02.07.2012

GLEICHBERECHTIGUNG

Hört mit dem Lügen auf

Von Sandberg, Britta und Schmitz, Gregor Peter

Anne-Marie Slaughter spricht über ihre Entscheidung gegen eine Karriere in Washington und für ihre Kinder sowie über die Debatte, die sie damit entfacht hat.

Anne-Marie Slaughter, Politikprofessorin an der Universität Princeton, arbeitete zwei Jahre lang, von 2009 bis 2011, als Chefin des Planungsstabes von Außenministerin Hillary Clinton im State Department in Washington. Die heute 53-Jährige war die erste Frau in dieser Position, so wie sie zuvor als erste Frau Dekan der Woodrow-Wilson-Schule für internationale Politik geworden war. Während sie in Washington arbeitete, kümmerte sich Slaughters Mann in Princeton um die beiden Söhne.

Vor zwölf Tagen veröffentlichte Slaughter einen Artikel im Monatsmagazin "Atlantic Monthly", in dem sie offen über ihre Entscheidung schrieb, ihre politische Karriere in Washington mit Rücksicht auf die Teenager-Söhne zu beenden: "Es war auf einem glamourösen Empfang mit dem Präsidenten und Mrs. Obama, ich trank Champagner und grüßte ausländische Würdenträger, aber ich konnte nicht aufhören, an meinen 14-jährigen Sohn zu denken, der einfach seine Hausaufgaben nicht machte."

Das Meinungsstück, in dem Slaughter unter der Überschrift "Why women still can't have it all" ("Warum Frauen immer noch nicht alles haben können") mit "Halbwahrheiten" und "Lügen" zur Vereinbarkeit von Karriere und Familie aufräumt, löste in den USA eine neue Feminismus-Debatte aus. Kritiker warfen Slaughter vor, die Ideale emanzipierter Frauen zu verraten oder eine reine Elitendiskussion zu führen. Bis vergangenen Freitag riefen über 1,1 Millionen Leser den Artikel online auf; er wurde 168 000-mal über Facebook empfohlen.

SPIEGEL: Wann haben Sie Ihre Söhne das letzte Mal gesehen?

Slaughter: Meinen jüngsten Sohn, 13, habe ich am Sonntag ins Ferienlager gebracht, meinen Ältesten, 15, habe ich zuletzt vor zwei Tagen gesehen, bevor ich für meine Arbeit nach New York fuhr.

SPIEGEL: Wie fühlt es sich an, von ihnen getrennt zu sein?

Slaughter: Ich war oft von ihnen getrennt, drei Monate nach ihrer Geburt habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Genau genommen habe ich nie aufgehört, ich bin Akademikerin, ich reise viel. Das ist Teil unseres Lebens, und da ich die Hauptverdienerin in der Familie bin, finden meine Söhne das ganz normal.

SPIEGEL: In Ihrem vieldiskutierten Artikel im "Atlantic Monthly" hört sich das anders an. Da schreiben Sie, Frauen sollten sich nicht länger vormachen, alles gleichzeitig haben zu können, Familie und einen anstrengenden Beruf.

Slaughter: Ich sage an keiner Stelle, dass Frauen nicht beides haben können. Aber es funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen, zum Beispiel wenn sie sich ihre Zeit besser einteilen können. Als Professorin konnte ich das viele Jahre lang. Es ist kein Zufall, dass es so viele Führungskräfte unter Akademikerinnen gibt. 50 Prozent der prestigeträchtigsten Universitäten in Amerika werden von Frauen geleitet.

SPIEGEL: Sie waren die erste weibliche Planungschefin im US-Außenministerium. Sie haben jahrelang den Standpunkt vertreten, wenn man nur wolle, dann gehe das auch. Bis Sie nach zwei Jahren in Washington den Dienst quittierten und nun öffentlich bekannten: Beides geht nicht, ein solcher Job und Kinder.

Slaughter: Irgendwann in dieser Zeit sind meine feministischen Überzeugungen ins Rutschen gekommen. Ich musste einsehen, dass ich den Job, von dem ich das ganze Leben lang geträumt hatte, nicht weitermachen kann, wenn ich meine Kinder kaum noch sehe. Während meiner Zeit in Washington kam ich mir oft so zerrissen vor, es war eine Phase, in der mich mein ältester Sohn sehr brauchte und ich gleichzeitig wusste, er wird nur noch fünf Jahre lang bei uns leben. Ich hätte nie erwartet, dass ich mich einmal gegen etwas, auf das ich mich die ganze Zeit vorbereitet hatte, entscheiden würde, gegen ein hohes politisches Amt und für die Familie. Und auf einmal konnte ich all die anderen Frauen verstehen, die diese Wahl vor mir getroffen haben. Seither weiß ich, dass wir etwas ändern müssen.

SPIEGEL: Viele junge Frauen, für die Sie ein Vorbild waren, haben Sie mit dieser Entscheidung enttäuscht. Ihr Artikel hat sehr harsche Reaktionen hervorgerufen. Hat Sie das überrascht?

Slaughter: Ich wusste, dass Feministinnen meiner Generation dieses Bekenntnis als Rückschritt empfinden würden. Ich verstehe sogar, wenn sie meinen, man dürfe so etwas nicht schreiben. Aber ich sage ja nur, dass das alte Konzept für junge Frauen nicht mehr funktioniert. Es hilft doch nicht, die vorhandenen Hindernisse zu ignorieren und weiterhin zu behaupten, "natürlich könnt ihr alles haben, es ist alles möglich". Das Ganze ist im Übrigen kein feministisches Problem, es ist ein gesellschaftliches.

SPIEGEL: Erhöhen Sie mit Ihrem Bekenntnis nicht den Druck auf Frauen, die nun erneut das Gefühl haben, sich entscheiden zu müssen, zwischen Familie und Karriere?

Slaughter: Die Reaktionen, die vielen Briefe, die ich bekomme, hören sich anders an. Krankenschwestern, Lehrerinnen, Polizistinnen schreiben mir und sagen zu 95 Prozent: "Danke, dass Sie endlich ausgesprochen haben, wie normal es ist, sich um seine Familie kümmern zu wollen. Ausgerechnet Sie, die Karrierefrau."

SPIEGEL: Sheryl Sandberg, Nummer 2 bei Facebook und eine der erfolgreichsten amerikanischen Managerinnen, beklagt hingegen fehlenden Ehrgeiz bei jungen Frauen und rät ihnen, "nicht den Fuß vom Gaspedal zu nehmen".

Slaughter: Sie hat mir in einer Mail mitgeteilt, dass sie froh ist, dass ich diesen Artikel geschrieben habe. Eigentlich wollen wir ja beide das Gleiche - eine Welt mit mehr Frauen an der Spitze. Sandberg sagt jungen Frauen: "Es kommt vor allem auf euch selbst an." Ich sage: "Natürlich kommt es auf euch an. Aber auch auf die Gesellschaft."

SPIEGEL: Was also muss sich ändern?

Slaughter: Wir brauchen andere Arbeitszeiten; Videokonferenzen, die Reisen ersetzen, und Phasen im Berufsleben, in denen man auch mal kürzertreten kann. Viele Mütter wünschen sich, an einem Tag in der Woche von zu Hause arbeiten zu dürfen. Oder um 17.30 Uhr nach Hause gehen zu können und später die Arbeit nachzuholen. Sheryl Sandberg tut das im Übrigen, um ihre beiden Kinder zu sehen.

SPIEGEL: Berufstätige Mütter fühlen sich oft wie Marathonläufer.

Slaughter: Mit dem Unterschied, dass Marathonläufer für ihre Ausdauer und Disziplin bewundert werden, Mütter nicht. Ein Marathonläufer wird sogar bei seinem Chef Anerkennung dafür finden, wie er das alles schafft - während Frauen immer unter Verdacht stehen, sich nicht vollständig auf ihren Beruf zu konzentrieren.

SPIEGEL: Weswegen viele verschämte Ausreden erfinden, wenn sie früher gehen müssen, um ihr Kind zum Arzt oder zur Klavierstunde zu bringen.

Slaughter: Das sollten wir zuerst ändern, das ist eine meiner Hauptforderungen: Hört mit dem Lügen auf. Redet darüber, wenn ihr Zeit für eure Kinder braucht. Tun Männer das, werden sie als besonders einfühlsame Väter bejubelt, bei Frauen ist das anders.

SPIEGEL: Sie fordern, dass Kinder und die Tatsache, dass man eine Familie hat, genauso anerkannt werden wie berufliche Auszeichnungen.

Slaughter: Ja, ich bestehe zum Beispiel immer darauf, wenn ich irgendwo eine Rede halte und vorgestellt werde, dass man auch meine beiden Söhne erwähnt. Es ist doch absurd, die zählen irgendwelche Auszeichnungen auf, die ich mit 20 bekommen habe, alle meine Karriereschritte, aber sie lassen die Tatsache, dass ich zwei Söhne habe, die mir das Liebste auf der Welt sind, einfach weg.

SPIEGEL: Welche Partner brauchen Frauen, um gleichberechtigt arbeiten zu können?

Slaughter: Eine der gängigen Halbwahrheiten lautet: Es ist alles möglich, wenn du nur den richtigen Mann heiratest, einen, der die Elternrolle maximal mit dir teilt. Das ist zwar unglaublich wichtig, aber es genügt nicht. Wir brauchen einen grundsätzlichen Wandel in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft.

SPIEGEL: Bei allen Veränderungen, die Sie einfordern, ist es nicht so, dass bestimmte Jobs wie der, den Sie in Washington hatten, einfach unvereinbar sind mit einem ausgeglichenen Familienleben, für Männer wie für Frauen?

Slaughter: Sicherlich, und das trifft hier in den Vereinigten Staaten noch mehr zu als in Europa, wo Familie einen höheren Stellenwert hat. Wir müssen deshalb darüber reden, was wir eigentlich wollen. Ich glaube, die meisten von uns, Männer wie Frauen, wollen Veränderungen. Trotzdem darf man sich nichts vormachen: Man kann nicht gleichzeitig über Jahre politischer Planungsdirektor in Washington sein und nebenbei noch eine erfüllte Mutter. Vielleicht gibt es einige wenige Menschen, die das schaffen, alle anderen müssen sich entscheiden, so wie ich es getan habe. Ich hatte diesen Job angenommen und ich war stolz, die erste Frau in dieser Position zu sein. Ich hätte weitermachen können und habe mich dagegen entschieden.

SPIEGEL: Und haben es nie bereut?

Slaughter: Ich teile mit meinen Söhnen jetzt ihr Leben, all diese kleinen, komischen Momente. Es ist eine enge, warmherzige Beziehung, nicht immer ohne Konflikte, so wie es eben ist mit Teenagern. Ich selbst hatte eine sehr enge Beziehung zu meinen Eltern, ohne sie wäre ich nicht die geworden, die ich bin. Ich möchte dasselbe mit meinen Söhnen erleben. Und jetzt bin ich, bei aller Arbeit, in einer Situation, in der ich das versuchen kann. Ich bin eine glückliche Frau.


DER SPIEGEL 27/2012
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