02.07.2012

LEGENDENDie Letzten ihrer Art

Sie lieferten den Sound zur sexuellen Revolution, zum Studentenprotest und zum Drogenrausch. Seit 50 Jahren tun die Rolling Stones Dienst, immer noch als die größte Band der Welt.
Mick und Keith, was soll man dazu sagen: zwei Helden, zwei Irre, zwei Untote? Der eine ein teuflischer Engel, der andere ein Gitarrist wie eine rauchende Lunte. Narziss und Totenkopf. Eines der großen Paare des 20. Jahrhunderts.
Sie passen im Grunde nicht zusammen, der ehemalige Student und der Arbeitersohn, der Geschäftsmann und der Selbstzerstörer. Gemeinsam veränderten sie den Lauf der Dinge.
Sie verkörpern das Helle und das Dunkle, das Hedonistische und das Dionysische unserer Zeit - ihre Geschichte erzählt davon, wie wir wurden, was wir sind. Im Kleinen: wie der Erfahrungsraum von Krieg, Not und Hunger ersetzt wurde durch den Erlebnisraum von Liebe, Spaß und Konsum. Im Großen: wie der Westen herrschte.
Und so ist ein Blick auf 50 Jahre Rolling Stones auch ein Blick auf das vergangene halbe Jahrhundert, das die Ära des Pop war. "Das Gesicht von Keith Richards", sagt der britische Historiker Simon Schama, "sagt mehr über das 20. Jahrhundert als jedes andere Dokument."
Alle Wut und alle Widersprüche haben sich in dieses Gesicht gegraben, die Schönheit, der Sex, die Verschwendung, die Gefahr. Es war eine tolle, es war eine harte Zeit. Manche haben überlebt, manche nicht, manche gerade so.
"Als ich mit den Stones fertig war, habe ich meinen Revolver in den East River geschmissen", sagt Marshall Chess. Er ist 70 Jahre alt und steht im 10. Stock seines Büros in einem denkmalgeschützten Art-déco-Wolkenkratzer in New York.
Chess war Geschäftsführer bei den Rolling Stones, er hat einige ihrer wichtigsten Platten produziert, er hat ihnen Häuser besorgt, Autos, Frauen, Drogen, alles, damit es weiterging. "Es ist mir egal, was du tust", sagte ihm Ahmet Ertegün, Präsident von Atlantic Records, einer der Firmen, die eine Menge Geld bezahlten, um sich mit den Stones zu schmücken. "Ich will nur eines: eine verdammte Platte von den Jungs. Alle 18 Monate."
Es gibt Regeln. Und es gibt die Rolling Stones. Sie haben eine Karriere darauf aufgebaut, sich nicht an die Regeln zu halten.
Chess hat flinke, grüne Augen. Sein Haar ist grau. Seinen Musikverlag hat er verkauft. Er spüre das Alter, sagt er. Den Rücken, die Knie. Am Wochenende habe er Zahnschmerzen gehabt, so schlimm, dass er dachte, jemand bohre mit einem Dolch in seinem Kiefer herum. Ein Höllengeschäft, der Rock'n'Roll, sagt Chess. Er sei froh, dass er nicht mehr dabei sei.
Aber die Rolling Stones?
"Denen ist das egal", sagt Chess. "Ihre Welt ist anders. So wie der Mars anders ist."
Ihren ersten Auftritt hatten die Rolling Stones am 12. Juli 1962 in einem Londoner Club namens Marquee. Seit 50 Jahren sind sie im Dienst.
Aber was für ein seltsames Ding ist dieses Jubiläum? Es gibt keine Tournee zu diesem Anlass, keine CD, sie ziehen es vor zu schweigen, es gibt nur den schnell zusammengeleimten Bildband "The Rolling Stones: 50" im Prestel Verlag mit lustlosen Kommentaren. Goldenes Jubiläum? Ohne uns. Eine Welttournee ist für das kommende Jahr geplant.
Mick Jagger wird dann 70 Jahre alt sein, Keith Richards 69, Charlie Watts 72, und selbst Ron Wood, der erst 1975 einstieg, hat dann mit 65 das offizielle englische Rentenalter erreicht.
Mit diesen Tourneen erzielen die Rolling Stones Rekordeinnahmen, zuletzt mit "A Bigger Bang": 558 Millionen Dollar. Der nicht nachlassende Erfolg, auch in Zeiten elektronischer Downloads, hat die Mitglieder der Band sehr reich gemacht. Jaggers Vermögen wird auf 300 Millionen Dollar geschätzt, Richards soll 270 Millionen schwer sein, Watts 125 Millionen, Wood 55 Millionen Dollar.
Was da zu besichtigen ist in Fußballstadien oder auf matschigen Feldern, sind die großen Überlebenden aus der Stunde null des Pop. Die Letzten ihrer Art.
Bill Clinton hält Lobreden auf die Band und ließ sie zu seinem 60. Geburtstag aufspielen. Hollywood-Regisseur Martin Scorsese sagt: "Sie gaben meiner Generation eine Stimme, eine Form."
Sie sind die Band der Babyboomer, jener Generation, die das Konzept der Jugend für sich erfand, den Sex, den Spaß, wie man heiratet, Kinder kriegt, einander betrügt und sich scheiden lässt, wie man lebt und liebt und altert, indem man nicht altert.
Die Stones lieferten den Soundtrack zur eigentlichen Revolution des 20. Jahrhunderts - Jahre bevor ein paar Studenten in Paris und Berlin auf die Barrikaden stiegen. Und diese Revolution hatte einen kurzen Namen: Pop.
Pop schaffte die Gesellschaftsgrenzen ab, indem er die Geschmacksgrenzen abschaffte. Pop war ein Umsturz der Verhältnisse, der Machtarrangements, der Art zu reden, zu denken, zu leben. Pop war eine Revolution, die ästhetisch begann und politisch und ökonomisch triumphierte.
Pop war eben nicht nur Oberfläche, Glitzer und Sex, Pop war auch Demokratisierung, Pop war Gute-Laune-Kapitalismus - Pop war eine Revolution, die links begann, im kollektiven Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse, und die rechts endete, im Individualismus und der Frage, wer mehr kann und wer mehr hat.
Im Grunde stellte Pop Karl Marx auf den Kopf: Pop veränderte die Welt, indem er sie anders interpretierte - alt ist schlecht und jung ist gut, und du kannst sein, wer du willst, wenn du nur eine Gitarre in der Hand halten kannst.
Und so veränderten die Rolling Stones die Welt, indem sie am Rand der westlichen Vernunft tanzten. Sie waren die Pragmatiker des Pop. Sie hatten kein Konzept, keinen höheren Plan. Sie waren keine Missionare. Sie wollten nicht Kunst sein wie die späten Beatles; sie wollten immer das pure Leben sein, groß und gefährlich.
"Die Beatles wollen deine Hand halten", hat der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe gesagt, "die Stones wollen deine Stadt niederbrennen."
Sie nahmen die Musik der Schwarzen und ließen die weiße Mittelschichtsjugend dazu tanzen. Es war die lässigste Art, die Rassenschranken zu überwinden.
"Sie spielten den Blues", sagt Marshall Chess, den verpönten Blues, die Leidensmusik der schwarzen Sklaven - der Vater und der Onkel von Chess, Kinder jüdischer Einwanderer aus Polen, hatten in Chicago eine Firma für diese Musik gegründet: Chess Records.
In Amerika spielte mit dem Feuer, wer den Blues sang. Der Blues beschwor den Sex, er galt als liederlich, böse, kinderverderbend. Jede Blues-Band war eine Band auf der Flucht.
In England gab es kaum Läden, die solche Platten verkauften, man musste sie per Post bei Chess bestellen, und genau diese Platten waren der Grund, warum Keith Richards 1961 Mick Jagger ansprach, auf dem Bahnsteig von Dartford, einem kleinen Ort in der Nähe von London. Jagger trug zwei Platten unter dem Arm, eine von Chuck Berry, die andere von Muddy Waters.
Jagger und Richards hatten die Grundschule zusammen besucht, dann hatten sich ihre Wege getrennt. Jagger, der Sohn eines Lehrers, ging später aufs Gymnasium, studierte an der London School of Economics. Richards, der Sohn eines Arbeiters, hing an einer Kunstschule rum, wo er Mülltonnen explodieren ließ, einem Kakadu Aufputschpillen fütterte und auf dem Klo Gitarre spielte. Er war, wie man im Britannien der Nachkriegszeit zu sagen pflegte, Futter für die Kriege in den Kolonien. Ein Prolet, dem Untergang geweiht.
Gemeinsam mit dem Gitarristen Brian Jones hausten die beiden in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, sie waren arm und hatten nicht einmal einen Namen.
"Wir hatten kein Gas damals und froren uns den Arsch ab", so geht die Geschichte, die Keith Richards erzählt. "Kein Wasser, nichts, alles war abgestellt. Aber endlich hatten wir einen Gig, also sagten wir: Rufen wir doch mal die ,Jazz News' an. Die fragten: Wer? Jede Sekunde am Telefon kostete wertvolles Geld. Da lag eine Platte von Muddy Waters rum, und der erste Song darauf war ,Rollin' Stone Blues'." Und Brian sagte in aller Panik: "Ich weiß nicht … Rollin' Stones."
Der Name traf das Gefühl einer Generation. Ortlos, ziellos, Geröll. Sie waren alle Kinder des Krieges. Brian Jones war 1942 geboren, Keith und Mick 1943. Kinder eines Krieges, den Englands Eltern geführt hatten. Es war nicht ihr Krieg gewesen. Aber sie erbten den Mangel, die Strenge, die Nachkriegsdepression.
Dagegen wehrten sie sich. Mit ihrer Musik, mit ihrem Stil, mit ihrer Kultur: Es war die Erfindung des Teenagers aus dem Geist der aufblühenden Wohlstandsgesellschaft. Denn auf einmal war auch Geld da, zuerst in Amerika, wo das alles anfing, dann in Europa: Geld für Autos, Geld für Röcke, Geld für blaue Wildlederschuhe. Die Jugend war auf der Siegerseite der Geschichte - und veränderte den Kapitalismus, indem sie einen neuen Markt erfand.
In diesem Markt mussten die Stones ihren Platz erst finden. "Ich wollte an den Wochenenden nicht Rock, sondern Blues spielen", sagte Mick Jagger einmal. "Rock, das waren lauter mittelmäßige, langweilige Typen, die in grässlichen Theatern vor Leuten auftraten, die sich prügelten. Überall roch es nach altem Bier und ungewaschenen Kleidern."
1963 wurde ein Mann namens Andrew Loog Oldham ihr Manager. Was die meisten abstieß - der raue, schwarze Sound, die schmutzige Lust in ihren Songs, der Sänger, der sich bewegte wie eine Königskobra: Oldham war sich sicher, dass er Großes vor sich hatte. "Es war Sex. Und ich war einen Schritt vor dem Rest der Meute dran."
Oldhams nächste Idee war es, diese anarchische Haltung gegen die erfolgreichste Band des neuen Jahrzehnts, gegen die fröhlich-beschwingten Beatles zu stellen. "Wir machen aus euch genau das Gegenteil dieser netten, sauberen, ordentlichen Beatles. Und je mehr die Eltern euch hassen, desto mehr werden die Kids euch lieben", sagte Oldham. "Wartet nur ab."
Der Trick funktionierte. Die Zeitungen geißelten die Band als "langhaarige Monster", ihre Platten rasten an die Spitze der Charts. In Amerika, während ihrer ersten Tournee, lästerten Radio-DJs über die Flöhe, die in den Haaren der Stones herumspringen würden, bei einem Fernsehauftritt sagte Dean Martin über einen Trampolinspringer, der in der gleichen Show auftrat: "Das ist der Vater der Rolling Stones. Seitdem er sie singen gehört hat, versucht er, sich umzubringen."
Nicht einmal beim Besuch der Chess-Studios in Chicago stießen sie auf Verständnis. "Mein Onkel sagte: Da sind so Typen mit einem komischen Akzent", erzählt Marshall Chess. "Kümmer du dich um sie. Ich traute meinen Augen nicht. Sie tranken Whiskey direkt aus der Flasche, auf der Straße riefen ihnen die Leute hinterher: ihr Homos. Typen wie sie hatten wir in Chicago noch nie gesehen."
Sex, das merkten die Rolling Stones schnell, war eine Währung, die man in echtes Geld tauschen konnte; es war aber auch eine Waffe, mit der man die Macht in Bedrängnis bringen konnte. Schönheit und Intelligenz gingen eine toxische Verbindung ein, die das alte System mehr und mehr in Frage stellte.
Vom "Aufstieg der kreativen Klasse" spricht heute der amerikanische Ökonom Richard Florida - und die Rolling Stones waren damals die Protagonisten dieser Minirock-Moderne, in der Mode, Musik und Fotografie, Optik und Stil regierten.
"Im Swinging London haben wir die Stones mit verbotenen Genüssen bekannt gemacht", sagt Christopher Gibbs, Kunsthändler und damals eine der zentralen Figuren. Er steht im Garten seines Anwesens oberhalb von Tanger in Marokko. Eine Brise vom Meer weht durch die Gräser. Vor dem Swimmingpool serviert ein Butler in weißem Jackett den Lunch. Zwischen Shrimps und Tomaten steht ein silbernes Glöckchen.
Wenn Gibbs spricht, fällt auf, dass ihm ein paar Vorderzähne fehlen. Diese klaffende Lücke im Mund und ein silbernes Glöckchen für den Butler: Gibbs ist ganz britische Oberschicht, er hat immer dazugehört, auch als er die Eliteschule von Eton verlassen musste wegen Ladendiebstahls. Er hatte mintgrüne Samtslipper geklaut.
Gibbs bestärkte die Stones in ihrer Ungezogenheit, ihren Skandalen. Er war stolz, als sie 1965 ihr erstes Meisterstück ablieferten, den Song, der die Welt der Biedermänner, die Welt der Zigarettenraucher, Konsumwetteiferer und Weiße-Hemden-Träger mit einer Zeile verhöhnte: "I can't get no satisfaction".
Es war der erste Song in der Geschichte des Pop, der ausdrücklich und unmissverständlich von Sex handelte. "Es war der Sommer von ,Satisfaction'", notierte Andy Warhol auf der anderen Seite des Atlantiks, "die Stones dröhnten aus jeder Tür, jedem Fenster, jedem Schrank und jedem Auto. Es war aufregend, dass Popmusik so mechanisch klingen konnte, dass man jeden Song an seinem Sound erkennen konnte und nicht an seiner Melodie: Ich meine, du wusstest, dass es 'Satisfaction' war, bevor der Bruchteil der ersten Note gespielt war."
Die sparsamen, zündenden Akkorde gaben die Richtung vor für einen Sound, der zum musikalischen Kern der Stones werden sollte: Gitarrenriffs, die, eingezogen wie Stahlstreben, ein minimalistisches Gebäude zusammenhielten.
Diese raffinierte Einfachheit blitzte auf bei ihren späteren Hits, immer wieder, bei "Jumpin' Jack Flash", "Sympathy for the Devil", "Honky Tonk Women" und "Brown Sugar". Es war glamouröser Reduktionismus, das Bauhaus des Pop.
Die Stones, eben noch Abschaum, hatten jetzt Geld. Sie besorgten sich Bentleys und andere Limousinen, marokkanische Teppiche und Landhäuser, und Gibbs half ihnen dabei. Oft, erzählt er, habe sich die Suche nach diesen Wochenendsitzen in Marihuana-Rauch aufgelöst. Sie hätten bei den Landpartien so viel gekifft, dass sie vergaßen, wohin sie eigentlich wollten.
Schließlich klopfte im Winter 1967 die alte Ordnung in Redlands, Keith Richards' Landsitz, an die Tür. "Wir hatten viel Gras geraucht und LSD genommen", erzählt Gibbs. 18 Polizeibeamte fanden eine Gruppe vollgedröhnter Männer, dazwischen die blonde Marianne Faithfull, mit einem weißen Fell bekleidet. Außerdem wurden gefunden: ein paar gerauchte Joints und ein grünes Samtjackett von Jagger mit Amphetamin-Kapseln in der Tasche.
Die Gefängnistüren schnappten zu. Keith Richards: ein Jahr. Mick Jagger: drei Monate. Der Sänger weinte, als er das Urteil hörte.
Es war ein Schauprozess, und als solchen entlarvte ihn schließlich der Chefredakteur der konservativen "Times", William Rees-Mogg. "Wollen wir wirklich einen Schmetterling aufs Rad flechten?", fragte er in einem Kommentar - es schien ihm wie ein Angriff auf die traditionellen Werte Großbritanniens.
Die Antwort war die Freilassung von Jagger und Richards. Die sechziger Jahre hatten gewonnen, die Welt atmete freier, die alte Macht hatte kapituliert - die Emanzipation, die Frauenrechte, die Schwulenbewegung, die Liberalisierung der Gesellschaft: Und die Rolling Stones waren immer ein paar Schritte voraus.
Sie hatten diesem Jahrzehnt die Musik geliefert - sie hatten aber immer auch das Diabolische, das Satanische, die dunklen Seiten dieser Zeit beschworen, die vom Tod geprägt war, vom Wüten gegen den Vietnam-Krieg bis zur Verschwendung im selbstzerstörerischen Drogenrausch.
Es war nicht alles Peace, Love and Happiness - manche verliefen sich in diesem Jahrzehnt, die Beatles etwa lösten sich 1970 auf, Paul McCartney hatte sowieso immer lieber auf einem Bauernhof gelebt als in einem Schloss, John Lennon wollte lieber die Welt retten als die nächste Million machen: Und als Stones-Gitarrist Brian Jones im Sommer 1969 tot in seinem Pool trieb, da wirkte das wie eine grausame Pointe.
Der Tod hatte sie eingeholt. Was sich dann aber im Dezember 1969 im kalifornischen Altamont ereignete, das war tatsächlich das Ende einer Zeit. 300 000 Zuschauer waren gekommen, es sollte das Woodstock des Westens werden: Als die Rolling Stones auf die Bühne kamen, war die Stimmung schon gespannt, es gab Schlägereien, die Hells Angels, die als Sicherheitskräfte engagiert waren, verschärften die Situation noch, und am Ende war der junge, schöne Meredith Hunter tot, ein Schwarzer im grünen Anzug, erstochen von einem der Hells Angels.
"So etwas kann doch nur den Stones passieren, Mann", sagte Keith Richards später. "Seien wir ehrlich, den Bee Gees könnte das nicht passieren."
Die Stones waren angeschlagen. Außerdem waren sie theoretisch bankrott.
Sie hätten die Steuern, die sie dem Staat schuldeten, wohl nie zahlen können. Also verließen sie das Land. Sie hatten nicht mal die Rechte an ihren alten Songs. Weil ihr Plattenvertrag auslief, gründeten sie Rolling Stones Records, erfanden ihr Markenzeichen, die rote Zunge.
Marshall Chess wurde Geschäftsführer. Er besorgte Richards eine Villa, die einmal für einen Banker erbaut worden war: Nellcôte, ein weißer, schlossähnlicher Bau an der Côte d'Azur. Jagger heiratete in St.-Tropez die Tochter eines Geschäftsmanns aus Nicaragua, Bianca Pérez-Mora Macias. Es begann die Spaltung.
"Keith versank in Drogen", sagt Marshall Chess. "Mick hielt es mehr mit Sex." Chess musste vermitteln, das war sein Job. "Es war mir egal, wie sehr sie sich hassten", sagt Chess, "solange sie in der Lage waren, miteinander zu arbeiten."
Im feuchten Keller von Nellcôte wurde ein Studio eingerichtet. In den Räumen darüber zerzauste Männer, sehr schöne Frauen und jede Menge Drogen. Vor allem Heroin.
Heroin wurde zum Treibstoff von "Exile on Main Street", dem Meisterwerk der Band, dem Schlusspunkt ihrer goldenen Phase nach "Beggars Banquet", "Let It Bleed" und "Sticky Fingers". Gearbeitet wurde nachts, aber für Richards war "nachts" ein weiter Begriff.
Wenn es hieß, sechs Uhr abends im Keller, ging es nach Mitternacht los. Oft verschwand Richards auf dem Klo, um sich einen Schuss zu setzen. Manchmal blieb er stundenlang weg.
Mit halbfertigen Bändern flüchtete die Band vor der Drogenpolizei aus der Villa, und Flucht blieb zumindest für Richards die Hauptbeschäftigung dieser Zeit. Er sah aus wie ein Zombie, schlief mit einem Revolver unter dem Kopfkissen.
"Ich ging meinen Weg direkt hinunter in die Heroin-Stadt, Mick dagegen lebte im Jet-Set-Land", sagte Richards über diese Zeit.
Es war Irrsinn auf dem denkbar teuersten Niveau. Die Band charterte nun eine Boeing 720 samt Bar und Kamin, die Zie-
le hießen Toronto, München, Montreux, Kingston, Orte, wo sie mit leerem Blick in teuren Studios auf Gitarrenakkorde warteten.
Ein düsterer, wüster Glanz umgab sie jetzt, Macbeth mit Models. Es wurde eisig um sie herum, und wer nicht zum inneren Kern zählte, der bezahlte seinen Preis wie Marshall Chess und wurde langsam wahnsinnig.
Die Mädchen, erzählt Chess, hätten mit ihm geschlafen, nur um sich ein paar Stunden später Mick und Keith hinzugeben. Er widerte sich an. Als Chess 1977 in einem Hotel in Montreux in den Spiegel blickte, sagt er, habe er den Tod gesehen.
Es waren die Jahre, in denen Lust über Scham siegte. Tom Wolfe nannte es die "Me Decade": ich ich ich. Da war das therapeutische Ich, das sich heilen wollte. Da war das hedonistische Ich, das sich amüsieren wollte. Und in der demokratisierten Welt des Pop entstanden neue Hierarchien - mit den Rolling Stones ganz oben.
Sie waren die Aristokraten in diesem neuen System der Stars, die jetzt über die Sehnsüchte der Menge herrschten: Bianca Jagger auf einem Schimmel im Studio 54, Mick Jaggers Gesicht in Pastellfarben, porträtiert vom Hofmaler jener Jahre, Andy Warhol. Er hatte schon 1971 das Cover für "Sticky Fingers" entworfen, eine enge Männerjeans mit einem echten Reißverschluss. Warhol blieb ihr Verbündeter durch die siebziger Jahre, er wollte von der kulturellen Energie der Rolling Stones profitieren: Dabei ging die längst in eine andere Richtung.
Jagger und Richards waren damals erst Mitte dreißig, aber in der Zeitrechnung des Pop waren sie schon ewig dabei. Und dann kam Punk und spielte mit ihnen das Spiel, das sie gut kannten, weil sie es erfunden hatten: Weg mit den alten Säcken.
Der Druck von außen wuchs. Drinnen in der Band ging die Spaltung weiter, der Kampf Jagger gegen Richards.
Jagger wollte ein Solo-Star werden, ewig jung wie Prince oder Michael Jackson, das Dahinsiechen von Richards nervte ihn. Jagger hatte sich zu einem eifrigen Geschäftsmann gewandelt, den auch das Kleingedruckte interessierte, Richards hielt an Totenkopf-Ring und Lederjacke fest und an der Auffassung, dass die Band keine persönlichen Beziehungen zu den Bossen der Plattenfirmen pflegen sollte.
"Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, wir sind gefährlich, wir wahren Distanz", sagte Richards.
"Ach, halt's Maul, Keith, erzähl keinen Mist", sagte Jagger.
Dann redeten sie nicht mehr miteinander, nur noch übereinander, in der Presse.
"Wenn er statt mit den Stones mit irgendeiner Schmock'n'Balls-Band auf Tour geht, schneide ich ihm die Kehle durch", sagte Richards.
"Ich liebe Keith, ich bewundere ihn …aber ich glaube kaum, dass wir je wieder zusammenarbeiten können", konterte Jagger.
Diese Prophezeiung hielt nicht mal bis zum dritten, gefloppten Solo-Album. Jagger rief wieder an. Ob man sich treffen könne, auf Barbados. "Entweder ich bin in zwei Tagen wieder da oder in zwei Wochen", sagte Richards zu seiner Familie. Auf einem Balkon mit Kassettenrecorder, Wodka und ein paar Gitarren schrieben sie das Album "Steel Wheels".
Neben dem Alkohol und einer drei Jahrzehnte dauernden Hassliebe gab es einen weiteren Grund für die Annäherung. "Ende der achtziger Jahre", sagt Marshall Chess, "lag auf einmal so viel Geld auf dem Tisch, dass die Jungs sich anschauten und sagten: 'Wir wären verrückt, wenn wir es nicht noch einmal versuchen würden.'"
Es war nicht die Neuerfindung der Rolling Stones, aber in den folgenden Jahren wurden sie reich, richtig reich. Denn sie setzten auf etwas, das im MTV-Zeitalter eigentlich schon auf dem Müllhaufen der Popkultur gelandet war: Live-Konzerte. Im Gegensatz zu den meisten Gestalten, die durch die bunte Video-Welt stolperten, hatten sie ein Werk, Hunderte Songs. Und sie waren in der Lage, diese zu spielen.
Sie waren wieder vorn. Sie waren eine Marke, als Marken alles waren, in den neunziger Jahren, dem Markenjahrzehnt - und so verkauften sie Tickets, T-Shirts, alles, was mit dem Logo der Stones versehen war, der rausgestreckten Zunge.
Und so sind sie die Band des demografischen Wandels geworden, auch wenn das scheußlich klingen muss für sie. Sie sind die Band all derer, die zwar schon lange erwachsen sind, aber nicht aufhören wollen, sich wie Teenager zu benehmen. Väter mit Chucks-Turnschuhen, Mütter mit Jeansgröße 27.
Die Rolling Stones drehten damit in gewisser Weise die Geschichte von Dorian Gray um. Sie altern vor unseren Augen, damit wir jung bleiben können.
(*) Mit ihren Kindern Dandelion und Marlon.
Von Georg Diez und Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 27/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LEGENDEN:
Die Letzten ihrer Art

Video 01:51

Dramatisches Handyvideo aus Montana Vater und Sohn flüchten im Auto vor Waldbrand

  • Video "Müll im Meer: Tauchlehrer befreit Hai von Plastiknetz" Video 00:00
    Müll im Meer: Tauchlehrer befreit Hai von Plastiknetz
  • Video "Nach Knicks vor Putin: Rücktrittsforderungen an Österreichs Außenministerin" Video 02:17
    Nach Knicks vor Putin: Rücktrittsforderungen an Österreichs Außenministerin
  • Video "Elefant attackiert Auto: Mit dem Stoßzahn durch die Windschutzscheibe" Video 01:01
    Elefant attackiert Auto: Mit dem Stoßzahn durch die Windschutzscheibe
  • Video "Swincar: Testfahrt mit dem Kletterauto" Video 00:00
    "Swincar": Testfahrt mit dem Kletterauto
  • Video "Altersarmut in Griechenland: Ich habe keinen Cent mehr" Video 02:16
    Altersarmut in Griechenland: "Ich habe keinen Cent mehr"
  • Video "Behindertensport: Sie können doch laufen, warum spielen Sie Rollstuhlbasketball?" Video 04:21
    Behindertensport: "Sie können doch laufen, warum spielen Sie Rollstuhlbasketball?"
  • Video "Mekka, Kaaba, Berg Arafat: So läuft die große Pilgerfahrt der Muslime ab" Video 01:44
    Mekka, Kaaba, Berg Arafat: So läuft die große Pilgerfahrt der Muslime ab
  • Video "Beinahe-Crash: Helikopter verfehlt Drohne nur knapp" Video 00:44
    Beinahe-Crash: Helikopter verfehlt Drohne nur knapp
  • Video "Naturphänomen: Das Farbenspiel von Chongqing" Video 01:04
    Naturphänomen: Das Farbenspiel von Chongqing
  • Video "Steigende Mieten: Wir haben richtig Muffensausen" Video 03:29
    Steigende Mieten: "Wir haben richtig Muffensausen"
  • Video "Waldbrände in Kanada: Riesige Rauchschwaden verdunkeln Himmel" Video 00:50
    Waldbrände in Kanada: Riesige Rauchschwaden verdunkeln Himmel
  • Video "Ein Jahr nach Flucht und Vertreibung: Ich würde gerne zur Schule gehen" Video 02:53
    Ein Jahr nach Flucht und Vertreibung: "Ich würde gerne zur Schule gehen"
  • Video "Hohe Sicherheitskosten: Teurer Putin-Walzer mit der österreichischen Außenministerin" Video 01:09
    Hohe Sicherheitskosten: Teurer Putin-Walzer mit der österreichischen Außenministerin
  • Video "Gerade noch mal gut gegangen: Autos passieren Brücke bei reißendem Hochwasser" Video 00:54
    Gerade noch mal gut gegangen: Autos passieren Brücke bei reißendem Hochwasser
  • Video "Dramatisches Handyvideo aus Montana: Vater und Sohn flüchten im Auto vor Waldbrand" Video 01:51
    Dramatisches Handyvideo aus Montana: Vater und Sohn flüchten im Auto vor Waldbrand