02.07.2012

In eisigem Wasser

Von Voigt, Claudia

BUCHKRITIK: David Vanns unerbittlicher Ehe-Roman "Die Unermesslichkeit" über die Last der Liebe

Dies ist die Geschichte einer Ehe. Es geht also um enttäuschte Erwartungen, den Wunsch nach Liebe, um Misstrauen und um die Angst, etwas zu verlieren. Doch David Vanns Roman "Die Unermesslichkeit" ist zugleich viel mehr als das: Er gräbt sich in den Kopf und in das Herz seiner Leser, es ist eines jener seltenen Bücher, die die Antwort sind auf die Frage, warum wir eigentlich Literatur brauchen: weil ein Buch wie dieses uns die Welt anders sehen lässt.

Vor gut 30 Jahren sind Gary und Irene von Kalifornien nach Alaska gezogen. Eigentlich wollten sie nur ein paar Monate bleiben, eine Auszeit während des Studiums, zumindest haben sie sich das so eingeredet. In Wahrheit aber floh das Ehepaar vor Garys zu hohen akademischen Ansprüchen an sich selbst. Die beiden blieben, sie bekamen zwei Kinder, Gary arbeitete als Bootsbauer, Irene als Vorschullehrerin.

Doch auch am Ende der Welt kann sich niemand vor der Unzufriedenheit verstecken. Und auch nicht vor dem Unglück. Mittlerweile sind Gary und Irene Mitte fünfzig. Gary hat sich vorgenommen, auf Caribou Island, das noch ein wenig weiter am Ende der Welt liegt als ihr Zuhause auf dem Festland, eine Blockhütte zu bauen. Hier möchte er mit seiner Frau leben.

Wind und Regen erschöpfen die beiden, als sie die ersten Stämme auf ein Boot hieven wollen, um sie zur kleinen Insel zu bringen. Irene ist davon überzeugt, dass Gary diese Hütte nur aus einem einzigen Grund errichten möchte: um zu beweisen, dass sie seine Träume nicht unterstützt. Wäre es so, hätte er einen Grund, sie zu verlassen. Doch Irene ist fest entschlossen, ihn zu widerlegen.

Als Gary auf der Überfahrt zur Insel mit den sperrigen Stämmen kämpft, schöpft sie unermüdlich das eisige Wasser aus dem Boot. Da mühen sich zwei Men-

schen ab, die sich gleichzeitig furchtbar anstrengen, ihre Ehe zu retten, und sie dabei doch endgültig ruinieren.

Am nächsten Tag, wieder zu Hause, erwacht Irene mit rasenden Kopfschmerzen, die sie nie wieder loswerden wird.

Der Arzt vor Ort kann dafür keine Ursache finden. Nach ein paar Tagen sind Irene, Gary und ihre Tochter Rhoda im Auto auf dem Weg zu einem Spezialisten. Zum ersten Mal spricht Irene während dieser Fahrt über die Erinnerungsleere in ihrem Kopf, und der Leser, dem der Autor erlaubt, abwechselnd die Gedanken der Protagonisten zu teilen, erfährt, wie sie an dieser Leere leidet.

Langsam hat Irene ihre Erinnerungen freigelassen. Als sie zehn Jahre alt war und eines Tages aus der Schule nach Hause kam, fand sie ihre Mutter. Sie hatte sich erhängt. Wie ein Geschwür wuchert seitdem der Gedanke in Irenes Kopf, dass niemand sie jemals wieder verlassen darf. Irene kann sich an kaum eine andere Situation und kaum ein anderes Bild aus ihrer Kindheit erinnern als an die erhängte Mutter.

"Die Unermesslichkeit" ist auch deshalb ein so eindringlicher Roman, weil sich seine Themen zu verschiedenen Gedankenmustern zusammenfügen lassen, je nachdem aus welcher Perspektive man dieses Buch betrachtet. Doch es bleibt ein pessimistisches Buch.

Der amerikanische Schriftsteller David Vann, 45, erzählt von einer Ehe, von Mann und Frau, die sich gegenseitig in den Abgrund stoßen; und die gewaltige Natur Alaskas mit ihren schroffen Schluchten und kantigen Felsen ist dabei nicht nur Kulisse, sondern eine Metapher, die sich an jeder Stelle stimmig in die Erzählung fügt.

"Die Unermesslichkeit" ist auch ein Roman über die Frage, ob es ein Entrinnen aus familiären Mustern gibt. Die gerade 30 Jahre alte Tochter Rhoda ist gefangen in der Beziehung zu dem Zahnarzt Jim, immer wieder versucht sie, ihm einen Heiratsantrag abzuringen, und begibt sich in demütigende Situationen. Jim wiederum betrügt sie im gemeinsamen Haus mit einer Jüngeren, während Rhoda schläft. Der gleiche Kampf, die gleiche Anstrengung wie in der Ehe ihrer Eltern, und obwohl Rhoda deren Scheitern erlebt, wird sie von dem Wunsch beherrscht, geheiratet zu werden.

David Vanns Erzählen ist von archaischer Unerbittlichkeit. Er schreibt scharfe Sätze, die zu Herzen gehen. "Sie schlossen ihre Tagesarbeit ab, Gary, endlich aufmerksam, half ihr über den Bug ins Boot, behielt sie auf dem Rückweg im Auge. Sie versuchte zu lächeln. Danke, sagte sie im Motorenlärm, aber er hörte sie nicht, und sie konnte sich zu keinem zweiten Versuch aufraffen."

In Interviews hat der Autor offen darüber gesprochen, dass es in seiner Familie viele Selbstmorde gegeben hat. Er war 13, als sich sein Vater das Leben nahm. Und auch wenn Vanns Literatur weit über alles Autobiografische hinausreicht, kann wohl nur jemand mit dieser bitteren Erfahrung ein so pessimistisches Ende schreiben wie das Ende von "Die Unermesslichkeit". David Vann, der in Alaska geboren wurde und jetzt als Professor an der University of San Francisco lehrt, ist der seltene Glücksfall eines Schriftstellers, bei dem sich literarisches Vermögen und seelische Tiefe ergänzen.

David Vann: "Die Unermesslichkeit". Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Suhrkamp Verlag, Berlin; 352 Seiten; 22,95 Euro.

DER SPIEGEL 27/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 27/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

In eisigem Wasser