03.02.1997

ECSTASY

Jedes Klingeln bringt Kohle

Von Wensierski, Peter

Sven stieg vom Diskogänger zum marktbeherrschenden Ecstasy-Dealer Berlins auf. Die Nachfrage explodierte von Love-Parade zu Love-Parade. Seine Kunden wurden immer jünger, die Geschäfte immer schwieriger. Als ihn die Zielfahnder im Visier hatten, gab er auf.

Tief im Innern, glaubt Sven*, habe er wohl eine Krämerseele. Anders kann er sich seine ungewöhnliche Karriere nicht erklären. Sven hat zeit seines kurzen Lebens gedealt.

Anfangs, mit 18, verkaufte er Möbel im Berliner Bezirk Neukölln. Da lernte er rechnen und handeln. Später, mit 23, importierte er aus niederländischen Drogenlabors, was in der aufblühenden Techno-Szene gefragt war: Haschisch, Speed, etwas Koks und vor allem Ecstasy. Das hat Sven erst zum Marktführer unter den Ecstasy-Dealern in ganz Berlin gemacht - und ihm dann dreieinhalb Jahre Knast eingebracht.

Üblicherweise liegt die Strafe doppelt so hoch. Doch jetzt, mit 25, hat Sven mit der Polizei gedealt. Er hat sich selbst gestellt und wurde nur milde bestraft.

Sven weiß viel über die Szene und das Gewerbe. Schließlich hat er, ganz Krämerseele mit deutscher Gründlichkeit, über seine Geschäfte penibel Buch geführt. Jeden Tag, sagt er, habe er "ausgerechnet, was ich eingenommen habe, und es dann

* Name von der Redaktion geändert.

auf Zetteln notiert". Zwar wurden diese Originale später "doppelt verbrannt und zermanscht mit Wasser drüber". Vorher aber hatte er die Zahlen kodiert und "so den Überblick über die Wochen- und Monatseinnahmen behalten".

Das war so einfach nicht, denn in nur anderthalb Jahren hatte Sven seine Monatsumsätze auf sechsstellige Summen getrieben, hatte Woche für Woche Tausende von Ecstasy-Pillen auf den Berliner Markt geworfen, die eigens von festangestellten Kurieren aus den illegalen Labors im niederländischen Maastricht in die deutsche Hauptstadt geschafft wurden - ein atemberaubender Aufstieg in der Unterwelt.

Zunächst ist es nur ein kleiner Nebenjob am Wochenende. Direkt nach der Wende, als Diskos und Klubs wie "E-Werk" oder "Tresor" im Osten eine Techno-Szene begründen, zieht es Sven dorthin. Wie die meisten der Besucher stammt auch er aus der Ex-DDR, aus dem Provinznest Nauen. Mit acht Jahren siedelte er mit den Eltern in die Berliner Vorstadt Rudow über.

Seit seinem 17. Geburtstag verkehrt er als Stammgast in den Diskos am Ku''damm oder im "Linientreu" am Zoo. Bald ist er in der Szene bekannt; und weil er durchtrainiert ist und durch seine Jobs bei Wachgesellschaften auch an der Waffe ausgebildet wurde, wird Sven Türsteher, aushilfsweise und am Wochenende.

Doch der Job wird "kontinuierlich gefährlicher". Mal wird ein Kollege "abgestochen, mal einer zusammengeschlagen". Eines Tages kommt einer, dem sie den Zutritt verwehrt hatten, mit einer Handvoll Kumpel wieder. Plötzlich hat der Abgewiesene eine Schrotflinte in der Hand und hält sie Svens Kollegen vors Gesicht: "Dann drückt er ab - aber es macht nur Klick."

Auf jeden Fall ist das der Moment der Kündigung. Sven wird wieder ein ganz gewöhnlicher Szenegänger, sporadisch probiert er mal "eine Nase Koks", mal "mit der Braut etwas Speed".

Im Februar 1994 besorgt ihm ein Bekannter die ersten zwei Ecstasy-Pillen. Sven erlebt den Drogenkonsum als ein Kollektivvergnügen: "Alle hatten gemerkt, daß es geil ist, Drogen gemeinsam in der Disko zu nehmen. Nicht wie zu LSD-Zeiten jeder für sich, irgendwo zu Hause." Schon die zweite Ecstasy-Pille macht den Erstkonsumenten zum Dauer-User:

"Da kam schon richtiges E-Feeling auf, das ging durch den ganzen Körper." Sven verspürt eine merkwürdige Mischung aus geistiger Entspannung und körperlicher Anregung: "Nach einer Weile fangen die Beine an zu zittern, dann geht es hoch und runter. Schließlich spürt man es auch im Kopf, so ein Kribbeln unter der Kopfhaut, besonders wenn man die Haare anfaßt."

Wenn die Hände schwitzen, lernt Sven, "ist es das Zeichen, daß es richtig losgeht". Begeistert registriert er, daß die Pille bei ihm "knallt", wie das Glücksgefühl "in Wellen von innen heraus kommt. Man wird locker, entspannt. Man will sich bewegen, tanzen, mehr leisten und wach sein. Sämtliche Probleme werden bedeutungslos".

Wissenschaftler warnen, die Ecstasy-Schlucker würden Gefahr laufen, mit der Droge genau das System im Gehirn zu zerstören, das für ihre Fähigkeit, Glück zu empfinden, zuständig ist. Doch die Angst vor Hirnschäden ist nichts im Vergleich zu Svens Angst, die teuren Trips nicht mehr bezahlen zu können.

Irgendwann kauft er gleich eine größere Menge - wegen des Rabatts. 12 Mark statt wie anfangs 20 zahlt er pro Pille, eigentlich will er alle nur für sich. Aber dann gewinnt die Krämerseele in ihm, als Bekannte ihn mit Fragen nach Pillen nerven. Wenn er pro Wochenende nur zehn der Glücksbringer für 20 Mark weiterverkauft, überlegt Sven, wäre "das Konto nicht immer leer". Warum also soll er die Interessenten zum nächsten Dealer schicken? "Das kann man doch auch selbst machen."

Gleich am ersten Wochenende verkauft Sven alle seine Pillen, ein paar Hunderter bleiben als Gewinn hängen. Beim nächstenmal kauft er gleich 400 Pillen, auch die sind schnell weg - und Sven nimmt selbst nicht eine einzige davon. Wer Geschäfte machen wolle, "kann nicht fett sein - da verzählt man sich ja nur".

Sven ist längst über den Einzelverkauf hinaus, seine Abnehmer ordern gleich 30 oder auch 50 Pillen. Den Gewinn von 7000 Mark investiert er in 700 Pillen fürs nächste Wochenende. Auch da: "Zack, zack, zack, waren die weg."

Der ehemalige Möbelverkäufer ist beinahe ohne eigenes Zutun in eine Marktlücke gestoßen. Die Polizei hat ein paar Ecstasy-Straßenhändler auffliegen lassen, und die alten Dealer aus dem Heroinbereich, der von türkischen Clans beherrscht wird, nehmen den Ecstasy-Markt noch nicht ernst. Zudem fehlen ihnen auch die Kontakte zur Techno-Szene.

Außerdem ist der Markt streng aufgeteilt. Unter der Diskokundschaft gilt Heroin als Schmuddeldroge, die "runterzieht". "Wer Pillen schmeißt", sagt Sven, "fühlt sich nicht als Drogenopfer. Als süchtig gilt nur, wer spritzt."

Die Pillen sind im Frühjahr 1994 Mangelware, "außer im Schwulenbereich, der ja immer seine eigenen Quellen hat". Da fügt es sich gut, daß ein "Geschäftspartner", Einsteiger wie Sven, einen Großhändler in den Niederlanden auftut. In den nächsten zwei Monaten verhökert Sven 10 000 Pillen, setzt etwa 150 000 Mark um.

Schnell erkennt Sven, daß auch Wachstum Sorgen bereiten kann. Die Diskotheken scheiden als Arbeitsplatz aus, weil er "automatisch vorsichtiger" werden muß: "Ich kann mich nicht mehr einfach ins ,Linientreu'' stellen und fragen: Wer will 100 oder 300 Pillen kaufen?" Den "Absatzproblemen im oberen Bereich" begegnet der Ex-Möbelhändler mit einer eigenen Lösung, "der Diversifikation". Vom Gewinn besorgt er sich "einfach ein paar Kilo Speed, das nebenbei immer gefragt ist".

Die Rechnung ist ebenso einfach wie eindrucksvoll: "Ein Kilo reinen Stoff kann man in den Niederlanden für 4500 Mark kaufen. Gestreckt auf 30 Prozent finden es die Leute immer noch geil. Das bringt rund 25 000 Mark, macht also satte 20 000 Mark Wochengewinn." Und so wird die Berliner Love-Parade im Sommer 1994 Svens erster unternehmerischer Höhepunkt. Der bizarre Umzug liegt günstig an einem Wochenende am Monatsanfang. Da haben "alle Opfer" (Sven) noch Geld in der Tasche. Die Techno-Fans "kaufen wie die Dummen. Da wird geschmissen, was das Zeug hält". Und Sven leidet unter "echten Nachschubproblemen".

Die Love-Parade empfindet Sven als "die größte Veranstaltung zur Förderung der Erstkonsumenten". Politiker und Parteien, die sonst vehement gegen Drogen zu Felde ziehen, aber dann, weil es Stimmen bringt, die Junge Union im Zug mitfahren lassen, nennt Sven "Heuchler". Da herrsche ein enormer Gruppenzwang, es auch mal mit der Pille zu versuchen. "120 000 Leute sind da", staunt Sven. "Und die fressen fast alle Pillen." Er ist Tag und Nacht unterwegs, den Preis pro Pille setzt er von 12 auf 16 Mark hoch, und seine Kleindealer können dennoch "überall auf den Straßen verkaufen bis zum Abwinken".

Sven beginnt unternehmerisch zu denken, angesichts der glänzenden Perspektiven in die Zukunft zu investieren. Er kauft sich eine Lieferantenadresse in Maastricht, um die synthetische Droge direkt aus einem Labor importieren zu können.

Solche Adressen gelten unter Dealern als Geschäftsgeheimnisse, die teuer bezahlt werden müssen. Wenn Sven erzählt, wie er an den Direktlieferanten gekommen ist, hört es sich an, als referiere ein Banker-Yuppie über den Börsengang der Telekom. 10 000 Mark zahlt Sven an einen Dealer, der sich aus dem Geschäft zurückziehen will, 5000 Mark an den Mann, der ihn mit dem Dealer zusammengebracht hat. Für den Berliner Emporkömmling "eine gute Anlage auf lange Sicht".

Nun bezieht er den Stoff zum Großhandelspreis von 5,20 Mark; mit der 9000. verkauften Pille hat er seine Investition wieder raus. Das große Geldverdienen beginnt.

Sven legt sich ein unauffälliges Auto zu, das nicht auf seinen Namen zugelassen ist. Die Funktelefone, "meist auf den Namen irgendeines Kumpels" registriert, wechselt er monatlich. Dennoch gibt er seine Telefonnummer nicht an die Käufer weiter, sondern arbeitet immer nur mit den in der Techno-Szene weit verbreiteten Telefon-Rufsystemen wie Scall, Quix oder Telmi.

Für Sven eine absolut sichere Tarnung: "Die Pager kauft man anonym. Deren Nummern kann man also gefahrlos weitergeben. Jeder Kunde hat einen Zahlencode bekommen. Wenn mich also jemand anpiept, weiß ich Bescheid und rufe zurück, am besten nicht auf ihrem Festnetzapparat, sondern in einer vorher vereinbarten Telefonzelle."

Auch das Geschäftsgebaren wird der neuen Dimension angepaßt. Nur "die kleinen Spinner, die 50 Pillen haben oder 10, tun so, als ob sie groß wären". Wer, wie Sven, wirklich was besorgen kann, stapelt erst einmal tief. Wenn Sven um 1000 Pillen angegangen wird, antwortet er, "selbst wenn das Zeug vor mir auf dem Tisch liegt", zurückhaltend: "Ich muß mal sehen, ruf später wieder an."

Seine Ware läßt Sven für eine Mark pro Pille von Kurieren aus Maastricht holen. Anfangs schickt er zwei Autos. Eins fährt unmittelbar vor dem anderen über die Grenze und gibt per Handy grünes Licht, wenn die Grenzer uninteressiert wirken.

Als sich die deutsch-niederländische Grenze als "Witz" erweist, werden die unnötigen Vorsichtsmaßnahmen eingestellt und Kosten gespart. Für 1000 Mark macht der krebskranke Onkel eines Bekannten allein die Tour. "Das Risiko war wegen Haftunfähigkeit gering."

In Maastricht laufen die Kuriere ein Hausboot auf dem Afvoer-Kanaal an, in dem ein älteres Ehepaar mit zwei Kindern lebt. Fahrräder im kleinen Vorgarten und drei Hunde machen die scheinbare Idylle perfekt. Im Wohnraum an Deck muß erst das Geld hingeblättert werden, dann holt der Händler - mit seinen Tattoos und dem ungepflegten Äußeren eine Art alternder Hells Angel - die Ware direkt vom nahe gelegenen Labor, eingeschweißt in Folie, abgepackt in Einheiten zu je 1000 Pillen.

Beim Transport nach Deutschland werden die Drogen nicht versteckt, sie liegen vielmehr griffbereit im Auto oder am Körper. Das hat den Vorteil, vor einer Polizeikontrolle den Stoff schnell aus dem Fenster werfen und ihn dann später wieder aus dem Straßengraben aufsammeln zu können. Wichtig ist nur, daß "die Pillen zur Wochenmitte da sind, denn das Hauptgeschäft läuft am Freitagabend".

Mitunter wird Sven von seinen "Geschäftspartnern" beschissen. Die Pillen werden falsch abgezählt, ihm wird minderwertiger Stoff untergeschoben oder der Kurier behauptet, die Ware bei der Flucht vor der Polizei weggeworfen und nicht wiedergefunden zu haben. Tatsächlich hat er aber auf eigene Rechnung gedealt.

Die Verteilung in Berlin ist aufwendig und minutiös organisiert. Am Morgen nach der Anlieferung piepsen Telefone und Pager. "Jedes Klingeln bringt Kohle."

Sven trifft seine Kuriere stets im Freien: auf Parkplätzen und Mittelstreifen, an Tankstellen oder Schnellimbissen. Zuvor hat er die bestellten Mengen aus den Wohnungen von Bekannten geholt, in denen er die Ware bunkert. Der Abnehmer steigt zu Sven ins Auto, man fährt um den Block. An einer roten Ampel zählt Sven das Geld nach, sein Kunde steckt die Pillen, die in Parfümschachteln versteckt sind, ein.

1994 fährt Sven 50 000 Kilometer mit seinem Golf, die meisten kreuz und quer durch Berlin, um seine Pillen an die meist jugendliche Kundschaft zu bringen. In diesem Sommer liegt der monatliche Bedarf in Berlin bei gut 20 000 Pillen. Heute, schätzt Sven, werden so viele in einer Woche gedealt.

Jetzt benutzt Sven, ganz ehrenwertes Mitglied der Aufbaugeneration, gern das Wort "früher" - und meint damit den illegalen Markt von vor zwei Jahren. "Früher war alles besser im Ecstasy-Geschäft." Heute gebe es ein Problem mit der Dosierung der Pillen. Die Wirkstoffe würden immer weiter abgeschwächt, um die Stückzahlen im Verkauf in die Höhe zu treiben und die Kundschaft abzuzocken.

In Svens Hoch-Zeit vor zwei Jahren kann er gute und schlechte Ware noch leicht unterscheiden: "Man nimmt eine Pille in die Hand und zerbricht sie. Die guten zerbröseln dabei nicht gleich. Sie sind von der Konsistenz her fest. Meist ist auch ein feines Logo eingeprägt. Es ist in die Tiefe eingepreßt, nicht aufgestempelt und womöglich mit Glasur überzogen."

Svens Lieferant in Maastricht markiert im Frühjahr 1995 als erstes die Pillen mit dem Playboy-Hasen. Das Logo wirkt wie das TÜV-Siegel für Kondome, die Käufer glauben an geprüfte Qualität. Nach wenigen Monaten muß eine andere Trademark her. Billigere Nachahmer haben das eingeführte Markenzeichen für Imitate mißbraucht, die nur ein Drittel des Wirkstoffs enthalten. Die Verfallszeit der Originale wird immer kürzer. "Wer Pillen mit einem Logo kauft, das schon seit mehr als einem halben Jahr auf dem Markt ist", sagt Sven, "bekommt meist eine Fälschung."

Die Nachfrage explodiert von Love-Parade zu Love-Parade. Die Labors "liefern ohne Ende". Anders als bei Heroin steigt der Umsatz mit Ecstasy. Doch die Gewinnspanne wird immer geringer, weil die Preise stetig fallen.

Das Geschäft mit der synthetischen Droge rentiert sich aber immer noch. Die Herstellungskosten des Labors liegen im Groschenbereich. Deutsche Großdealer zahlen je Pille drei bis fünf Mark an die ersten holländischen Zwischenhändler und geben die Droge ihrerseits mit zwei Mark Aufschlag weiter an Großabnehmer. Die Diskoverkäufer haben ein ähnliches Aufgeld zu entrichten, so daß der Endkonsument schließlich 12 bis 20 Mark hinblättern muß.

Der Markt ist noch längst nicht gesättigt. Droge und Musik, sagt Sven, würden offenbar zusammengehören: "Wenn irgend jemand erzählt, es gebe Techno auch ohne Ecstasy, der lügt. Die Musik wirkt ja erst durch die Droge richtig geil."

An Kontrollmechanismen sei offensichtlich niemand interessiert. Die Diskothekenbesitzer würden nicht fragen, "was in ihrem Laden gefressen wird". Jeder, der sein Geschäft mit Techno mache, wisse, daß er "sein Geld im Endeffekt auf der Basis des Drogenkonsums macht. Die schmeißen alle selbst rein, ob DJs oder Szenegrößen".

Immer wieder freitags sei Ecstasy-Tag, dann würden mindestens zwei Drittel aller Besucher der Techno-Klubs zur Pille greifen. "Morgens früh hängt da keiner mehr rum, der nichts drin hat. Wie sollen die das auch sonst durchhalten?"

Jetzt, da das Einstiegsalter auf 15 Jahre gesunken ist, möchte Sven sich zumindest in einem wichtigen Bereich aus der Verantwortung stehlen: Er selbst will nie an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft haben, "jedenfalls nicht an einzelne".

Gleichzeitig räumt er ein, "das nicht kontrolliert" zu haben: "Ich konnte doch als Großdealer nicht sagen: Hör zu, verkaufe aber nicht an Kunden unter 18 ... da lachen doch die Hühner." Zehn Prozent in ihm, rechnet der Krämer Sven heute vor, hätten dieses Verhalten nicht in Ordnung gefunden. Im Endeffekt aber war es ihm egal, Hauptsache, das Telefon klingelte.

Da wirkt es wie eine Strafe des Schicksals, daß er letztlich über einen 16jährigen Kleindealer stolpert. Der plaudert bei der Polizei und bringt Anfang 1996 die Ermittler auf Svens Spur. Doch die Fahnder bekommen ihn nicht zu fassen.

Wenn sie in einer Mietwagenzentrale auf der Lauer liegen, weil Sven den Leihwagen zurückgeben muß, stellt der das Auto einfach bei einer anderen Filiale ab. Auch als sie ihm mit Hilfe einer Telefongesellschaft eine Falle stellen ("Bitte tauschen Sie Ihre defekte Code-Karte um"), wittert Sven die Gefahr und schickt einen Bekannten vorbei.

Doch irgendwann mag Sven nicht mehr an den Techno-Spruch "We are one family" glauben. Er löst sein Geschäft ordentlich auf, tilgt alle Spuren. "Zehn Designer-T-Shirts, jedes 300 Mark teuer", seien ihm geblieben, rechnet Sven vor, ansonsten noch zehn Schals, zehn Paar Schuhe, vier Jeans und ein paar teure Jacken.

Schließlich wählt Sven die Nummer der Berliner Zielfahndung: "Ich hab'' gehört, ihr sucht mich? Was können wir denn für einen Deal machen?"

Nach einem relativ milden Urteil betrachtet Sven nun seine illegalen Geschäfte aus einem ganz eigenwilligen Blickwinkel. Er habe gedacht, "man kann zwar ein bißchen kriminell sein, aber wenigstens unter sich redliche Geschäfte machen". Doch da sei er enttäuscht worden: "Die lügen und betrügen, du mußt dauernd aufpassen, immer auf der Hut sein."

Ergo sei es ums Karriereende nicht schade: "Der Spaß, den ich mal mit der Droge verband, ist längst auf der Strecke geblieben."

* Name von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 6/1997
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