25.06.2012

Der Kern-Forscher

Von Hage, Volker

LITERATURKRITIK: Der Roman "Lieben" des Norwegers Karl Ove Knausgård ist Teil eines so gigantischen wie kühnen autobiografischen Schreibprojekts.

Linda soll es sein. Da ist sich Karl Ove sicher: Sie ist die Frau, mit der er zusammenleben und Kinder haben möchte. Er trifft sich mit ihr in Stockholmer Cafés, im Kino, bei Freunden, auch in ihrer Wohnung. Doch er wagt nicht, ihr zu gestehen, dass er sich in sie verliebt hat. Reden ist nicht seine Sache, Schreiben liegt ihm da schon mehr.

Also setzt er einen feurigen Liebesbrief auf, der jede Form von Tändelei ausschließt: "Für mich zählt nur alles oder nichts, du musst brennen, wie ich brenne. Wollen, wie ich will. Verstehst du das?" Er schickt den Brief nicht ab. Beim nächsten Treffen aber kann er ihr plötzlich all das sagen, was er aufgeschrieben hat.

Lindas Reaktion: "Kein Mensch hat mir jemals etwas so Schönes gesagt." Als sie ihn küsst, fällt er in Ohnmacht. Auch so kann eine Liebe dramatisch beginnen.

Linda, das ist die schwedische Schriftstellerin Linda Boström Knausgård. Und er der norwegische Autor Karl Ove Knausgård, 43, der im vergangenen Herbst in seiner Heimat den sechsten und letzten Teil eines kühnen Romanprojekts publizierte, dessen erster Band 2009 herauskam.

Der wie im Rausch geschriebene autobiografische Zyklus mit rund 4000 Seiten heißt im norwegischen Original "Min Kamp", die Einzelbände sind durchnummeriert von eins bis sechs. Die deutsche Übersetzung verzichtet auf einen Obertitel (schon gar auf diesen: "Mein Kampf") und verpasst den Bänden treffende Einzeltitel.

"Lieben" heißt der zweite Band, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Darin wird die Liebesgeschichte des heutigen Schriftsteller-Ehepaars Knausgård erzählt, das drei gemeinsame Kinder hat. Es ist keine erfreuliche Geschichte, so himmelhoch jauchzend sie auch begonnen hat, doch insgesamt weit weniger düster als jene des ersten Bands "Ster-

ben", in dem Tyrannei und Tod von Knausgårds Vater zum Thema wurden.

Der autobiografische Roman ist eine schillernde Form, grundsätzlich etwas anderes als die Autobiografie. Die will auf Konsistenz und Klarheit hinaus, tendiert zu schlüssiger und raffender Beschreibung des eigenen Lebens, aus dem Rückblick. Und das zumeist mit dem Anspruch auf Authentizität - auch wenn sich doch herumgesprochen haben dürfte, dass Erzählen und Erinnern immer auch Erfinden bedeuten.

Diese Probleme kennt der autobiografische Roman nicht. Er gibt gar nicht erst vor, ausschließlich Authentisches zu schildern. Was aber, wenn kein besonders aufregendes Leben zu erzählen ist, wenn bloß vom Alltag die Rede ist, von sterbenden Vätern, schwangeren Frauen, von Wohnungssuche und Zeitungslektüre?

In seinem autobiografischen Roman "Anton Reiser", einem frühen und meisterlichen Vertreter der Gattung, hat Karl Philipp Moritz 1785 klargestellt: Man dürfe sich an der "anscheinenden Geringfügigkeit mancher Umstände", die erzählt werden, nicht stoßen, da doch "dasjenige oft im Fortgang des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und unbedeutend schien".

In seinem Buch "Lieben" insistiert Knausgård in diesem Sinne auf penible Schilderung vom Kauf der Wickelkommode bei Ikea über den Geburtsvorbereitungskurs bis zur Geburt seiner Tochter. Er ist geradezu getrieben von dem Vorsatz, mit dem er das Romanprojekt begonnen hat, nämlich die Oberfläche zu vermessen, um die Tiefe darunter auszuloten: "Nur dorthin, zum Wesentlichsten, zum innersten Kern menschlicher Existenz würde ich mich bewegen."

Der Vergleich mit Marcel Prousts autobiografischem Mammutroman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" liegt nah, und Knausgård, der eine "übergeordnete Idee" für seinen Zyklus beansprucht, spielt auch darauf an. Doch stärker noch erinnert das Werk an die Romanfolge "Die Gnade eines wilden Stroms" des US-Autors Henry Roth aus den neunziger Jahren: Auch darin ist ein Schriftsteller dabei, sich selbst beim Schreiben zu beobachten, während er sich erinnert.

Karl Ove Knausgård schreibt in einer guten Tradition, und er schreibt brillant: Wie er über Seiten die Geburt seiner Tochter Vanja, den Dialog mit der qualvoll Gebärenden schildert, das ist wahrhaft gekonnt. Und sein Porträt von Linda, die nun Mutter wird, ist von einer Offenheit, die an jene Schonungslosigkeit grenzt, mit der der Autor sich selbst darstellt.

Der Abstand zu Norwegen, die Unkenntnis über den dortigen Literaturbetrieb, macht es für deutsche Leser gewiss leichter, die Indiskretionen zu übersehen, die im Heimatland des Autors hohe Wellen geschlagen und sicher dazu beigetragen haben, dass die in rascher Folge publizierten Bände dort zu Bestsellern wurden.

Gerade die geografische Ferne, da es eine historische ja noch nicht sein kann, verhilft dazu, den Band "Lieben" schlicht und einfach bloß als Roman zu lesen. Die Erzählkraft von Knausgård lässt die Frage nach dem autobiografischen Anteil ohnehin nebensächlich werden.

Karl Ove Knausgård: "Lieben". Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Literaturverlag, München; 768 Seiten; 24,99 Euro.

DER SPIEGEL 26/2012
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