25.06.2012

TRANSSEXUALITÄTKopf oder Körper

Alex wurde als Junge geboren und lebt als Mädchen. Jetzt eskaliert der Streit zwischen den Eltern darüber, welches Geschlecht ihr zwölfjähriges Kind haben soll. Richter, Ärzte und Jugendamt müssen klären, ob Alex zur Frau werden darf.
Ein Kind spielt im Park. Es schnappt sich einen Stock, schlägt auf Baumstämmen herum, ruft "bam, bam, bam". Schmutz klebt an seinen Schuhen. Das Kind entdeckt in den Büschen eine Höhle, rennt zwischen Ästen und Zweigen umher - wie Jungs eben spielen.
Dann setzt sich das Kind auf eine Bank und greift nach seiner Handtasche. Es zieht ein kleines Etui heraus und klappt es auf. Alex(*) betrachtet sich im Spiegel: Ihr glattes, langes Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trägt ein enges Kapuzenshirt, schwarze Leggins, darüber knappe Shorts. Sie ordnet sich die Haare, zupft ihr Oberteil zurecht. Dann springt sie auf und ruft: "Hola chicas!" Sie wirft die Hände in die Hüften. Alex spielt Topmodel. Der Parkweg ist ihr Laufsteg. Sie singt: "Touch me, come on and turn me on." Sie setzt ein Bein vor das andere, ihr Körper wippt im Takt des Lieds.
Alex ist als Junge geboren. Doch seit dem fünften Lebensjahr lebt sie als Mädchen. Seit der Grundschule trägt Alex einen weiblichen Namen, lange Haare, Kleider, Röcke. Freunde und Lehrer akzeptieren das, aber sie ließ ihnen auch keine Wahl. Fragt man sie, weshalb, sagt Alex nicht: "Weil ich ein Mädchen sein will." Sondern: "Weil ich ein Mädchen bin."
Die Mutter, bei der Alex lebt, sagt, sie habe oft probiert, an dem Kind etwas zu ändern. Es habe nie geklappt. Das Problem ihres Kindes, meint die Mutter, sei vor allem sein Körper.
Wenn der Vater von seinem Kind spricht, dann nennt er es "mein Sohn". Er will sich zu dem Fall nicht äußern. Die Eltern sind seit zehn Jahren getrennt. Der Vater möchte, dass von einem Psychiater geprüft wird, ob die Mutter dem Kind den Rollenwechsel eingeredet hat, bewusst oder unbewusst. Für den Vater liegen Alex' Probleme nicht im Körper, sondern im Kopf des Kindes.
In Deutschland gibt es nur eine Handvoll Ärzte, die sich auf dem Gebiet kindlicher Geschlechtsidentitätsstörungen auskennen. Kinderpsychiater, Sexualmediziner, Hormonexperten. Und in einigen wichtigen Fragen sind sie sich nicht einig: Wie früh kann man feststellen, ob ein Jugendlicher im falschen Geschlecht geboren wurde? Darf man mit Hormonen die Pubertät aufhalten und, falls ja, ab wann? Oder hilft gerade die Pubertät dabei, den eigenen Körper zu akzeptieren?
Alex' Vater und Mutter streiten schon so lange, dass man ihnen 2007 das Recht genommen hat, über die medizinische Behandlung ihres Kindes zu bestimmen. Nun müssen Richter, Mediziner, Sachverständige darüber entscheiden, ob Alex'
Körper zum Mann oder zur Frau werden wird. Sie müssen bald entscheiden, Alex ist vor kurzem zwölf geworden. "Wenn ich morgens aufwache", sagt sie, "ist meine Stimme manchmal schon ganz tief."
Ein Schultag im Frühling, auf dem Herd steht ein Topf Hähnchencurry. "Zeig die Fotos, Mama", ruft Alex. Sie steht in der Tür, den Rucksack noch im Arm. Die Mutter deckt den Tisch: "Jetzt setz dich erst mal."
Alex' Mutter, Anna Kaminski(*), ist eine große Frau mit braunem, lockigem Haar. Sie ist 41, arbeitete früher als Erzieherin in einem Kinderladen. Kaminski hat eine erwachsene Tochter aus erster Ehe.
Während Alex isst, holt Kaminski eine Schachtel Fotos aus dem Wohnzimmer. Sie nimmt einen Stapel Bilder, blättert, hält inne. Sie sagt: "Mein Junge." Auf dem Bild ist Alex etwa drei, trägt Jeans, einen grauen Sweater, die Haare sind braun und kurz. Das Kind hält ein Lego-Auto in der Hand.
Dann kommt dieses Foto, das Alex, noch immer mit kurzem Haar, aber im rosa Prinzessinnenkleid zeigt. "Das pinke Ornat", sagt die Mutter, und Alex, die jetzt neben ihr steht, lacht. "Nicht schreiben, wie Alex auf den Bildern geguckt hat", sagt die Mutter. Ob ihr Kind auf solchen Fotos lacht oder nicht, das werde vor Gericht wie ein Beweismittel behandelt. Sie sagt: "Auch der Vater hat Fotos."
Wer Alex' Fall betrachtet, der beschäftigt sich vor allem mit Rekonstruktionen. Mit Kinderfotos, mit Erinnerungen, mit den Gefühlen der Vergangenheit. Alex' Fall, das ist der Versuch Erwachsener herauszufinden, wann das Kind sich wohl, wann es sich unwohl gefühlt hat in seiner Haut. Wie echt sein Wunsch sein kann, ein Mädchen zu werden.
Mit Alex' Vater, einem Maschinenbauingenieur, hat Anna Kaminski im Jahr 2000 zunächst Alex bekommen, eineinhalb Jahre später kam noch eine Schwester auf die Welt.
Als Alex zweieinhalb war, erzählt die Mutter, saß er mit seiner Schwester in der Badewanne. "Alex sagte: ,Ich bin auch ein Mädchen.'" Die Mutter antwortete: "Nein, bist du nicht", und deutete zwischen seine Beine, "bei dir sieht das ganz anders aus da unten." Das Kind sagte: "Ich bin eben ein anderes Mädchen."
Als Alex vier war, rutschte ein Spielplatzfreund beim Spielen auf einer Stange ab. Er quetschte sich, ein Hoden musste abgenommen werden. Alex habe die Mutter damals gefragt: "Geht das bei mir auch?" Kaminski sagt, allmählich habe sie sich Sorgen gemacht.
Zu dieser Zeit habe Alex auch begonnen, sich Perücken zu basteln. An einen Haarreif der großen Schwester band sie rosa Zöpfe. "Ein Jahr vor der Schule", erzählt die Mutter, "habe ich gesagt: So wird das nichts. Die nehmen dich auseinander mit deinen Klamotten." Sie habe Alex die Haare noch kürzer geschnitten, ihr neutrale Kleidung angezogen, ging Ball spielen. "Alex hat sich nicht gewehrt. Ich dachte: Wow, so einfach ist das."
Nach einem knappen halben Jahr habe sich der Kinderladen gemeldet. Die Erzieherin berichtete, Alex rede kaum mehr. Die Mutter ging zu einer Psychologin. Die habe geraten: "Machen Sie die Mädchenkiste wieder auf." Nach einer Woche, sagt Kaminski, hatte sie ihr altes Kind wieder.
Über den Vater will Anna Kaminski nur sagen, dass er intelligent sei, aber auch perfektionistisch. Nach der Trennung im Jahr 2002 besuchten ihn die Kinder etwa alle zwei Wochen. Die Mutter berichtet, er habe Alex immer neue Kleidung zurechtgelegt, das Kind gebeten, sich umzuziehen, sobald es die Wohnung betrat. Kleider und Kettchen musste Alex abstreifen. Die Mutter fand das sehr streng, aber auch sie wusste nicht recht, wie es mit Alex weitergehen sollte.
Im dritten Lebensjahr weiß ein Kind normalerweise, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Passt diese Gewissheit nicht zum biologischen Geschlecht, spricht man von einer "Geschlechtsidentitätsstörung" (Gis). In Deutschland sind davon in jedem Geburtsjahrgang schätzungsweise 280 Kinder betroffen. Es gibt dazu nur wenige Studien, die aber sagen, bei vielen wachse sich die Störung aus. Etwa drei Viertel entwickelten eine homo- oder bisexuelle Orientierung. Einige Kinder aber, die Schätzungen schwanken zwischen fünf und zwanzig Prozent, blieben bei dem Wunsch, in das andere Geschlecht zu wechseln. Das Problem ist, herauszufinden, bei welchen Kindern das der Fall sein wird. Und zu welchem Zeitpunkt man diese Diagnose stellen kann.
Im Jahr 2006 standen die Eltern mit ihrer Tochter auf dem Campus der Charité in Berlin. Die Institutsgebäude sind in Reihen angeordnet, ein Parkweg führt daran entlang. Eine "Sprechstunde zur Geschlechtsidentitätsstörung bei Kindern" gibt es nur in Frankfurt am Main, in Hamburg und Berlin. Psychiater, Sexualmediziner, Hormonärzte haben sich zusammengeschlossen. Die Eltern waren froh, ein solches Angebot in ihrer Stadt zu finden.
Die Ärzte sprachen mit Alex, mit der Mutter, mit dem Vater. Anna Kaminski erzählt, sie habe die Beratung anfangs als hilfreich empfunden. Ihr Kind wurde als klug und aufgeschlossen beschrieben.
Dann aber redete ein Kinderpsychiater plötzlich davon, dass Alex unter Depressionen leide, sie solle einige Zeit auf die psychiatrische Station kommen. "Man hat mir gesagt, es wäre besser für mich, wenn ich einwillige", erinnert sich die Mutter. Kaminski fragte, wie die Diagnose zustande gekommen sei. Sie wollte wissen, wie man Alex auf der Station helfen wolle. Antworten, sagt sie, habe sie nicht bekommen: "Ich hatte kein Vertrauen in die Ärzte. Ich habe nein gesagt."
Die Wissenschaft kann nicht erklären, wie Transsexualität entsteht. Es gibt Vermutungen, der Fötus könne im Mutterleib hormonell beeinflusst werden. Dabei träten Störungen bei den Testosteron-Rezeptoren auf, das Gehirn wehrt sich gegen das männliche Hormon. Der Körper entwickelt sich derweil zum Mann. Experten nennen es das Harry-Benjamin-Syndrom.
Andere räumen der Psyche eine wichtige Rolle ein. Wie stehen die Eltern zum eigenen, zum anderen Geschlecht? Hasst der Vater Frauen? Die Mutter Männer? Gibt es Probleme, beim Kind eine Homosexualität zu akzeptieren?
2011 treffen sich die Eltern vor Gericht. Eine Richterin fragt: "Haben Sie eigentlich den Bericht?" Kaminski verneint. Die Richterin bittet den Vater, ihn ihr zu geben. Kaminski bekommt einen Stapel Papier in die Hände, 170 Seiten, gebunden.
Anna Kaminski kann jetzt zum ersten Mal nachlesen, worauf, wie sie vermutet, Ärzte, Jugendamt, Pfleger und Richter jahrelang ihr Urteil über sie gestützt haben. Alex' Vater hat den Bericht geschrieben, als er 2006 von einem Psychiater der Charité gebeten worden war, seine Eindrücke aufzuschreiben. Auf dem Deckblatt steht: "Beobachtungen aus Vatersicht".
Der Bericht ist aufgebaut wie eine wissenschaftliche Arbeit. Mit einem Vorwort, dreiseitiger Inhaltsangabe, sieben Kapiteln und einem Literaturanhang. Eingefügt sind farbig kopierte Kinderzeichnungen, Familienfotos, die der Vater kommentiert. Mit sechs Jahren zum Beispiel hat Alex einen Rockmusiker gemalt, der Kussmünder seiner Fans auf den Wangen trägt. Ist das ein erstes Anzeichen dafür, dass das Kind mit mehreren Zungen sprechen wird?, fragt sich der Vater. Weiter hinten hat er Symbolbilder in den Bericht kopiert: eine Uhr, deren Zeiger auf fünf vor zwölf stehen, oder einen Eisberg, dessen Ausdehnung unter Wasser für die seelischen Abgründe steht. Es ist viel von Unbewusstem und Verdrängtem die Rede.
Der Vater schreibt auch über das eheliche Liebesleben, geht auf die Kindheit seiner Ex-Frau ein. Kaminski hat in ihrer Familie sexuellen Missbrauch erfahren, hat sich ihrem Mann damit anvertraut. Sie hat sich deswegen therapieren lassen. Als erstmals der Verdacht aufkam, sie könne Alex deswegen beeinflusst haben, ging die Mutter erneut zu einem Psychologen. Manipuliert sie das Kind? "Die Therapeutin konnte nichts feststellen", sagt Kaminski.
Klaus Beier ist einer jener Experten, die dem Kopf in dieser Frage viel Platz einräumen. Als Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychoanalytiker hat er das Unterbewusste, das Verdrängte im Blick. An der Berliner Charité ist Beier, 50, Professor für Sexualmedizin und einer der Ärzte, die in der Sprechstunde, die Alex' Eltern besuchten, zu Rate gezogen werden. Dort hat man bis heute etwa 25 Fälle von Gis bei Kindern und Jugendlichen gesehen. Anna Kaminski sagt, Beier habe damals mit ihr gesprochen. Beier steht unter ärztlicher Schweigepflicht, er äußert sich nicht zu dem Fall. Worüber er spricht, das sind seine Erfahrungen mit Gis.
Beier sagt, dass es Menschen gebe, die von früher Kindheit an kein Zugehörigkeitsgefühl für ihr Geschlecht entwickeln könnten. Dass dieses Unbehagen eine eigene Stärke aufweise, die durch nichts zu beeinflussen sei. Er glaubt nur nicht, dass sich vor der Pubertät Gewissheit darüber erlangen lässt. Die Diagnose "Transsexualität" lasse sich bisher nur aus dem Verlauf selbst erschließen. "Es gibt kein Merkmal, das anzeigt, dass diese Entwicklung so eintreten wird."
Nach internationalen Klassifikationssystemen ist das auch nicht vorgesehen. Gemäß den Leitlinien der deutschen Kinder- und Jugendpsychiater darf ein Arzt erst nach vollendeter Pubertät des Patienten die Diagnose "Transsexualität" stellen. Wer allerdings derzeit nach diesen Leitlinien fragt, erhält sie mit einem roten Warnhinweis versehen. Darauf steht: "Gültigkeit abgelaufen. Wird z. Zt. überprüft." Wie weit die Pubertät vor einer Diagnose durchlaufen werden muss, ist umstritten.
Beier fürchtet, dass ein Jugendlicher, dessen Pubertät durch Hormone aufgehalten wird, keine Chance habe zu erleben, wie sich sein Körper angefühlt, wie er auf andere gewirkt hätte. In der Pubertät entstehe das wichtige Gefühl, zu erfahren, dass man akzeptiert werden kann, so wie man ist.
Für Beier ist es deshalb wichtig auszuschließen, dass ein Jugendlicher sich nur deshalb einen anderen Körper wünscht, weil er die eigene Homosexualität verleugnet. Er erzählt von einem 14-Jährigen, der in Begleitung seiner Oma in die Sprechstunde der Charité kam. Der sei intelligent, musisch begabt gewesen. Er habe zu masturbieren begonnen, in seinen Phantasien mit jungen Männern geschlafen. Für die Oma aber habe offensichtlich gegolten: bloß nicht schwul werden. Der Bericht einer Jugendzeitschrift über einen gleichaltrigen Jungen, der als Mädchen lebt und bereits weibliche Hormone erhielt, schien dem Jungen wie ein Ausweg aus seinem Dilemma. "Gucken Sie, Herr Professor: Das geht doch!", sagte er zu Beier. Was, fragt sich Beier, wenn man sich in einem solchen Fall irrt?
In Berlin hat sich nun eine Bezirksstadträtin eingeschaltet. Christa Markl-Vieto ist das Jugendamt unterstellt, das den Fall Alex verantwortet. Sie schlägt vor, Alex in einer Pflegefamilie unterzubringen und den Kontakt zwischen Mutter und Kind zu unterbinden. Sie möchte Bedingungen schaffen, unter denen das Kind ohne den Einfluss der Mutter klinisch begutachtet werden kann. Falls notwendig, ist sie bereit, der Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Tochter zu entziehen. Der Stadträtin scheint das ein guter Kompromiss zu sein. Anna Kaminski sagt: "Das ist ein Menschenexperiment." Sie wünsche sich seit Jahren zwei unabhängige Gutachten, eine ambulante Therapie für Alex. Sie ist bereit, deren Ergebnisse zu akzeptieren. Eine Pflegefamilie, eine Kontaktsperre aber komme für sie nicht in Frage.
Bernd Meyenburg, 62, ist Oberarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Frankfurt am Main. Seit fast 40 Jahren beschäftigt er sich mit Transsexuellen, seit 30 Jahren arbeitet er mit Kindern. 1987 hat er eine Sprechstunde in Frankfurt am Main eröffnet und seither rund 300 junge Patienten untersucht. Wie sicher kann man sein, ob ein Kind transsexuell werden wird? Meyenburg sagt: "Man kann das herausfinden, und zwar schon früh."
Auch Meyenburg kennt Patienten, die lieber zur Frau gemacht würden, als homosexuell zu sein. Nach seinen Erfahrungen aber könne man das sehr gut von einer transsexuellen Entwicklung trennen. Den Jungen, der bereits masturbierte, hätte Meyenburg wohl genau wie Beier eingeschätzt.
"Homosexuelle lehnen ihre Genitalien nicht ab", sagt Meyenburg. "Transsexuelle Patienten aber wollen nichts lieber, als sie loszuwerden." Diese Jugendlichen scheuten sexuelle Erfahrungen. Sie wollten ungern berührt werden, ihren Körper, den sie ablehnten, lieber ganz aus dem Spiel lassen.
Kann es in der Pubertät noch zum Sinneswandel kommen? Meyenburg hat Jugendliche gesehen, die sich auf die Probe gestellt haben, die zurückkamen und sagten: "Nein, ich bin nicht schwul", oder: "Nein, ich bin nicht lesbisch." Aber einen Patienten, der durch das Erleben der Pubertät Gefallen am eigenen Körper gefunden hätte? Nein, das hat Meyenburg in den 40 Jahren seiner Praxis noch nie gesehen.
Die Experten in Frankfurt, Hamburg oder Berlin tauschen sich aus über schwierige Fälle. Die Mediziner schicken sich wechselseitig Patienten, wenn sie eine zweite Meinung hören wollen. Bernd Meyenburg hat Alex untersucht, als sie acht Jahre alt war. Er sagt, über die Diagnose Gis habe Einigkeit bestanden. Nicht aber über die Entstehung.
Meyenburg hält die Idee, dass die Mutter das Kind beeinflusst haben könnte, für abwegig. Er kenne frühe psychoanalytische Theorien, wonach sich männliche Kinder über das Weiblichwerden besonders eng an die Mutter binden wollen. "Aber diese These gilt als widerlegt." In der Wissenschaft sei kein Fall bekannt, in dem Eltern ihr Kind dauerhaft dazu hätten bringen können, das Geschlecht wechseln zu wollen.
"Transsexualität bildet sich aus, egal wie konfliktreich oder konfliktarm die Familie ist", sagt Meyenburg. Alex habe in ihrem Leben ein eindeutig transsexuelles Verhalten gezeigt, gegen alle Widerstände, daran werde auch eine Trennung von Mutter und Kind nichts ändern. "Bei einem so klaren Fall lege ich meine Hand ins Feuer", sagt er. Er findet es nicht vertretbar, dass das Jugendamt Alex aus ihrer Familie nehmen will.
Alex steht in der Küche und wird ein wenig rot um die Wangen. Was sie fühlt, wenn sie daran denkt, dass sich ihr Körper bald verändern wird? "Horror", sagt sie und verschwindet in ihrem Zimmer.
Die ersten Härchen sprießen, die Stimme ist manchmal dunkler. "Tanner 2" nennen die Ärzte das Pubertätsstadium, in dem sie sich gerade befindet. Bald wird der Rest folgen: Stimmbruch, Adamsapfel, Wachstum von Penis und Hoden. "Tanner 3", "Tanner 4": Die Schultern werden breiter, das Gesicht wird kantig, härter. Bei "Tanner 5" ist der Mann biologisch erwachsen. Die Spuren dieser Entwicklung lassen sich später nicht mehr tilgen.
Meyenburg ist der Meinung, dass Transsexuelle diese Entwicklung nicht ganz durchlaufen müssen. Ab "Tanner 2", nach dem "ersten Biss der Pubertät", wie die Mediziner sagen, bekäme Alex von Ärzten wie Meyenburg Hormone empfohlen, die die Pubertät aufhalten. Später würden weibliche Hormone folgen. Mit der Volljährigkeit Operationen der Geschlechtsteile und der Brust.
In den Niederlanden ist eine Studie erschienen. Dort hat man 162 Patienten, die eine Hormonbehandlung erhalten hatten, über lange Zeit beobachtet. 160 von ihnen fühlten sich dauerhaft wohl in ihrem neuen Geschlecht. Nur zwei bereuten die Behandlung später.
Alex und ihre Mutter, beide lieben das Foto von Alex im rosa Prinzessinnenkleid. Und doch sind sie sich nicht ganz einig. Alex deutet auf das Foto und sagt zu ihrer Mutter: "Ich sehe da ein Mädchen, ganz klar." Die Mutter antwortet: "Nein, tut mir leid, ich sehe da meinen alten Alex."
"Du kannst dich bis heute nicht daran gewöhnen, oder?", fragt Alex. Die Mutter schüttelt den Kopf. "Nein. Wenn ich ehrlich bin, nicht."
(*) Name von der Redaktion geändert.
Von Kullmann, Kerstin

DER SPIEGEL 26/2012
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