03.02.1997

BRANDSTIFTUNG„Schwerer Schlag fürs Dorf“

Bislang war es nur ein Verdacht, jetzt scheint es bewiesen: Bürger im brandenburgischen Dolgenbrodt bezahlten Rechtsradikale, die das Asylbewerberheim niederbrannten.
Es ist eine ganz gewöhnliche, langatmige Gemeinderatssitzung - genau das Maß an Normalität, das Bürgermeister Karl Pfannenschwarz in dieser verfahrenen Situation demonstrieren will.
Über ein Dutzend Dolgenbrodter Bürger sind zur Fragestunde ins heimelige Gemeindehaus gekommen, beladen mit den ganz normalen Problemen, die Bewohner eines idyllisch am See gelegenen 240-Seelen-Dorfes eben bewegt: Wie wird das mit dem Abwasser geregelt? Schulzens Akazien drohen umzustürzen, wann werden sie endlich abgesägt? Eine große Lärche wächst auf ein benachbartes Grundstück; was, wenn ein Sturm kommt?
Nur beim Tagesordnungspunkt drei ("Verhaftung des Blumenhändlers") bleiben die Bürger stumm, als würde ihr Schweigen die häßliche Sache aus der Welt schaffen. "Das ist alles sehr bedrückend und furchtbar für uns", sagt Pfannenschwarz in die Stille. Und dann, als sei das alles wie eine Heimsuchung über Dolgenbrodt gekommen: "Das ist ein schwerer Schlag für unser Dorf."
Der Dolgenbrodter Blumenhändler Thomas O. im Gefängnis, ebenso der Elektriker Gerd G. Sie sollen bezahlt haben, wofür Silvio J., inzwischen Bauunternehmer, bereits rechtskräftig verurteilt ist: Er hat das örtliche Asylbewerberheim 1992 in Schutt und Asche gelegt. Marko S., der Dorf-Skinhead, hat gestanden, die Brandsätze hergestellt zu haben.
Und während sie schweigend zuhören, wie der Bürgermeister den Sündenkatalog vorträgt, wird draußen im Ort noch einer verhaftet: Hans-Jürgen S., Markos Stiefvater. Er soll den Brennstoff besorgt haben und an der Planung beteiligt gewesen sein.
Wie Ohrfeigen trifft die Verhaftungswelle die Dolgenbrodter, die ihr schlechtes Gewissen längst besiegt geglaubt hatten. "Ein ganzes Dorf wartete auf den Brandanschlag", hatten die Richter, die über Silvio J. urteilten, den Dolgenbrodtern attestiert. Doch damals war es noch nicht mehr als ein ungeheuerlicher Verdacht: Dorfbewohner sollten gemeinschaftlich Rechtsradikale dafür bezahlt haben, das unerwünschte Heim "abzufackeln" - einen Tag vor Ankunft von 86 Afrikanern.
"Niemand war traurig über diese Lösung", hatte die damalige Bürgermeisterin Ute Preißler bekannt. Das kleine nette Dolgenbrodt, nahe Berlin, galt fortan weltweit in den Medien als "ausländerfeindlichstes Dorf Deutschlands".
"Wenn wir ausländerfeindlich wären", antwortete ein Dolgenbrodter, "hätten wir das Heim einen Tag später abgefackelt." Und dann hatten die ehrenwerten Bürger einfach gehofft, ihre Geschichte vom fehlgeleiteten rechtsradikalen Einzeltäter Silvio J. würde auf ewig Bestand haben.
Doch jetzt hat Silvio, seit Oktober letzten Jahres rechtskräftig zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, unter Eid die Wahrheit über Brand, Brandstiftung und Anstiftung ausgesagt - und die Idylle von Dolgenbrodt wird es nie wieder geben.
Im Gemeindehaus schweigen die Bürger immer noch. Bloß keine Fragen, schnell weiter zu drängenderen Problemen. Als ob sich die Hygiene einer Dorfgemeinschaft nur beim Abwasser zeigt.
Da hilft auch nicht, daß der Anwalt Pfannenschwarz, erst 1993 hierhergekommen und mitten in den Schlamassel hinein zum Bürgermeister gewählt, wild entschlossen versucht, den Ruf des Dorfes wiederherzustellen. Ein "Förderverein für kulturelle Dorfgestaltung" veranstaltet Dampferfahrten und Busreisen mit Asylbewerbern, "Verschönerungsverein" nennen das die Dolgenbrodter. Immer wieder stellt sich Pfannenschwarz, der einst den DDR-Innenminister Friedrich Dickel verteidigte und von ihm das Grundstück in Dolgenbrodt kaufte, den Journalisten in den Weg. Keine unbedachte Äußerung von Ortsbewohnern soll die Lage noch verschlimmern.
Doch Silvios Geschichte, die die Frankfurter Staatsanwältin Petra Marx für glaubwürdig hält, obwohl sie den Hang des Brandstifters zur Übertreibung kennt, wird wieder um die Welt gehen.
Die Idee des Abfackelns, berichtet Silvio, sei auf einer Bürgerversammlung geboren worden, die er mit seinem Kumpel Marko S., dessen Freundin und den Eheleuten S. besucht habe. Am Tag darauf habe Markos Vater Hans-Jürgen S. behauptet, er kenne Leute, die für das Abfackeln bezahlen würden. Dann sei Hans-Jürgen S. mit ihm zum Asylbewerberheim gefahren und habe ihm das angrenzende Grundstück des Blumenhändlers Thomas O. gezeigt: O. wolle zahlen.
Wenige Tage vor der Tat, sagt Silvio weiter aus, hätten er und Marko bei einem Besuch mit O. den Preis von 2500 Mark ausgehandelt. Die Übergabe sollte einen Tag nach der Tat erfolgen. Eine Holzbohle, die in einem Gartenverschlag lag, sei als Brücke für die Überwindung des Stacheldrahtzauns ausgesucht worden.
Am 31. Oktober 1992, dem Tag vor dem Brand, will Silvio mit Marko und dessen Vater vier Molotow-Cocktails gebastelt haben. In die grünen Spiritusflaschen füllten sie neben Benzin auch Heizöl, das Hans-Jürgen S. extra aus dem Heizwerk, in dem er arbeitete, mitgebracht haben soll. Sie deponierten die Mollies im Kohleeimer.
Etwa zwei Stunden nach Mitternacht will Silvio mit dem ihm bekannten Rechtsradikalen Renato P. (jetzt in Brandenburg inhaftiert) zum Grundstück des Blumenhändlers gefahren sein und das Auto in der Toreinfahrt abgestellt haben. Über die Bohle hätten sie Werkzeug und Molotow-Cocktails zum Heim geschleppt - dann habe Renato die Brandsätze geworfen.
Am nächsten Morgen konnte Silvio seine Neugierde nicht bändigen. Er ließ sich von einem Freund zur Ruine fahren und beschloß spontan und gegen die Absprache, das Geld sofort beim Blumenhändler abzuholen. O. habe ihm erschrocken einen Umschlag mit 2000 Mark gegeben. Die habe er seinem Kumpel stolz vorgezählt.
Kurz darauf, so behauptet der Brandstifter, habe man bei Marko gehalten und erfahren, daß der Elektriker die fehlenden 500 Mark noch nicht gezahlt habe. Zu Hause habe er seinem Komplizen Renato die Hälfte des Lohns abgegeben.
Die Beteiligten glaubten an das perfekte Verbrechen - bis Silvio am 17. Mai 1993 festgenommen wurde. Schon bald rückte er seinen ehemaligen Auftraggebern auf den Pelz. Nach seiner Haftverschonung zog er zunächst zu Freund Marko. Dort traf er Thomas O. und bedeutete ihm, daß es doch ungerecht sei, wenn nur einer büße.
Der Blumenhändler zahlte ein erstes Mal Schweigegeld. Immer wieder erinnerte ihn Silvio daran, wie schön er doch den Mund halten könne - und immer wieder bekam er Geld, insgesamt 10 000 Mark.
"Als ich merkte, daß der Blumenhändler zahlungsunwillig wurde", sagt Silvio, habe er sich etwas anderes ausgedacht, "etwas mit Gegenleistung". Der Baugehilfe ließ sich Aufträge von O. geben, die legal über die Bücher abgerechnet wurden. Trotz des Protestes von Frau O., die mit der Arbeit unzufrieden war, hielt die Geschäftsverbindung an - so ermöglichte der Anstifter dem Täter die Resozialisierung.
Ende 1995 wagte Silvio J. als Bauunternehmer den Sprung in die Selbständigkeit, "weil ich die Aufträge des Blumenhändlers ja sicher hatte". Mittlerweile hat Silvio drei Angestellte, und sein Betrieb ist der Sparkasse in Königs Wusterhausen einen Kredit über 400 000 Mark wert.
Doch ausgerechnet Silvios gesellschaftlicher Aufstieg bringt seine Auftraggeber nun vor die Richter. Silvios Anwalt Karsten Beckmann machte dem unter Bewährung Stehenden klar, daß eine Falschaussage seine junge Unternehmerkarriere beenden würde. Und weil Thomas O. beim letzten Auftrag ohnehin 14 000 Mark wegen mangelhafter Leistung einbehalten hatte, packte der jetzt so brave Bürger Silvio J. eben vorbehaltlos aus.
Im Gasthof Kober ist nach dem dritten Bier von der angeblich so gedrückten Stimmung, die Pfannenschwarz den Journalisten mit getragener Stimme in die Blöcke diktierte, nichts zu spüren. Die Dolgenbrodter scherzen: "Na, wieviel hast du denn gespendet?" Und die Antwort wird quittiert mit einem glucksenden "Das reicht aber nicht zur Verhaftung". Und dann debattieren sie das sich hartnäckig haltende Gerücht, es sei auch um Grundstücksspekulationen gegangen. "Woher sonst hat der Blumenhändler das Geld?"
Einige sind froh, daß der Anschlag nun aufgeklärt wird, wenngleich mitunter auch aus eher egoistischen Motiven. "Es muß aufhören, daß das ganze Dorf verunglimpft wird", sagt Klaus Walzer, zum Zeitpunkt des Brandes Feuerwehrchef, "die Täter gehören bestraft."
Die meisten aber haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, auch diesmal mangels Beweisen aus der Bredouille zu kommen. "Ich kann nur noch lachen, das ist doch bloß noch komisch", sagt Markos Mutter. Und sie bestreitet, was niemand im Dorf leugnet: daß ihr Sohn ein Rechtsradikaler ist. Nach Markos Verhaftung tönte Hans-Jürgen S.: "Eine Sippenhaft ist das, die Hexenjagd einer ehrgeizigen Staatsanwältin." Seitdem auch ihr Mann in Haft sitzt, sagt Frau S. gar nichts mehr.
* Bei der Gemeinderatssitzung am vergangenen Donnerstag.

DER SPIEGEL 6/1997
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