17.02.1997

FERNSEHENUfotainment total

Ufos statt Infos, grüne Männchen statt grüner Politiker, Karma statt Krankenkasse - die TV-Sender heben entschlossen in die Esoterik ab.
Fernsehen am Nachmittag - härter als das Leben: Bei Bärbel Schäfer lebt man an diesem Montag "gut mit Schulden"; Sonja weiß, daß Schwiegertöchter Biester sind. Und Kerner hat auch noch was von der Front des Menschseins zu melden: "Seitdem wir zusammen sind, läßt du dich gehen."
Der Geist ist billig und der Talk mal wieder schwach. Mit Beginn der Woche keimt Hoffnung im Jammertal: "Talk X" heißt es auf Pro Sieben - und all die Widrigkeiten dieser Welt mit Schulden, Schwiegertöchtern und Schlampen sind vergessen. Mindestens ein Jahr lang, Wochentag für Wochentag, gibt es das neue Eso-Magazin.
Die Berlinerin Andrea Kiewel bittet mit ihrer neuen Sendung ins Übersinnliche, zu Spökenkiekern, Wünschelrutengängern, Bachblüten-Erleuchteten, "Feng Shui"-Überzeugten, Sternengläubigen - da soll keine fliegende Untertasse mehr im Schrank bleiben.
Nach dem Infotainment überrollt die Medien nun eine neue Welle: das Ufotainment. Die fiesen "Gremlins", der galaktische Molch "E. T.", "Star Trek" und viele Weltraumopern bereiteten im Kino die Saat. Mit "Akte X" schuf der amerikanische Drehbuchautor Chris Carter eine der erfolgreichsten Fernsehserien. FBI-Agenten stöbern darin mysteriösen Fällen nach, sachliches Getue und wunderseliges Geraune vermengen sich zu einem undurchsichtigen Gebräu, weshalb manche Zuschauer gar nicht begreifen, daß ihnen Carter ein X für ein U vormacht: Sie halten das Zeug für echt, obwohl alles nur pure Unterhaltungsfiktion ist.
Selbst Stars wie Quentin Tarantino oder William Gibson machen bei dem Hokuspokus mit, und die beiden Agentendarsteller David Duchovny und Gillian Anderson errangen mit der Serie Starruhm.
Besonders wild ist man in Deutschlands Osten auf Außerirdisches. Allseitigkeit war dort wohl nicht nur ein sozialistisches Modewort, sondern geheime Richtungsangabe: Honis Erben sind abgehoben. Der Thüringer Peter Arfmann gründete ein Magazin wissenschaft ohne grenzen, in dessen neuester Ausgabe behauptet wird, Nazis hätten in den vierziger Jahren flugfähige Scheiben entwickelt, um Ufo-Erscheinungen zu simulieren und so militärische Vorteile zu erreichen. Diese neue Art der Geschichtsscheibung ist ernst gemeint. Arfmann: "Die Zeit ist reif für ein neues Weltbild."
Auch für Gerd Berger, Chefredakteur bei Pro Sieben, ist die Zeit reif. Er will mit "Talk X" in die Welt des medialen Geplauders, in der seit eh und je keine Maßstäbe mehr gelten, den Aberglauben als seriöses Thema einführen. Seine Überlegung läßt sich von dem Phänomen leiten, daß im Zuge des Verfalls der Religionen Magie und Fetischglauben die nach wie vor ungebrochene Sehnsucht nach Transzendenz befriedigen. Wenn Talkshows schon heute mit Erfolg die Geheimnisse des Lebens, der Liebe und des Todes kleinreden, warum soll das nicht auch mit dem Übersinnlichen funktionieren?
Der 31jährigen Moderatorin Kiewel fällt die Rolle zu, in der Welt der Zauberei den Mittelweg zu beschreiten: Sie soll sich gegen Fanatiker und Sektierer zur Wehr setzen, aber gleichzeitig den Spuk nicht mit ätzender Skepsis vertreiben. Zum Surfen mit Bodenberührung durch die Welt der Esoterik scheint Kiewel jedenfalls bestens gerüstet: Ihre frischfröhliche Naivität, beim Frühstücksfernsehen erlernt, und eine unübersehbare Stämmigkeit dürften sie nicht ins Reich der Elfen entschweben lassen.
Die Studiowelt, in die Pro Sieben seine neue Ufo-Nautin stellt, verrät viel von dem irrationalen Ort, den Esoterik im Gemüt des modernen Menschen einnimmt: Antike Säulenstümpfe symbolisieren angeblich verschüttetes Wissen der Alten um die Zauberkräfte, ein Stückchen gemalter Himmel signalisiert Hoffnung, und plüschige Sitzecken erwecken den Eindruck: Schlimm kann es nicht werden, es ist gut, wenn wir drüber sprechen.
Ganz ohne Vorfahren ist das Pro-Sieben-Projekt nicht. Anfang der achtziger Jahre lud eine schwarzhaarige Pythia aus Paris, die langbeinige Elizabeth Teissier, zur "Astro-Show". An der Seite des steifleinenen Horst Buchholz, der über den Standardkommentar "Ach, schön" nicht hinauskam, gab's allerlei horoskopische Weissagungen. Lange währte die beschauliche Veranstaltung nicht im Abendprogramm: Das kritische Geraune konservativer Blätter, die Sternenkunde für Gotteslästerung hielten, verdarb den Machern die Lust.
Rainer Holbe, TV-Moderator, erlitt zehn Jahre später mit einer Eso-Show "Phantastische Phänomene" spektakulär Schiffbruch - Experten hatten manchen faulen Zauber in der Sat-1-Sendung entdeckt.
Doch heute scheinen diese schlechten Erfahrungen verdrängt. Aus allen Ecken wollen die Alben, Falben und Wiedergänger auf den Schirm. Schon hört man, daß die Produzenten von "Baywatch Nights", der Sendung mit den freundlichen Trägerinnen durchsichtiger Bikinis an den Küsten Kaliforniens, auf den Reiz undurchsichtiger Mächte setzen.
Dann schluckt vielleicht ein wilder Wassermann den Bademeister David Hasselhoff. Samiel, hilf, möchte man rufen. Aber auch der Spruch ist aus einer alten Esoterik-Show, dem "Freischütz".

DER SPIEGEL 8/1997
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