafür gehalten wird, hat (neben seinen sprachlichen Eigentümlichkeiten und der Erfindung der Story) dem SPIEGEL seinen Ruf, seinen Erfolg und seine Macht eingetragen. Was davon zu halten ist, lehrt eine einfache Überlegung. Alle bisherigen Versuche, dem SPIEGEL irgendwelche Überzeugungen zuzuschreiben, sind gescheitert. Das Blatt hat keine Position. Die Stellung, die es von Fall zu Fall zu beziehen scheint, richtet sich eher nach den Erfordernissen der Story, aus der sie zu erraten ist: als deren Pointe. Sie wird oft wenige Wochen später durch eine andere Geschichte dementiert, weil diese einen anderen "Aufhänger" verlangt. Wer dem Blatt also eine Basis von Überzeugungen zubilligen möchte, sieht sich fortwährend düpiert. Er wird nur triumphierende Hinweise auf die "Objektivität" und Unabhängigkeit des Magazins ernten, wenn er dessen Pointen mit einer Richtung verwechseln sollte. Die Ideologie des SPIEGEL ist nichts weiter als eine skeptische Allwissenheit, die an allem zweifelt außer an sich selbst. Damit ist bereits gesagt, daß der SPIEGEL Kritik nicht zu leisten vermag, sondern nur deren Surrogat. Eine Kritik, die keinen anderen Ansatz hat als den imaginären Hebelpunkt einer Skepsis, die vor sich selber haltmacht, wird sich stets zur Magd der Ereignisse machen. Wer nicht bereit ist, Stellung zu beziehen (eben dies ist dem SPIEGEL-Schreiber verwehrt), der schränkt seine Kritik auf bloße Taktik ein und gesteht, noch ehe er sie übt, daß sie nichts aus den Angeln heben soll. Zwar gibt er vor, die Welt verändern zu wollen, doch weiß er nicht, zu welchem Ende. Sein Ziel ändert sich mit den taktischen Erfordernissen des Tages, die sich ihrerseits ändern, noch während die Story in den Satz geht: Seine Kritik ist ohne Perspektive, sie ist blind.
Was dem SPIEGEL an kritischer Potenz fehlt, versucht er durch inquisitorische Gestik zu ersetzen. Mit Hilfe seines Netzes von Informanten und seines großen Archivs hat das Magazin die Technik des Dossiers bis zur Perfektion ausgebildet. Seine Titelgeschichten muten zuweilen an, als läge es in ihrer Absicht (und in ihrer Kompetenz), ein Verfahren gegen den Helden, dem sie gelten, einzuleiten.
Sein Einverständnis mit dem Bild, das die Zeitschrift sich von ihm macht, erklärt ihr Leser, indem er, obwohl total unwissend, den Anspruch erhebt, alles verstehen und aburteilen zu können. In dem Glauben, niemand könne ihm etwas vormachen, wird er dadurch bestärkt, daß ihm fortwährend etwas vorgemacht wird. Es wird ihm eine Überlegenheit suggeriert, die er in Wirklichkeit nicht besitzt. Nicht die Rolle eines Handelnden, sondern die eines Zuschauers wird ihm dabei zugespielt. Die Einblicke und Enthüllungen, die ihm das Magazin verschafft, machen ihn zum Voyeur: Er darf, ohne daß er für irgend etwas verantwortlich wäre, "hinter die Kulissen" sehen. Was dem Leser derart angeboten wird, ist die Position am Schlüsselloch. Die Entscheidung nimmt ihm das Magazin ab: Sie wird in der Story präfabriziert. Während die Nachricht als zuverlässiges Mittel zur Orientierung eigenen Verhaltens dient und insofern ein Produktionsmittel ist, bleibt die Story reines Konsumgut. Sie wird verzehrt und hinterläßt nur emotionale Rückstände, die als Ressentiment wirksam werden: zum Beispiel Neid oder Schadenfreude. Zwar enthalten viele Storys versteckte Aufforderungen zum Handeln, aber diese Aufforderungen ergehen nie an den Leser, sondern an den jeweils anderen, der angegriffen, "enthüllt" wird.
Moralisch entlastet das Verfahren den Konsumenten, indem es ihm jegliche Verantwortung abnimmt und ihm die Schlechtigkeit der Welt, will sagen: der anderen, mit denen er nichts zu tun hat, für die er nicht einzustehen braucht, wöchentlich einmal vor Augen führt. Intellektuell klärt es ihn über seinen faktischen Zustand, den der Ignoranz, keineswegs auf, sondern verschleiert ihn. Nicht Orientierung, sondern ihr Verlust ist die Folge.
Die Thesen lassen sich zusammenfassen: 1. Die Sprache des SPIEGEL verdunkelt, wovon sie spricht. 2. "Das deutsche Nachrichten-Magazin" ist kein Nachrichten-Magazin. 3. Der SPIEGEL übt nicht Kritik, sondern deren Surrogat. 4. Der Leser des SPIEGEL wird nicht orientiert, sondern desorientiert.
Diesen vier Thesen läßt sich eine fünfte an die Seite stellen: Der SPIEGEL ist unentbehrlich, solange es kein kritisches Organ gibt, das ihn ersetzen kann. Er ist das einzige Blatt, das auf Verbände, Bürokratien und Funktionäre keinerlei Rücksicht nimmt; das einzige, das zu keiner Form jener freiwilligen Selbstzensur bereit ist, die in der westdeutschen Publizistik gang und gäbe ist; das einzige, das den Mächten nicht deshalb schon seine Reverenz erweist, weil sie an der Macht sind. Was dem Journalismus wahrhaft demokratischer Länder als Selbstverständlichkeit gilt: von den Freiheiten, die ihm verbrieft sind, jeden möglichen Gebrauch zu machen, das ist in Deutschland bis heute ein Ausnahmefall geblieben. Dieser Ausnahmefall ist der SPIEGEL. Das hat ihn zu einer Institution gemacht.
Die These, der SPIEGEL sei unentbehrlich, ist keine Ehrenrettung. Das Magazin hat die Macht, einen korrupten Beamten aus seinem Amt zu entfernen, einen Minister öffentlich anzugreifen, offizielle Zwecklügen dem allgemeinen Gelächter preiszugeben; es hat aber auch die Macht, die Meinungen von Millionen zu korrumpieren. Solange es von dieser Möglichkeit Gebrauch macht, stellt es damit seine Legitimation, jene zu ergreifen, selbst in Frage. Die Feststellung, es sei unentbehrlich, kommt einer Bankrott-Erklärung nahe; sie ist von größerer Tragweite als alles, was sich über eine Wochenzeitung sagen läßt: Denn sie bezieht sich nicht eigentlich mehr auf den SPIEGEL, sondern auf die inneren Verhältnisse unseres Landes insgesamt. Jedes Volk hat die Presse, die es verdient. Jedes Volk, so ließe sich dem hinzufügen, verdient die Presse, die es nötig hat. Daß wir ein Magazin vom Schlage des SPIEGEL nötig haben, spricht nicht für das Blatt, das die Masche zu seiner Moral gemacht hat; es spricht gegen unsere Presse im ganzen, gegen den Zustand unserer Gesellschaft überhaupt: mit einem Wort, gegen uns.
Auszug aus: Hans Magnus Enzensberger: "Einzelheiten I. Bewußtseins-Industrie". Suhrkamp Verlag, Frankfurt.
Auszug aus: Hans Magnus Enzensberger: "Einzelheiten I. Bewußtseins-Industrie". Suhrkamp Verlag, Frankfurt.

DER SPIEGEL 0/1997
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