25.06.2012

IRANMedizin gegen die Lust

Im Internet boomt die Vermittlung von Ehepartnern auf Zeit. Eiferer und Feministinnen geißeln den bequemen Weg zu Ehebruch und Prostitution.
Parsa, auf Deutsch die Reine, ist eine Frau, die vielen Männern gefallen dürfte: groß, schlank, mit hübschem Gesicht und 20 Jahre jung. Vor allem aber ist Parsa sehr kontaktfreudig - und das ist in der nach außen hin sittenstrengen Islamischen Republik eher verpönt. Einen Partner, nicht unbedingt fürs Leben, sucht sie im Internet. Auf der Seite des Vermittlungsdienstes 2hamsan.com ist die junge Frau für Männer mit Interesse unter der Chiffre 0d51e3ce zu erreichen. Alles Weitere ist Verhandlungssache.
"Verlieb dich, auch wenn es nur für kurze Zeit ist", lautet das Motto einer ganzen Branche im Internet, die angeblich Heiratswillige vermittelt, in vielen Fällen aber wohl eher schnellen Sex. Bei mindestens 300 000 Prostituierten und etwa 30 Millionen Internetteilnehmern in Iran können die Betreiber auf Klick-Rekorde hoffen. Allein die Seite Ezdewaj.net verweist stolz auf Zehntausende registrierte Nutzer.
Überaus professionell bietet die angebliche "Hochzeit"-Seite auch weitreichenden Service: Unter "religiöse Beratung" sind Urteile von Geistlichen zu finden, die sich zu Lust und Laster äußern; zwischen greller Werbung für Handys und Telefonkarten stehen Warnungen vor "Schäden durch Selbstbefriedigung".
Die sogenannten Partneragenturen, von denen es wohl Dutzende gibt, profitieren nicht nur von der Armut und der Drogenabhängigkeit vieler Frauen und den ungestillten Bedürfnissen von noch mehr Männern, sondern vor allem von der staatlich abgesegneten Doppelmoral.
Einerseits kontrollieren Sittenwächter auch 33 Jahre nach der Revolution des Ajatollah Chomeini die strenge Kleiderordnung. Im Sommer riskieren Frauen im brütend heißen Teheran Verhaftung, Verhör und sogar Peitschenhiebe, wenn sie sich ohne züchtigen Mantel oder Kopftuch auf die Straße wagen. Schon bei lackierten Fußnägeln in Flipflops greift die Moralpolizei durch.
Andererseits legitimiert ausgerechnet eine Entscheidung des von Konservativen dominierten Parlaments den Ausbau des Internets zum Kontakthof. Vier Jahre hatten die Abgeordneten über eine Besonderheit des Eherechts diskutiert: die Sighe, die Ehe auf Zeit. Die Bindung gibt es nur im schiitischen Islam, dem die meisten der 78 Millionen Iraner angehören. Die Sighe ermöglicht es Paaren, denen das Geld zum Heiraten fehlt, eine sexuelle Beziehung einzugehen. Als Maximum gelten 99 Jahre, das Minimum ist eine halbe Stunde. Der für seinen Pragmatismus gerühmte Staatschef Ali Akbar Rafsandschani machte sich 1990 in einer vielbeachteten Rede für die Sighe stark: Den "sexuellen Instinkt" zu unterdrücken, dozierte er, sei "antiislamisch".
Gerecht ist die Regelung nicht. Mit dem Segen eines Mullahs kann ein Mann eine Frau befristet ehelichen, selbst wenn er verheiratet ist. Seine Partnerin hingegen muss unverheiratet sein. Ehebrecherinnen droht in dem Land, das so stolz auf seinen technologischen Fortschritt ist, wie zu Zeiten des Propheten die Todesstrafe. Wegen eines Seitensprungs sollte etwa Sakine Aschtiani in Täbris gesteinigt werden - eine weltweite Kampagne verhinderte es bisher.
Die Sighe genießt höchste religiöse Weihen. Schon Imam Ali, Schwiegersohn Mohammeds und Ahnherr der Schiiten, soll gesagt haben, es gebe keine bessere Medizin gegen die Lust. Mit der staatlich verordneten Prüderie nach dem Sturz des Schahs, zu dessen Zeiten das Teheraner Rotlichtviertel Schahre-No berüchtigt war, wurde die Sighe als religiöse Camouflage der Prostitution wiederentdeckt. Weil Huren die Straßen zurückerobert hatten, ließ der Staat "Anstandshäuser" bauen. Neben den verbrämten Bordellen stellten Mullahs Trauscheine im Akkord aus.
Nach der Reform der Familiengesetze im Frühjahr ist solcher Papierkram nur in Sonderfällen nötig - etwa weil die Frau im Falle späterer Schwangerschaft einen Vaterschaftskandidaten vorweisen will. Ansonsten genügt ein gemeinsames Bekenntnis zur "Genussehe", falls jemand nachfragt. Einst "unerlaubte Kontakte" von Pärchen im Park bleiben folgenlos. Es könnte ja Sighe sein.
Gegen die Entscheidung der fast ausschließlich männlichen Volksvertreter protestiert eine seltene Allianz aus Ultrakonservativen und Feministinnen. Die einen beklagen den Sittenverfall, die anderen sehen die Rolle der Frau weiter geschwächt. Der staatlich geförderte "Konkubinismus" sei die "Folge von Diskriminierung und Ungleichheit", erklärt die Feministin Asieh Amini auf der regimekritischen Website roozonline.
Wie lange Parsa und andere Heiratswillige ihre Angebote noch problemlos ins Netz stellen können, ist offen. Die Führung in Teheran dürfte zwar froh sein, wenn die Prostitution mit Hilfe des Internets von der Straße verschwindet. Doch das Regime versucht, das Netz "rein" zu halten. Mit modernsten Filtersystemen fahnden Cyber-Wächter nach kritischen Meinungen und oppositionellen Aufrufen oder auch nach Pornografie.
Experten arbeiten zudem daran, Iran ganz vom weltweiten Web abzukoppeln und eine Art landesweites Intranet einzurichten. In das "Halal"-Netz soll nur gestellt werden, was religiös und politisch "erlaubt" ist. Dazu gehört auch die Partnersuche für die Ehe auf Zeit. Manche Websites verweisen auf ihre Genehmigung durch das Erschad, das Ministerium für Kultur und islamische Führung.
Noch steht das Angebot von Parsa im Netz. Sie sucht eben einen Mann auf Zeit.
Von Nasrin Bassiri und Dieter Bednarz

DER SPIEGEL 26/2012
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