10.02.1997

AM RANDE

Männer mit Mission

Ein Tag, wie ihn nur Berlin hinkriegt. Grauer Himmel über historischer Brache, in Blickweite der Reichstag, kalte Windböen, Männer in dunklen Wintermänteln, Männer mit einer Mission. Ach so: Die Welt schaut zu, weil sie in Berlin sowieso immer zuschaut.

Kanzler Kohl sticht mit dem Spaten ins lockere Erdreich, um den Baubeginn des neuen Kanzleramtes zu markieren. Damit, sagt er, sei "vor der Welt" das "dumme Krette" erledigt, das Gerede nämlich, daß man eigentlich gar nicht umziehen wolle. Der Berliner Senat setzt das Berliner "Äätsch, wir haben's doch gleich gesagt"-Gesicht auf, und Eberhard Diepgen versucht auszusehen wie ein Regierender Berliner Bürgermeister, auf den die Welt schaut, und vor allem der Kanzler. Während Diepgen also seine Musterknabenphrasen über die deutsche Geschichte über die Brache schickt, schaut der Kanzler auf seine Armbanduhr. Ansonsten sieht er so aus, als würde er gerne auf seine Armbanduhr schauen. Da das nicht immer möglich ist, beispielsweise wenn Diepgen den Mund so voll nimmt mit Phrasen, daß er zu krümeln beginnt ("historische Verantwortung", "Zentrum des Parlamentarismus"), sieht der Kanzler meistens verärgert aus, eben darüber, daß er nicht auf seine Armbanduhr schauen kann, gerade jetzt, wo die Journalisten ganz ungeniert gähnen und auf ihre Armbanduhren schauen dürfen. Dann endlich wird der Bau vorgestellt. Ihm sei es darum gegangen, so führt der Architekt aus, der "Republik den Puls" zu fühlen. Da die Republik in den letzten Jahren meistens in Fuerteventura war, hatte er stellvertretend den Kanzlerpuls genommen. Der Kanzler wiederum ist glücklich über ein Haus, das "gelassenes Selbstbewußtsein" ausstrahlt und "Bescheidenheit mit Würde" verbindet, was schon dem ungeübten Auge spontan aufgeht: Der neue Kanzlerbungalow sieht aus wie zwei Bonner Kanzlerbungalows, aufeinandergestellt. Er bietet also Bescheidenheit und Würde im Doppelpack, zudem demokratisch-verglast, hell und gelassen.

Der Himmel übrigens ist in optimistischem Blau konzipiert, einem strahlenden Fuerteventura-Blau, zumindest auf den Modellfotos. Womit der "eigentliche Souverän", an den der Kanzler in dieser Stunde zu Recht erinnert, das deutsche Volk nämlich, in seinen Wünschen voll berücksichtigt ist. Und Berlin ein weiteres Großprojekt zu stemmen hat.


DER SPIEGEL 7/1997
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