25.06.2012

PROTESTEDie letzten 50 Meter

Im Exil lässt ein junger Tibeter seinen Körper in Flammen aufgehen und rennt als lebende Fackel über die Straße. Das Foto, zufällig aufgenommen, wird zur Ikone des Widerstands - und zum Vorbild für andere Selbstmörder.
Die Reste seines Körpers stecken in einer goldenen Plastiktüte von H&M, ein Rückenwirbel, ein großer und viele kleine Knochensplitter, eine Handvoll grauer Staub.
Aber Jamphel ist noch da.
Er ist da, morgens, wenn seine Mitbewohner aufwachen und die Sonne über dem tibetischen Viertel Delhis aufsteigt. Er ist bei ihnen, wenn sie über ihre Heimat reden in seiner WG, zehn Quadratmeter, mit fünf Matratzen am Boden. Er ist in den verwinkelten Gassen von Majnu-ka-Tilla, wo Gebetsfahnen über den Dächern wehen in Grün, Gelb und Blau und die alten Frauen ihre Momos verkaufen, gedämpfte Teigtaschen mit Gemüsefüllung. Vielleicht ist er auch bei ihnen, wenn, wie an diesem Nachmittag, ein Action-Film im Fernsehen läuft.
Jamphel Yeshi ist noch da, denn seine Seele kann nicht verschwinden.
Er ist 27 Jahre alt, ein Junge, dessen Wangen sich hochschieben, wenn er lacht, der gern Gedichte schreibt und im Teehaus sitzt und Bücher liest. 49 Tage lang wandert er noch durch das Leben, das glauben sie hier, die tibetischen Buddhisten, das glauben seine Freunde, das glaubt Tsering, sein Cousin.
Jamphel Yeshi ist aber auch deshalb noch da, weil es dieses Foto gibt, das niemand mehr vergessen kann.
Es klebt an Hauswänden in Delhi und Dharamsala, in den tibetischen Exilgemeinden auf der ganzen Welt. Es geistert durch das Internet. Die "New York Times" druckte es, der "Stern" und der englische "Guardian". Zwei Tage nachdem das Foto entstanden war, starb Jamphel Yeshi.
Die Fotografie ist am 26. März dieses Jahres gemacht worden, an einem Montag. Es zeigt Jamphel Yeshi, kurz nach seinem 27. Geburtstag, wie er über eine Straße voller Menschen läuft. Er trägt Jeans und ein Hemd mit hochgerollten Ärmeln. Seine Augen hat er zugedrückt. Er läuft mit großen Schritten. Zieht eine schwarze Rauchwolke hinter sich her und einen gigantischen Ball aus Feuer.
Jamphel Yeshi hat sich angezündet. Er hat zuvor aus Cola-Flaschen Benzin getrunken. Er hat aus Cola-Flaschen Benzin über seinen Körper gekippt und sich in Flammen aufgehen lassen. Er rennt quer durch die Menge von tausend Tibetern, die sich an diesem Tag versammelt haben, um gegen den Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao in Indien zu protestieren, gegen die Unterdrückung in ihrem Heimatland. Sein Mund ist weit aufgerissen. Und die, denen er nahekommt, können ihn riechen, hören ihn schreien. Nach einem freien Tibet.
50 Meter rennt er, dann bricht er unter einem Baum zusammen. Die Verbrennungen, das sagen die Ärzte später im Krankenhaus, betreffen 98 Prozent seiner Körperfläche. Zwei Tage lang lebt er noch, Jamphel Yeshi, Kind einer Bauernfamilie aus Dawu im Osten Tibets, Schüler in einem Computerkurs. Er fragt seine Freunde im Krankenhaus: "Warum habt ihr mich nicht brennen lassen?"
Jamphel ist der 30. der Tibeter, die sich innerhalb von 12 Monaten aus Protest angezündet haben. Seit seinem Tod Ende März verbrannten sich elf weitere Menschen in Tibet, vergangenen Mittwoch gab es die beiden vorerst letzten Opfer. Ein weiterer stürzte sich in Indien von einer Brücke. Es sind Frauen und Männer, Mönche und Schüler, Nonnen und Bauern.
An Marktständen in Delhi und Dharamsala verkaufen Händler DVDs: "Real Tibetan Super Heros" heißen die Filme, sie zeigen den brennenden Jamphel. Seine Freunde verkaufen T-Shirts, mit Polokragen oder ohne, "Tibet is burning" steht darauf. Auf der Rückseite sieht man Jamphel brennen.
In Tibet und im Exil werden die Toten als Märtyrer gefeiert. Doch keiner wurde so berühmt wie Jamphel Yeshi. Nur von ihm gibt es dieses Foto, das entstand, weil jemand zufällig auf den Auslöser drückte, als er in Flammen stand. Mit diesem Foto ist er zu einem Posterhelden geworden. Zu einem tibetischen Che. Dahinter verschwindet die Geschichte des Jungen, den seine Freunde Yashi nannten.
Am 40. Tag nach seinem Tod haben sich drei dieser Freunde in dem Zimmer versammelt, das Jamphel zuletzt bewohnt hat. Sie sind gekommen, um seine Geschichte zu erzählen.
Sein Cousin Tsering Logya ist da, er stellt eine Schale Reis und Gemüse neben das Bett des Toten, dazu Stäbchen. "Er soll sich nicht ausgeschlossen fühlen", sagt Tsering, 24 Jahre alt, er trägt einen kleinen, goldenen Ring im Ohr. Auch Kelsang Norbu ist da, der Kinderfreund aus Tibet, er sitzt neben Tsering auf der Matratze. Und Sonam Tseten ist da, Jamphels Nachbar und Freund, der versuchte, mit einem T-Shirt das Feuer auf seinem Körper zu löschen. "Seine Haut blieb an meinen Händen kleben", sagt er, "sie fiel einfach ab wie ein Kleidungsstück."
Am Morgen des 26. März, wenige Stunden bevor er sich anzündet, ist Jamphel zum letzten Mal hier in seiner Exil-WG. Er zieht sich an, die Jeans, das Hemd, und faltet seine rote Wolldecke zu einem Rechteck. Er legt sie in die Mitte der Matratze, auf der er eben noch geschlafen hat. Auf die Decke stellt er zwei Bücher und lehnt sie gut sichtbar an die Wand. Das eine Buch zeigt das Gesicht des Dalai Lama. Das andere ist ein tibetisches Geschichtsbuch. Dann hängt er noch seine Gebetskette an einen Nagel an der Wand und darüber ein Amulett mit ein paar Krumen tibetischer Erde darin. In seinem Koffer verstaut er einen Abschiedsbrief.
So will er sein Leben hinterlassen, aufgeräumt. "Eigentlich war er gar nicht so ordentlich", sagt Tsering. Nun fragt er sich, ob er etwas hätte merken müssen.
Jamphel und sein Cousin schliefen Bett an Bett unter dem Bild Seiner Heiligkeit, des Dalai Lama. Tsering ist ein schüchterner junger Mann, der leise redet und sich dabei an den Armbändern zupft. Wahrscheinlich waren sie sich ähnlich, er und sein Cousin. Auch Jamphel sei schüchtern und ruhig gewesen, sagen die, die ihn kennen. Nie habe er über Mädchen geredet, nie eine Freundin gehabt. Stattdessen las er viel und lachte über tibetische Stand-up-Comedies im Fernsehen.
Nichts an Jamphels Sachen habe er verändert, sagt Tsering. Er springt nun auf und läuft zum Schrank, er holt ein altes Foto heraus, darauf sieht man das Haus, in dem Jamphel aufgewachsen ist. Es liegt in einem Tal im Osten Tibets, am Fuße eines Berges, ein schönes Haus, groß, in traditioneller tibetischer Weise gebaut, mit schneeweißem Dach, auf dem Schornstein wehen vier Fahnen. Auch eine Satellitenschüssel ist zu sehen.
Hier lebt Jamphel mit seinen Eltern, die Bauern sind, und seinen Brüdern und Schwestern. Sie spielen Ball, sie fahren Fahrrad. Manchmal helfen sie auch bei der Ernte auf den Feldern, auf denen Frühlingszwiebeln wachsen und Blumenkohl. Es ist eine gute Kindheit, nur frei sind die Kinder nicht. Das versteht Jamphel, als er in die Schule kommt.
Hier lernt er, dass Tibet schon von China besetzt ist, als seine Eltern Kinder sind. Er lernt, dass Mao Zedong bei seiner Machtergreifung 1949 die "Heimkehr Tibets ins chinesische Mutterland" zu einem seiner wichtigsten politischen Ziele erklärt. Er lernt, dass die chinesische Volksbefreiungsarmee in Tibet einfällt, wenig später die Herrschaft auf die Chinesen übergeht und dass dabei festgeschrieben wird, dass Tibet "eine der Nationalitäten mit einer langen Geschichte innerhalb der Grenzen von China" sei.
In Wirklichkeit ist das der Anfang der Unterdrückung. Klöster werden geschlossen, Heiligenbilder verboten, für die Tibeter ist dies der Moment, so sagte es einmal der Dalai Lama, in dem der "Genozid an ihrer Kultur" beginnt.
Schon beim Morgenappell in der Schule werden Jamphel und seine Mitschüler gezwungen, die chinesische Nationalhymne zu singen. Sie müssen die chinesische Sprache lernen, Tibetisch steht nicht auf dem Stundenplan. Das, was sie über ihre Kultur erfahren, lernen sie zu Hause bei den Eltern oder in Klöstern. Als Jamphel etwa 14 Jahre alt ist, stirbt sein Vater.
Jamphel versucht, wie ein Tibeter zu leben. Wenn jemand aus der Gemeinde stirbt, hilft er, die traditionelle Bestattung vorzubereiten, transportiert den Toten, kümmert sich um die Butterlampen und den Tee. Doch schon wer ein Bild des Dalai Lama besitzt, riskiert eine Gefängnisstrafe. Chinesische Militärs und Polizisten überwachen das tägliche Leben. "Wenn jemand ,Free Tibet' sagt, ist das ein größeres Verbrechen als der Mord an einem Tibeter", sagt Tsering, der Cousin.
Jamphel interessiert sich bereits früh für den Widerstand, aber erst Jahre später, im Exil, kann er frei darüber reden. Fast täglich geht er in das kleine Teehaus am Rande von Majnu-ka-Tilla und liest in seinen Geschichtsbüchern. Er liest, wie Guerillakämpfer Ende der fünfziger Jahre versuchen, Land zurückzuerobern. Wie in Lhasa Tibeter Demonstrationen organisieren, Flugblätter schreiben. Wie es, kurz bevor der Dalai Lama ins Exil geht, in Lhasa zum Aufstand kommt, bei dem die Chinesen 3000 Tibeter töten.
Die Tibeter sind ein Volk von nur sechseinhalb Millionen Menschen. Ihr Widerstand folgt einer Kultur der Gewaltlosigkeit. Wie wollen sie sich wehren, wenn ihr Glaube es kaum erlaubt, ein Insekt zu töten? So fangen sie an, sich selbst zu töten, als Mittel des Protests. 1998 zündet sich in Delhi Thupten Ngodup als erster Tibeter an. Jamphel ist da 13 Jahre alt.
Der Akt der Selbstverbrennung als Form des politischen Protests sorgt seit den sechziger Jahren für internationale Aufmerksamkeit, aber es bleiben meist Einzelfälle. Im Juni 1963 zündete sich der buddhistische Mönch Thich Quang Duc an, um gegen die südvietnamesische Regierung zu protestieren. In den späten sechziger Jahren verbrannten sich Bürger in den USA aus Protest gegen den Vietnam-Krieg. Im Laufe mehrerer Jahre entzündeten sich Oppositionelle in verschieden Ostblockstaaten, etwa der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz aus der DDR. In der Bundesrepublik die junge Türkin Semra Ertan, die sich wegen zunehmender Ausländerfeindlichkeit 1982 an einer Hamburger Straßenkreuzung entflammte. Auch der Arabische Frühling begann mit der Selbstverbrennung des tunesischen Obsthändlers Mohammed Bouazizi.
Als Jamphel 19 Jahre alt ist, besorgt er sich Papier und schreibt darauf Sätze wie "Es gibt keine Menschenrechte in Tibet" oder "Freiheit für Tibet". Er macht das ganz allein, er erzählt zunächst auch seinen Freunden nichts, zu groß ist die Gefahr, von der chinesischen Polizei erwischt zu werden. Er läuft eines Nachts durch die Straßen und klebt seine Flugblätter an die Wand der örtlichen Bankfiliale und an die Polizeistation.
Es ist eine kleine Aktion eines wütenden Jungen. Noch in derselben Nacht verschwindet er. Er schlägt sich bis an die Grenze durch und versucht, von dort über Nepal ins indische Exil zu kommen. Er wird von chinesischen Grenzbeamten erwischt, sie stecken ihn ins Gefängnis.
Später wird er seinen Freunden erzählen, was er erlebt hat. Von den Beleidigungen berichten: "Du tibetischer Hund", "Du tibetisches Stück Scheiße". Tagelang sei er in dunklen Räumen gehalten worden, sei geschlagen und manchmal gefoltert worden, mit Piksern, die sie ihm unter die Fingernägel schoben. Länger als vier Monate wird er festgehalten, mehrfach verlegt. Irgendwann landet er in der Nähe seines Heimatorts, und seine Mutter kauft ihn frei. Danach ist Jamphel ein anderer, sagen seine Freunde.
Er leidet jetzt unter Kopfschmerzen, seine Augen funktionieren nicht richtig, womöglich wegen der langen Dunkelheit in der Zelle. "Nachts hat er manchmal geschrien", sagt Tsering, auch im Exil noch. Jamphel habe ihm dann gesagt, dass er vom Gefängnis geträumt habe.
2006 versucht Jamphel erneut zu fliehen. Diesmal schafft er es nach Nepal, ins Transitlager für tibetische Flüchtlinge. Schafft den Weg über den Himalaja, von dem viele berichten, dass er gefährlich und unberechenbar sei. Am 6. März 2006 meldet sich Jamphel in Dharamsala im Erstaufnahmelager für tibetische Flüchtlinge an. In jener Stadt im Vorland des Himalaja, in die vor 53 Jahren auch der Dalai Lama flüchtete.
Dharamsala ist Pilgerstätte für Mönche und Nonnen, die hier in rot-orangefarbenen Gewändern die Berge erklimmen. Dharamsala ist auch Pilgerort für Westler, die mit Rucksack und filzigem Haar nach sich selbst suchen. Wer hierherkommt, träumt davon, dem Dalai Lama nah zu sein. Für Jamphel ist es der erste Tag in Freiheit. Es ist auch sein erster Tag in der Verlorenheit des Exils.
Tsering, der Cousin, holt jetzt Jamphels Koffer aus dem Schrank, olivgrün, Marke Summit. Ein ganzes Leben liegt darin, sauber zusammengefaltet. Der Inhalt des Koffers ist, neben seinen Büchern, alles, was Jamphel im Exil besaß: eine Cordhose, zwei Jeans, drei Shorts, ein paar T-Shirts und, ganz oben auf, eine tibetische Flagge, die zu einem Päckchen zusammengewickelt ist. Darin bewahrte Jamphel fünf Ausweise auf, auch seinen Exilausweis, den er nach der Flucht bekam. Auf dem Foto ist sein Gesicht abgemagert. Man sieht ihm an, was er hinter sich hat.
Menschen, die es ins Exil schaffen, treffen meist eine Entscheidung: Entweder sie lassen die Vergangenheit und nutzen die Chancen, die ihnen das neue Land gibt. Oder sie werden politisch.
Jamphel entscheidet sich, politisch zu werden. Nach kurzer Zeit im Flüchtlingslager bekommt er eine Aufnahmebescheinigung für die Tibetan Transit School, ein Internat in den Bergen. Über den Hängen wehen Gebetsfahnen. Schüler in weißen Uniformhemden eilen in ihre Klassen. "Jamphel war so hungrig, als er hier ankam", erzählt Tsering, "er wollte alles wissen. Er las und las und las."
Sein Zimmer ist noch da, Raum 29 im Männerhaus Block 3, die Tapeten türkis, der Teppich rot, auf einem der fünf Betten hockt mit angezogenen Knien sein damaliger Zimmergenosse Sirwou. Er zeigt auf ein Hochbett aus Eisen, an dessen Kopfende Schulbücher stehen, eines trägt den Titel "Tibet under Communist China", daneben ein Herz aus Plüsch. "Da hat er geschlafen", sagt Sirwou.
Je mehr Jamphel lernt, desto politischer wird er. Er verbringt die Tage oft in der Bibliothek. Er hat jetzt Zugang zu all dem Wissen, das ihm immer gefehlt hat. Er versucht, seine Mitschüler mitzureißen. Debattiert mit ihnen über die Lage der Menschenrechte in Tibet, darüber, wie der Dalai Lama wieder nach Lhasa zurückkehren kann.
2008 plant er das erste Mal, sich anzuzünden.
Es ist das Jahr der großen Unruhen in Tibet. Der Tibetische Jugendkongress (TYC) organisiert eine Demonstration in Delhi gegen die Austragung der Olympischen Spiele in Peking. Der TYC ist eine Organisation von Aktivisten, die, anders als der Dalai Lama, die vollständige Unabhängigkeit für Tibet fordern. Jene Organisation auch, die den Protest gegen Hu Jintao am 26. März organisiert. Jamphel nimmt wie so viele tibetische Jugendliche oft an den Veranstaltungen teil. Er meldet sich als Freiwilliger, wenn es darum geht, bei Demonstrationen zu helfen oder bei religiösen Großveranstaltungen. Auch dieses Mal nehmen sich Jamphel und Tsering frei von der Schule und steigen in den Bus nach Delhi.
Tsering erinnert sich an ihre Ankunft im Jugendhostel in Delhi, wo damals ihre Reisegruppe untergebracht ist, und daran, wie Jamphel zu ihm sagt: "Ich werde mich heute anzünden."
"Du bluffst", sagt Tsering.
"Mach ich nicht", antwortet Jamphel. Er zeigt ihm eine Flasche Benzin.
Tsering ruft einen älteren Verwandten von Jamphel an, so erinnert er sich, und zwingt Jamphel, mit ihm zu reden. Darüber, was für eine Verschwendung sein Tod wäre. Darüber, dass er als Lebender viel mehr erreichen kann. Er holt andere Freunde dazu, und sie schaffen es, ihm die Flasche wegzunehmen. Zusammen fahren sie zurück nach Dharamsala. Tsering sagt: "Ich dachte, er hätte es verstanden."
Es ist Tag 42 nach Jamphels Tod, und im Tsug-la-Khang-Tempel, dem Haupttempel in Dharamsala, bereiten die Tibeter die Butterlampen für ihn vor. Sie wollen seiner Seele helfen, den richtigen Weg ins nächste Leben zu finden. Das tun sie an jedem siebten Tag seit seinem Tod.
300 Menschen sind zum Tempel gekommen, sie sitzen im Schneidersitz auf dem Boden und sprechen ihre Mantras. Über ihren Köpfen hängt ein riesiges Plakat. Darauf die Bilder von Jamphel und den anderen Tibetern, die sich im vorigen Jahr angezündet haben.
Mittendrin sitzt Tenzin Tsundue, er ist der Anführer des Tibetischen Jugendkongresses von Dharamsala. Er sagt: "Jamphel ist uns allen wie ein Feuerball erschienen." Tsundue trägt ein rotes Stirnband über seinem Haar, dazu eine große runde Brille mit schwarzem Rand, er sieht aus wie der junge Mr. Miyagi. Er ist ein bekannter Aktivist, schon oft wurde er festgenommen. An diesem Tag organisiert er das Gedenken an die Märtyrer.
Tsundue sieht die Selbstverbrennungen als einen großartigen Weg, um auf das Unglück der Tibeter aufmerksam zu machen. "Großartig", das sagt er so. Die Tibeter hätten keine Möglichkeit, sich auszudrücken, sagt er. Öffentlicher Protest ist in Tibet verboten. Tibeter würden geschlagen, Tibeter würden mundtot gemacht. Im Unterschied zum Arabischen Frühling gebe es keine Medien, keine sozialen Netzwerke. "Du wirst unterdrückt und kannst es nicht mal jemandem erzählen. Was bleibt uns, außer uns anzuzünden?"
Ist die Märtyrerverehrung nicht gefährlich? Ermutigt sie nicht noch mehr junge Menschen, sich umzubringen?
Bei solchen Fragen wird Tsundues Stimme laut. Er ruft: "Die ganze Welt erwartet von uns, friedlich zu sein, alles hinzunehmen, und wenn wir uns anzünden - also niemandem weh tun, außer uns selbst -, dann werden wir dafür verurteilt." In jeder anderen Kultur hätte es längst einen offenen Krieg gegeben. "Der ganzen Welt wird es gestattet, gewalttätig zu sein, den USA, den Engländern, auch Deutschland ist in einen Krieg gezogen." Er fragt: "Warum dürfen wir nicht unsere Toten ehren?" Tsundue findet, dass die Gewaltfreiheit manchmal auch eine Bürde für die Tibeter sei.
2009, als Jamphel mit der Schule fertig ist, geht er zu seinem Cousin Tsering nach Delhi. Er zieht in dessen WG. Sein Leben ist jetzt bestimmt durch das Studium tibetischer Literatur und durch sein politisches Engagement, auch beim TYC. Er meldet sich oft freiwillig, hilft bei Veranstaltungen, so erzählen es die Aktivisten.
Als sich am 16. März 2011 in Tibet ein junger Mönch anzündet und fünf Monate später der nächste, verfolgt Jamphel das sehr genau. Seine Freunde reden über Mädchen. Er redet über Märtyrer. Er spricht davon, was für ein großes Opfer das sei. Er nimmt an den Gebeten für die Märtyrer teil, sitzt unter den Porträts der Toten, die am Tempelplatz von Majnu-ka-Tilla hängen. Wahrscheinlich sind dies die Momente, in denen in seinem Kopf eine Entscheidung reift.
Am Abend vor dem Protest essen sie zusammen, es gibt Thukpa, tibetische Nudelsuppe mit Gemüse. Tsering ist da, Kelsang, Jamphels Freund aus Kindertagen. Sie scherzen, Jamphel nimmt Tserings Handy in die Hand. Er macht Bilder von sich selbst. Es ist, als würde er der Welt etwas Heiles von sich hinterlassen wollen.
Vor dem Schlafengehen löscht er die Bilder wieder, bis auf eines. Es zeigt seinen linken Unterarm, darauf sieht man seine Tätowierung, einen Drachen, er hatte ihn damals in Tibet stechen lassen. Die Hand ist zu einer Faust geballt.
Als er am Morgen des 26. März sein WG-Zimmer verlässt, schlafen die anderen noch. Er läuft am Tempel vorbei. Er trägt einen Rucksack auf dem Rücken. Vermutlich transportiert er darin seine Benzinflaschen. Über den Rucksack hat er die tibetische Nationalflagge geknotet.
Am Tempel trifft er Lobsang, einen Bekannten vom TYC, der den Protest gegen Hu Jintao mitorganisiert.
"Hey, Superman, wo willst du hin?", fragt Lobsang, weil ihn die Flagge auf Jamphels Rucksack an ein Cape erinnert.
Jamphel lächelt. "Ich gehe zum Protest", sagt er.
Er stirbt im Krankenhaus. Am 28. März um 7.30 Uhr wird er für tot erklärt. In seinem Abschiedsbrief schreibt er: "Möge Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, der Champion des Weltfriedens, für Zehntausende Jahre leben. Er muss nach Tibet zurückkehren." Er schreibt weiter: "Den kostbaren menschlichen Körper dem Feuer zu opfern ist im 21. Jahrhundert ein Zeichen der sechs Millionen Tibeter an die Welt: Tibeter haben keine Menschenrechte … Tibet gehört den Tibetern."
Die Reste seines Körpers sollen in das Fundament eines Denkmals eingegossen werden, ein Rückenwirbel, ein großer Knochensplitter, viele kleine und eine Handvoll grauer Staub. So lange werden sie im Büro des TYC in einer goldenen Plastiktüte lagern.
Am 49. Tag nach seinem Tod ist Jamphel Yeshis Seele ins nächste Leben übergegangen. Sein Cousin sagt: "Wir hoffen, er kommt als Mensch wieder."
Jamphel ist weg.
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 26/2012
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