24.02.1997

MAFIAIm Stehen sterben

Vorletztes Wochenende tötete die Camorra in Neapel wieder Angehörige von Kronzeugen. Mittlerweile haben 1270 dieser Überläufer gegen ihre Mafia-Bosse ausgesagt, unter ihnen der 37jährige Killer Francesco Floresi*, der von der Justiz verborgen gehalten wird. Seine Aussagen brachten 267 Mafiosi in Haft. Von Carmen Butta
Ich bin ein Ehrenmann", begann er und hörte, wie der Carabiniere hinter ihm den Zigarettenrauch durch die Lippen blies. Hoch über dem Kruzifix und dem Bild des Präsidenten knisterte eine Neonröhre. Der Wind schlug in Stößen gegen die Rolläden. Es war die Nacht der Heiligen Drei Könige. Es war zehn Minuten nach eins.
"Ehrenmann". Wie ein sperriges Stück Kork hatte sich dieses Wort aus seinem Mund geschoben. Ehrenmann. Das war ein Signal an die vier Staatsanwälte, die im harten Licht des Kasernenbüros vor ihm saßen. Alle Sizilianer. Sie wußten nun, daß er ihnen keine Märchen auftischen würde: Ein Ehrenmann schweigt, aber wenn er redet, dann lügt er nicht. Und sie wußten auch: Um vor dem Staat dieses Wort auszusprechen, hatte er vorher töten müssen; sich selbst, die Familie, seine Vergangenheit.
Omertà - das Schweigegebot. Wer spricht, ist kein Uomo mehr, kein Mann, und Scham zerschneidet ihm das Gesicht. Immer wieder hatte Francesco Floresi vor der Aussage, ruckweise verzögert und in Zeitlupe, seine eigene Beerdigung gesehen: den Trauerzug und die roten Nelken, den Sarg, den Weihrauch. Immer aufs neue mußte er sich selbst begraben, bis der Faden zum bisherigen Leben durchrissen und sein Name ausgelöscht war. Nur so konnte er die Beichte ertragen. Weil jetzt ein anderes Leben begann - eines als Verstoßener. Pentiti, Reuige, nennt der Staat solche wie ihn. Aber sie sind nur Mitarbeiter der Justiz - 1270 mittlerweile. Und von ihnen bereut niemand etwas. Sie wollen nur weiterleben. Und sich rächen.
Die Staatsanwälte blickten ihn ruhig, ja mit Respekt an, als ob sie gesehen hätten, wie er zuvor in ein Handtuch geweint und sich in die Hand gebissen hatte. Da wirbelte in seinem Kopf noch ein irres Karussell: Wo war der Ausweg? Zur rivalisierenden Familie überwechseln? Sie hätte ihn nur ausgehorcht und irgendwann als Leiche von sich gestoßen. Ein Abtrünniger ist wie eine Viper im Haus. Nach Australien oder Südamerika fliehen? Die Familie ist immer da, und sie ist überall. Selbstmord? Unwürdig.
Noch hatte er niemanden verraten. Noch konnte er in seine alte Welt zurück und, wie Cosa Nostra sagt, "im Stehen sterben". Denn noch begrüßte ihn jeder in der Familie mit Wangenküssen. Doch bei jeder Umarmung fühlte er, daß das Leben nur noch kurz sein würde. Posato, kaltgestellt, hatte ihn Cosa Nostra, weil er diesen einen letzten Befehl nicht gehorsam ausführen konnte: "Töte deinen jüngeren Bruder!" - Niemand hatte solche Anordnung ausgesprochen. Er mußte sie aus nicht gesagten Worten, aus Halbsätzen wie "Schade um ihn" erahnen. Immer wieder ließen ältere Ehrenmänner den Namen seines Bruders fallen, und ein Seufzen oder ein
* Name von der Redaktion geändert.
Schnalzen mit der Zunge folgte. Schließlich, weil er selbst es nicht aussprach, warf sein Padrino beiläufig hin: "Der ist verbrannt."
Ein Hitzkopf und Angeber, ein verrückter Spinner - das war für ihn sein Bruder. Schon als Kind, als er vor den Geschwistern immer auftrumpfen wollte. Jetzt, mit 29, hatte der sich eingebildet, auf eigene Rechnung arbeiten zu können, und spuckte auf die Familie, und er wiederum beschimpfte und haßte ihn deswegen und stellte sich immer wieder vor, wie seine Kugel in diesen wirren Kopf einschlug. Denn er war gut beim Morden: 17mal hatte er saubere Arbeit geleistet. Jetzt konnte er plötzlich nicht. Es ging um sein eigenes Blut. Monatelang erfand er immer neue Ausreden, schob die Arbeit vor sich her. Bis irgendwann die Familie andeutete, er habe einen Defekt - wie eine präzise Uhr, die auf einmal stockt. Er, der immer alles pünktlich erledigt hatte, konnte den Beweis nicht erbringen, daß die Familie weit über seiner eigenen stand. Er zeigte eine gefährliche Schwäche: Gefühl.
Die vier Staatsanwälte drängten nicht, schauten ihn weiterhin schweigend an. Er forschte in den Gesichtern der Carabinieri und Polizisten, die vor ihm standen. Er entdeckte keinen Bekannten, wußte jedoch, daß ein Drittel der Staatswächter Catanias der Familie diente. "Viel, sehr viel kosten mich die Schergen in den Kasernen", hatte einmal der Boß, Nitto Santapaola, geklagt. Wut würgte in seinem Hals. Wut auf diesen Mann, den er "zù", Onkel, nannte. Der ihm damals, mit 18, die Pupillen zum Glänzen gebracht hatte.
Er galt als "Mann von wenigen Worten", der in Andeutungen sprach und keine Nachfragen duldete. Seine Augen waren wie Flinten, vor denen jeder den Blick sofort senkte. Santapaola liebte Pferde, Jagdhunde und seine Frau Carmela, eine schöne Signora trotz all der Angst und dem Leid während seiner zwölf Jahre dauernden Flucht - in immer wechselnde Unterschlupfe bei sauberen, unverdächtigten Familien, Mitläufern, die einen solchen Gefallen nicht auszuschlagen wagten. Von diesen Verstecken aus befehligte er die Soldaten der Cosa Nostra von Catania und der Provinz.
Der Auftrag, seinen eigenen Bruder zu töten, kam vom Onkel. Es war, als sollte er die Waffe gegen sich selbst richten. Natürlich hätte seine Mutter weiterhin Komödie gespielt: Niemals gefragt, immer gesagt, er sei ein guter Sohn. Aber ihren ausweichenden Blick sah er im Geiste voraus, wieder und wieder, und der erschien ihm furchtbarer, als wenn sie ihn verflucht hätte. So hat Santapaola auf andere Weise sein Leben beendet: Er trieb ihn zum Verrat.
Floresi richtete sich auf, fixierte den ältesten der Staatsanwälte. Auch als Verräter wollte er sauber und präzise wie sonst arbeiten. Seine erste Aussage sollte das Gehirn von Cosa Nostra in Catania treffen. Und so begann er: "Es ist ein weißes zweistöckiges Haus an der rechten Seite einer Sackgasse ..." Er lieferte Santapaola ans Messer.
Polizisten und Carabinieri sprangen in ihre Wagen, rasten im Dunkel dorthin. Sie fanden alles vor, so wie er es beschrieben hatte: die Garage, den Kamin und die Wendeltreppe, den Pingpong-Tisch. Auf dem Rand stand ein halb geleertes Weinglas. Doch Santapaola, er war schon woanders.
Über eine Woche dauerten Floresis erste Aussagen. Oft stundenlang, ohne Unterbrechung. Ein Carabiniere tippte jedes Wort ein: verifizierbare Taten, Morde, Geschäfte der Familie, sogar Details wie Regenwetter oder Sonnenschein, die Art der Waffen, welche Weine und Speisen an diesem und jenem Tag auf der Tafel standen. 93 Namen nannte er dort, und jeder löschte ein wenig sein Verlangen nach Rache. Nur manchmal wollten die Worte nicht heraus, weil Scham und Selbstverachtung wie Säure in den Eingeweiden ätzten. Bis eines Tages der älteste der Staatsanwälte zur Pause nicht mehr mit den anderen ins Restaurant ging und neben ihm im Kasernenbüro ein Panino mit Mortadella aß. Das gab ihm wieder etwas Würde, und er redete und redete. Zum erstenmal blickte er auf sein schnelles Leben zurück.
Dort, wo er herkommt, stellt man sich nicht die Frage, ob man zur Cosa Nostra will. Wer die Chance erhält, ein Ehrenmann zu werden, der küßt aus Dankbarkeit die Erde. In San Cristoforo, im Bauch der Altstadt von Catania, wird niemand Arzt oder Anwalt, und zu Geld kommt man nur durch Beziehungen, Gefallen, Gefälligkeiten. Will einer Macht und Einfluß, setzt er seine Laufbahn im Umkreis der Familie an und verbirgt später seinen Reichtum hinter grauen, unverputzten Hausmauern und eisernen Toren: vergoldete Wasserhähne, Vitrinen mit edlem Capodimonte-Porzellan, Vorhänge aus Brokatdamast.
Hatte ein Ladenbesitzer Streit mit Nachbarn, brauchte jemand Geld, Waffen oder eine Genehmigung von der Behörde, wandte der sich an Onkel Turi. Und war jemand aus Versehen einem wichtigen Mann in die Quere gekommen, dann glättete Onkel Turi mit ihm alles durch den Satz: "Iddu è cosa mia", er gehört zu mir. Das einzig Auffällige an dem gedrungenen Alten war die Goldkette mit dem Jesuskopf, aus dessen Augen zwei Brillanten leuchteten. Onkel Turi war das Bindeglied zwischen Cosa Nostra und dem Viertel. Mit "Vossia", Euer Ehren, begrüßte ihn jeder in San Cristoforo, und die Kinder rannten ihm aufgeregt entgegen, küßten seine Wangen. Wenn er die Bar betrat, beugten Gäste wie Wirt den Rücken, und fünf oder sechs spendierte Kaffees reihten sich auf dem Tresen. Die Kinder beobachteten ihn von draußen durch die Glastür und staunten jedesmal, daß er nur eine Tasse trank und die anderen kalt werden ließ.
"Più spine che rose", weissagte Onkel Turi, als Floresi im Herbst 1980, mit 21, Ehrenmann werden sollte. Es würde ein Weg mit mehr Dornen als Rosenblüten sein. Die Familie begehrte ihn, weil er viel Schneid bei Banküberfällen gezeigt hatte, dem einzigen von Cosa Nostra nicht kontrollierten Erwerbszweig. Begonnen hatte er mit 17. Er wollte schnell dem Onkel auffallen und wußte, Banküberfälle sind ein besonderes Bewährungsfeld: Fünf bis sieben Minuten muß man kaltes Blut bewahren, beim Mord dagegen nur ein paar Sekunden. Und er wollte sich Versace-Anzüge, Goldschmuck, einen BMW kaufen. Wie hätte er sich das im Gemüseladen seines Vaters erarbeiten können? Der gehörte nie zur Cosa Nostra und schuftete deshalb von morgens bis abends und wurde weder reich noch geachtet. Er ist ein alter Faschist, aber einer, der nicht an den Staat glaubt und wie alle im Viertel die Polizisten Sbirri, Schergen, nennt. Sein Vater ist eines der vielen leisen Opfer Siziliens. Bat ihn die Familie um einen Gefallen, bückte der sich jedesmal ergeben.
Onkel Turi sagte aber auch: "Wenn du nicht zur Familie gehörst, bleibst du nur ein erfolgreicher Krimineller, dir wird immer die Aura fehlen", und deutete an, daß er als Einzelgänger ein sehr kurzes Leben haben würde: Die Familie fürchtete, er könne einer verfeindeten Gruppe sein Talent schenken.
"Nur durch mein Blut komme ich zur Familie, nur durch mein Blut verlasse ich sie", sprach ihm bei der Initiation sein Padrino vor. Während er wiederholte, stach der mit der Nadel einer Goldbrosche in seinen rechten Zeigefinger, den Schußfinger, und ließ das Blut auf ein Bildchen der heiligen Agatha tropfen. "Sollte ich Cosa Nostra jemals verraten, wird mein Fleisch so verbrennen wie dieses hier", beschwor der Padrino, zündete zwischen seinen manikürten Fingern das Bildchen an und reichte es ihm. Die Formel nachsprechend, wälzte er das Papier mit der vom Haupte her weglodernden Schutzpatronin von einer Hand in die andere, bis es Asche war.
Am Morgen danach begann die Arbeit als jüngster Ehrenmann der Provinz. Er lernte, seriös und respektvoll aufzutreten: nicht mehr mit den Fingern nach dem Kellner schnipsen, nicht mehr modische Diskokleidung tragen, nicht mehr laut, arrogant oder gar frech sein, keinen Streit anzetteln, keine unnötige Machtdemonstrationen provozieren. Den geschniegelten Mafioso mit Borsalino-Hut und dem schiebenden, breitbeinigen Gang gab es schon damals nur noch auf der Leinwand.
Eingeschnürt in ein Korsett aus Gesetzen, Zeremonien, Konventionen, war er jetzt Soldat der Cosa Nostra, durfte aber weder als solcher sich zu erkennen geben noch einfach an einen anderen, ihm nur von ferne bekannten Ehrenmann herantreten. "Iddu è a stissa cosa", mußte ein Dritter die beiden vorstellen: "Er ist dieselbe Sache." Erst dann küßten sie sich und vertrauten einander Informationen an. Traf er später diesen Ehrenmann zufällig auf der Piazza, durfte er ihm nicht einfach vom Auto aus zuwinken oder ihn mit einem "Ciao" begrüßen. Das wäre als Defekt ausgelegt worden, als Nachlässigkeit und Verweigerung. Er mußte sein Auto anhalten, aussteigen und fragen: "Alles in Ordnung? Wie geht''s uns? Was sagt man?" Immer mußte er zur Verfügung stehen.
Bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Capodecina, dem Oberhaupt einer Soldatengruppe - das war das wichtigste von vielen Geboten. Ein anderes: der Ehefrau treu bleiben - weil Geliebte potentielle Verräterinnen sind. Immer die Wahrheit sagen - um keine Mißverständnisse innerhalb der Familie zu schaffen. Das gegebene Wort halten - weil Cosa Nostra nur dann funktioniert. Demut zeigen - Dünkel im Umgang mit dem Popolino, den kleinen Leuten, erweckt Antipathien und dämpft die Bereitschaft, einen Flüchtigen unterzubringen oder heiße Ware zu verstecken. Alle Moral eines Ehrenmannes gilt der Sicherheit von Cosa Nostra.
Als er eines Abends im dunkelroten Velours eines Nachtklubs am Meer saß und der Kellner ihm diskret eine Flasche Moët & Chandon servierte, da wußte er: Nach all den Lektionen und Mutproben war er angekommen. Er hatte den Champagner nicht bestellt, so wie Onkel Turi damals nicht die fünf Kaffees. Er wurde als Ehrenmann erkannt.
Ging er die Straße entlang, kamen Händler aus ihren Läden, um ihn zu ehren und um seine Gunst zu buhlen. Kisten mit Meeresfrüchten, besten Weinen und Gebäck für die Kinder wurden ihm unverlangt ins Haus geliefert. Betrat seine Signora eine Boutique, ließ der Besitzer alle anderen Kunden stehen und säuselte ihr am Ende zu: "Alles schon beglichen." Anfang 20 war sie damals. Plötzlich duzten sie nur noch Freunde und Verwandte.
Von der Initiation hatte er seiner Frau nicht erzählt, nur Namen von Männern genannt, denen sie jederzeit die Tür öffnen sollte. Sie verstand. Still servierte sie den Kaffee, wenn ihn ein Angehöriger der Familie zu Hause besuchte. Auch über seine neuen Geschäfte hat er ihr nie etwas gesagt. Nicht aus Geringschätzung, sondern zu ihrer Sicherheit. Frauen hätten unzähmbare Gefühle, sagt Cosa Nostra. Wenn ihr Fleisch verletzt ist, weil man den Mann oder sogar den Sohn getötet hat, können sie verrückt werden und zu den Schergen laufen - ein selbstmörderischer Akt. Um die Ehemänner zu treffen oder ihre Rache zu vereiteln, hat die Familie schon immer Frauen töten müssen. Unwissenheit schützt sie am besten gegen unbedachte Taten.
So hat er seiner Frau auch verschwiegen, daß ein paar Monate nach der Initiation ein älterer Ehrenmann ihm befahl: "Du kommst morgen mit mir: Wir müssen einen machen. Steh bereit." "Einen machen" bedeutet: ermorden. Er wußte nur, wer und wo, aber nicht, warum. Nachhaken gilt für Cosa Nostra als Defekt. In Sizilien stellt man ohnehin wenig Fragen. Ein Ehrenmann überhaupt keine.
In der Nacht vor diesem ersten Mord dachte er nur an den Knast, an seine Familie, an die Gefahr. Er dachte nicht an das Opfer, das er im übrigen nicht kannte, sondern nur an sein Opfer für die Sicherheit der Familie. Es war ein Befehl, dem er sich nicht entziehen konnte, eine Überlebensfrage: Scheitert ein Ehrenmann ein paarmal bei der Arbeit, ist er selbst bald tot. Cosa Nostra ist ein Staat, der wie jeder andere auch strenge Gesetze und Sanktionen braucht. Es war seine Entscheidung, sein Wille, sich initiieren zu lassen. Jetzt gab es keinen eigenen Willen, keine eigene Entscheidung mehr.
Das Denken hörte auf, als er ins Auto stieg. Er küßte seine Heiligenbilder und vergaß sofort, daß es einen Gott gibt. Wenn man töten muß, gerät man in Ekstase. Er kann es nicht weiter erklären. Es gibt nur noch das Ziel, die Arbeit, die man hochkonzentriert und exakt erledigen muß. Alles eine Sekundenfrage. Der alte Ehrenmann führte ihn zu einem Schuhgeschäft. Sie warteten. Als das Opfer aus seinem Laden herauskam, schoß er, und ein Rausch kam über ihn. Für einen Augenblick war er der Padreterno: Gott.
17 Leute hat er als Ehrenmann ermordet, jedesmal mit System. Tagelang studierte er den Fall, beobachtete das Opfer, seine Gewohnheiten - wann es zum Friseur oder in seinen Laden geht, wann es am Abend von der Bar nach Hause aufbricht. Für kleine Leute benutzte er eine Beretta 7.65 mm, vielleicht noch halb verrostet, für bedeutendere einen Revolver Kaliber .38. Die stolpert nie. Eine Kalaschnikow nahm er nur bei exzellenten Morden, für herausragende Persönlichkeiten mit gepanzerten Autos oder um ein Signal zu setzen. Denn in Sizilien besitzt nur die Cosa Nostra Kalaschnikows. Nach der Tat warf er die Waffen weg - den Lauf ins Meer, den Schaft in die Berge.
Sollte das Opfer vorher ausgequetscht werden oder gehörte es zur Familie, wählte Cosa Nostra die Lupara bianca, weiße Schrotflinte: der Mord ohne Leiche. Das Opfer wird stranguliert und dann entweder in Säure aufgelöst, einbetoniert oder, mit Steinen beschwert, ins Meer versenkt. Die Ermittler finden keine Spuren, und die Hinterbliebenen haben kein Ziel für Rachegelüste. Oft spielt man sogar die Farce, sie nach dem Verschwundenen zu fragen. Dadurch bleiben sie immer in der vagen Hoffnung seiner Rückkehr und finden nicht einmal den Trost, ihn beerdigen zu können.
In der Regel lockte ein Freund, meist der vertrauteste, das Opfer unter einem Vorwand in einen abgelegenen Ort, meist in einen leerstehenden Bauernhof oder ein Lagerhaus. "Wir müssen dort etwas geradebiegen", hieß es.
Beim Verhör jammerten selbst die stolzesten Ehrenmänner wie Kälber. Sie flehten, erwähnten die Frau, die Mutter, die Kinder und bettelten um Mitleid. Sie machten sich so lächerlich, daß er sich jedesmal für sie schämte. Er weiß nur von einem Mann, der seine Mörder als Cornuti, Gehörnte, beschimpft und angespuckt hat. Über solche stolzen Männer, die weder flennen noch reden, sagt Cosa Nostra, sie seien "in piedi", im Stehen, gestorben. Es ist eine Ehre, sie umzubringen: Die Haltung des Opfers geht auf den Täter über und steigert sein Prestige.
Auch wenn der Mann im Laufe des Verhörs seine Unschuld beweisen konnte, mußte er sterben. Eine giftige Schlange läßt man nicht frei. Er wurde stranguliert und in Säure aufgelöst. Nur in Filmen werden die Opfer lebendig begraben. Zu unsicher. Sollte die Leiche einbetoniert oder ins Meer versenkt werden, schnürte man vorher den Mann "incaprettato", wie eine Ziege, mit nach hinten gebundenen Beinen und Armen zusammen, damit dann die Leiche zum Transport in den kleinsten Kofferraum paßte. Romantiker von der Presse halten dies für ein archaisches Ritual. Unsinn, sagt er, Cosa Nostra denkt nüchtern und pragmatisch.
Kannte er sein Opfer oder gehörte es gar zur Cosa Nostra, mußte er am nächsten Tag der Familie kondolieren. Er umarmte Eltern, Kinder und Ehefrau, küßte alle auf die Wangen. Manchmal weinte er sogar echte Tränen, denn er brauchte sich nur vorzustellen, das Unglück hätte seine Familie getroffen. Und die Angehörigen spielten mit, auch wenn sie Verdacht hegten. Er schwor Rache für ihren Toten, schickte einen Kranz, und sie spielten weiter mit. Doch niemand konnte sicher sein, daß nicht wiederum einer der Familie Ziel ihrer Rache war. Denn in Sizilien wird sie, oft viele Jahre später, immer kalt serviert.
Mitleid für seine Opfer hatte er nie. Für Mitleid ist kein Platz, wenn man weiß, daß man ebenso tot daliegen kann. Sollten jedoch Freunde umgebracht werden, erfand er Vorwände, irgendwelche dringenden Arbeiten, um nicht an der Entscheidung teilzunehmen. Wer einen Freund umbringt, muß einen starken Magen haben. Und er muß böse sein. Floresi sagt, beides fehle ihm, denn so etwas haben nur geborene Killer, für die das Töten eine Droge ist. Sie werden nervös, leiden fast, wenn sie es eine Woche lang nicht tun können. Er dagegen verspürte sogar zweimal beim Morden Unbehagen, das er jedoch schnell unterdrückte - aus Angst, sein Komplize könne es riechen und ihn beim Onkel anschwärzen.
Ein Ehrenmann riecht immer nach Angst, egal, ob er ein kleiner ist oder ein großer wie Giovanni Brusca - Angst vor der Polizei, aber noch mehr vor der Familie, vor den anderen Soldaten und rivalisierenden Gruppen. Es ist die Angst, verraten oder bestraft zu werden. Jedesmal, wenn ein Motorradfahrer mit Helm heranbrauste, sackte sein Herz in die Tiefe. Wie an dem Morgen des Attentats. Eine verfeindete Familie wollte ihn töten, aber ihre Jungs waren nicht professionell. Sie sprangen zu früh aus dem Wagen, er sah ihre Absicht und entkam. Ein verdammtes Leben. Er hatte Macht. Er hatte Geld. Aber einfach entspannen konnte er nie.
Für die Morde erhielt er selten Honorar. Einmal 5000 Mark, umgerechnet. Also ein Trinkgeld. Morde waren Ehrenmannspflicht, die je nach Schwierigkeitsgrad und Prestige des Opfers das eigene Ansehen steigerten. Nur Handlanger wurden extra bezahlt. Als Soldat hatte er ein Monatsgehalt von 1000 Mark, eher eine symbolische Geste für ihn. Es reichte kaum für drei paar Schuhe. Ehrenmänner seiner Generation sind umtriebige Geschäftsmänner, sie sitzen nicht träge auf der Piazza und warten, daß man ihnen den Ring küßt.
Er ließ bald die Banküberfälle von einer eigenen Mannschaft aus Carusi, Jungs, weiterführen. Als Ehrenmann wäre es eine Dummheit gewesen, wegen solcher Kleinigkeiten das Leben zu riskieren. Außerdem verdiente er mühelos weit mehr durch Schutzgelderpressung. Nicht vom kleinen Schuster. Sein Herz hätte geschmerzt, wenn der deshalb nicht mehr am Sonntag seine Signora zur Pizzeria hätte ausführen können. Unternehmer und reiche Ladenbesitzer kassierte er ab, selbstverständlich immer mit Gentilezza, Höflichkeit: "Nur monatliche vier Prozent des Umsatzes, und Sie brauchen nicht mehr mit Überfällen zu rechnen." Lehnte der Mann ab, ließ er je nach Hartnäckigkeit einen Trauerkranz schicken oder eine Lagerhalle sprengen. Das überzeugte.
Die Familie spielte Monopoly. Sie kaufte Anteile von Firmen, kontrollierte sie schließlich und wusch dadurch das Geld. Sie erwarb Aktienpakete. Sie wucherte: Durch immer höhere Schutzgelder schnürte sie erst dem Unternehmer langsam die Luft ab. Hatten die Banken alle Kredite gesperrt, bot sich ein der Familie nahestehendes Geldinstitut an, die finanziellen Schwierigkeiten zu überbrücken - natürlich zu verlockend niedrigen Zinssätzen, die dann aber bis zu monatlichen 15 Prozent gesteigert wurden. Wie eine reife Orange fiel schließlich die Firma in den Schoß der Familie. Hunderte Unternehmen erntete die Familie von Catania in den achtziger Jahren. Die legale Wirtschaft ist längst mit der illegalen verschmolzen.
Das große Geld machte er mit Drogen - Heroin und Kokain. Er verantwortete den Transport aus Frankreich und war für die Verteilung des Stoffs an die Dealer zuständig. Doch als Ehrenmann habe er das Zeug nie in die Finger genommen.
Politiker stellten die Gleitmittel für die Geschäfte der Cosa Nostra. Wie alle Soldaten organisierte er Wahlkämpfe für die Kandidaten, mit denen die Familie gerade zusammenarbeitete - anfangs meist Christdemokraten, später Sozialisten und Republikaner. Er beschaffte ihnen in seinem Viertel die Stimmen, und sie sorgten für öffentliche Gelder, große Bauaufträge, Invalidenrenten, günstige Dekrete und Gesetze sowie Aggiustamenti, das Abbiegen oder Geradebiegen von Prozessen gegen Angehörige der Familie - bis zur Aufhebung von Urteilen im römischen Kassationsgericht. Nur Entführungen waren den Ehrenmännern strikt verboten. Das ist Sache der Kalabrier. Cosa Nostra wollte auf keinen Fall Großrazzien in ihrem Land, das traditionell als sicheres Territorium für Latitanti, von der Polizei gesuchte Flüchtige, dient. Den Großteil des Gewinns aus illegalen Geschäften mußte er wie alle anderen in die Bacinella werfen, die Schüssel der Gemeinschaft. Sie begleicht Kosten für Prozesse und Beerdigungen, Geschenke und Bestechungen, Anwaltshonorare, Grundgehälter der Ehrenmänner und Löhne der Handlanger sowie die Unterstützung der Familien von inhaftierten Ehrenmännern. An die 200 000 Mark blieben ihm immerhin im Monat übrig. Das war Ende der achtziger Jahre. Die kleinen Leute standen in seiner Baufirma wie in einem Behördenbüro Schlange und baten um Gefälligkeiten.
Die alten Ehrenmänner haben immer bescheiden gelebt, um nicht aufzufallen. Er war klüger und ließ sich eine lachsfarbene Villa bauen, die ihren Luxus im Inneren verbarg. So etwas gebe es nicht einmal in Amerika, sagt er. Mitten im Patio, der vor Blicken aus dem Helikopter der Finanzpolizei mit einem raffinierten Blätterdach geschützt war, hatte er einen Marmorbrunnen angelegt, schöner als in einem Schloß. Farbiges Licht strahlte die Fontäne zu einer Wasserorgel an. Sein Ehebett aus dem 18. Jahrhundert schmückten aufwendige Perlmutt-Intarsien, sein walnußgetäfeltes Lieblingszimmer krönte ein Kuppelturm. Und dann die Küche: 70 Quadratmeter groß mit Bogenfenstern aus fünf Zentimeter dickem Panzerglas und einem in das Mauerwerk eingelassenen viertürigen Kühlschrank, der Eis in Herzform ausspuckte. Ehrfurcht ergriff die Besucher, wenn sie sein Reich betraten. So sollte es auch sein.
Als ihn Polizisten eines Tages zu Hause überraschten und wegen eines dummen, schiefgelaufenen Banküberfalls verhafteten, zerquetschten sie mit Genuß ihre brennenden Kippen auf dem teuren Parkett. Der Aufenthalt im Gefängnis wurde allerdings keine üble Zeit. Er führte seine Geschäfte, als sei er draußen, trug weiterhin seine Versace-Anzüge, speiste wie zuvor. Restaurants lieferten ausgesuchte Weine, Langusten und Petits fours in die Zelle; sonntags ließen ihm Mitgefangene Pasta al Forno und andere selbstgekochte Delikatessen zukommen. Jederzeit konnte er zum Freigang in den Hof, und die Wärter grüßten ihn mit besonderem Respekt - obwohl er sie immer bat, sitzenzubleiben. An das Verfahren verschwendete er keinen Gedanken. Nach zehn Monaten war sein Fall "aggiustato", geradegebogen, und er war wieder ein freier Ehrenmann.
Eines Tages, als er schon seinen Bruder töten sollte, steckte ihm ein Maulwurf, daß ein neuer Haftbefehl gegen ihn vorliege. Er suchte Schutz im Haus von sauberen, unauffälligen Leuten und konnte dennoch mit offenem Gesicht auf die Straße gehen. Niemand im Viertel hätte ihn verraten. So ist Catania. Die Leute schätzten an ihm, daß er nie von einem Schuster Schutzgeld erpreßt und immer Jobs für ihre Söhne besorgt hatte.
Die Flucht rettete seinen Bruder: Endlich hatte er einen plausiblen Grund, ihn nicht zu töten. Doch dieser Konflikt mahlte in ihm weiter. Vielleicht hatte er auf einmal zuviel Zeit, in sich zu horchen. Vielleicht war die Wut auf den Onkel, der ihn immer mehr aussaugte, schon lange da und harrte nur darauf, hervorzukommen. Als ihn die Polizei eines Abends beim Pokerspiel im Haus von Freunden verhaftete, fühlte er sich befreit.
"Ich rede nicht weiter, wenn Sie mich nicht an einen sicheren Ort bringen", sagte er nach sechs Tagen Aussage. Er glaubte manchmal, in der Zelle das Wummern einer Detonation zu hören, und dachte an seinen Padrino, der vor dem Onkel für ihn bürgte und jetzt die Pflicht hatte, ihn umzubringen. Er mußte seine Insel verlassen. Schnell und für immer. Als das Flugzeug sich hoch über die Küste schwang, blickte er nicht aus dem Fenster. Er dachte nur, dieses Leben ist vorbei. Aber es wird nie vorbei sein.
Fern von Sizilien tauchte er unter. Seine Frau, Kinder, Eltern und Schwiegereltern, seine Geschwister und deren Kinder - 28 Angehörige mußten von heute auf morgen die Insel im Stich lassen. Seitdem sind sie voller Haß auf ihn. Weil er ihnen das Leben gestohlen hat. Weil er ein Verräter ist und sie mit Schande befleckt hat. Weil sie die Sprache des "Kontinents", wie Sizilianer sagen, nicht verstehen. Selbst sein Bruder kennt keine Dankbarkeit, daß er ihn nicht erschossen hat. Eigentlich hätten alle außer ihm auf der Insel bleiben können. Sie hätten sich so wie viele andere auch hinstellen und öffentlich von ihm lossagen müssen.
Seine jüngste Schwester kapitulierte schon nach ein paar Wochen und kehrte nach Sizilien zurück - zu ihrem Mann, auch ein Ehrenmann. Infame, Schandkerl, nannte sie dann ihren Bruder vor der Presse. Ob es ihr etwas nützt? Jetzt schlägt er jeden Tag zuerst die Seite mit den Todesanzeigen im giornale di sicilia auf und sucht ihren Namen. Doch er glaubt, daß die Familie sie erst umbringen wird, wenn die Prozesse abgeschlossen sind. Sollte sie jetzt sterben, würde das seine Aussagen bestätigen.
Er lebt nun in einem Haus mit Garten und Hund - mietfrei, vom Staat gestellt. Und er bekommt monatlich an die 3000 Mark. Ein Almosen. Geld vom Feind. Demütigend. Er kann sich nicht daran gewöhnen, statt Langusten nun Sardellen auf dem Teller zu haben. Und wie soll er das alles den Kindern erklären? Früher setzte er sie für einen ganzen Nachmittag bei Benetton ab, und sie durften alles kaufen.
Vor allem aber: Wie erklärt er dem eigenen Sohn, daß er ab Montag nicht mehr, sagen wir, Paolo, sondern Angelo heißt? Der Kleine hatte in der Schule Probleme. Die Lehrerin meinte, er habe langsame Reflexe, sei vielleicht schwerhörig. Nein. Paolo konnte mit dem Namen Angelo nichts verbinden. Er reagierte nicht, wenn er aufgerufen wurde. Und überhaupt: Kinder versprechen sich leicht. Fünfmal mußten sie deshalb die Namen wechseln. Und wie erklärt er den Kleinen, daß sie keine Freunde nach Hause einladen dürfen? Wie, daß sie ein Märchen über ihre Vergangenheit zusammenreimen sollen?
"Warum willst du so viele Leute ruinieren?" fragte ihn eines Nachmittags sein 15jähriger Sohn im Ton eines Mafiosello, "warum nimmst du nicht alles zurück?" Er erklärte ihm sein Leben, obwohl der sicherlich schon immer alles gespürt haben muß. Es wurde ein zweiter Prozeß. Aber weiß er, ob sein Sohn ihn nicht immer noch verachtet, ob nicht etwas in ihm brütet? Und seine Tochter: Kaum hat sie ein Schulbuch oder einen Löffel angefaßt, wäscht sie sich die Hände. Eine Manie. Fünfmal am Tag duscht sie. Furchtbar. Einmal hat er sich selbst vergessen und geschrien, ihr Haus sei sauber, sie solle endlich aufhören. Fühlt sie sich schmutzig, weil er Ehrenmann war oder weil er Kronzeuge ist?
"Wir versetzen der Familie einen Schmiß in die Wange", sagte seine Frau eines Tages, "laß uns noch ein Kind haben." Schroff wies er sie erst zurück. Er wollte kein todgeweihtes Kind. Doch mit der Zeit reizte es ihn, Cosa Nostra zu zeigen, daß er nicht vor ihr kriecht, daß sie ihm die Zukunft nicht rauben kann. Als das Kind geboren wurde, ein Junge auch noch, stand er wieder aufrecht und unbesiegbar da.
Jetzt kann er auch dieses aus Lügen gewebte Leben ertragen, diese Farce, jeden Morgen um acht so zu tun, als würde er zur Arbeit gehen. Alles für die Nachbarn. Er wandert dann umher, läuft ins Leere. Und abends kommt er selbst ganz leer zurück. Die Nachbarn erwarten, daß Sizilianer im Urlaub nach Sizilien fahren. Also macht er es ihnen weis und irrt mit der Familie auf dem Kontinent umher, mal zwei Tage hier, mal zwei Tage da, und bringt bei der Heimkehr sizilianische Kuchen mit, die er sonstwo gekauft hat. Er muß so normal wie möglich sein, damit sich keiner wundert und mit seinen Gedanken an ihm verhakt.
Paradox. Seine einzigen Freunde sind jetzt die Polizisten der Eskorte, die ihn zu den Aussageterminen begleiten, Anwälte, Beamte des Schutzprogramms und der Staatsanwalt. Wenn der früher im Fernsehen auftrat, spuckte er auf den Bildschirm. Heute laufen seine Kleinsten den Staatsdienern entgegen und küssen sie. Und die machen ihnen Geschenke. Wie unangenehm. Jedenfalls zerstreuen sie hin und wieder das Gift des Hasses, das in der Familie gärt. Und auch die Langeweile. Was tut er sonst? Er guckt fern. Er ißt viel. Er spricht beim Essen über das nächste Essen.
Was bleibt, ist die ständige Angst. Wenn eine Ampel auf Rot schaltet, fährt er durch. Auf Grün zu warten, könnte sein Ende sein. Er meidet jede Gewohnheit, kauft den Käse, das Brot, die Nudeln jedesmal woanders, nimmt nie denselben Weg. Es bleibt ein Nomadentum. Alle zwei Jahre wird er mit seiner Familie umziehen müssen. Und es bleibt der Schmerz, weil der nach Salz schmeckende Wind Siziliens ihm nie wieder ins Gesicht blasen wird. Dieses Gesicht, das er dort immer stolz getragen hat und bald noch einmal verlieren wird. Durch eine Operation. Verfremdet, entstellt, unerkennbar soll es ihm helfen zu überleben. "Er ist nicht mehr mein Sohn", wird seine Mutter dann sagen. Sie h at es nicht nach seinem Geständnis in Sizilien gesagt. Und auch nicht, als sie erfuhr, daß er ein Mörder ist.
Die Gesichter seiner 17 Opfer drängen sich ihm immer wieder auf. Er sieht, wie sie ihn anstarren und schweigen. Nicht nachts, denn er hat weder Träume noch Alpträume. Er sieht sie mitten am Tag. Sie kommen, wenn er Auto fährt, kocht oder den Rasen mäht. Und jedesmal bricht ein Tormento in ihm los, ein innerer Orkan. Das Brodeln der Reue, dachte er zunächst. Aber dann sagte er sich, er habe nie aus persönlichen Gründen getötet. Es ist eine andere Folter. Er sieht sich vor diesen 17 stummen Männern stehen, ohne Cosa Nostra hinter sich. Junge Gesichter sind es alle. Er sieht, wie sie im Leben waren und sich jetzt rächen und ihn quälen wollen. Ein böses Tribunal. Und er versteckt sich, schrumpft, ist niemand mehr.
Ob es doch Reue ist? Er glaubt, nicht.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Carmen Butta

DER SPIEGEL 9/1997
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MAFIA:
Im Stehen sterben

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