10.02.1997

VÖLKERKUNDEUngehemmte Angriffslust

Im Paradies herrscht Krieg. Ein steinzeitlicher Hochlandstamm auf Neuguinea läßt der Gewalttätigkeit freien Lauf.
Die Söhne der Eipo lernen früh, was von Männern erwartet wird: Bogenschießen, Deckungssuche, blitzschnelle, kraftvolle Bewegungen, Finten und Strategien, den "guerrillaähnlichen Kampf" in kleinen Gruppen und das Ertragen von Schmerz.
Später dann, erwachsen geworden, greifen sie ihre Feinde am liebsten von hinten an, "weil der Gegner sich sonst wehren könnte", und neigen dazu, "Personen bei der Gartenarbeit zu überfallen". Getötete Krieger werden gelegentlich als "Akt der vollständigen Zerstörung" aufgegessen: rauhe Sitten im Hochland von Neuguinea, aufgezeichnet von dem Humanethologen Wulf Schiefenhövel.
Sieben Jahre lang hat Schiefenhövel, Verhaltensforscher und Arzt am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie im bayerischen Andechs, das Volk der Eipo auf West-Neuguinea erforscht; die Beobachtungen wurden jetzt in einer Studie zusammengefaßt. Das Ergebnis: Die Eipo, Angehörige einer neusteinzeitlichen Kultur in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Tal im Hochland des Archipels, halten nichts von Friedfertigkeit und leben ihre Aggressionen ungehemmt aus.
Ein Viertel der Eipo-Männer und 13 Prozent der Frauen, so die Statistik des Wissenschaftlers, sterben eines gewaltsamen Todes. Im Zeitraum der Untersuchung wurden im Schnitt 3 von 1000 Menschen jährlich von Pfeilen aufgespießt oder in Kampfhandlungen erschlagen, eine Tötungsrate, die rund 20mal höher liegt als in New York, rund 100mal höher als in Hamburg oder München.
Dabei haben die Hochland-Ripper eigentlich keinen Grund zum Nörgeln. Seit 14 000 Jahren besteht ihre Kultur. In rund 1800 Meter Höhe bauen sie, eingeschlossen von hohen Bergen, Süßkartoffeln, Zuckerrohr und Bananen an, haben sich den Hund als Gefährten und das Schwein als Leckerbissen gefügig gemacht.
Die Eipos dichten, tanzen und lieben - doch ihr Umgangston ist rüde und der Feind im Nachbartal allgegenwärtig. "Der Krieg", so auch der Altmeister der Humanethologie, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, "spielt bei den Eipo eine große Rolle und wird im allgemeinen rücksichtslos und ohne Ritterlichkeit geführt" - für die Forscher rarer Anschauungsunterricht auf der Suche nach den Wurzeln der Aggression.
Die Erziehung zum wildentschlossenen Kämpfer beginnt für die Eipo-Männer - die Frauen sind weit weniger aggressiv - bereits in der Spielgruppe. Mit Pfeil und Bogen, laut Schiefenhövel eines der wenigen "regelmäßig gefertigten Spielzeuge", übt sich der Nachwuchs im Streiten. Die Mütter verfolgen das spielerische Kräftemessen mit Wohlwollen, feuern ihre Kinder mitunter an, selbst dann noch, wenn das eine oder andere Auge, von fingerdicken Graspfeilen getroffen, dabei draufgeht.
Später, durch mehrere Initiationsriten in die geheimen Männerbünde eingeführt, rüsten die nur rund 1,50 Meter großen Kämpfer weiter auf. Als "muskulös, körperlich sehr geschickt und bestens trainiert" beschreibt Schiefenhövel die kleinen Krieger. Wenn der "ise mal", der Geisterkrieg, ausbricht, ziehen sie mit äußerster Entschlossenheit gegen den Feind ins Feld. "Man versucht, den Gegner zu überraschen und legt vorzugsweise Hinterhalte", so der Forscher.
Schon kleine Anlässe entfachen Kämpfe von äußerster Härte. Der Streit um einen verschwundenen Hund beispielsweise löste einen Krieg von dreieinhalbmonatiger Dauer aus, in dem drei Menschen, von Pfeilen durchbohrt, zu Tode kamen. Der Hund kehrte nach wenigen Tagen unversehrt zurück.
Vergleichsweise harmlos nahmen sich dagegen Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe aus, von den Eipo "abala" genannt. Meist äußerten sich Zerwürfnisse und Streitigkeiten im Dorf in heftigen Wortgefechten, so Schiefenhövel.
Bisweilen komme es jedoch auch zu Handgreiflichkeiten und bewaffneten Auseinandersetzungen, von denen sich eine direkt neben der Hütte des Forschers zutrug: Einem unverheirateten Mann wurde von hinten ein Pfeil zwölf Zentimeter tief in den Rücken geschossen, weil er angeblich mit der Frau des Schützen eine Affäre hatte. Der Getroffene reagierte mit landesüblicher Zähigkeit: Trotz Lungenverletzung nahm er die Verfolgung des Übeltäters auf.
"Frauen und Schweine sind die äußerlichen Ursachen, die einen Konflikt heraufbeschwören", berichtet Eibl-Eibesfeldt. Den wahren Grund für die Aggressivität des Volkes glaubt der Wissenschaftler allerdings in der Lebenssituation der Steinzeitmenschen ausgemacht zu haben: Eingeschlossen zwischen hohen Bergen, könnten sie nur auf begrenzte Ressourcen zurückgreifen und müßten ständig gegen Überbevölkerung und um die eigene Identität ringen - Steinzeitstreß, der sich in "vergleichsweise ungehemmter" Angriffslust entlade. Diese diene jedoch weniger der Landnahme als der "Dokumentation kriegerischer Präsenz", so Eibl-Eibesfeldt.
"Die Eipo folgen dem uralten Prinzip der Rache", sagt Schiefenhövel; er glaubt, daß die patriarchalische Struktur der Eipo-Gesellschaft und der Wunsch nach Abgrenzung die Steinzeitler so aggressiv macht. "Krieg nach außen ist Kitt nach innen", so der Forscher über ein Verhalten, das Ethologen als Pseudospeziation bezeichnen: Der Krieger errichtet eine künstliche Artgrenze zwischen sich und dem meist propagandistisch zum minderwertigen Menschen erklärten Feind, um dann ohne Skrupel zuschlagen zu können.
Auch die Eipo betreiben ideologische Aufrüstung: Der Feind wird - um die Krieger in längeren Kämpfen bei Pfeil und Bogen zu halten - zum Geisterwesen erklärt, seine Erwähnung mit Tabus belegt.
Parallelen zu solch archaisch anmutendem Verhalten finden die Wissenschaftler auch in westlichen Zivilisationen. "Jedes Tiroler Dorf hat seinen ganz besondern Stolz und grenzt sich gegen die Nachbarn ab", sagt Eibl-Eibesfeldt; er glaubt, daß sich Menschen in Extremsituationen im Prinzip so verhalten wie die Eipo. Die Thesen der Wissenschaftler:
* Aggressives Verteidigen von Nahrung, Land, Sexualpartnern und Nachkommen ist altes stammesgeschichtliches Erbe. Schon Konrad Lorenz sprach von der Aggressivität als Grundausstattung des Lebendigen.
* Krieg, durch Propaganda angeheizt, ist nicht biologisch vorgegeben, sondern kulturell bedingt. Die Entmenschlichung des Gegners ist ein archaisches Instrument des Krieges.
* Ein kulturell überhöhter Geschlechtsunterschied - bei den Eipo sind Männer- und Frauenwelt weitgehend getrennt - begünstigt eine aggressive Kultur.
* Erziehung spielt bei der Entwicklung von Aggression eine herausragende Rolle. Die Eipo-Söhne genießen viel Aufmerksamkeit und übernehmen das kriegerische Treiben von ihren Vätern.
"Olane fatan" - Kampfeshunger - geben die Eipo selbst als Motiv des ewigen Gezankes an. "Im Kampf zu sterben ist gut. Schlecht ist es, wenn man krank im Bett stirbt", antwortete ein 13jähriger Eipo-Junge auf Schiefenhövels Frage, ob er Angst vor dem Tod habe. Daß die Forscher das Tal dennoch lebend verließen, ist auf uralte Regeln und strenge Riten der Eipo zurückzuführen. "Wir hatten Besucherstatus", erklärt Eibl-Eibesfeldt. "Außerdem haben wir nicht versucht, moralisierend einzuwirken oder dominant zu sein."
Den Kampfeshunger müssen die Ethologen auch in westlichen Kulturen nicht lange suchen. Er werde befriedigt, glaubt Eibl-Eibesfeldt, indem Menschen "Probleme attackieren" und sich "in Aufgaben verbeißen". Allein eine "dritte Instanz", in Gestalt des Staates, an den Konflikte delegiert werden könnten, vermeide häufig den Ausbruch von Gewalt.
Ähnliches bahnt sich neuerdings auch in den Bergen Neuguineas an. Die "fundamentalistische Mission", so Eibl-Eibesfeld, habe die "Extremsituation im Bergtal" entschärft: Die Christenmenschen versuchen, dem Volk die westliche Zivilisation und die Lehre von der Feindesliebe beizubringen.
Daß nicht alles, was die Zivilisation bringt, Frieden schafft, konnten die Forscher selbst beobachten: Schiefenhövel berichtet von einer Eipo-Frau, die ihrem Mann im Streit ein Küchenmesser bis zum Heft in den Oberschenkel rammte.
Das Messer war ein Geschenk der Wissenschaftler.
[Grafiktext]
Kartenausriß Neuguinea - Gebiet der Eipo
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Kartenausriß Neuguinea - Gebiet der Eipo
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DER SPIEGEL 7/1997
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