25.06.2012

NUTZFAHRZEUGE

Bernhardiner der Bildung

Von Wüst, Christian

Der Bücherbus, ein Würdenträger der Lesekultur, wird zur bedrohten Art. Kann ihn die Verwandlung in einen mobilen Spielsalon retten?

Der größte Arbeitsspeicher der Stadtbibliothek Flensburg ist zwölf Meter lang und zehn Tonnen schwer. Er fasst nur einige tausend Werke, ist also ziemlich veraltet - auch in seiner Funktion als Omnibus.

Die letzte größere Fahrt unternahm der 26-jährige MAN zum diesjährigen Bibliothekartag nach Hamburg. Vor dem Eingang des Kongresszentrums trafen sich sieben regalbewehrte Nutzfahrzeuge zu einer Art kulturpolitischer Mahnwache.

Wer mag sich nicht verneigen vor den dieseldröhnenden Datenträgern? Sie schleppten "Pippi Langstrumpf" und "Tom Sawyer" durch Heide und Pfalz. Heute fliegt "Effi Briest" bei Bedarf aus der Internetwolke aufs Kindle-Lesegerät. Wartet da noch jemand auf den Bus?

Großflächig korrodiert, steht das Flensburger Gefährt beispielhaft für eine Branche in Existenznot vor dem Messegelände. Kaum war es abgestellt, sackte der Aufbau ab. Er kauert nun knapp über dem Asphalt wie ein gestrandeter Wal. Die Gummibälge der Luftfederung sind porös.

Dem Altfahrzeug entsteigt Diplom-Bibliothekarin Petra Herzig; sie leitet die Flensburger Fahrbücherei, kämpft derzeit für einen neuen Bus und gegen den Widerstand des örtlichen Kämmerers. Der Bücherbus, erklärt sie, diene Menschen, die noch weit weg sind von Kindle - den Kindern: "Er ist unser Schlüssel zu den Schulen."

Gastgeberin des Treffens ist Ingrid Achilles, Chefin des Bereichs Fahrbibliotheken der Bücherhallen Hamburg und als solche zuständig für zwei Busse. Einer bedient die südlichen Stadtteile des Harburger Raums, einer den Hamburger Südosten. Das sind mitunter problembehaftete Siedlungsräume - Gegenden, in denen die Kinder nicht Leopold und Konstantin heißen.

"Wir tragen Wasser in die Wüste", sagt Achilles. Die Fahrbibliotheken bedienen vormittags ausschließlich Schulen und Kitas, gut drei Viertel der Nutzer seien Kinder und Jugendliche. Manche kämen aus Familien, die kein Buch im Haus haben, "allenfalls den Koran".

Achilles hält inne. Sie sagt, es sei nicht im Sinne der Bücherhallen, die Busse so darzustellen, gleichsam als blecherne Bernhardiner im bildungsdienstlichen Katastrophenschutz.

Doch was sind sie sonst? Der Bremer Fahrbibliothekar Matthias Weyh steuert seinen Bücherbus häufig selbst durch den im Pisa-Ranking mehrmals als Krisengebiet ausgewiesenen Stadtstaat. "Da sind Drittklässler", sagt Weyh, "die nicht wissen, wie ihre Eltern mit Vornamen heißen."

Was bringt man diesen Kindern zu lesen mit?

Sein Bus, sagt Weyh, hat etwa 4000 Medien an Bord; davon bestehen gut 2800 aus bedruckten Seiten, der Rest sind CDs, DVDs und Spiele. Es mag eine schaurige Hoffnung sein, aber Nintendo könnte den Bücherbus retten. "Sie können das nicht ausklammern", sagt Achilles, "sonst kriegen Sie viele Kinder überhaupt nicht mehr."

Zum Hamburger Treffen erschien auch ein Ingenieur aus Finnland. Olli Aarnio, Vertriebsmanager beim Bücherbus-Ausstatter Kiitokori, sieht eine Entwicklung hin zum "Multimedia-Bus". Leutselig berichtet er von möglichen Bildschirminstallationen und Einsteckvorrichtungen für die gesamte Klaviatur modernen Daddelvergnügens.

Kiitokori ist mit einer Jahresproduktion von knapp 30 Bücherbussen Marktführer in Europa. Doch die Sorge am Produktionsort Kausala nordöstlich von Helsinki wächst. Der rollende Lesesaal alter Schule, fürchtet Aarnio, werde das Unternehmen nicht dauerhaft ernähren.

Als Leitmarkt für die Entwicklung des Medienkonsums gelten die USA. Dort nahmen die ersten Fahrbibliotheken mit Pferdekraft den Betrieb auf. Und dort beendet nun das Buch offenbar sein Dasein als papierener Gegenstand. In den vergangenen Monaten haben amerikanische Verleger erstmals mehr Umsatz mit elektronischen als mit gebundenen Büchern für Erwachsene gemacht. Den größten prozentualen Zuwachs verzeichnete der E-Buch-Markt für Kinder und Jugendliche - die Kernklientel der Bücherbusse.

Etwa die Hälfte seiner Produktion verkauft Kiitokori im eigenen Land. Noch hat der Pisa-Star Finnland die größte Dichte an Fahrbibliotheken in ganz Europa - nicht zuletzt weil der Staat dort eine flächendeckende öffentliche Versorgung mit Büchern vorschreibt: Auf 5,3 Millionen Einwohner kommen 220 Bücherbusse.

Deutschland hat für knapp 82 Millionen Einwohner nicht einmal die Hälfte dieses Bestands, mittlerweile aber immerhin eine zentrale Interessenvertretung. Zusammen mit einem Kollegen aus Celle hat der Bremer Bücherbus-Fahrer Weyh die Internetplattform fahrbibliothek.de eingerichtet. Sie dokumentiert die Misere.

Weyh präsentiert ein Kurvendiagramm. Es weist den Höchstwert von 155 aktiven Bücherbussen im Jahr 1996 aus. Momentaner Stand: 96. "Und wenn es schlimm kommt", sagt Weyh, "dann sind es zum Jahresende nur noch 90."


DER SPIEGEL 26/2012
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