25.06.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH

Einen Tod muss man sterben

Von Dohmen, Frank und Hawranek, Dietmar

Der designierte RWE-Chef Peter Terium will auch im Ausland keine Kernkraftwerke mehr bauen und stattdessen in erneuerbare Energien investieren. Doch sein finanzieller Spielraum ist gering.

SPIEGEL: Herr Terium, hat Ihr Vorgänger Jürgen Großmann Sie heute schon angerufen und beschimpft?

Terium: Nein, das hat er nicht. Wir verstehen uns bestens. Sonst hätten wir in den vergangenen zehn Monaten nie eine so geordnete Übergabe hinbekommen. Warum sollte er mich beschimpfen?

SPIEGEL: Der scheidende RWE-Chef Großmann ist der lauteste Verfechter der Atomkraft in Deutschland. Sie haben jetzt, noch bevor Sie am 1. Juli den Vorstandsvorsitz übernehmen, die Energiewende für RWE verkündet. Sie wollen keine Kernkraftwerke mehr bauen. Da muss Herr Großmann schäumen, oder?

Terium: Nein. Unsere Entscheidung zur Kernenergie ist eine Entscheidung des gesamten Vorstandes. Die bisherige Position stammt aus einer Zeit, als es noch kein Fukushima und keine Finanzkrise gab und wir uns deshalb teure Investments in neue Kernkraftwerke noch leisten konnten. Zurzeit leben wir in einer ganz anderen Welt.

SPIEGEL: Moment mal, die Finanzkrise begann vor über vier Jahren, das Unglück in Fukushima war 2011.

Terium: Sie vergessen die Entscheidung der Bundesregierung zum Ausstieg aus der Kernenergie.

SPIEGEL: Aber Sie gehen jetzt weiter. Sie verabschieden sich nicht nur in Deutschland von der Atomkraft, sondern wollen auch im Ausland keine Kernkraftwerke mehr bauen. Diese Option wollte sich Ihr Vorgänger offenhalten.

Terium: Die aktuellen politischen Entscheidungen und die Marktveränderungen wirken weit über Deutschland hinaus. Die großen Mengen Wind- und Sonnenenergie, die in das Netz strömen, haben zusammen mit der Wirtschaftskrise dazu geführt, dass die Strompreise deutlich in den Keller gegangen sind.

SPIEGEL: Aber die Verbraucher müssen mehr für ihren Strom zahlen.

Terium: Ja, weil staatliche Umlagen für neue erneuerbare Energien, Stromnetze und Speicher den Strompreis treiben. Der Preis, den wir für die Stromerzeugung erhalten, ist derzeit so gering, dass es schlicht nicht verantwortbar ist, in Europa

ein teures Kernkraftwerk zu bauen. Das Kapitel Kernkraft ist für uns beendet.

SPIEGEL: Wenn es wirtschaftlich keinen Sinn ergibt, in Europa Kernkraftwerke zu bauen, warum verklagen Sie dann zusammen mit anderen Energieversorgern die Bundesregierung wegen des Atomausstiegs noch auf insgesamt 15 Milliarden Euro Schadensersatz?

Terium: Es ist nicht sinnvoll, neue Kernkraftwerke zu bauen. Aber bei unseren bestehenden Kernkraftwerken ist die Situation ganz anders. Wir haben Milliarden in sie investiert. Sie sind nach der gültigen Gesetzeslage absolut sicher und haben die Stresstests bestanden. Wenn die Politik sie aus anderen Erwägungen kurzfristig abschalten lässt, muss sie auch den entstehenden Schaden tragen.

SPIEGEL: Neben den Kernkraftwerken, die nach der Entscheidung der Bundesregierung bereits vom Netz genommen wurden, betreiben Sie noch weitere in Gundremmingen und im Emsland. Werden Sie diese jetzt auch schließen?

Terium: Nein, das wäre Kapitalvernichtung. Wenn man alle Kernkraftwerke abschaltet, wäre außerdem die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet.

SPIEGEL: Ach, Herr Terium, die Atomindustrie behauptet seit Jahren, dass dann die Lichter ausgehen. Und passiert ist bislang nichts. Warum sollte man dieses Schreckensszenario jetzt ernst nehmen?

Terium: Die Warnungen kommen von der Bundesnetzagentur. Im vorigen Winter war es bereits knapp. In der Woche vom 9. Februar an wäre das System fast in die Knie gegangen. Es gab wenig Wind, wenig Sonne, und wir hatten kaum Reserven. Zum Teil mussten Ölkraftwerke in Österreich zugeschaltet werden, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die Abschaltung der Kernkraftwerke bedeutet für den Klimaschutz erst mal einen Rückschritt.

SPIEGEL: Die Bundesregierung prüft, ob sie die Stromversorger zwingen könnte, alte und unrentable Kraftwerke als Reserve am Netz zu halten, um die Versorgung sicherzustellen. Würden Sie dies akzeptieren?

Terium: Prinzipiell ist eine solche politische Initiative richtig. Die betroffenen Betreiber müssten allerdings eine angemessene Vergütung für den Betrieb dieser unrentablen Reservekraftwerke erhalten.

SPIEGEL: Für viele Politiker ist RWE so etwas wie der böse Bube der Energiewirtschaft. Mit seinen Braunkohlekraftwerken stößt RWE mehr CO2 aus als irgendein anderes Unternehmen in Europa. Fühlen Sie sich wohl dabei?

Terium: Ja, denn wir sind auch einer der größten Investoren in erneuerbare Energien. Außerdem produzieren wir den Strom doch nicht zu unserem Vergnügen. Unsere Braunkohlekraftwerke sind in der Lage, den von der Industrie dringend benötigten Grundlaststrom zu akzeptablen Preisen zu erzeugen. Wir sind sehr froh, dass wir sie in unserem Portfolio haben. Mit ihnen verdienen wir auch noch Geld, was nicht ganz unbedeutend ist.

SPIEGEL: Bedeutet dies, dass RWE weitere Milliarden in neue Braunkohlekraftwerke investiert und damit auf Jahre der größte Klimakiller in Deutschland bleibt?

Terium: Ich finde diese Wortwahl völlig unangebracht. Wir ersetzen alte, bestehende Kraftwerke aus den fünfziger und sechziger Jahren durch neue, die über deutlich höhere Wirkungsgrade verfügen. Damit entlasten wir die Umwelt. Und vielleicht sind wir in Deutschland irgendwann noch einmal froh, wenn wir bei weltweit steigenden Rohstoffpreisen auf einen heimischen Energieträger wie die Braunkohle zurückgreifen können. Umweltschutz ist eine Anforderung an die Energieerzeugung. Aber die Versorgungssicherheit ist ebenfalls wichtig.

SPIEGEL: Das Geschäft von RWE basiert bislang vor allem auf Kohle und Kernkraft. Für Kernkraft haben Sie den Ausstieg beschlossen, Kohlekraftwerke sind aus Umweltschutzgründen umstritten. Wo bleibt da die Perspektive für RWE?

Terium: Das Bild, das Sie von RWE malen, ist falsch. RWE besteht längst nicht mehr aus Kohle und Kernkraft. Wir haben schon 2008 die RWE Innogy gegründet, eine Tochter, die den Bereich regenerative Energien ausbaut. Wir sind jetzt, 2012, der größte Investor für Windkraftanlagen onshore in Deutschland und werden der erste mit einem Windpark offshore in der Nordsee sein.

SPIEGEL: Selbst Kapitalanleger, denen es vor allem um ordentliche Renditen geht, kritisieren, dass RWE zu wenig in erneuerbare Energien investiert. Auf der letzten Hauptversammlung attackierte Union Investment den Vorstand deshalb.

Terium: Natürlich würden wir gern noch mehr in erneuerbare Energien investieren, aber wir können nicht mehr Geld ausgeben, als wir einnehmen. Vergangenes Jahr wurde unser Ergebnis mit 1,3 Milliarden Euro belastet, weil die Bundesregierung den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen hat. Das Geld ist weg. Außerdem fordern die Rating-Agenturen einen geringeren Verschuldungsgrad. Der Spielraum für Investitionen ist begrenzt.

SPIEGEL: Haben Sie nicht auch die Schwierigkeiten beim Aufbau von Offshore-Windkraftanlagen unterschätzt? Der Windpark, den Sie bauen, wird einige Jahre später fertig, als die Energieindustrie der Bundesregierung zugesagt hat.

Terium: Wenn Sie uns dies vorwerfen, müssen Sie auch über die Bedingungen sprechen, unter denen wir arbeiten. Die ersten Windparks vor der britischen Küste stehen in 10 bis 15 Metern Wassertiefe. In Deutschland muss man über das Wattenmeer hinausgehen und fängt erst bei 30 Meter tiefem Wasser an. Beim Bau dieser Offshore-Windkraftanlagen weiß man nicht, welche Herausforderungen auf einen zukommen. Es ist ein Experiment. Es ist wie der erste Flug zum Mond.

SPIEGEL: Das wussten Sie schon vor dem Start. Dennoch haben die Energieversorger der Bundesregierung versprochen, jährlich ein Gigawatt Stromerzeugungskapazität vor den deutschen Küsten zu bauen. Das ist nicht geschehen.

Terium: Wir wollen dies ja erreichen. Aber es gibt Verzögerungen, für die wir nicht verantwortlich gemacht werden können: Die Genehmigungsverfahren kommen nicht voran. Die Lieferanten können nicht schnell genug liefern. Es gibt nicht genügend Spezialschiffe für die Installation. Wir haben deshalb sogar zwei Schiffe bauen lassen. Daran sehen Sie, wie wir kämpfen, um voranzukommen.

SPIEGEL: Jetzt droht ein weiteres Problem: Das Netz zum Anschluss des Windparks wird nicht rechtzeitig fertig.

Terium: Tatsächlich hat der zuständige Netzbetreiber Tennet uns gerade mitgeteilt, dass es weitere massive Verzögerungen beim Anschluss unseres Offshore-Windparks Nordsee Ost gibt. Damit ist die Wirtschaftlichkeit des Windparks extrem gefährdet. Wir fordern die Bundesregierung auf, mit uns und den anderen Investoren über die Lösung des Problems und einen wirtschaftlichen Ausgleich zu reden. Wenn dies nicht geschieht, werden die deutschen Offshore-Planungen bis zum Jahr 2020 nicht mehr erfüllbar sein. Und viele der eigentlich für Deutschland geplanten Parks werden dann in England gebaut werden.

SPIEGEL: Sie drohen mit Baustopp?

Terium: Nein. Ich stelle nur fest, dass wir Milliardeninvestitionen tätigen, aber die zugesagten Netzanschlüsse nicht vorhanden sind. Das heißt, wir können nicht produzieren, kein Geld verdienen und die Investitionen nicht in der vorgesehenen Zeit wieder einfahren. Das kann ich unternehmerisch nicht verantworten.

SPIEGEL: Unabhängig von den Offshore-Windparks ist der Anteil der erneuerbaren Energien bei RWE auch sonst gering, in Europa liegt er derzeit bei sechs, in Deutschland bei drei Prozent. Da können Sie nicht sagen, RWE habe vorausschauend in regenerative Energien investiert.

Terium: Wir sind zwar spät gestartet, holen aber massiv auf. Wir haben ein klares Ziel: Bis zum Jahr 2020 wollen wir einen Anteil von 20 Prozent an erneuerbaren Energien haben. Unser Geschäft ist nun mal ein langfristiges. Wenn die Marktentwicklung einfach vorhersehbar gewesen wäre, warum sind dann nicht schon fünf andere Energieversorger groß in den Markt eingestiegen?

SPIEGEL: RWE will jetzt auch in die Photovoltaik investieren. Ihr Vorgänger Großmann lästerte noch, Sonnenstrom in Deutschland zu erzeugen sei so sinnvoll wie "Ananaszüchten in Alaska". Warum steigen Sie in die Ananaszucht ein?

Terium: Weil die Regierung die Ananaszucht in Deutschland fördert. Als Steuerzahler kann ich traurig darüber sein, dass dort Geld verschwendet wird. Spanien hat zweimal so viel Sonnenstunden wie Deutschland. Dort könnte man für das eingesetzte Kapital die doppelte Menge Energie erzeugen. Als Unternehmer kann ich nur sagen, dann lasst uns etwas Vernünftiges daraus machen. RWE hat 25 Prozent kommunale Eigentümer und Partner, von denen uns viele fragen, ob wir mit ihnen gemeinsam einen Solarpark bauen. Dieses Geschäft forcieren wir.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass der Zeitplan der Bundesregierung für den Atomausstieg einzuhalten ist und Deutschland 2022 genug grünen Strom produziert, um die restlichen Meiler abschalten zu können?

Terium: Die Ziele sind ambitioniert, aber wir wollen dazu beitragen, dass die Energiewende auch wirtschaftlich ein Erfolg wird. Die Kanzlerin hat das Thema Energiewende jetzt dahin geholt, wo es hingehört: in das Kanzleramt. Bislang hatte man das Gefühl es gibt nicht eine Energiewende, sondern 16, weil jedes Bundesland seine eigene Planung machte. Das will Frau Merkel nun ändern. Damit gibt es eine realistische Chance. Allerdings sind die Probleme immer noch gewaltig.

SPIEGEL: Wo hakt es?

Terium: Nehmen Sie doch nur die Frage der Stromtrassen. Jeder Umweltverband kann gegen die Strecken Klagen und Widerspruch einlegen, was die Sache extrem verlangsamt.

SPIEGEL: Sie haben kein Verständnis für besorgte Bürger?

Terium: Doch, aber einen Tod muss man sterben in dieser Frage. Wenn man keine Kernkraft in Deutschland will, muss man zumindest die Leitungen akzeptieren, die wir zum Transport von Windstrom benötigen. Anders geht es nun einmal nicht.

SPIEGEL: Im Foyer der RWE-Zentrale, in der wir hier sitzen, ist uns ein Spruch aufgefallen. "Technik muss grausam sein, wenn sie sich durchsetzen will." Ist dies Ihr RWE-Motto?

Terium: ( lacht ) Nein, dieser Spruch ist nicht von uns. Ich bin persönlich auch ganz anderer Meinung. Es ist die Sicht eines Künstlers, der bei uns eine Ausstellung hat. Künstler müssen provozieren und Diskussionen anstoßen. Mit solchen Außenansichten müssen wir uns als Unternehmen auseinandersetzen. Das bringt uns weiter, auch wenn uns die Ansichten nicht immer gefallen.

SPIEGEL: Herr Terium, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(*) Das Gespräch führten die Redakteure Frank Dohmen und Dietmar Hawranek.

DER SPIEGEL 26/2012
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