17.02.1997

JUGEND OST„Dann brennt die Stadt“

Der Mord an einem 17jährigen Punk in Magdeburg offenbart, was Politiker und Polizei herunterspielen: Ganze Stadtteile drohen in Elend und Gewalt zu versinken.
Dies könne nur die Tat "von Besessenen" gewesen sein, sagt der Leiter der Magdeburger Kriminalpolizei Henry Reinbold, als er den Obduktionsbericht auf den Tisch bekommt.
Siebenmal stießen die Mörder Frank Böttcher, 17, das Messer in den Rücken. Dann traten sie nach, bis sein Kopf nur noch ein Haufen Knochentrümmer war.
Gegen vier Uhr in der Nacht zum vorvergangenen Samstag fanden Passanten den jungen Punk blutüberströmt an einer Straßenbahnhaltestelle in der tristen Magdeburger Plattenbausiedlung Olvenstedt.
Gut eine Stunde zuvor hatte er zur Behandlung einer Handverletzung das Walter-Friedrich-Krankenhaus aufgesucht. "Speedy", seine weißgraue Hausratte, hatte ihn gebissen. Die Schwestern in der Notfallambulanz erinnern sich gut an den Patienten. Auch daran, daß er erzählte: "In der Straßenbahn habe ich Ärger mit Glatzen gehabt." Große Bedeutung hatten sie dem nicht zugemessen. So etwas gilt in Magdeburg als "normal".
Als die Nachricht von der Bluttat in der Stadt die Runde machte, sammelten sich 500 Demonstranten zum "Protestmarsch gegen rechte Gewalt". Daß die Polizei als Mordmotiv ausdrücklich auch "Streitereien im linken Lager" nicht ausschließen wollte, hat wohl mit zu der anschließenden Straßenschlacht beigetragen.
Doch Politiker und Polizisten in Magdeburg wollen die Stadt nicht zum "Zentrum der rechten Gewalt hochgepuscht" sehen, sagt der Leiter der Kripo-Sonderkommission (Soko), Harald Meier: "Daß so was mal passiert, das ist doch normal."
Daß die Soko, die das Verbrechen aufklären soll, 25 Beamte umfaßt, beweist das Gegenteil. Seit der Wende ist Magdeburg immer wieder durch Gewalttaten mit rechtem Hintergrund in die Schlagzeilen geraten.
* 1992 im Mai wurde der 23jährige Torsten Lamprecht getötet, als 60 Skins eine Punk-Geburtstagsfeier im Café Elbterrassen stürmten und mit Baseballschlägern und Eisenstangen auf die Gäste einschlugen. Polizisten waren damals zwar vor Ort, griffen aber nicht ein.
* 1994 am Himmelfahrtstag, dem ostdeutschen "Herrentag", jagten Jugendliche etliche Afrikaner mit "Sieg Heil"-Rufen durch die Innenstadt. Der Polizeipräsident bagatellisierte die Ausländerhatz als "ausgeufertes Brauchtum".
Hinzu kommen fast täglich Pöbeleien gegenüber Asylbewerbern, Homosexuellen und Behinderten sowie gelegentlich Überfälle auf Ausländerwohnheime.
Wer Frank Böttcher erstochen hat, ist noch ungeklärt. Daß sich die Polizei diesmal von vornherein auf die "Glatzen" aus den rechten Hochburgen Neu-Olvenstedt und Magdeburg-Nord konzentriert, will niemand zugeben. Denn über das, was passieren könnte, wenn sich herausstellt, daß Glatzen die Täter waren, mag keiner öffentlich sprechen. Eine Justizbeamtin: "Dann brennt die Stadt."
"Linke" und "Rechte" haben die Stadtviertel in Magdeburg unter sich aufgeteilt. Die Terrains sind abgesteckt wie bei verfeindeten Clans.
Punks und Autonome jagen Kahlköpfe, die sich in ihr Viertel, nach Stadtfeld, verirren. Skins halten ihr Revier "zecken- und kanakenfrei", wie es der Olvenstedter Anstreicher Daniel ("Tacke") Jänicke, 24, formuliert, der schon zwei Jahre wegen Landfriedensbruchs und Körperverletzung gesessen hat.
Szenekenner hat es deshalb nicht überrascht, daß es Frank Böttcher in Olvenstedt erwischte, im "Fascho-Gebiet". Da gehe man eben nicht hin als "Zecke", als Linker. Vor allem nicht morgens um drei Uhr, und schon gar nicht allein.
Frank Böttcher hatte die Reviertrennung mißachtet, und vermutlich mußte er deshalb sterben.
Zu welcher Gruppe man in Magdeburg gehört, zu den Rechten oder den Linken, ist selten abhängig von politischen Überzeugungen. Oft entscheidet einfach, in welchem Viertel man aufgewachsen ist.
Mehr als eine politische Heimat suchen die Kids eine Identität, die das ganz normale Elend in einer aus den Fugen geratenen Stadt erträglich macht. Die ehemaligen Großkombinate Sket und SKL wurden, wie es in Magdeburg heißt, "platt gemacht", die Arbeitslosenquote erreicht in manchen Stadtteilen bis zu 25 Prozent.
Auch "Tacke" und sein Freund Kuno, 28, haben keine geregelte Arbeit. Ihr politisches Programm und das der anderen Skins und Hooligans, die sich am frühen Abend im "Bistro Gartenhof" mit Whisky-Cola vollaufen lassen, ist schnell erzählt: "Raufen, saufen, Frauen kaufen."
Zum "harten Kern" der extremen Szene zählen Polizei und Verfassungsschutz auf jeder Seite lediglich 40 Leute. Dazu kämen jeweils etwa 600 Mitläufer. Skins wie "Tacke" bezeichnet der Präsident des Verfassungsschutzes von Sachsen-Anhalt als "dumpfe Klopper". Von Rechtsextremen mag er da nicht reden: "Es gibt keinen Führer in der Stadt."
Die Truppe wird dennoch schnell zur Macht, wenn sich etwa zum Konzert der rechten Magdeburger Band Elbsturm spontan 500 Gleichgesinnte versammeln und grölen: "Zekke verrecke." Dem stupiden Gejohle folgen oft Taten.
"Wir trinken zusammen, und wenn wir Lust auf Prügel haben, gehen wir zu McDonald's in die Stadt und verdreschen alle, die da rumhängen", erzählt "Tacke", der eingeritzt auf seinem Oberarm die Runen der neonazistischen "White Power Skins" trägt.
Mitte vergangener Woche glaubte die Polizei für kurze Zeit, eine "heiße Spur" im Fall Böttcher zu haben. Ein Zeuge hatte drei Skinheads zur Tatzeit an einer Tankstelle in der Nähe des Tatorts gesehen. Der Verdacht drang nie an die Öffentlichkeit - aus Angst, er könne das Signal für neue Straßenschlachten sein.
Daß es in und um Olvenstedt jederzeit krachen kann, glaubt auch der ehemalige Sket-Schlosser Manfred Sierau, 47. Der Arbeitslose steht täglich vor der Spar-Kaufhalle und vertreibt sich, eine Dose Bier in der Hand, mit den Nachbarn die Zeit.
Nur nachts, nach zehn Uhr, traut sich hier keiner mehr raus in "diesem Verbrecherghetto", wo die "Glatzen besoffen mit Baseballschlägern" in der Hand spazierengehen.
Das Olvenstedter Einkaufszentrum Flora-Park gehört zu den beliebtesten Treffpunkten der Skins. Vor drei Wochen wurde deshalb die Mannschaft des privaten Sicherheitsdienstes verdreifacht.
Die Spannung ist für jeden spürbar, der hier arbeitet. Doch solange die Geschäfte laufen, nehmen Business-Leute wie der westdeutsche Geschäftsführer des Zentrums, der Bielefelder Hermann Spielberger, davon gar nicht erst Notiz: "Wir haben nicht mehr Probleme als anderswo. Hier ist doch alles ganz normal."
Der Geschäftsführer eines großen Lebensmittelmarktes sieht das anders. Seit drei, vier Wochen gebe es "extreme Probleme mit der heißen Atmosphäre hier". Der Mord an Frank Böttcher könne der Funke sein, der den Sprengsatz explodieren läßt.
Angesichts dieser "Schlägerbanden mit ihren politischen Parolen auf dem Niveau von Achtjährigen", will er sich nicht namentlich zitieren lassen, "aus Angst vor einem Anschlag" auf seinen Laden, sein Auto oder sein Haus: "Politik und Polizei schweigen das Problem tot, weil sie es nicht mehr im Griff haben."
Die Punks an der Mahnwache für ihren ermordeten Freund teilen seine Meinung. Peter, 18, Franks Bruder, spricht aus, was viele denken, daß die Polizei die Sache am liebsten herunterreden würde und insgeheim hofft, daß sich die Tat doch noch als gewöhnliches Tötungsdelikt herausstellt: "Das wäre für die doch total normal."

DER SPIEGEL 8/1997
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