15.01.1997

AIDSDie Vorhallen des Todes

Anfang der achtziger Jahre, als alle großen Seuchen besiegt schienen, kam Aids über die Menschheit. Die Virus-Epidemie ist noch immer außer Kontrolle: Weltweit sind mindestens 30 Millionen Menschen infiziert, es gibt keine Schutzimpfung und keine heilende Arznei. Macht die Medizin irgend etwas falsch?
Der große Feind des Menschen ist winzig klein: Das Aidsvirus HIV mißt rund 100 Nanometer, das hört sich ganz ordentlich an. Aber es ist nur der zehntausendste Teil eines Millimeters - HIV verhält sich zum Menschen wie dieser zur Erdkugel. Im Schattenreich der Viren und Mikroben herrschen Proportionen, die jede Phantasie überfordern.
Kraftvoller Imagination bedarf es, sich ein Aidsvirus in Aktion vorzustellen. Bisher hat kein einziger Mensch den Erreger lebend zu sehen bekommen, obwohl doch in jedem Aidspatienten täglich zwei Milliarden davon neu entstehen. Selbst die tüchtigsten Experten kennen das "human immunodeficiency virus" (HIV) nur als Präparat, eingebettet in Kunstharz, ultradünn geschnitten, mit magnetischen und elektrostatischen Linsen im Hochvakuum des Elektronenmikroskops sichtbar gemacht als graue, stachlige Kugel.
Dieses Virus, angesiedelt auf der schmalen Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur, vermag schrecklich viel: Von den vier Vorhallen des Todes, atria mortes, zu denen die Alten Herz, Hirn, Lunge und Blut zählten, hat HIV sich das Blut erwählt - so steht ihm der menschliche Organismus in all seinen Verästelungen offen. Blut trägt das Virus zu allen Organen, bietet ihm Lebensraum, Schutz und Mobilität. Jahrelang, vielleicht sogar Jahrzehnte, kann HIV sich in menschlichen Zellkernen verstecken, eingemeindet, nicht zu erkennen, Fleisch vom Fleische.
Das Aidsvirus gehört zu der besonders heimtückischen Familie der Retroviren, unvergleichbar den viralen Erregern von Schnupfen, Grippe oder Ziegenpeter. Selbst die Pocken, inzwischen ausgerottet, waren dagegen eine ziemlich harmlose Virenplage des Zellklumpens Mensch. HIV ist anders - ungleich bösartiger: Im Durchschnitt vergehen zwischen Ansteckung und Tod an Aids zehn Jahre. Hoffnung gibt es nicht. Nur der Tod heilt Aids. Erst stirbt der Mensch, dann sterben auch die Viren in ihm.
Es sind diese naturwissenschaftlich gesicherten Wahrheiten, welche die neue Krankheit zu einem Sprengsatz des Lebens machen: Wer kann ertragen, daß es für Aidspatienten keine Hoffnung auf Heilung gibt? Welche Konsequenzen soll man daraus ziehen? Ist Verhinderung jeder neuen Ansteckung das A und O der Heilkunst? Oder Fürsorge? Wie könnte man beides kombinieren?
Aber da sind noch mehr Stolpersteine: Aids ist eine Geschlechtskrankheit, gewöhnlich wird sie durch den Koitus weitergegeben, mithin: durch Liebe. Außer Sperma ist Blut ihr Vehikel - als Blutspende bei einer lebensrettenden Transfusion, als Blutrest in der gemeinsam benutzten Nadel der Drogensüchtigen, die diese Nadel meist nur deshalb nicht wechseln, weil sie liebevolle Gemeinsamkeit im Rausch symbolisiert.
Soviel zum Status quo. Doch so, wie es ist, bleibt es nicht. Es ändern sich Ausprägung der Krankheit, die Zahlen der Patienten, die Anstrengungen und Erkenntnisse der Wissenschaftler. Wer sagt denn, daß Aids unbesiegbar ist? Bewegt sich nicht auch die Medizin von den großen zu den kleineren Irrtümern? Sind nicht in den letzten 100 Jahren die großen Seuchen niedergerungen oder wenigstens zurückgedrängt worden?
Deshalb gilt es, Prognosen zu wagen - auf den Verlauf der Seuche Aids und die Zahl ihrer Opfer, den möglichen Zeitpunkt wirkungsvoller Intervention gegen HIV, die Änderungen im Sexualverhalten. Eine zutreffende Prophezeiung - etwa: "In fünf Jahren gibt es eine wirksame Schutzimpfung gegen die Ansteckung mit HIV" oder: "Spätestens 1999 wird für Aidskranke ein Heilmittel zur Verfügung stehen" - würde jedwede Anti-Aids-Strategie auf ein festes Fundament stellen. Doch verläßliche Vorhersagen gibt es nicht. Alles ist möglich: eine überraschende Wendung zum Guten - oder der "worst case", das Kalkül mit dem schlimmstmöglichen Fall. Im Fall Aids haben sich Fachleute, Gesundheitspolitiker und Betroffene folgenschwer geirrt.
Aids wurde unterschätzt, bagatellisiert, geleugnet. Die Geschichte dieser Krankheit ist die Geschichte ihrer - erfolglosen - Gesundbeterei.
Am 31. Mai 1982 erschien die allererste Veröffentlichung in deutscher Sprache über die neue "geheimnisvolle, nicht selten tödliche Krankheit" - im SPIEGEL 22/1982. Die Geschichte trug den - im nachhinein hellsichtigen - Titel "Schreck von drüben" und berichtete von einer "Seuche", die vor allem amerikanische Homosexuelle heimsuche; es handele sich um ein "äußerst wichtiges gesundheitspolitisches und medizinisches Problem". Mit Erkrankungsfällen auch in Deutschland sei zu rechnen, zuerst in Berlin. So kam es.
Diese Prognose verdankte der SPIEGEL den Schwulen in der "Knolle", Berlin-Wilmersdorf, Bundesallee 48. Die unterhielten enge Connections nach New York und San Francisco und wußten gut Bescheid. Aids, damals noch ohne diesen Namen, breitete seine dunklen Flügel aus. Die im Schatten befiel eine schlimme Ahnung. Die "Knolle" gibt es nicht mehr, der legendäre "Darkroom", liebevoll "Fickkeller" genannt, ist Geschichte. Die fröhlich swingenden Lederschwulen, gut hundert Mann, sind bis auf drei oder vier alle tot, gestorben an Aids. War das vorauszusehen?
Mitte 1982 publizierte das Bundesgesundheitsblatt den ersten Fachartikel über die "ungewöhnliche Häufung von malignen Erkrankungen und erworbenen Immundefekten bei männlichen Homosexuellen in den USA". "Patient Zero", Patient Null, so nannten die Epidemiologen rückblickend den kanadischen Flugbegleiter Gaetan Dugas. Der Reisende in Sachen Aids hat nachweislich gut 100 Männer in aller Welt infiziert. Er starb, 31 Jahre alt, Mitte der achtziger Jahre.
Anfang Juni 1983 erschien der SPIEGEL mit seiner ersten Titelgeschichte über die "Tödliche Seuche Aids". Das war, ungewollt, der Startschuß zur großen Aidsdebatte, die jahrelang anhielt, immer neue Aspekte gebar, Parlamente, Kirchen und Betroffene beschäftigte. Betroffen fühlte sich jeder.
Wenn der Geschlechtsverkehr das Vehikel der Seuche ist, kann nur der Keusche sich ungefährdet fühlen. Doch droht nicht auch den Keuschen und den treuen Monogamen im Notfall eine Bluttransfusion? Wie steht es mit dem Begrüßungskuß, dem Händedruck, dem Schluck aus der gleichen Flasche?
HIV trägt nicht die Trompete vor sich her. Dem Infizierten ist die Krankheit lange Jahre nicht anzusehen, oft weiß er selbst nichts davon. Kann man sich also beim Zahnarzt den Tod holen? Und der Doktor bei seinem Patienten? Wie steht es mit den Kindern aidskranker Mütter?
Der Schock über die tödliche Seuche saß tief, und er hielt lange an. Es half wenig, daß Luc Montagnier vom Pariser Pasteur-Institut 1983 den Erreger fand und daß schon 1984 ein Aidstest entwickelt worden war. Die wichtigste Frage hieß: Was tun? Sie fand viele Antworten. Die meisten waren falsch.
Über alle Aspekte hat der SPIEGEL berichtet, in 18 Titelgeschichten und Hunderten redaktioneller Beiträge. Zu Wort kamen die Betroffenen aus den drei Hochrisikogruppen der Seuche - promiske Homosexuelle, Fixer und Bluterkranke -, die Bonner Gesundheitspolitiker, die Retrovirologen, eigentlich jeder, der etwas zu sagen hatte. Einig waren sich die Wortführer nie.
Am wenigsten Beifall fand die wissenschaftliche Seuchenlehre. Sie hat sich seit mehr als hundert Jahren im Kampf gegen Tuberkulose und Syphilis, gegen Pocken, Pest und Cholera, gegen tödliche und gegen harmlose Epidemien bewährt. Ihre drei wichtigsten Gebote werden angehenden Ärzten immer wieder eingehämmert. Wie sie lauten, lehrt der Essener Internist Professor Klaus Dietrich Bock: "Die Bekämpfung einer Epidemie ist, erstens, um so wirksamer, je früher sie erfolgt. Die Infektionsquellen müssen, zweitens, möglichst lückenlos ermittelt werden, damit, drittens, die Infektionsketten durch geeignete Maßnahmen unterbrochen werden können."
Die Seuchenbekämpfung wird durch das "Bundesseuchengesetz" geregelt, ein Opus preußischer Perfektion, unter Kanzler Schmidt 1981 nochmals aufpoliert und hinsichtlich der "seuchenpolizeilichen Instrumente" präzisiert. Dazu zählen Untersuchungszwang, Meldepflicht und, als Ultima ratio, Quarantäne. Das Regelwerk wird, einst und jetzt, ohne Protest bei vielen banalen Infektionen angewendet, so bei Grippe, Rotz und Papageienkrankheit. Bei Aids, der schlimmsten Epidemie im Lande, hat kein Amtsarzt gewagt, auch nur ein einziges der Instrumente hervorzuholen, um etwa einen infektionsfördernden Darkroom zu schließen.
Der Staat könnte, wenn er wollte, die Prostitution überwachen und aidskranke "Beschaffungsprostituierte" durch Sozialprogramme samt Methadonsubstitution aus dem Verkehr ziehen. Er könnte, wenn er wollte, nachgehende Untersuchungen für die Partner von Infizierten organisieren, um diese rechtzeitig zu warnen. Nichts davon ist geschehen - außer in der DDR, bis zum Sommer 1990.
Als Ost- und Westdeutschland sich vereinigten, brachte die arme Ost-Republik 88 Aidsinfizierte in die Ehe mit und die Erinnerung an 7 Tote. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Westdeutschland mindestens 4306 Aidskranke und offiziell schon 1822 Tote. Nur auf dem Feld der Aidsbekämpfung hat der implodierte Staat Weltspitze erreicht.
Dirigiert von dem Charité-Professor Niels Sönnichsen, waren in Ostdeutschland die herkömmlichen ärztlichen Instrumente - Reihenuntersuchungen aller Gefährdeten (auch der Afrika-Kuriere der Stasi), Meldepflicht, nachgehende Fürsorge - eingesetzt worden, und zwar sanft, konsequent und erfolgreich.
Davon profitiert das Beitrittsgebiet noch heute: In ganz Thüringen wurden in den letzten zwei Jahren 11 Aidskranke registriert, in Sachsen-Anhalt 13, in Mecklenburg-Vorpommern 15 - in Baden- Württemberg während des gleichen Zeitraums aber 1140 und in West-Berlin 2896. Frühe Fehler haben bei Epidemien eben immer späte Folgen - sind aber, wie die Aidsdebatte zeigt, gewöhnlich Vollwaisen. Keiner will's gewesen sein.
Und wer war es wirklich? Ist Rita Süssmuth, Bonner Gesundheitsministerin von 1985 bis 1988, die Mutter des Mißerfolges? Oder ihr Vorgänger Heiner Geißler? Beide hatten keine Ahnung von den ansteckenden Krankheiten. Geißler interessierte sich für seinen Job als CDU-Generalsekretär und die von ihm gesichtete "Neue Armut". Die katholische SoftEmanze Süssmuth mißverstand Aids als psychosoziales Problem. So kam die Seuche in Zeitlupe über die Deutschen, ungehindert. Für Bluterkranke, deren Medikamente aus gepanschten US-Blutspenden destilliert wurden, gab es während Geißlers und Süssmuths Amtszeit die tödliche Krankheit auf Rezept, fünf Jahre lang.
Das machte rund 2000 junge Männer zu HIV-Infizierten, die Hälfte ist schon gestorben, am Aidstod aus der Spritze des Arztes. Mindestens 1200 Menschen hätten gerettet werden können, hat der Aids-Untersuchungsausschuß des Deutschen Bundestages 1994 konstatiert, und zwar auch "nach dem damaligen Erkenntnisstand".
Die beiden Gesundheitsminister fühlen sich jedoch frei von Schuld, auch im moralischen Sinn. Sie waren ja auch nicht allein. Mit von der Partie waren die profitgierigen Blutpanscher, die uneinsichtigen ärztlichen Experten, die entscheidungsschwachen Medikamentenwächter des später aufgelösten Bundesgesundheitsamtes - und die Bluter: Die Patienten wollten partout weiter "hoch dosiert" werden, nur so lassen sich die beliebten Rambo-Sportarten praktizieren. Wer wirft da den ersten Stein?
Über Aids gibt es viele Wahrheiten. In jedem Kopf spiegelt sich die Krankheit auf andere Art. Verständlicherweise wollten die deutschen Homosexuellen ihren freizügig-promisken Lebensstil, den sie in den siebziger Jahren aus den USA importiert hatten, nicht aufgeben. Deshalb forderten die vereinigten "Hamburger Schwulengruppen", darunter die "Rosa Biber", die "Schwusos" und die "Schwusel": "Aids darf nicht zur Seuche erklärt werden!" - bei Gefahr eines "Sexverbots".
Die "Deutsche Aids-Hilfe" hat diese Positionen seit ihrer Gründung 1983 mit vielen Steuergeldern und großem Erfolg verteidigt. Jahrelang sprach die "Lobby der Homosexuellen" (FAZ) von HIV nur als dem "sogenannten Virus", agitierte gegen den Aidstest und die Meldepflicht. Daß die Promiskuität der "Motor der Seuche" ist, wie das Bundesgesundheitsamt tapfer bekannt hatte, wurde konsequent negiert. In den großen deutschen Städten sind die Darkrooms, Orte des anonymen Sex und der Infektion, immer noch in Betrieb.
Die deutschen Sexualforscher, sonst auch ungebeten mit einem Rat zur Stelle, haben Aids jahrelang schweigend hingenommen. Von Promiskuität und riskanten Sexualpraktiken wurde nicht abgeraten. 1989 faßte Volkmar Sigusch, Professor für Sexualwissenschaften, Mut: "Der Analverkehr bleibt, so riskant er auch physisch sei, eine der köstlichsten Vereinigungen."
Nur der Filmemacher Rosa von Praunheim, in den siebziger Jahren Anführer der emanzipatorischen Schwulenbefreiung, war von Anfang an ein öffentlicher Warner vor den Gefahren der Seuche Aids. "Gibt es Sex nach dem Tode?" fragte er sich und "seine schwulen Brüder" im SPIEGEL (48/1984). Richtige Antwort: Nein. Dafür hat Praunheim viel Prügel bezogen.
Aufklärung und Kondome sollten die zunehmend beunruhigten Heterosexuellen mit der amtlichen Aidspolitik versöhnen. 1985 bekam jeder Haushalt von der Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth eine Aufklärungsschrift übersandt, in der es von Fehlern nur so wimmelte. Wohlbemerkt: von Fehlern, die seinerzeit (und nicht etwa im nachhinein) von Virologen öffentlich benannt wurden. Das Erkrankungsrisiko nach einer HIV-Ansteckung bezifferte Pädagogin Süssmuth auf "5 bis 15 Prozent, höchstens 20 Prozent". Vom Sterben war gar nicht erst die Rede. Diese Prognose war frei erfunden.
Solche Art "Aufklärung" hatte eine Verhaltensänderung zum Ziel, jedenfalls eine moderate. Das ist nicht gelungen. Alle, die jetzt an Aids sterben, waren gründlich aufgeklärt, als sie sich ansteckten. Wenn jeder Infizierte in den zehn Jahren, die HIV ihm läßt, nur einen einzigen Sexualpartner ansteckt, bleibt die Seuche auf stabilem Plateau. Sind es aber zwei Partner - zwei in zehn Jahren! - , so verdoppelt sich die Zahl der Kranken in jedem Jahrzehnt. Keinen Partner in zehn Jahren - wie soll das gehen?
Auch die vielgerühmten Kondome haben im Kampf gegen Aids wenig bewirkt. "Kondome sind sicher", hieß das erste Bonner Versprechen. Das ist bestenfalls ein Aberglaube. In den Zeiten vor Aids wäre kein Arzt auf die Idee gekommen, einem Geschlechtskranken zu empfehlen, die Ansteckungsprophylaxe einer 0,04 Millimeter dünnen Gummibarriere anzuvertrauen. Kondome sind nicht sicher, sie sind ein bißchen besser als nichts, vor allem, wenn Profis sie handhaben.
Im Volk haben Kondome sich jedenfalls nicht durchgesetzt, wie die Verkaufsstatistiken beweisen. Im letzten Jahr wurden 180 Millionen abgesetzt, womöglich auch benutzt. Das sind, pro sexualaktivem Mann und Jahr, sechs Stück. Vor Aids waren es, statistisch gesehen, drei.
Bei einer tödlichen Seuche, die alles und jeden tangiert - Liebe und Lust, Geld und Gott, das Ballett und die Feuerwehr, dazu den Tourismus, die Armen in Afrika, den kleinen und den reichen Mann -, hat natürlich jeder das gute Recht mitzureden, auch wenn er nicht weiß, ob es "der Virus" oder "das Virus" heißt.
Über den essentiellen Kern des Unglücks - das Retrovirus HIV - können sich in Deutschland ohnehin nur einige Dutzend Menschen austauschen. Bei allen anderen Aspekten ist jeder und niemand ein Experte. Ist Aids, wie der Kölner Kardinal Joseph Höffner rätselte, eine "Heimsuchung Gottes" oder eine "Strafe" des Allmächtigen? Hat die CIA das Übel in die Welt gesetzt? Oder ist Aids gar nicht wirklich existent, sondern nur ein Vorwand für Schwulenhatz, Sexualrepression und die Ausrottung von Drogenkranken?
Vor allem aber: Soll man Optimist sein oder sicherheitshalber Pessimist? Dem Trieb seinen Lauf lassen oder sich kasteien? Für Zwänge optieren oder für die freie Liebe?
In diesen Fragen hat sich das deutsche Volk entschieden - für Optimismus und die freie Liebe. Die Aidstoten sind ein Preis dafür. Wir akzeptieren die Verkehrstoten als Preis der Mobilität, Leberzirrhose als Tribut an den Rausch und Lungenkrebs als Zoll der Zigaretten.
Selbst die mildesten "seuchenpolizeilichen Instrumente", etwa die Meldepflicht, blieben mit allgemeiner Billigung im Arsenal. So genau wollen weder Bonn noch die Wähler wissen, wie viele Aidsinfizierte es mittlerweile im Lande gibt. Die Regierung schätzt gut 80 000, aber sicher ist, daß nichts sicher ist. Es können deutlich mehr sein, die Dunkelziffer ist ihrem Wesen nach dunkel, vor allem bei Geschlechtskrankheiten.
Fest steht, daß es im Juni 1983, als die Bombe zündete, in ganz Deutschland nur 6 Aidstote gab. Die Aufregung war riesengroß. Jetzt zählt man jeden Tag mindestens 6 Aidstote.
Alle anderen Menschen bleiben ganz gelassen. Das Leben und die Liebe sind eben lebensgefährlich, einerseits. Andererseits: Ein jedes Virus trifft ja nicht.
Hans Halter

DER SPIEGEL 0/1997
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