02.07.2012

ZEITGESCHICHTE „Einzigartige Hassfigur“

Der DDR-Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski wird 80. In einem Buch bestätigt Egon Krenz, sein letzter Chef, dass Schalck nach dem Mauerfall Regierungschef werden sollte.
Muss man sich zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR noch an den "großen Alex" erinnern, jenen Mann, der als Honeckers Devisen-Zampano in die Geschichte einging? An Stasi-Oberst a. D. Alexander Schalck-Golodkowski, den sagenumwobenen Staatssekretär im Ost-Berliner Außenhandelsministerium und wichtigsten Westgeld-Beschaffer?
Schalck war neben Erich Honecker und dessen Wirtschaftssekretär Günter Mittag einer der Mächtigsten im Arbeiter-und- Bauern-Staat. Mit seiner Vita haben sich Staatsanwälte und Richter befasst, BND-Spezialisten horchten ihn aus, Parlamentsausschüsse untersuchten sein Wirken. 25 Milliarden D-Mark besorgte das Schalck-Imperium "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) für die darbende DDR, oft ging es dubios dabei zu, die Geschichten über Waffendeals, Häftlingsfreikäufe oder Antiquitätenschacher sind bekannt.
Und doch gibt es immer noch Neues über den 1,90-Meter-Mann zu erzählen, der nach der Flucht in den Westen, zwei Krebsoperationen und einem Schlaganfall an diesem Dienstag in der Nähe von Berlin seinen 80. Geburtstag begeht. Über jene "einzigartige Hassfigur", die "in der nationalen Ablehnung aktuell allenfalls noch von Margot Honecker" übertroffen werde, wie die Autoren eines Buchs behaupten, das diese Woche zum Schalck-Jubiläum erscheint(**).
Geschrieben haben es der Verleger Frank Schumann und der Chirurg Heinz Wuschech, der Schalck-Golodkowski 1974 kennenlernte, als der bereits zu Honeckers Bonn-Unterhändlern gehörte. Wuschech stellt damals im Keller von Schalcks Haus in der Berliner Manetstraße einen Hometrainer auf, damit der über Kreislaufprobleme klagende Staatssekretär sein Übergewicht abstrampeln kann - er, der Arzt, ist meist dabei, und bei dieser Gelegenheit unterhalten sich beide über Gott und die Welt.
Am interessantesten in diesem Buch sind Schalcks Familiengeschichte sowie Beginn und Ende seiner Karriere. Dass sein Großvater väterlicherseits höherer russischer Finanzbeamter in Gomel war und sein Vater Offizier der zaristischen Armee, bevor er vor den Bolschewiki floh und später die russische Dolmetscherschule der Wehrmacht in Berlin-Moabit leitete, gibt ihm eine exotische Note. Auch dass Schalck sein Berufsleben als Bäckerlehrling begann und es 1989, gleich nach dem Mauerfall, fast zum DDR-Ministerpräsidenten gebracht hätte, ist nicht alltäglich.
Die Frage, warum es nicht zu seiner Ernennung kam, befeuert bis heute allerlei Verschwörungstheorien. Schumann/ Wuschech zitieren Igor Maximytschew, den damaligen Gesandten der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin. Der behauptet, der Kreml habe sich früh Schalck-Golodkowski als Nachfolger von Ministerpräsident Willi Stoph ausgeguckt, er sei "eine gesetzte Größe" gewesen. Der Staatssekretär mit dem goldenen Händchen für jede Art von Kredit habe wie kein Zweiter exzellente Kontakte zu führenden Westpolitikern gehabt, er habe als hervorragender Organisator, verlässlich und verschwiegen gegolten und wäre die ideale Besetzung für den Posten gewesen - in einer Zeit, als der hochverschuldeten DDR das Wasser bereits bis zum Hals stand.
Dass es so war, wie der Russe erzählt, bezweifeln die Buchautoren. Fest stehe, dass die Idee von Schalcks Ernennung in Berlin geboren worden sei, in einer kleinen Runde um Egon Krenz. Krenz war am 18. Oktober 1989 Honeckers Nachfolger als SED-Chef geworden und kurz darauf auch Staatsoberhaupt. Schalck kenne "sich in der Ökonomie aus und im Umgang mit der BRD", so hatte Krenz gesagt. "Beides brauchen wir."
Krenz, jetzt noch einmal zu diesem Vorgang befragt, bestätigt: Ja, der Beschluss, Schalck zum Regierungschef zu machen, sei in einer Runde von "drei bis vier Leuten" gefallen. Doch die Kampagne, die kurz darauf in den Medien gegen ihn begann, "schloss das aus". So wurde am 13. November nicht Schalck, sondern der Dresdner SED-Bezirkssekretär Hans Modrow zum Ministerpräsidenten gewählt. Die Russen seien von Modrows Wahl "überrascht" worden, behauptet Maximytschew. Unsinn, sagt Krenz, er habe sie informiert.
Mit der "Kampagne" sind die plötzlich einsetzenden Berichte über Schalcks Imperium gemeint. War es gezieltes Feuer, das seinen Aufstieg verhindern sollte? Krenz ist davon überzeugt, und er glaubt, der SPIEGEL habe dabei eine tragende Rolle gespielt.
Tatsächlich ist es der SPIEGEL-Report "Fanatiker der Verschwiegenheit", der im November 1989 in der DDR Furore macht. In ihm ist von einem Konglomerat ostdeutscher Unternehmen die Rede, deren Vertreter bei fast allen West-Ost-Geschäften mitkassierten, von einem Netz illegaler SED-Tarnfirmen in Westeuropa und von Luxusgütern, mit denen Schalck die SED-Führungsriege versorge.
Der Bericht wird zwischen Rostock und Suhl von Hand zu Hand gereicht, er löst eine Welle des Volkszorns aus. Schumann/Wuschech schreiben, die Geschichte sei "absichtsvoll lanciert" worden, vom Westen. Krenz wiederum glaubt, es seien Genossen aus den eigenen Reihen gewesen, welche die Information von Schalcks bevorstehender Ernennung nach außen getragen hätten. Denn natürlich habe es "Neider in einem Imperium" wie dem von Schalck gegeben. Er denkt dabei aber wohl eher an Modrow, der den Aufstieg von Krenz offensichtlich missbilligte, und an den früheren Stasi-Spionagechef Markus Wolf.
Geschichte spielt sich oft banaler ab als gedacht, und so war es auch in diesem Fall. Den Schalck-Report hatten zwei SPIEGEL-Redakteure bereits im Jahr zuvor recherchiert, wie Blei lag er im Stehsatz herum, der damalige Chefredakteur hielt ihn für nicht zeitgemäß. Es gab anderes zu berichten ab Frühjahr 1989: über die Demonstrationen der DDR-Opposition und die Flüchtlingsströme nach Budapest und Prag. Als aber die Mauer fiel, war plötzlich alles gefragt, was die Agonie des Honecker-Staats einigermaßen zu erklären vermochte.
Bonn übrigens hatte kein Interesse daran, Schalck zu desavouieren, das belegt ein Anruf von Innenminister Wolfgang Schäuble in der Hamburger Redaktion. Er bat kurz vor Drucklegung des Artikels um Diskretion und riet von der Veröffentlichung ab: Man brauche Schalck noch im deutsch-deutschen Verhandlungsprozess. Die Redaktion hielt das nicht auf.
Schalck habe von nun an um sein Leben gefürchtet, bestätigt Krenz, das Buch liefert anschauliche Belege dafür. Am 30. November musste Wuschech mit einer Spritze in Schalcks Büro in der Berliner Wallstraße eilen, der Kreislauf des KoKo-Chefs war kollabiert. "Sie werden uns hängen", hatte Bauminister Wolfgang Junker kurz zuvor prophezeit, sicherheitshalber schloss Schalcks Ehefrau die Dienstpistole ihres Mannes weg.
Dass der sich dann mit ihr in der Nacht zum 3. Dezember nach West-Berlin absetzt, empfinden aber selbst die Genossen als Verrat. Es habe die festgelegte Alternative gegeben, Schalck solle sich "nach Wünsdorf in die Obhut der sowjetischen Streitkräfte begeben", bestätigt Wolfgang Schwanitz, einst Chef der Stasi-Nachfolgebehörde "Amt für Nationale Sicherheit". Mit seiner kopflosen Flucht habe er den Zerfall der DDR beschleunigt.
Schumann und Wuschech sagen, es sei "überfällig", das Bild vom eiskalten Schalck-Golodkowski zu korrigieren. Auch wenn viele ihrer Wertungen wegen ihrer politischen Blauäugigkeit ärgerlich sind: In diesem Punkt haben sie wohl recht.
Schalck-Golodkowski hat gemacht, was seit Gründung der rohstoffarmen und permanent klammen DDR Usus war: Er war der Material- und Geldbeschaffer für ein Land, dessen Wirtschaft ineffizient war und das unter dem Technologie-Boykott des Westens litt. Sich das Benötigte auf abenteuerlichen Umwegen zu beschaffen, notfalls per Schnellboot über die Ostsee und am Zoll vorbei, hatte Schalck von seinen Vorgängern gelernt.
Als die DDR unterging, wurden Männer wie er zu Bösewichten des SED-Regimes stilisiert, von den eigenen Genossen. Der Nachweis, Schalck habe Milliardenbeträge verschwinden lassen oder Spionage betrieben, wurde nie erbracht. Zweimal wurde er verurteilt, zu insgesamt 16 Monaten Gefängnis auf Bewährung - wegen eines Waffengeschäfts und illegalen Imports von Mikrochips, beides war mit einem Militärregierungsgesetz von 1949 nicht vereinbar.
Die Buchautoren lasten ihm anderes an: Schalck habe das Vermögen der DDR verschleudert und deren Waren unter Wert verkauft, allein um Devisen zu beschaffen, um jeden Preis. Damit habe er objektiv die Wirtschaft der DDR ruiniert.
(**) Frank Schumann, Heinz Wuschech: "Schalck-Golodkowski: Der Mann, der die DDR retten wollte". edition ost, Berlin; 192 Seiten; 12,95 Euro.
Von Neef, Christian

DER SPIEGEL 27/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 27/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
„Einzigartige Hassfigur“