24.02.1997

China erwacht, die Welt erbebt

Von Kremb, Jürgen und Follath, Erich

Der "letzte Kaiser" Deng Xiaoping ist tot, 1997 wird zum Schicksalsjahr für das Reich der Mitte: Am 1. Juli holt die Volksrepublik die kapitalistische Perle Hongkong heim, im Herbst bestimmt ein Parteitag der KP die neue Richtung. Wird die Großmacht China zur Bedrohung?

Das also soll die Zukunft des Sozialismus chinesischer Prägung sein: Zhangjiagang, die neue Modellstadt der Volksrepublik, von den Männern an der Staatsspitze dem Milliardenvolk als vorbildlicher Kern einer neuen Zivilisation ans Herz gelegt, geplant schon für das Zeitalter nach Deng Xiaoping.

Betonburgen, Aluminiumpaläste, glitzernde Türme aus Glas, 200 Quadratmeter große Villen. Schmucke Schaufenster-Auslagen und goldfarbene Ladenschilder an brandneuen Fassaden. Die Läden quellen über, die Restaurants sind voll. Arbeiter asphaltieren Straßen und ziehen Fabrikhallen hoch. Und alle die Bauten, die Banken und Büros sind eingerahmt von exakt ausgerichteten Blumenbeeten.

Die Vorbildstadt in der mittelchinesischen Provinz Jiangsu, 130 Kilometer von Schanghai entfernt am Jangtse-Strom gelegen, wurde am Reißbrett geplant. Sie hat schnurgerade Straßen und rechtwinklige Kreuzungen, und sie ist die Stadt der Saubermänner. Täglich schrubben drei Brigaden Straßenkehrer das Pflaster, der Markt ist überdacht, das Gemüse wird säuberlich geputzt, die Frische der Ware polizeilich überprüft. 850 000 Menschen leben heute in Zhangjiagang, und noch ist viel Platz für Neuankömmlinge.

"So wie Singapur wollen wir werden", sagt der Propaganda-Kader Zhou Baoxing, 50. Nach der neuen Parteilinie soll der "übertriebene Individualismus" des Westens verabscheut und zugleich der einstige sowjetische Kommunismus als Versagersystem verachtet werden.

"Hier herrschen konfuzianische Werte", verkündet die offiziöse Tageszeitung china daily - die Geisteshaltung des großen Moralphilosophen, der Rechtschaffenheit der Regierenden und Regierten lehrte, vor allem aber die Unterordnung des Volkes.

Eine paternalistische Musterdiktatur schwebt der Partei vor, eine "sozialistische Marktwirtschaft" mit beachtlicher ökonomischer Freiheit, aber rigider politischer Überwachung. Wenn es an der Tür klopft, soll jeder wissen: Es könnte die Avon-Beraterin sein - aber eben auch der Staatssicherheitsdienst.

"Wir haben hart für alles gearbeitet", verkündet Kader Zhou Baoxing stolz, wenn er Parteibosse und Politkommissare aus dem ganzen Land durch das Vorzeigeparadies führt; fast eine Million Besucher kamen im vergangenen Jahr. "Wir waren arm in dieser Provinzstadt, die Bauern hatten keine Ahnung von Hygiene, die spuckten, fluchten, rauchten."

Die Stadt hat einen Freihafen, die Partei will Zukunftsindustrien und High-Tech-Firmen ansiedeln, die Joint-ventures mit dem Westen eingehen sollen. Und angeblich ist der Musterort auch frei von Korruption, Kriminalität und Prostitution - anders als alle anderen chinesischen Großstädte.

Längst aufgegeben ist heute in der Volksrepublik die Suche nach dem Neuen Menschen, der in der revolutionären Ära Mao Tse-tungs erschaffen werden sollte. Es geht jetzt um den Menschen, der öfter etwas Neues will - und es sich auch leisten kann.

Aber ordentlich betragen soll er sich: Spucken in der Öffentlichkeit wird mit drei Tagen Nachsitzen in einer Studierklasse bestraft, Rauchen in der Fußgängerzone ist strengstens verboten - wer Glück hat, kommt in der Modellstadt mit einer Geldstrafe davon. Oder der ertappte Sünder muß sich ein knallgelbes Hemd der Schande überstreifen und vier Stunden wie angewurzelt an der Stelle stehenbleiben, wo er erwischt wurde.

"Ein Kaugummi-Verbot wie in Singapur planen wir auch", sagt strahlend der brave Parteisoldat Zhou.

"Studiert den Geist von Zhangjiagang", empfahl die volkszeitung, Sprachrohr der Kommunistischen Partei Chinas. Parteichef Jiang Zemin, der wie die meisten Mitglieder des Politbüros den Zukunftsort 1995 mit einer persönlichen Wallfahrt beehrte, war so beeindruckt, daß er die Parole des ZK, ausgegeben für ganz China, hier bereits in die Wirklichkeit umgesetzt sah: "Materielle Zivilisation" lautet sie und verheißt dramatische Verbesserung des Lebensstandards durch kapitalistische Anreize; verbunden soll sie sein mit "geistiger Zivilisation".

Was das ist, verkünden die "Sechs Ja" und die "Zehn Nein" des "Buches für den zivilisierten Bürger", etwa: Liebe zum Vaterland, Verschönerung der Umwelt, Achtung vor dem Alter, kein ungenehmigtes Aufhängen von Werbeplakaten.

Welch ein Unterschied zum ideologischen Wahn der Kulturrevolution des "Großen Steuermanns" Mao Tse-tung in den sechziger Jahren, als Gleichmacherei mit lauter genormten Menschen, genormtem Denken und genormten Bedürfnissen verordnet wurde und überall Rote Garden in Einheitskluft marschierten.

In einer welthistorischen Wende widerfährt dem Reich der Mitte jenes Los, das Mao fürchtete wie der Teufel das Weihwasser: Die Volksrepublik wechselt die Farbe - nun wohl unwiderruflich.

Der erste große Einschnitt war im Dezember 1978 vollzogen worden: Da hatte auf einer stürmischen Sitzung des Zentralkomitees der Parteivize Deng Xiaoping, Mao-Gefährte aus dem legendären Langen Marsch der Jahre 1934/36, in der Kulturrevolution aber als "kapitalistischer Machthaber Nummer zwei" verfemt, sein kühnes Konzept durchgesetzt, China nach Westen zu öffnen und die Wirtschaft zu reformieren.

Die Partei wagte es, ihre Untertanen - zuerst die Bauern, später auch die Arbeiter - von den planwirtschaftlichen Fesseln zu befreien. Es war der Beginn eines gigantischen Aufschwungs, der zeigte, daß Maos revolutionäre Lehren von der erzwungenen Bedürfnislosigkeit den Geschäftssinn vieler Chinesen zwar unterdrücken, aber nicht auslöschen konnten.

Jetzt, da der 92jährige Deng, Chinas "letzter Kaiser", nach langen Jahren des Siechtums am vorigen Mittwoch um 21.08 Uhr Pekinger Ortszeit gestorben ist, beginnt wieder eine Ära.

Sie trägt schon beim offiziellen Abschied vom Reformarchitekten Deng eine neue, bescheidene Handschrift. Genosse Deng habe eine einfache Bestattung angeordnet, hieß es in einem Brief der Familie. Nicht mehr sozialistische Großmannssucht und stalinistischer Personenkult wie bei Maos Staatsbegräbnis waren angesagt, nur die Familie und ausgewählte Funktionäre sollten den toten Veteranen des Langen Marsches auf seinem Weg zu Marx begleiten.

Eine für chinesische Verhältnisse kleine Trauerfeier mit 10 000 Gästen findet diesen Dienstag in der Pekinger Großen Halle des Volkes statt. Dengs Asche soll - gemäß seinem Letzten Willen - ins Meer gestreut werden. Punkt zehn Uhr werden die Schiffssirenen im ganzen Land für drei Minuten heulen, Züge und Fabriken ihre Signale ertönen lassen. Sechs Tage soll die Staatstrauer dauern.

Jetzt steht Partei- und Staatschef Jiang Zemin, 70, ohne seinen Mentor Deng, der ihn zum "Kern" einer Führungsmannschaft bestimmt hat, an der Spitze.

Noch in diesem Herbst will er endgültig aus dem Schatten des Patriarchen heraustreten, die personelle und ideologische Neuausrichtung Chinas auf dem 15. Parteitag festlegen. Dann will Jiang die begonnenen Reformen fortschreiben, Widersacher kaltstellen, den Führungswechsel besiegeln und das entstandene ideologische Vakuum füllen: mit einem patriotisch gefärbten Selbstbewußtsein und einem von der KP kontrollierten marktwirtschaftlichen Fortschrittsglauben. Vorwärts zum neuen Großen Sprung, Aufbruch zur nationalistischen Großmacht China!

1997 wird aber nicht nur durch seine innenpolitische Weichenstellung in die Weltgeschichte als das Jahr Chinas eingehen. Im Jahr des Ochsen betritt eine Weltmacht die internationale politische Bühne.

"Wenn China erwacht, erbebt die Welt", hatte schon Napoleon gewarnt. Der amerikanische Politologe Fareed Zakaria, Chef der Zeitschrift foreign affairs, meint, nun sei es soweit. Und auch er sieht die Umwälzung dramatisch: "Große Mächte sind wie Divas - ihr Kommen und Gehen begleiten große Tumulte."

Am 1. Juli 1997 fällt die britische Kronkolonie Hongkong mit ihren 6,2 Millionen Einwohnern - die neuntgrößte Export-Wirtschaftsmacht der Erde - vertragsgemäß an die Volksrepublik China zurück. Geboren wird mit dieser Wiedervereinigung ein Goliath: Großchina, nicht nur der menschenreichste, sondern dann auch der devisenreichste Staat der Welt. Mehr als 100 Milliarden Dollar steuert Peking dazu bei, mehr als 55 Milliarden ("die größte Mitgift seit Kleopatra", so der letzte britische Gouverneur Chris Patten) bringt Hongkong mit in die Ehe - eine Valutareserve, über die Deutschland und die USA zusammen nicht verfügen.

"Nach diesem Tag wird die Welt ein anderer Platz sein, unbequemer, unberechenbarer", sagt Robert Broadfoot, Berater von Shell und großen Schweizer Banken im China-Geschäft.

Kaum ein Massenprodukt, das die neue Großmacht nicht selbst herzustellen vermöchte, zu geringeren Preisen als sonst irgendwo; kaum ein Lohn, den die 1,2 Milliarden Menschen, ein Fünftel der Weltbevölkerung, nicht unterbieten könnten. Und nun gesellt sich zu diesem Heer fleißiger Produzenten und potentieller Konsumenten die neue "Sonderverwaltungszone", die nach dem Motto Dengs - "ein Land, zwei Systeme" - noch 50 Jahre ihre Sonderrolle behalten soll.

Hongkong ist eine hochentwickelte Erfolgsstadt, in mancher Beziehung selbst New York, London und Tokio ebenbürtig - viertgrößte Finanzmetropole, Börse Nummer acht auf der Welt, einer der größten Containerhäfen, der modernste aller Großflughäfen gerade im Bau.

Das um Hongkong vergrößerte China könnte, wenn es seine Wachstumsraten der letzten Jahre von durchschnittlich zehn Prozent auch nur annähernd hält, schon in etwa zehn Jahren die USA als größte Wirtschaftsmacht überholen.

Der Riese will auch militärisch seine Muskeln spielen lassen. Vom finanzschwachen Rußland hat die Volksrepublik bereits 50 hochmoderne Kampfflugzeuge Suchoi-27 erworben; Maschinen dieses Typs sollen demnächst im Lizenzbau in China produziert werden. Die technisch veraltete Flotte wurde mit vier U-Booten der russischen Kilo-Klasse verstärkt. Unter Umgehung des Ausfuhrverbots der Europäischen Union wollen die Chinesen ihre Unterseeboote mit deutschen Periskopen ausrüsten - Emissäre eines Forschungsinstituts der Marine in Wuhan haben bereits bei Carl Zeiss, Oberkochen, angefragt.

Auf Frankreichs Hilfe bauen Chinas Admiräle beim Erwerb eines Flugzeugträgers. Dann sind da noch die Nuklearwaffen, bis zum vorigen Jahr in der Lop-Nor-Wüste getestet - und eine Drei-Millionen-Mann-Armee: kein Staat hat so viele Soldaten unter Waffen.

Das Geschick der Menschheit könnte davon abhängen, ob die Großmacht China ihre wirtschaftliche und militärische Stärke zum "Wohle aller Menschen auf der Erde einsetzt", wie das KP-Sprachrohr volkszeitung verspricht, oder "um Macht zu projizieren", wie der Harvard-Professor Samuel P. Huntington ("Kampf der Kulturen") glaubt.

Die asiatischen Nachbarn sind nervös. Das faktisch souveräne Taiwan muß einen Angriff fürchten, wenn die "abtrünnige Insel" (so Pekings Bezeichnung) sich offiziell für unabhängig erklären sollte; Vietnam, wenn der Nachbar die Ölfelder in der Südchinesischen See erschließt, die Peking wie Hanoi beanspruchen. Auch gegen ein in Anarchie versinkendes Rußland mit seinen riesigen menschenleeren Territorien voller Rohstoffe könnte sich Peking auf ein Abenteuer einlassen - oder gar gegen die USA, wie ein geheimes Papier der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften für das Jahr 2030 prophezeit, das die Szenarien im Kampf um Öl, Märkte und die Vorherrschaft in Asien schon detailliert durchspielt.

"Es gibt keine Übereinstimmung unter Politikern und China-Kennern, ob dem chinesischen Riesen mit Einbindung oder Eindämmung zu begegnen ist", sagt der Sinologe David Shambaugh, bis vor kurzem Herausgeber der renommierten Fachzeitschrift china quarterly, zum Streit um die richtige Behandlung der neuen Großmacht; er spielt auf die Debatte in den USA an, ob China genauso zu behandeln sei wie die Sowjetunion in Zeiten des Kalten Kriegs - "engagement" oder "containment". Nur eines ist klar: "Keiner malt mehr den baldigen Zusammenbruch der Volksrepublik an die Wand."

Vor acht Jahren war das noch anders. Da walzten Panzer in den Straßen Pekings Tausende friedlicher Protestierer nieder, da starben in der Umgebung des Platzes vom Himmlischen Frieden mehr als 2000 meist jugendliche Chinesen durch die von der Armee und den Hardlinern der Partei gewollte brutale Machtdemonstration.

Einen Moment lang hatten einige Idealisten in China und vor allem viele Träumer im Westen geglaubt, die Demonstranten könnten so viel Rückhalt haben, daß die Herrschaft der KP unter einem Volksaufstand zusammenbräche. Der Reformflügel der Partei schien anfangs zum Dialog bereit, die Massenmedien berichteten tagelang über die Bürgerbegehren. Doch Deng Xiaoping, für den die Demonstranten und rebellierenden Studenten nicht besser waren als die kulturrevolutionären Rotgardisten, unter denen er gelitten hatte, fürchtete Terror und Zusammenbruch - er ließ Armee-Einheiten aus dem ganzen Land in Peking zusammenziehen.

Vielleicht hätten die demokratischen Parolen bei den Bauern und Kleinunternehmern außerhalb der Städte auch wenig gezündet. "Geld ist meine Freiheit", sagen viele Händler, und sie mögen diese Freiheit dem Aufbruch ins Ungewisse vorgezogen haben: "Luan", das Chaos, war in China stets ebenso der Alptraum der Mächtigen wie das Schreckgespenst des unterdrückten Volkes.

Das freie Unternehmertum bekam 1992 nochmals einen gewaltigen Schub, als Deng Xiaoping bei seiner imperialen Inspektionsreise durch die Sonderwirtschaftszonen Shenzhen und Zhuhai in der südlichen Provinz Guangdong mit den letzten Tabus einer kommunistischen Wirtschaftsordnung brach: "Ihr müßt vom Kapitalismus lernen", riet er seinen Untertanen, und immer wieder: "Einige dürfen früher reich werden als andere!" Der new york times kam das so sensationell vor, daß ihr nur ein Vergleich einfiel: "Als hätte Ronald Reagan gerufen: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

Wer sich allerdings erhofft hatte, der wirtschaftlichen Öffnung folge zwangsläufig, und womöglich noch innerhalb weniger Jahre, eine politische Liberalisierung, sah sich bitter getäuscht. Deng erkannte schon früh, daß mit dem frischen Wind aus dem Westen auch gefährliches Gedankengut nach China eindringen würde; diese "Schmeißfliegen und Insekten" hat er mit allen Mitteln unschädlich zu machen versucht - und die heutige Parteiführung verschärfte diesen Kampf noch: mit Bespitzelung, Schikanen, hohen Haftstrafen (siehe Kasten Seite 164).

Die USA stellen in ihrem Menschenrechtsbericht zum Jahr 1996 fest: "Es gibt keinen einzigen aktiven Dissidenten mehr in China, die Unterdrückung Andersdenkender ist total. Die Repression hat in den letzten zwölf Monaten noch zugenommen." Wie US-Präsident Bill Clinton angesichts dieser Tatsachen zu seiner Anfang Februar gemachten Äußerung kommen konnte, die Volksrepublik werde sich demokratisieren, und zwar so "sicher wie der Fall der Berliner Mauer", bleibt rätselhaft. Gespannt richtet sich nun der Blick auf Madeleine Albright, die neue amerikanische Außenministerin, die in dieser Woche den Mächtigen der Volksrepublik ihre Aufwartung machen soll. Peking sei die mit Abstand "schwierigste Station" ihrer in neun Hauptstädte führenden Reise, sagte sie.

Doch selbst wenn Albright einen scharfen Ton anschlagen sollte, die US-Politik hat längst aufgehört, Menschenrechtsfragen mit wirtschaftlichen Bedingungen zu koppeln: "Wandel durch Handel" heißt die vage Hoffnung, "konstruktive Einbindung" das neue Zauberwort im Umgang mit dem Riesenreich - eine schwammige Formulierung, die den US-Unternehmen alle Türen offenläßt.

Noch in diesem Jahr will Bill Clinton seinen Gegenpart Jiang Zemin nach Washington einladen, zuvor wird Vizepräsident Al Gore nach Peking reisen. Es wäre der erste Gipfel nach dem Massakerjahr 1989 - und 25 Jahre nachdem Richard Nixon die Beziehungen mit dem roten Riesen wieder in Gang gebracht hat.

Mit einer ganzen Schar Wirtschaftsführern im Schlepptau möchte Gore dann weiter nach Schanghai - er weiß, die Metropole am Huangpu ist so etwas wie der Seismograph in China, eine mehr als heimliche Hauptstadt, in der sich Trends stets wie in einem Brennglas bündeln. Wann immer im Reich der Mitte Geschichte geschrieben wurde, Schanghai, die Stadt "über dem Meer", war vorneweg.

Hier gründete Mao 1921 die Kommunistische Partei, hier herrschten berüchtigte Triaden; hier amüsierten sich in den Dreißigern französische Unternehmer, japanische Spione und weißrussische Emigranten in Edelbordellen und Opiumhöhlen, während Kulis in unmenschlichen Klitschen für eine Schale Reis schufteten.

Dieses Schanghai, in kolonialen Tagen halb Chicago, halb Kalkutta, war für die Kommunisten nach der "Befreiung" durch Mao immer ein Symbol dafür, daß das ausländische Krebsgeschwür der Ausbeutung überwunden, die "parasitäre" Lebensweise ausgerottet sei. Nun wird die Stadt, die während der Kulturrevolution als Hochburg der Linken galt, wieder zur Speerspitze des Kapitalismus in China.

Kein Multi, der es sich leisten könnte, da nicht mit dabeizusein.

Auf der prächtigen Nanking-Straße, die in den Uferboulevard Bund mündet, liefern sich Coca-Cola und Pepsi einen Reklamekrieg um Laternenpfähle. Über drei Kilometer hat der größte Brauseproduzent jeden Lichtpfosten mit meterhohen Neonanzeigen versehen. Auf der nächsten Meile bestimmt Pepsi das Straßenbild.

Nichts ist den Unternehmen an Büroräumen und Werbung zu teuer: Binnen drei Jahren, glauben sie, werde China der weltgrößte Absatzmarkt für Softdrinks sein. Die Japaner, mit riesigen Sony- und Sanyo-Leuchttafeln vertreten, sind sich sicher, daß das auch für die Unterhaltungselektronik gilt.

Im "Portman Shangri-la", einem der neun Fünf-Sterne-Hotels, erklingt die schmeichelnde Stimme von Zhou Xuan, der anrüchigen Schlagersängerin aus den Dreißigern, von einer neugemischten CD: "Ye Shanghai" (Schanghai bei Nacht), eine Reminiszenz an die Sünde von damals. Nutten in Netzstrümpfen und Superminis ziehen ihren Mund mit dem beliebten Lippenstift der Marke "Bourjois" (bourgeois auf Neuchinesisch) nach und wiegen lasziv ihre Hüften.

Chinesische Neureiche, mit dicken Siegelringen und in Armani gekleidet, sind ihre besten Kunden, verschwinden mit ihnen in schummrigen Bars und Diskotheken mit Hinterzimmern.

Im zweiten Stock des Luxushotels verkauft der Schweizer Galerist Lorenz Helbling schon den ideologischen Überbau der Moderne: Kunst der jungen chinesischen Avantgarde. "Glory, Splendour, Wealth, Rank" (Ruhm, Glanz, Reichtum, Rang) hat in zukunftsträchtigem Englisch der Maler und Jungfilmer Zhou Tiehai über sein jüngstes Werk getuscht - das Lebensziel seiner Landsleute, wie er glaubt, und auch seines: Nichts mehr in diesem Land sei auf Ewigkeit ausgerichtet, es herrsche die Gier nach dem nächsten Tag. "Manchmal gehe ich einkaufen und finde dann nicht das Geschäft vom Vortag wieder. Alles ist plattgewalzt, manchmal ganze Karrees."

Es ist eine der größten städtischen Transformationen, seit Baron Haussmann im 19.Jahrhundert Paris abtragen und neu aufbauen ließ. Die Kolonialvillen und Arbeiterhäuschen im Stil europäischer Vorstädte, die Schanghai einst seine architektonische Besonderheit verliehen, fallen im Stundentakt: Auf 20 000 Großbaustellen wird gewerkelt, Tausende Kräne sind im Einsatz.

In fieberhafter Arbeit, Tag und Nacht, errichten Arbeiter immer gigantischere Wolkenkratzer, 460 Meter hoch soll das "Weltfinanzzentrum" werden. Autobahnen bohren sich auf drei Ebenen durch die ehemaligen Wohnviertel der ausländischen Mächte. Unter ohrenbetäubendem Hupen bahnen sich 700 000 Autos ihren Weg - unter der Regentschaft Maos gab es noch keinen einzigen Privatwagen.

Im Stadtteil Pudong wächst die "Wall Street Chinas" (Eigenwerbung) empor, eine Mischung aus Industriepark, Büro- und Bankenzentrum. Im Juni wird die Börse aus dem Tanzsaal eines Hotels der dreißiger Jahre hierher umsiedeln. Mit 2000 Händlerplätzen soll Schanghai dann der größte Wertpapiermarkt Asiens sein - vorerst nur an Fläche, nicht an Handelsvolumen.

"Aus den Kinderschuhen sind wir längst herausgewachsen", sagt Li Qian, Sprecherin der Börse, die vor sechs Jahre eingeweiht wurde. Immerhin verbuchte man bereits 1995 einen Umsatz von einer Billion Mark. Daß die Kurse bisweilen an einem Tag Sprünge von 30 Prozent machen, das habe es in London und New York zu Gründerzeiten der dortigen Aktienmärkte auch gegeben, sagt PR-Frau Li voller Selbstbewußtsein.

Mit anderen Plätzen als diesen Metropolen möchte sie Schanghai gar nicht mehr vergleichen. Und zumindest die Gewinnmöglichkeiten geben ihr recht: Der Index stieg hier im letzten Jahr um etwa 80 Prozent, noch übertroffen von der zweiten großen chinesischen Börse in Shenzhen, die mit 230 Prozent weltweit führend ist.

"In 10 bis 15 Jahren wird die Wirtschaftskraft des Jangtse-Deltas derjenigen von Südkorea vergleichbar sein", prophezeit Bürgermeister Xu Kuangdi für das Einzugsgebiet seiner Metropole. Mehr als 210 Milliarden Dollar Investitionen flossen seit 1979 nach China, ein Zehntel davon nach Schanghai. Nur die USA und Großbritannien konnten in den letzten 20 Jahren mehr Devisen aus den internationalen Kapitalströmen abschöpfen - dabei waren die "Söhne der gelben Kaiser", wie auch die Auslandschinesen von Hongkong, Taiwan und Singapur genannt werden, als Geldgeber für die "Verwandten" in der Volksrepublik stets weit vorneweg.

Doch nicht alle Geister, die China mit den Wirtschaftsreformen rief und die das Land so dramatisch voranbrachten, kann die Partei auch kontrollieren. Die kapitalistischen Verlockungen, die Jagd nach dem schnellen Geld und die Gier nach Konsum haben das Denken und Fühlen besonders der jungen Chinesen verändert.

Motorola-Handy und Macintosh-Computer stehen auf der Wunschliste der Schanghaier Jugend, die sich bei McDonald''s trifft, für Designer-Jeans spart und sich mit kessem Zierat gegenseitig auszustechen sucht. Der brave Soldat Lei Feng, der im Arbeitseinsatz sein Leben gab - diese mythische Vorbildsfigur aus Maos Zeiten läßt sie nur noch mitleidig lächeln.

Aber auch die Modelle aus dem heutigen Alltag, die jetzt von der Partei gegen die "geistige Verschmutzung" propagiert werden, lassen die Jugendlichen kalt. Li Suli, die freundliche Busschaffnerin, die das Wageninnere schon vor Sonnenaufgang schrubbt und Omas aus dem Gefährt hilft; der Klempner Xu Hu, der auch noch in seiner Freizeit verstopfte Toiletten repariert - allesamt abgestellte Propagandisten. Vielleicht existiert in der Modellstadt Zhangjiagang ja der vielbeschworene Stadtverordnete, der nachts Papierfetzen von den Trottoirs klaubt. Aber wen interessiert''s?

Altruismus ist out. Schanghais neue Idole sind die international erfolgreiche Schauspielerin Gong Li (siehe Titelbild und Interview Seite 162) sowie der gutaussehende Fußballstar Su Maozhen, der im Monat mehr als 10 000 Mark verdient.

Abends lauscht die Jeunesse dorée den US-Popstars Madonna und Michael Jackson oder liest die Romane des Mode-Autors Wang Shuo, die von billigem, schnellem Sex handeln und immer von Geld, viel Geld. In der Schanghaier Disko "Judy''s Too" - betrieben von einem Koch aus München - gesteht die Verkäuferin Zhou Jie ungeniert: "Parteijargon, Parteigeschichte, das lernt man in der Schule bis zum Erbrechen - und dann vergißt man es ganz schnell."

Bei einer Umfrage unter Geisteswissenschaftlern in Südchina zeigte sich, daß das Phänomen der Entfremdung zwischen städtischer Bevölkerung und Partei nicht auf Jugendliche begrenzt ist: 58 Prozent gaben zu Protokoll, gar keine politische Überzeugung mehr zu haben, 64 Prozent hielten den Rückzug ins Private für ihre eigene Sache, die den Staat nichts angehe.

Ganz in der Nähe der neuen Schanghaier Aktienbörse hauen Bagger eine Wohnsiedlung auseinander. Das Ehepaar Wang, dessen Eltern und Großeltern schon hier wohnten, klaubt aus dem Schutt ein paar Backsteine zusammen. "Wir hatten gerade zwei Wochen Zeit, um auszuziehen", sagt der Kraftfahrer. Draußen, in der schnell zusammengezimmerten Neubaustadt auf der anderen Seite von Pudong, in die sie jetzt ziehen müssen, kennt er niemanden. 40 Mark pro Monat erhält das alte Paar als Entschädigung, genausoviel kostet die neue Miete.

Am Rande des Trümmerfelds fährt ein schwarzer Mercedes 600 SEL vor, darin offensichtlich der Spekulant, der sich das Filetgrundstück in Börsennähe angeeignet hat. "Ein Ausländer", sagt ein Sicherheitsbeamter zu den Wangs und ihren ungläubig starrenden Nachbarn. Doch das ist nur ein Ablenkungsmanöver. Grund und Boden kann in der Volksrepublik von Fremden noch immer nicht erworben werden.

Herr Wang sagt bitter: "Im kommunistischen China steht das Gemeinwohl eben immer vor den Interessen einzelner." Einige spucken aus, andere drehen sich verächtlich um.

Ihr Zynismus ist verständlich: Die Partei, die sich in der Propaganda hohen ideologischen Prinzipien verpflichtet ("Dem Volke dienen"), erscheint vielen nur noch als Mafia mit politischer Verbrämung. "China ist das Land mit der schlimmsten Korruption in ganz Asien", ermittelte das Hongkonger Consulting Büro für "politische und wirtschaftliche Risikoberatung" bei einer Umfrage unter ausländischen Geschäftsleuten.

Bei der Umverteilung von Guthaben der Staatsbetriebe auf Privatkonten in die Schweiz und die USA haben Spitzenkader - auch aus dem Familienclan Dengs - nach Schätzungen von Finanzexperten 20 Milliarden Dollar zur Seite geschafft, eine Summe, die 30 Prozent der Steuereinnahmen entspricht. Auch in Hongkong legen die Funktionäre an. "Herren reisen mit Koffern voller Geld an und kaufen ganze Büro-Etagen in bar", weiß Manfred Kuhlmann von der Dresdner Bank in der Noch-Kronkolonie.

Nur ganz wenige werden bei solchen Transaktionen erwischt, wie der im April 1995 entmachtete Parteichef von Peking. Chen Xitong, 66, hatte 200 Millionen Dollar auf sein Konto bei der Standard Charter Bank in Hongkong geschleust. Darüber verlor er seinen Posten im Politbüro, doch vor einem Staatsanwalt mußte er sich bisher nicht verantworten. Genosse Chen steht in einer Pekinger Villa unter Arrest; sein Parteibuch besitzt er noch.

Immer wieder gibt es staatlich verordnete Kampagnen gegen die Korruption - ein Verbrechen, bei dem in besonders schweren Fällen die Todesstrafe verhängt werden kann. Doch meist trifft es nur die kleinen Gauner.

In diesen Goldgräberzeiten ist Raffgier längst Gewohnheitssache. Verwaltungsbeamte lassen sich jede Handreichung mit "roten Umschlägen" vergelten; ohne Bestechung gibt es keine amtlichen Beglaubigungen oder Dokumente. "Ärzte betrügen Patienten, die Lehrer verlangen von den Schülern Sonderzahlungen, jeder Funktionär bittet zur Kasse", klagte kürzlich ganz offen ein Anrufer während der Live-Radiosendung "Heißer Draht".

Die aus Furcht geborene Disziplin der Mao-Zeit, die gebetsmühlenhaft verkündete Sauberkeit und Pünktlichkeit, sie existieren nicht mehr. Der Umgangston in den Städten ist rauh geworden, Schlägereien im Straßenverkehr und in den Zügen sind an der Tagesordnung. Die Bandenkriminalität hat so zugenommen, daß die Pekinger Polizei Ausländern kürzlich riet: "Fahren Sie nachts nicht über Land, das ist lebensgefährlich."

Daß "guanxi", Beziehungen, in China alles sind, diese Grundregel müssen auch ausländische Geschäftsleute beherrschen. "Geschäftemachen in der Volksrepublik grenzt bisweilen an Anlagebetrug", sagt die deutsche Wirtschaftsberaterin Stefanie Hildmann. Verträge zählen oft gar nichts, häufig müssen mindestens fünf Prozent der Abschlußsumme auf das Privatkonto des Gegenübers fließen. Luxuslimousinen als Morgengabe, Stipendien für die Kinder der Vertragspartner und aufwendige "Geschäftsreisen" für ganze Familienclans sind Brauch.

"Aber wer nicht mitkämpft, hat schon jetzt die Schlacht um internationale Absatzmärkte und günstige Produktionsstandorte verloren", sagt der Geschäftsmann Horst Geicke, Präsident der deutschen Kaufmannschaft in Hongkong. "Heute bewegen sich 25 Prozent des Welthandels zwischen asiatischen Ländern. In zehn Jahren werden es 40 Prozent sein."

Bisher stammen nur zehn Prozent der Steuereinnahmen des chinesischen Staates aus Unternehmen mit ausländischer Beteiligung, den Löwenanteil am Budget liefern die vielen kleinen einheimischen Betriebe. "Die Sparrate ist mit 40 Prozent des Einkommens ungeheuer hoch", sagt Pieter Bottelier, niederländischer Chefrepräsentant der Weltbank in Peking.

Dieses Kapital auf privaten Konten und die Gier nach Konsumgütern sind der Motor für Chinas Boom, in dem noch viele Reserven stecken - wenn das Land nicht von seinen sozialen Problemen gestoppt wird.

Die Millionen Bauern, zunächst die Gewinner der Deng-Reformen, fielen in den letzten Jahren im Einkommen weit hinter die Städter zurück; für die Bestellung der Äcker werden nicht mehr so viele Arbeiter gebraucht, und das große Geld kann man nur in den Metropolen machen.

In einem gigantischen Treck zogen in den letzten Jahren mehr als hundert Millionen ehemalige Bauern aus ihren armen Binnenprovinzen wie Guizhou und Gansu zur "goldenen" Küste, wo der Lebensstandard so ungeheuer viel höher ist. Den "blinden Strom" nennt man sie, und der bricht wie eine reißende Flut über Schanghai, Kanton und Fuzhou herein.

Die Wanderarbeiter hausen am Rand der großen Städte in Hütten aus Wellblech und Pappe. Sie sind die Arbeitsreserve für die riesigen Bauprojekte, schuften für Minimallöhne und ohne soziale Absicherung. Sie rücken dahin nach, wo sie gebraucht werden - aber sie verdienen besser als zu Hause.

Was wie ein Zug der Verzweifelten erscheinen könnte, ist für viele Beteiligte bei aller Fron auch ein Stück Hoffnung: Noch vor wenigen Jahren hätte eine strenge Wohnsitzkontrolle jede Mobilität verhindert. Die künstliche Barriere zwischen Land und Stadt ist nun aufgebrochen.

Der amerikanische Journalist und China-Kenner Orville Schell glaubt gar, China erlebe derzeit "den glücklichen Augenblick, in dem ,Ausbeuter'' und ,Ausgebeutete'' eine Interessensymbiose verbindet" - doch wie lange der anhält, ohne daß es zum Aufruhr kommt, wagt er nicht zu beurteilen. Das Wohlstandsgefälle hat beängstigende Ausmaße angenommen, das Bruttoinlandsprodukt der reichsten Region der Volksrepublik ist 86mal höher als in der ärmsten.

Verlassen Millionen Landbewohner nach Ansicht der Partei zu leichtherzig ihre Scholle, so klammern sich die städtischen Industriearbeiter zu sehr an ihre Jobs. Die "Zeit der einfachen Reformen" sei in China nun vorbei, schreibt asiaweek. Jetzt müsse sich die Partei an die großen Staatsbetriebe heranwagen.

Doch das geht an die Substanz des Gemeinwesens. Die Stahlwerke und Chemieriesen, einst gehätschelte Symbole maoistischer Tonnenideologie, produzieren nur noch ein Drittel aller Industriegüter, beschäftigen aber zwei Drittel aller Arbeiter, über 110 Millionen Menschen.

Die meisten dieser industriellen Dinosaurier, immer noch geleitet von wirtschaftsfremden Apparatschiks, schreiben rote Zahlen. Ihre Verschuldung hat sich auf 600 Milliarden Dollar addiert, das sind fast drei Viertel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts.

Westliche Banker raten zur schnellen Stillegung der geldverschlingenden Monstren. Doch zu einem radikalen Schnitt kann sich die Partei nicht durchringen, obwohl ihr mit einem 1995 verabschiedeten Konkursgesetz die Instrumentarien dafür zur Verfügung stehen - die sozialen Folgekosten könnten verheerend werden, Millionen Menschen von einem Tag auf den anderen auf der Straße stehen.

Nun rächt sich das Prinzip der "Eisernen Reisschüssel", dieser manchmal sogar vom Vater auf die Kinder übertragenen Garantie auf einen bestimmten Arbeitsplatz, mit der die KP in Mao-Zeiten die Bevölkerung in Lohn und Brot hielt. Die Staatsbetriebe waren ein Kontrollmechanismus der Partei, aber auch ein Versorgungssystem, mit eigenen Kindergärten, bezuschußten Wohnungen, Krankenhäusern. Sie boten nur eine Minimalausstattung, sicherten aber die Menschen doch ab, von der Wiege bis zur Bahre.

Die Führung versucht nun verzweifelt eine "sanfte Landung" statt verordneter Bankrotte. Sie setzt alles daran, die Kolosse durch Reformen in ihrer Effizienz zu stärken. Andererseits lockert sie in praktisch allen Branchen, sogar in der Rüstungsindustrie, die Zulassungsbedingungen für private oder Joint-venture-Betriebe. Nach und nach werden dann die maroden Staatsbetriebe "umgewandelt"; sie sollen, ohne Plan auf sich allein gestellt, Kapitalgeber, Lieferanten und Abnehmer finden.

Soziale Wohltaten, etwa die kostenlose medizinische Betreuung, werden von den Betrieben zunehmend eingeschränkt, die Behandlung schwerer Krankheiten wird gestrichen. "Wer nicht zahlt, stirbt", sagt ein westlicher Mediziner, der in einem Pekinger Hospital arbeitet.

Selbst nach Einschätzung des Pekinger Arbeitsministeriums gehören die Beschäftigungsfrage und die soziale Absicherung zu Chinas größten und ungelösten Problemen. Bis zum Jahr 2000 könnten allein auf dem Land 400 Millionen arbeitslos werden, warnt die arbeiterzeitung - Menschen ohne soziales Netz: "Was macht man mit ihnen?"

Der neue Große Steuermann soll''s richten: Jiang Zemin.

Sein Katechismus heißt: "Stabilität und nationale Einheit an erster Stelle." Und die sieht er durch alles um ihn herum gefährdet: durch sozialen Sprengstoff, durch Forderungen nach unabhängigen Gewerkschaften, durch Reisen des Dalai Lama in den Westen und Auslandsvisiten taiwanischer Politiker, durch Hongkongs freie Presse. Überall gilt es gegenzusteuern.

Viele haben Jiang nichts zugetraut, als er 1989, nach der blutigen Niederschlagung der Proteste am Tiananmen - anders als der heutige Premier Li Peng war Jiang nicht persönlich für die Brutalität verantwortlich -, seinen Platz als Generalsekretär der KP einnahm. Der in der Sowjetunion ausgebildete Elektroingenieur aus einem Intellektuellen-Haushalt galt als blasser, manchmal plump wirkender Bürokrat, ein Übergangskandidat. Doch er hat vieles ausgesessen, einiges angeschoben. Nun geben ihm Experten immerhin eine Chance.

"So wie ich früher Autos und Maschinen gefertigt habe, so möchte ich heute eine neue Nation aufbauen", sagte er 1996 selbstbewußt zum damaligen US-Außenminister Warren Christopher. "Der Schlüssel zur Zukunft sind Erziehung und Wissenschaft. Damit wird unsere Jugend im nächsten Jahrhundert wieder ihre gerechte Stellung in der Welt erringen."

Jiang Zemin, der fließend Russisch wie Englisch spricht und den "Erlkönig" auf deutsch zitiert, hat sich seine wichtigsten Karriere-Sporen in der Kaderschmiede Chinas verdient - er war Oberbürgermeister und Parteisekretär von Schanghai. Die Eindrücke dort müssen ihn geprägt haben: 1991 holte er seinen Nachfolger im Amt des obersten Stadtherrn, Zhu Rongji, als Vizepremier und wichtigsten wirtschaftlichen Berater nach Peking.

Skrupellos gegenüber Regimekritikern, versuchte sich Jiang in der Ökonomie und der Ideologie mit Lavieren: Zwar sollen Unternehmerfreiheiten herrschen, aber sie müßten angesichts der sozialen Verwerfungen eine "moralische" Komponente bekommen, weg vom Individualismus, hin zum Konfuzianismus und Nationalismus - wie in der Modellstadt Zhangjiagang.

"Es gibt kaum noch Zweifel, daß Jiang die Nachfolge Deng Xiaopings antritt", sagt stellvertretend für die meisten China-Beobachter Richard Muller, früherer US-Generalkonsul in Hongkong und nun Vorstand der dortigen Asia Society. Jiang Zemin hat sich, geschickt im Umgang mit Massenmedien, den Mantel des Erben selber umgelegt: Er eröffnete Anfang Januar im Fernsehen eine zwölfteilige Serie über den Titanen Deng, den offiziellen Abgesang für den KP-Paten.

Dengs Gesicht wurde in golden schimmernde Wolken gehüllt. Und erstmals seit Jahren hörten die Chinesen wieder die Stimme ihres "roten Herrschers"; normalerweise wurde sie in den elektronischen Medien durch die eines Sprechers ersetzt. Der Alte krächzte vom Bildschirm im Sichuan-Dialekt, schwächlich, wie einst 1908 die Kaiserwitwe Cixi auf dem Totenbett - ein Signal schon damals an Partei und Volk, sich auf den Ernstfall vorzubereiten.

Jiang Zemin hat mit wendigem Taktieren seine Konkurrenten im Triumvirat der Macht in den Schatten gestellt: den Premier Li Peng, 68, und den Parlamentspräsidenten Qiao Shi, 72. Schon im November 1995 hatte der KP-Chef in einem geheimen Rundschreiben bei den Kadern seine Schwerpunkte klargestellt: Die Erziehung zum "Nationalismus und Patriotismus" solle intensiviert werden. Vor allem aber hat er sich in den letzten Jahren bei der wichtigsten Institution des Landes beliebt gemacht: der Armee.

Als besondere Schwäche Jiangs, der auch dem mächtigsten Gremium des Landes, der Militärkommission des ZK, vorsteht, hatten sein Mangel an militärischer Erfahrung und die fehlenden Beziehungen zur Heeresleitung gegolten. Um sich bei den Uniformierten Rückhalt zu verschaffen, hievte er Dutzende Vertraute in hohe Generalsränge. Kein Waffenwunsch, den er ihnen abschlägt, keine größere Parade, die er nicht selber abnimmt.

Welche Geschäfte auch immer die Militärs anpacken, Jiang läßt ihnen freie Hand - und so ist die Volksbefreiungsarmee zur Offiziersbereicherungsarmee verkommen: Ursprünglich sollte sie auf Deng Xiaopings Wunsch mit Selbstorganisation nur den Verteidigungsetat entlasten, Waffenfirmen in Schwung bringen und unbeschäftigte Truppenteile zur Produktion rüstungsverwandter Güter einsetzen.

Im Januar 1993 gab Jiang den Militärs aber grünes Licht für Investitionen in großem Stil. Damit entstand ein Milliarden-Konzern mit über 20 000 Firmen, der von Fluggesellschaften über Hotels bis hin zu Bordellen, Schweinefarmen und CD-Raubkopierfirmen weite Wirtschaftsbereiche kontrolliert.

Die Einnahmen aus diesen Unternehmen sollen nach Schätzungen etwa viermal so hoch sein wie der gesamte Wehretat. Doch reich werden nur die Habgierigen aus den höheren Rängen. Marineeinheiten in der Provinz Guangdong offerieren für Bargeld in der Südchinesischen See "Geleitschutz gegen Piratenüberfälle" und "bewachen" auch die Schnellboote der Autoschmuggler aus Hongkong. Mit den Milliarden steigt das Selbstbewußtsein der Generäle, mit ihrem Einfluß auf den KP-Boß wächst auch die Lust, die neugewonnene Macht nach außen zu demonstrieren.

Jiang Zemin weiß, daß er den Rückhalt der Militärs braucht, um sein Riesenreich im Innern zusammenzuhalten - immer wieder kommt es in den westlichen Grenzregionen, dort, wo die Han-Chinesen nicht in der Mehrheit sind und Völker wie die Tibeter und die turkstämmigen Uiguren von Unabhängigkeit träumen, zu regionalen Unruhen (zuletzt vor zwei Wochen im moslemisch geprägten Xinjiang mit 40 Toten). Deshalb folgt der KP-Chef den Scharfmachern der Armee, läßt zur Einschüchterung im Südchinesischen Meer Kriegsschiffe kreuzen und fordert, die militärische Entwicklung müsse "der wirtschaftlichen entsprechen".

Ein Geheimbericht der Militärs droht bereits, den "Indischen Ozean nicht mehr nur als Ozean der Inder zu akzeptieren". Die Chinesen bauen in Burma Häfen aus, errichten eine Radarstation auf einer vorgelagerten Insel und sollen an der Südspitze des Landes eine große Marinebasis anlegen. Die Rückkehr von Hongkong betrachteten Pekings Militärs nur als Etappensieg; auch Taiwan soll bald heim ins chinesische Reich geführt werden.

Das nationalistische Säbelrasseln fällt bei konservativen Intellektuellen auf fruchtbaren Boden. Ein großmachttrunkenes Pamphlet mit dem Titel "China kann nein sagen" ist, von Parteioberen wohlwollend zum Druck freigegeben, im vergangenen Sommer zum Bestseller geworden. Die Autoren (sie tragen mit Vorliebe Jeans und rauchen Kent-Zigaretten) verabscheuen alles westliche Gedankengut als "dekadent" und "minderwertig". Sie wünschen sich einen "chinesischen Schirinowski", der Taiwan zurückerobert und sich von den USA "nichts mehr gefallen läßt".

Chauvinismus ist in Zeiten mangelnden sozialen Zusammenhalts stets eine probate Methode gewesen, das Volk zu einen, nicht nur in China. Die Kombination aus Wirtschaftsboom, Hybris und Unsicherheit erinnert an das Deutschland des späten 19. Jahrhunderts - einen Staat, zu groß und zu ambitioniert, um ein "natürliches" Machtgleichgewicht mit seinen Nachbarn zu erreichen und deshalb voller Aggression gegenüber jedermann.

Wenn eine Nation glaubt, nicht den gebührenden Respekt vom Rest der Welt zu erhalten und ihn sich deshalb zur Not verschaffen will; wenn eine Industrie mit ausländischem Geld und ausländischer Technologie rapide wächst und das Militär zum Machtfaktor wird - dann ergibt das eine brisante Mischung, die eine maßvolle, rationale Führung erfordert. Doch: "Nach Dengs Tod hat China keinen Staatsmann von der Statur Bismarcks mehr, um den Balance-Akt fortzusetzen", fürchtet der US-Politologe Zakaria.

So präsentiert sich China 1997, im Jahr des Ochsen, janusköpfig, mit den ewigen Gegenpolen Yin und Yang, die sich nicht ergänzen, sondern wie Feuer und Wasser entgegenstehen: wirtschaftliche Freiheit und politische Unterdrückung in einer Art Thatcherismus-Leninismus; ideologischer Anspruch und zynische Korruption; fortschrittsgläubige Weltoffenheit und kleinkarierte Bespitzelung.

Wohl nie in der Geschichte der Menschheit wurden so viele Menschen in so kurzer Zeit aus ihrer Armut befreit wie in der Volksrepublik während der letzten beiden Jahrzehnte, aber kaum je wurde aus einer in Armut einigermaßen egalitären Gesellschaft so schnell und so brutal eine Klassengesellschaft. China ist die kommende Weltmacht - und ein Reich in der Krise.

Im Jahr des Ochsen, sagt das alte Horoskop, geschehen stets große Dinge. Der Ochse signalisiert für die Chinesen Aufbruch, Fortschritt, Chance. Aber er verheißt auch große Risiken, Führungswechsel, Unruhen.

"Kein Jahr für schwache Nerven", sagen die Astrologen.

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Realisierte ausländische Direktinvestitionen in China

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Realisierte ausländische Direktinvestitionen in China

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* Rotgardist während der Kulturrevolution. * In der Pekinger Disko "Nightmen".

DER SPIEGEL 9/1997
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China erwacht, die Welt erbebt