25.06.2012

KONZERNEGutes tun, gut verdienen

Die Schweiz hat sich zum Handelszentrum für globale Rohstoffriesen entwickelt. Kritiker halten die Geschäfte der verschwiegenen Branche für unmoralisch.
Der Mann, der allein rund zwei Drittel zum Steueraufkommen seines Wohnorts beiträgt, steht morgens oft um fünf Uhr auf, geht joggen oder schwimmen und dann zur Arbeit, von der er spät heimkehrt. Seine eckige Villa in einer Seitenstraße fällt mit ihrem braunen Anstrich nicht unangenehm auf in dem Postkartenidyll, welches das Örtchen Rüschlikon am Zürichsee zu bieten hat. Eigentlich ist Ivan Glasenberg, Chef des Rohstoffriesen Glencore, also ein angenehmer Nachbar.
Er ist auch nicht der einzige Reiche unter den 5200 Einwohnern des Ortes, hier wohnen etliche Manager, Banker und sogar ein griechischer Reeder. Aber der Glencore-Chef konnte sein Vermögen im vergangenen Jahr durch den Börsengang seines Konzerns, der ihm zu 16 Prozent gehört, vervielfachen. 290 Millionen Euro Steuern musste Glasenberg deshalb umgerechnet an die Gemeinde und den Kanton bezahlen.
Nach dieser gigantischen Überweisung des in Südafrika geborenen Neubürgers konnte Rüschlikon den ohnehin schon niedrigen Einkommensteuersatz um mehrere Prozentpunkte absenken. Doch nicht alle Mitbürger sind darüber glücklich. "Während wir uns überlegen, wohin mit dem Geld, verrecken dafür anderswo die Leute", sagt Dorfpfarrer Josip Knežević unverblümt.
Der Kroate mit dem grauen Pferdeschwanz ist stolzer Besitzer einer roten BMW R80 und hat auch sonst nichts gegen ein bisschen Wohlstand einzuwenden. Trotzdem unterschrieb er die Initiative "Solidarität Rüschlikon", die die massiven Steuersenkungen im Ort verhindern wollte und stattdessen eine Art Soli für Entwicklungshilfe forderte. Für Knežević sind Glencores Geschäfte "amoralisch", die Profite daraus könne man nicht so einfach akzeptieren.
"Alle großen Kulturen haben den Zeitpunkt erreicht, wo sie pervers wurden und kollabierten", sagt der Theologe düster - und meint damit nicht nur das Örtchen Rüschlikon.
Ausgerechnet die rohstoffarme Schweiz ist in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Zentren der globalen Rohstoffindustrie mutiert. Hier finden die Konzerne optimale Steuerkonditionen, wohlwollende Behörden und ein Heer von Anwälten und Bankern, die auf die Bedürfnisse der zahlungskräftigen Branche spezialisiert sind.
15 bis 25 Prozent des globalen Handels mit Erz, Kupfer, Öl oder Agrarprodukten bestreiten Unternehmen wie Glencore mittlerweile von der Schweiz aus. Die Nettoeinnahmen der Industrie haben sich zwischen 1998 und 2010 verfünfzehnfacht.
Befürworter sehen in der neuen Boombranche eine Art Ersatz für das längst nicht mehr florierende Bankengeschäft, Kritiker fürchten um den ohnehin angeschlagenen Ruf ihrer Heimat. "Über Jahrzehnte hatten wir das Image als weltweiter Zufluchtsort für Kleptokraten und Steuerhinterzieher. Jetzt räumen wir damit gerade auf - und folgen schon dem nächsten zweifelhaften Geschäftsmodell", sagt der Strafrechtsprofessor Marc Pieth, der bei der OECD die Arbeitsgruppe für Bestechungsfragen leitet.
Glencore, eines der weltweit größten Handelsunternehmen seiner Art, hat seinen Hauptsitz nur wenige Kilometer von Rüschlikon entfernt, in einem kleinen Städtchen namens Baar, das sich rühmt, "eine der steuergünstigsten Gemeinden der Schweiz" zu sein. Von hier aus lenkt Konzernchef Glasenberg ein in 40 Ländern aktives Imperium mit einem weiten Netz an Tochterfirmen und Beteiligungen in aller Welt. Das Unternehmen kontrollierte schon 2010 rund 60 Prozent des freien Zinkmarktes, 50 Prozent des zugänglichen Kupfer- und 45 Prozent des freien Bleimarktes. 2011 machte Glencore 4,3 Milliarden Dollar Gewinn, der Umsatz stieg seit 1993 von 21 Milliarden auf 186 Milliarden Dollar.
Und Glasenberg will weiter wachsen. Derzeit bastelt er an einer Fusion mit dem Minenbetreiber Xstrata, dessen Zentrale nicht weit entfernt von seinem Büro liegt. Gelingt der Plan, entstünde ein Gigant mit 80 Milliarden Dollar Börsenwert. Damit wäre das Unternehmen wertvoller als Goldman Sachs oder Volkswagen.
Dass Konzerne wie Glencore trotzdem sehr viel weniger bekannt sind, liegt daran, dass die Branche sich verschwiegen gibt wie kaum eine andere.
So ist etwa Genf, die mondäne Metropole in der französischsprachigen Schweiz, ohne große Beachtung durch die Weltöffentlichkeit zum wichtigsten globalen Handelsplatz für Weizen, Kaffee, Zucker oder Baumwolle geworden. Als Dreh- und Angelpunkt des weltweiten Rohölgeschäfts hat die Stadt mittlerweile sogar London als wichtigsten Standort abgelöst.
Etwa jedes dritte Barrel (159 Liter), das irgendwo auf der Erde verkauft wird, geht durch die Bücher eines der Handelshäuser, die hier ihren Sitz haben. Vitol und Trafigura heißen die beiden wichtigsten Unternehmen, ihre Mitarbeiter sitzen in ähnlich schmucklosen Bürobauten, wie man sie auch im Kanton Zug überall findet. Zusammen erzielte das Genfer Unternehmens-Duo 2011 gut 400 Milliarden Dollar Umsatz, das entspricht etwa dem Bruttoinlandsprodukt Österreichs.
Die Händler agieren im Prinzip wie Logistikunternehmer: Sie liefern den Rohstoff vom Ort der Produktion dorthin, wo die Ware verbraucht wird. Dazu unterhalten sie Hafenterminals und Lager, sie chartern Tanker und dirigieren diese über die Weltmeere - es ist ein kostenintensives Geschäft.
Vitol zum Beispiel hat auf den Ozeanen zu jeder Zeit mehr als 200 Schiffe im Einsatz. Beim derzeitigen Ölpreis von knapp 100 Dollar pro Barrel bindet ein einziger dieser Supertanker, der rund zwei Millionen Barrel transportieren kann, fast 200 Millionen Dollar.
Auf solche Finanzierungen haben sich Institute wie BNP Paribas, Crédit Agricole oder Credit Suisse spezialisiert; sie unterhalten in ihrer Genfer Niederlassung eigene Rohstoff-Teams. Zu ihnen gesellen sich weitere Berufsgruppen: Anwälte, Versicherer, Reeder, Spediteure, Warenprüfer und eine Vielzahl an Beratern. Die Schweiz habe eine sehr gute Infrastruktur, lobt auch Glencore-Chef Glasenberg, außerdem sei seine neue Heimat "so sicher wie Disneyland".
Nicht zuletzt hat das Land aber einen weiteren entscheidenden Standortvorteil: wohlwollende Steuergesetze. Die meisten Schweizer Rohstoffhändler firmieren als "gemischte Gesellschaften", die mehr als 80 Prozent ihres eigentlichen Geschäfts im Ausland machen und dabei nur auf Teile der Gewinne Steuern bezahlen. Alles in allem liege die Abgabenlast je nach Kanton bei etwa 10 bis 13 Prozent, heißt es bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. In Deutschland verlangt der Fiskus fast das Dreifache.
Üblicherweise haben die Schweizer Firmen Dutzende Töchter in aller Welt. So würden die Vorteile des Schweizer Idylls mit denen in Steueroasen wie den Bermudas oder den niederländischen Antillen verbunden, sagt Andreas Missbach, Steuerexperte der Nichtregierungsorganisation "Erklärung von Bern".
Missbach ist einer der Autoren des Buchs "Rohstoff: Das gefährlichste Geschäft der Schweiz", das in seiner Heimat derzeit für Furore sorgt. Die peniblen Recherchen in aller Welt etwa über die Arbeitsbedingungen von Minenarbeitern im Kongo oder auf Baumwollplantagen in Usbekistan haben eine hitzige Debatte ausgelöst, ob und wie die Schweiz die boomende Branche kontrollieren kann.
"Unternehmen wie Glencore schieben Gewinne und Kosten innerhalb ihres Konzerns hin und her - nämlich dorthin, wo möglichst geringe Abgaben entstehen", sagt Missbach. "Natürlich geht das auf Kosten von armen Ländern."
Glencore betreibt weite Teile seines Geschäfts in autoritär regierten oder hochkorrupten Ländern wie Äquatorialguinea, Kasachstan und dem Kongo. Konzernchef Glasenberg sieht sein Engagement vor Ort aber eher als eine Art Entwicklungshilfe denn als Ausbeutung. "Wir haben im Kongo Fußballstadien, Brücken und Krankenhäuser gebaut und außerdem Milliarden Dollar in unser Minen-geschäft investiert", sagt er. "Wir tun gute Dinge in diesen Ländern."
Anerkennung gibt es dafür derzeit wenig - im Gegenteil. Strafrechtler wie Pieth greifen die Branche scharf an: "In Ländern wie dem Kongo ist Korruption kaum vermeidbar", sagt er. Die kirchliche Organisation Fastenopfer wirft Glencore vor, in dem bitterarmen Land für seine Schmelzöfen Kupfer einzukaufen, das Kinder mit bloßen Händen aus der Erde kratzten. Die "Erklärung von Bern" moniert, dass Glencore in Sambia über eine Tochterfirma die Gewinne einer Kupfermine kleinrechne.
Bei Glencore wehrt man sich gegen solche Vorwürfe vehement und mit langen Statements. Die Steuerzahlungen in Sambia, wo sehr viel Geld investiert und Tausende Jobs geschaffen wurden, seien korrekt kalkuliert, und von Kinderarbeit profitiere man auch nicht, heißt es da. Glencore habe sogar weltweit gültige Sozial- und Umweltstandards entwickelt, die oft strenger seien als die lokalen Gesetze, wirbt Konzernchef Glasenberg.
Der einstige Profi-Geher mit dem schütteren dunkelbraunen Haar und dem herausfordernden Blick tritt mittlerweile häufiger in der Öffentlichkeit auf, um das Ansehen seiner Branche zu polieren. Denn die Rufe nach strengeren Regeln für ihn und seine Kollegen werden lauter. Die EU bekämpft nachdrücklich die großzügigen Steuerprivilegien der "gemischten Gesellschaften".
Mehrere Rechtswissenschaftler werben für die Idee, mögliche Verbrechen von Rohstoffunternehmen im Ausland auch in der Schweiz ahnden zu lassen. Bislang ist das nur bei schweren Verbrechen wie Sexualdelikten möglich, die Schweizer jenseits ihrer Heimat verüben.
Ob der Aufruhr am Ende tatsächlich in neue Gesetze mündet, ist allerdings fraglich. In Rüschlikon sind die Bemühungen der Branchenkritiker vorerst gescheitert. Mit ihrer Idee eines Entwicklungssolis ist die Initiative "Solidarität Rüschlikon" bei der entscheidenden Gemeindeversammlung abgeblitzt.
Dorfpfarrer Knežević sieht heute noch betrübt aus, wenn er von diesem Tag im Dezember berichtet. Die "Macht des Geldes" habe wieder einmal gesiegt, sagt er.
Von Alexander Jung und Anne Seith

DER SPIEGEL 26/2012
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