02.07.2012

UMWELT„Relikt aus der Feudalzeit“

Der Münchner Zoologe Josef Reichholf, 67, über die ökologischen Vorteile jagdfreier Gebiete
SPIEGEL: Nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte müssten deutsche Grundstückseigentümer die Jagd auf ihrem Land nicht mehr dulden. Ein überfälliges Urteil?
Reichholf: Unbedingt, das deutsche Revierjagdsystem ist ein Relikt aus der Feudalzeit, denn es beinhaltet die Herrschaft des Jägers über den Grund und Boden anderer. Bislang sind etwa Waldbesitzer gezwungen, die jagdliche Nutzung ihres Landes an eine Jagdgenossenschaft abzutreten, die das Revier dann an einen Jäger verpachtet. Diesen Anachronismus gibt es so nur in Deutschland und Österreich.
SPIEGEL: Wie ist die Jagd in anderen Ländern organisiert?
Reichholf: Das Wild gehört der Allgemeinheit. Schließlich geht es um freilebende Tiere, die niemand persönlich besitzt. In den USA etwa vergibt der Staat zeitlich stark begrenzt Jagdlizenzen für einzelne Tierarten - und verhindert über Abschussquoten, dass zu stark bejagt wird. Bei uns bleiben nicht einmal Nationalparks oder Naturschutzgebiete von der Jagd verschont. Die Jägerlobby in Politik und bei Gerichten ist einfach zu mächtig.
SPIEGEL: Was würde passieren, wenn viele Grundbesitzer die Jagd bei sich verböten? Würden die Wildschäden zunehmen?
Reichholf: Nicht unbedingt, eher gingen sie sogar zurück, denn durch Hegemaßnahmen wie Winterfütterung halten die Jäger die für den Abschuss attraktiven Wildbestände künstlich hoch. Während wenige Arten gepäppelt werden, wird das Raubwild viel zu stark dezimiert. Durch eine weniger intensive Jagd und jagdfreie Gebiete würden sich die Rehe und Rothirsche, die in den Wäldern Verbissschäden anrichten, mehr ins offene Land wagen. Zudem würden die Bestände auf ein natürliches Maß schrumpfen. Seltenere Arten würden profitieren.
SPIEGEL: Wer zählte zu den Gewinnern?
Reichholf: Hasen, die bei uns selten geworden sind, würden in jagdfreien Gebieten schnell entdecken: Hier gibt es Ruhezonen, in denen sie nur noch auf den Fuchs achtgeben müssen. Ähnliches gilt für Rebhühner oder Wachtelkönige. Aber ein zweiter Effekt ist mindestens ebenso wichtig: Das Wild würde in jagdfreien Zonen weniger scheu werden. Die Menschen könnten wieder aus der Nähe unsere heimische Tierwelt bestaunen. Es ist ein schönes Erlebnis, aus der Nähe einem Reh beim Äsen oder beim Säugen seines Kitzes zuzusehen, ohne selbst zu stören. Da schmelzen die Leute dahin.
SPIEGEL: Liegt es ausschließlich an dem Geballer der Jäger, dass Fuchs, Hase und Hirsch bei uns so scheu sind?
Reichholf: Leider ja. Wie zutraulich Wildtiere sein können, zeigt sich in Nationalparks in Afrika, Asien oder in den USA, wo nicht gejagt werden darf - und in deutschen Großstädten.

DER SPIEGEL 27/2012
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