02.07.2012

Geist gegen Geld

Von Schmitz, Gregor Peter

GLOBAL VILLAGE: Eine Buddhismus-Forscherin wollte verhindern, dass die Nobel-Uni Yale ihren guten Namen an Singapur verkauft. Sie scheiterte.

Für Mimi Yiengpruksawan gehört Sanftmut zum Beruf. Die Kunstgeschichtsprofessorin an der Yale University ist Expertin für Buddha-Darstellungen. In ihrem Büro hängen Bilder des milde lächelnden Religionsstifters.

Doch in den vergangenen Monaten erinnerte das Verhalten der Pädagogin eher an den ruppigen deutschen Reformator Martin Luther. Mimi Yiengpruksawan, 64, kämpfte für ihre Überzeugung: "Manchmal kann man nicht anders, man muss einfach ,stopp' sagen." So wurde sie zu einer Anführerin des "Frühlings von Yale", wie die "New York Times" mit mildem Spott schrieb, weil sie an der weltberühmten Uni in New Haven im Bundesstaat Connecticut eine Protestwelle mitorganisiert hatte, die ein wenig dem Arabischen Frühling ähnelte.

Erst hatte sie nur von Freunden gehört, dass ihre Alma Mater einen neuen Campus in Singapur eröffnen wollte. Es beunruhigte sie wenig, sie wusste schließlich, dass viele amerikanische Elite-Universitäten Ableger in Übersee gründeten.

Doch je intensiver sich Yiengpruksawan nach dem neuen Yale in Asien erkundigte, desto wütender wurde sie. Denn dort in dem kleinen Stadtstaat präsentierte sich nicht einfach, nach 300 Jahren amerikanischer Yale-Geschichte, der erste internationale Uni-Ableger mit dem in aller Welt bekannten Namen. Die Nutzung dieses guten Namens hatte sich die Universität vielmehr von einer ausländischen Regierung bezahlen lassen, so dass er künftig die neue Kaderschmiede in Singapur schmücke. Ausgerechnet Singapur.

Dort amtiert eine Regierung mit eigenen Vorstellungen. Die besten Elemente amerikanischer College-Ausbildung sollten sich, so sahen das Singapurs Hochschulpolitiker, in der neuen Uni mit asiatischen Werten verbinden.

Asiatische Werte? Yiengpruksawan ist mit einem Thailänder verheiratet, sie hat ein Jahrzehnt in Asien gelebt. Doch wenn sie "asiatische Werte" höre, sagt sie, "stellen sich meine Nackenhaare auf".

In Singapur - wirtschaftlich erfolgreich, aber von Staatsgründer Lee Kuan Yew zu einem autoritären Staat geformt - bedeuten diese Werte etwa, dass Schwule nicht schwul sein dürfen und kritische Autoren nicht kritisch. Drogenschmuggler bekommen die Todesstrafe, ohne Ausnahme. Wer Graffiti sprüht, muss mit Hieben auf den Hintern rechnen.

Der wichtigste Wert des Stadtstaats: Geld. Singapurs Staatsschatulle ist mit Hunderten Milliarden Dollar gefüllt, daraus lassen sich Bau und Personal der neuen staatlichen Elite-Uni leicht bezahlen - dazu offenbar die Lizenzgebühr.

Wie hoch diese Gebühr ist, haben Yales Administratoren bisher nicht verraten. Sie brauchen frisches Geld, seit das Anlagevermögen der Uni - wie das vieler US-Hochschulen - während der Finanzkrise zusammenschmolz. Das lukrative Projekt verhandelte Yale-Präsident Richard Levin beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Er hielt es nicht für nötig, seine Professoren in die Details einzuweihen.

Doch es waren die Hochschullehrer, die nach dem Preis fragten. Zwar haben Singapurs Politiker gelobt, ihre Studenten nach amerikanischem Vorbild auszubilden. Allzu frei dürfte es in Singapur allerdings nicht zugehen: Gerade erst hat die amerikanische NGO Freedom House den Stadtstaat beim Ranking der Pressefreiheit auf Platz 150 (von 197) verwiesen. Und Dozenten oder Studenten müssen mit Repressalien rechnen, sollten sie die Regierung öffentlich kritisieren.

"Singapurs Werte vertragen sich nicht mit denen Yales", sagt Yiengpruksawan. Die Professorin warnte Kollegen und wies darauf hin, dass britische und australische Unis die Zusammenarbeit mit Singapur zuvor abgelehnt hätten.

So laut wurden Yiengpruksawan und ihre Mitstreiter, dass Yale zu einer außerordentlichen Versammlung seiner Professoren lud. 200 Hochschullehrer drängten sich in einen der größten Hörsäle, Yiengpruksawan trug ihre Bedenken vor, sie war nervös. Wenige Meter vor ihr saß schließlich Uni-Chef Levin, der Singapur-Kritikern "moralische Anmaßung" vorhielt.

Schließlich verabschiedete die Mehrheit der Professoren eine Protestresolution. Sie forderten, liberale Werte, das Herzstück einer Yale-Ausbildung, dürften nicht geopfert werden. Singapurs Regierung zeigte sich "enttäuscht" über die Abstimmung.

Die Resolution hat Yale in Asien nicht aufgehalten. Seit dem 1. Juli ist der neue Uni-Rektor, ein Literaturwissenschaftler mit dem schönen Namen Pericles Lewis, dort im Amt, und Frau Professor Yiengpruksawan ist ziemlich enttäuscht darüber, wie viele ihrer Kollegen sich um einen Job am neuen Yale-Ableger beworben haben; 2013 sollen die ersten Kurse beginnen. Levin, Chef der Stammuniversität, soll bereits weitere Übersee-Unis planen, ein Campus im ebenfalls nicht besonders demokratisch regierten Golf-Emirat Abu Dhabi ist im Gespräch.

Doch Yiengpruksawan gibt nicht auf. Sie hat den Schwung des Protests genutzt, um bei der Uni-Leitung Debatten über ein Dozenten-Parlament anzustoßen, das es in Yale bisher noch nicht gab.

"Kommerzialisierung darf nicht länger ohne unsere Mitbestimmung möglich sein", sagt die Kunsthistorikerin. Denn worin, fragt sie, bestehe sonst der Unterschied zwischen Yale und Singapur?


DER SPIEGEL 27/2012
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