25.06.2012

HANDELEndstation Schleckerland

In dieser Woche schließen die letzten Filialen des insolventen Drogeriemarkt-Imperiums, Tausende Mitarbeiterinnen verlieren ihren Job. Anton Schlecker und seine Familie aber scheinen noch immer nicht zu begreifen, was eigentlich geschehen ist.
Ob Anton Schlecker im Haus sei? Der Mann schaut verwundert. Das könne er nicht sagen, er wisse es einfach nicht. "Von Angesicht zu Angesicht habe ich ihn das letzte Mal vielleicht vor zehn Jahren gesehen."
Der Mann, der das sagt, sitzt am Empfang der Schlecker-Zentrale im schwäbischen Ehingen - und das schon seit einer halben Ewigkeit. Aber den Chef des Unternehmens, das er da in der mit Marmor ausgekleideten Lobby repräsentiert, hat er dort nie zu Gesicht bekommen. Anton Schlecker kommt über eine separate Tiefgarage unter dem Hauptgebäude, nimmt den Aufzug, den nur er und seine Frau Christa benutzen dürfen, und fährt ohne Halt in den sechsten Stock seines blau verspiegelten Büromonstrums. Fast jeden Tag. Seit Jahren schon. Und immer noch.
Noch immer suche Schlecker fast täglich ungerührt, fast apathisch sein Büro auf, berichten Vertraute. Er sitzt an seinem Schreibtisch und studiert Abverkaufs- und Umsatzzahlen, so als wäre nichts geschehen. Tochter Meike kommt ebenfalls fast täglich. Obwohl die Familie hier nichts mehr zu sagen hat, sie ist nur noch geduldet. Aus Mitleid, um sie nicht weiter zu demütigen.
Das Imperium der Schleckers, einst Europas größte Handelskette für Pflegeprodukte, ist seit dem 23. Januar offiziell zahlungsunfähig. Doch in der Pleite agiert die Unternehmerfamilie genau so, wie sie mehr als 30 Jahre lang die Geschäfte führte: als Phantom.
Es scheint fast, als hätte sich nichts geändert: Obwohl es in Ehingen nichts mehr zu managen gibt, sind in der Tiefgarage der Zentrale neun der zwölf Direktoren-Parkplätze belegt, mit schweren und teilweise getunten S- und E-Klasse-Mercedes-Limousinen. Die noch verbliebenen 350 Mitarbeiter am einstigen Firmensitz kommen jeden Morgen zur Arbeit und verlassen sie pünktlich gegen 18.30 Uhr.
Auf der Homepage des Unternehmens lächeln der ehemalige Finanzchef Sami Sagur und Ex-Vertriebschef Thorben Rusch noch immer in die Kamera und versichern, wie wichtig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihnen seien, denn Tag für Tag sorgten sie für "die Grundlagen des Unternehmenserfolgs". Ein Hinweis auf die Pleite findet sich nicht.
Spätestens in dieser Woche aber wird die Realität alle Beteiligten einholen. Am vergangenen Freitag endete der Restpostenverkauf. Im Laufe der Woche sollen die noch verbliebenen offenen Filialen geschlossen werden. Dann wird eine der größten Firmenpleiten Deutschlands Geschichte sein. 30 000 Beschäftigte werden ihren Job verloren haben und die Familie Schlecker ihr Vermögen, das zuletzt auf etwa zwei Milliarden Euro taxiert wurde.
"Es ist ein Schock, eine Tragödie, ein Desaster", ließen die Schlecker-Kinder Meike und Lars am vergangenen Freitag überraschend in einer Erklärung mitteilen. Es gebe "kein Zurück in die Normalität, denn die Firma war für uns alle Lebensinhalt - und da ist jetzt erst einmal das große Nichts."
Der Schock traf Anton Schlecker offenbar unvorbereitet. Noch an dem Tag, an dem die Insolvenz angekündigt wurde, wollte er nicht wahrhaben, dass es vorbei ist. Erst als der Kreditversicherer Euler Hermes ihm drohte, den Insolvenzantrag zu stellen, wenn er es nicht selbst tue, wurde die Geschäftsführung aktiv. Fassungslos musste Schlecker drei Tage später erleben, dass der Geldautomat kein Bargeld mehr ausspuckte - obwohl er doch 21 000 Euro auf seinem Konto hatte. Doch da Schlecker als eingetragener Kaufmann mit allem haftete, also auch mit seinem Privatvermögen, hatte das Gericht sein Guthaben längst sperren lassen.
Dabei hat es an Warnzeichen nicht gefehlt, Schlecker hätte seine Geschäftsstatistiken nur genau lesen müssen. Bereits seit 2003 sei die Geschäftsentwicklung rückläufig gewesen, heißt es dazu im Insolvenzbericht. Und das "bei positiven Wachstumsraten des Wettbewerbs". Im Jahr 2008 machte Schlecker 51,4 Millionen Euro Verlust, im Jahr darauf 51,7 Millionen Euro. 2010 war der Fehlbetrag mit 189,5 Millionen fast viermal so hoch.
Im Januar 2012 schließlich ging das Geld aus. Schlecker hatte zu diesem Zeitpunkt offene Rechnungen in Höhe von 162,7 Millionen Euro, konnte auf die Schnelle aber nur knappe 60 Millionen Euro aufbringen. "Anton Schlecker e. K. war damit am 23.1.2012 zahlungsunfähig, obgleich die Löhne und Gehälter am 23.01.2012 noch nicht fällig waren", konstatiert der Insolvenzbericht nüchtern.
Niemand im Unternehmen scheint diese Zahlen realisiert zu haben - bis es zu spät war. Sowohl die Schleckers als auch Finanzvorstand Sagur nahmen es offenbar hin, dass nur 46 Prozent der Filialen profitabel arbeiteten und dass lediglich elf Prozent zwischen 2006 und 2010 steigende Umsätze vorweisen konnten.
"Der Grad der Realitätsverweigerung scheint höher gewesen zu sein, als ich mir das je hätte vorstellen können", sagt einer, der das Unternehmen von innen kennt. Noch drei Monate vor der Insolvenz ließ Anton Schlecker Fragestellern ausrichten, dem Unternehmen gehe es prima, man habe keinerlei Probleme. Zu diesem Zeitpunkt klafften schon riesige Lücken in den Regalen, weil das Geld für die Bestellungen fehlte.
Zur Wahrheit gehört auch, dass das Unternehmen unprofessionell geführt wurde. So gab es in dem milliardenschweren Handelskonzern kein geschlossenes Warenwirtschaftssystem, das Einkauf, Verkauf und Logistik effizient vernetzt hätte. Und es fehlte das Controlling, jene Instanz also, die alle Zahlen im Blick hat. Unternehmenscontrolling und Liquiditätsplanung habe auf der Basis von Tabellenkalkulation stattgefunden, heißt es dazu im Insolvenzbericht. "Fehlende Bereitschaft des Inhabers zur Umsetzung von Verbesserungsvorschlägen" habe das Übrige getan, steht in dem Papier.
Finanzvorstand Sagur habe "die Zahlen überhaupt nicht im Griff gehabt", heißt es aus Kreisen des Insolvenzverwalters. Oder er war schlicht überfordert mit dem störrischen Patriarchen, der bis zum Schluss Arztrechnungen, Tankquittungen, ja selbst Rechnungen der in Berlin und London lebenden Kinder über seine Geschäftskonten laufen ließ - und erst danach seine Privatkonten entsprechend belastete. Die Firma organisierte offenbar sein komplettes Privatleben.
Der entnervte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz drängte Schlecker schließlich, die Stuttgarter Wirtschaftskanzlei Grub Brugger & Partner zu engagieren. Er wollte sichergehen, dass die Familie wenigstens im Insolvenzprozess professionell beraten wird.
"Die Insolvenz selbst ist sicher auch das Ergebnis unternehmerischer Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre", sagen Lars und Meike Schlecker jetzt in ihrem schriftlichen Statement. "Wir haben zu spät begonnen, konsequent und mit allem Nachdruck gegenzusteuern." Und das, obwohl die Geschwister seit 2010 Mitglied der Geschäftsführung waren, auch sie lebten offenbar in dem Glauben, das Unternehmen sei mit einigen Korrekturen am Sortiment, an den Preisen und an der Ladengestaltung zu retten.
Was die Familie aber bis heute nicht begriffen hat: welche Außenwirkung sie hat. Kein Wort des Bedauerns hat man bisher von Anton Schlecker gehört, auch die Kinder blieben bis zum vergangenen Freitag so gut wie stumm. Während deutschlandweit über das Für und Wider einer Auffanggesellschaft gestritten wurde, als bekannt wurde, dass die ersten zehntausend Mitarbeiter gehen müssen, oder als Anfang Juni schließlich das endgültige Aus des einstigen Milliardenkonzerns beschlossen wird: kein Ton, kein Satz, kein Mitgefühl, wie paralysiert erscheint der Schlecker-Clan.
Stattdessen bunkerten sich die Familienmitglieder in ihrem alten Leben ein. Sie nutzten weiterhin ihre Porsche-Wagen, um vom Privathaus in die Zentrale zu fahren, und wunderten sich, dass sie dafür öffentlich geschmäht wurden. Sie sagten nichts zu angeblich geheimen Konten und unsauberen Deals, die sie kurz vor dem Insolvenzantrag gemacht haben sollen, um noch Geld aus dem Unternehmen zu ziehen.
In ihrem Statement versichern sie jetzt, offen und transparent mit dem Insolvenzverwalter zu kooperieren. Vermögen, das im Sinne des Insolvenzrechts rückübertragen werden müsste, würde gegebenenfalls zurückgeführt. Aber sie betonen auch, dass ihre Mutter mit dem Vater Gütertrennung vereinbart habe und dass auch sie eigenes Vermögen besäßen: "Sippenhaft gibt es im deutschen Recht nicht."
In Ehingen, dem Heimatort und Sitz des Schlecker-Clans, hält sich das Mitleid in Grenzen. Natürlich sei Schlecker eines der drei Unternehmen gewesen, die die Stadt prägten, sagt Oberbürgermeister Alexander Baumann (CDU). Aber an erster Stelle steht der Kranhersteller Liebherr, der in der Stadt fast 3000 Mitarbeitern beschäftigt - und Gewinne erwirtschaftet. Dass Schlecker Insolvenz anmelden musste, hat die Verantwortlichen in der Stadt nicht überrascht: Sie kannten ja die Gewerbesteuerzahlungen. Und die waren seit Jahren rückläufig.
Die Schwäbische Alb ist keine Weltgegend, in der viel Aufhebens gemacht wird um Dinge, die man nicht ändern kann. Als die Schlecker-Frauen im März deutschlandweit zu Solidaritätskundgebungen aufriefen, kamen in Ehingen gerade mal knappe dreißig Demonstranten zusammen. Und jetzt, da alles vorbei ist, scheint das ebenfalls nicht groß zu berühren: "Es wird keine Katastrophe über die Stadt hereinbrechen", sagt der Bürgermeister erstaunlich emotionslos.
Er hat sowieso andere Probleme, er muss für den Ausbau der Kinderbetreuung sorgen. Demnächst wird eine neue städtische Kita eröffnet, für die er noch Personal sucht. Den Ratschlag seiner Parteikollegin, der Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, die Schlecker-Frauen doch zu Erzieherinnen umzuschulen, lehnt er dankend ab: "Wir brauchen Fachpersonal." Wenn es eine Umschulung gäbe, spräche jedoch nichts dagegen.
Die rund 600 Ehinger, die in der Schlecker-Zentrale Arbeit hatten, werden sicher neue Jobs finden. Die Stadt hat mit einer Arbeitslosenquote von rund drei Prozent quasi Vollbeschäftigung.
Die Schleckers dagegen werden, so schreiben es die Kinder, "sicherlich noch einige Zeit brauchen, um auch als Familie das Gesamte aufzuarbeiten und wieder Zukunftspläne zu machen". Der Vater wird künftig einen riesigen Berg Schulden abtragen müssen. Sein parkähnliches Privatanwesen mit dem eigenen und dem Haus von Tochter Meike muss er wohl räumen. Zwar gehört es offiziell seiner Frau Christa, doch weil die Übertragung innerhalb der vergangenen zehn Jahre stattfand, gilt als sicher, dass es rückübertragen und der Insolvenzmasse zugeschlagen wird. Gutachter sollen den Wert der Gebäude und des Grundstücks taxieren. Auch die beachtliche Autosammlung, zu der mehrere Porsche, Mercedes und Austin Martin gehören, steht zum Verkauf - auch wenn die Familie sie derzeit teilweise noch nutzen darf.
Was jedoch einmal aus dem Areal an der Talstraße werden soll, zu dem neben der gigantischen Zentrale auch ein riesiger Einkaufspark, das "Schleckerland", gehört, weiß weder der Insolvenzverwalter noch der Bürgermeister. Es gilt seiner schieren Größe wegen quasi als unverkäuflich. Und so wird Anton Schlecker vielleicht auch in ein paar Jahren noch in sein Büro fahren und Unternehmer spielen können. Nur dass er dann womöglich das Fahrrad nehmen muss.
Von Susanne Amann und Janko Tietz

DER SPIEGEL 26/2012
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