02.07.2012

IINSOLVENZENDie Millionen der anderen

Kurz vor der Pleite des Geldtransporteurs Heros soll die Sparkasse Hannover Millionen aus dem Unternehmen geräumt haben - auch Geld anderer Firmen.
Vielleicht sollte man einfach vorsichtig sein, wenn eine Bank sich selbst allzu gut findet. "Fair. Menschlich. Nah." will zum Beispiel die Sparkasse Hannover laut Eigenreklame sein. Aber eine Bank wäre vermutlich keine Bank, wenn sie nicht im entscheidenden Moment doch ans Geld denken würde - womöglich auch dann, wenn es dabei um Geld geht, das ihr gar nicht gehört, wie im Fall Heros.
Das Unternehmen war noch Anfang des Jahres 2006 das größte Werttransportunternehmen der Republik. Etwa 1500 Geldtransporter versorgten Handelsketten, Einzelhändler und Kreditinstitute täglich mit Bargeld oder holten die Einnahmen ab. Bis zum 20. Februar 2006, an dem das Unternehmen kollabierte.
Über Jahre hinweg hatten die Firmenchefs mit dem Geld ihrer Kunden nur noch die Millionenlöcher gestopft, die durch zu schnelles Wachstum, Kampfpreise und die persönliche Bereicherung eigener Manager entstanden waren. Am Schluss klaffte in der Heros-Kasse ein Loch von rund 400 Millionen Euro.
Dass es mit dem Geldspediteur zu Ende gehen würde, habe man auch bei der Sparkasse Hannover gewusst, erzählen neuerdings einst hochrangige Mitarbeiter der Sicherheitsfirma. Schließlich sei das öffentlich-rechtliche Geldhaus einer der Großkunden der Firma gewesen. Doch sie werfen der Bank vor, ihre Position damals ausgenutzt und noch Stunden vor der beantragten Insolvenz Millionen in bar im Heros-Cash-Center abgeholt zu haben. Darunter auch Geld, das angeblich gar nicht der Bank gehörte.
Glaubt man dem früheren Heros-Außendienstmitarbeiter Klaus M., so tauchten am Morgen des 20. Februar um exakt 8.30 Uhr plötzlich vier Sparkassenangestellte im Cash-Center in der Beckstraße auf, darunter der Leiter der Hauptkasse. Die Banker hätten daraufhin die von Heros verwahrten Gelder zurückgefordert - insgesamt rund 7,8 Millionen Euro.
Der Ex-Heros-Mann glaubt, die Rückholaktion sei von "ganz oben" angeordnet worden. "Während der Aktion hatten die Sparkassenleute quasi eine Standleitung zum Vorstand", erinnert sich ein anderer Heros-Mann. So sei beispielsweise auch gefordert worden, dass Heros-Transporter, die noch mit Sparkassengeldern unterwegs waren, nicht mehr das Cash-Center anfahren, sondern die Kassetten direkt in der Bankzentrale abliefern sollten.
Am Ende jedenfalls habe das Institut die geforderten 7,8 Millionen in Scheinen und Hartgeld erhalten und alles mit einem anderen Sicherheitsunternehmen wegschaffen lassen. Ein paar Stunden später meldete Heros Insolvenz an.
Es spricht einiges dafür, dass die Sparkasse bei der Aktion auch Bargeld anderer Heros-Kunden einsackte. "Ich musste alles an Geld zusammenkratzen, um deren Forderung zu erfüllen", sagt ein Heros-Mann, der im Tresorraum dabei war. Darunter eben auch Geld, das in den Tagen zuvor von Kunden aus dem Handel gekommen sei. "Das hat die Sparkasse billigend in Kauf genommen."
Die Sparkasse sagt, die Behauptung, ihre Mitarbeiter hätten fremde Gelder vereinnahmt, sei "unwahr". Die Bank habe das Recht gehabt, ihre Bestände bei Heros jederzeit auch unangemeldet überprüfen zu können. Davon habe man am 20. Februar auch "Gebrauch gemacht". "Bei der Überprüfung waren die Geldbestände von anderen Beständen separiert und gekennzeichnet."
Dem widerspricht ein Gutachten, das der Heros-Insolvenzverwalter Manuel Sack bei der Anwaltskanzlei Görling in Auftrag gegeben hat. Der Frankfurter Jurist hatte für Sack jahrelang in Sachen Heros ermittelt. Nun kommt Görling zu dem Schluss, dass es sich bei der Geldübergabe an Sparkassenbeschäftigte "um eine Vermengung von Scheingeld und Hartgeld aus insgesamt vier Quellen" gehandelt habe.
Neben Cash der Sparkasse eben auch "Handelsgelder, die im Zeitraum vom 15. bis 17. Februar von Heros-Mitarbeiten bei Heros-Kunden eingesammelt wurden". Im Klartext: Gelder von Rewe oder Tengelmann und Kleinkunden wie Volksbanken und Tankstellen. Wenn überhaupt, hätte die Sparkasse laut Görlings Gutachten nur mit allen anderen Betroffenen gemeinsam die Herausgabe der von Heros verwahrten Gelder verlangen dürfen.
Jedenfalls hat die Sparkasse bei der anschließenden Insolvenz keine Forderungen mehr angemeldet. Man hatte sich ja offenbar schon vorher bedient.
Warum aber rücken die Heros-Manager erst jetzt, mehr als sechs Jahre nach der Pleite, mit der Geschichte raus? Insolvenzverwalter Sack mutmaßt, dass in den letzten Tagen von Heros vielleicht der eine oder andere Mitarbeiter selbst noch mal im Tresorraum der Firma zugegriffen hat. Solche Aktionen wären womöglich inzwischen ebenso strafrechtlich verjährt wie die umstrittene Geldrückholaktion der Sparkasse. Es gäbe nichts mehr zu verlieren, stattdessen hofften die alten Heros-Recken offenbar auf eine Art Finderlohn.
Denn die Vorkommnisse vom 20. Februar 2006 könnten letztlich ein juristisches Nachspiel haben. So lässt etwa der Insolvenzverwalter der pleitegegangenen Drogeriekette Schlecker derzeit prüfen, ob er sich einen einstelligen Millionenbetrag zurückholen kann. Zumindest zwei weitere Handelskonzerne prüfen ebenfalls, ob damals vielleicht ihr Geld von der Sparkasse verschleppt wurde.
Von Susanne Amann und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 27/2012
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