10.03.1997

PROZESSEKampf in der 1. Klasse

Wende in einem Skandalfall: Ein Ingenieur, der im Zug einen Afrikaner erstochen hat, war zunächst freigesprochen worden. Jetzt wurde er verurteilt.
Der Bummelzug E 3332 von Hamburg nach Bremen ist überfüllt. Reisende, die in der 2. Klasse keinen Sitzplatz finden, stehen in den Gängen.
In einem Abteil der 1. Klasse hat es sich der Pendler Wilfried Schubert, 54, am Fenster bequem gemacht, als ein junger Schwarzafrikaner hereinpoltert. Bakary Singateh, 24, aus Gambia ist angetrunken, hält eine Bierdose in der Hand und fläzt sich in einen der plüschigen Sitze.
Schubert, der bis dahin allein in dem Sechserabteil saß, fühlt sich gestört. Der Ingenieur aus Buchholz hat die Schuhe ausgezogen und die Beine hochgelegt - wie er es nach seinem Arbeitstag in der Hamburger Umweltbehörde gewohnt ist.
Bei der Fahrscheinkontrolle zeigt Schubert seine Monatskarte vor; Singateh löst ein Ticket für die 2. Klasse und verläßt das Abteil. Kaum ist der Schaffner verschwunden, kehrt er zurück.
Kurz darauf kommt es zwischen den beiden Reisenden zu einem Kampf. Schubert rammt dem Afrikaner ein Messer in den Bauch. Fast zehn Zentimeter tief dringt die beidseitig geschärfte Klinge in den Leib ein, verletzt den Dünndarm und durchtrennt die untere Hohlvene. Singateh, der sich Kolong Jamba nennt, weil er unter seinem richtigen Namen schon einmal aus Deutschland ausgewiesen worden ist, verliert literweise Blut und stirbt ein paar Stunden später im Kreiskrankenhaus Buchholz. Schubert wirkt auf die Polizisten, die ihn kurz nach der Tat festnehmen, "als sei er von dem Geschehen unberührt".
Mehr als drei Jahre nach der Tat am Nachmittag des 7. Dezember 1993 ist der Messerstecher jetzt vom Landgericht Stade verurteilt worden - zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Außerdem muß Schubert 6000 Mark Geldbuße an die Hilfsorganisation "Ärzte für die Dritte Welt" zahlen.
Der Schuldspruch der Zweiten Großen Strafkammer - Totschlag in einem minder schweren Fall - revidiert ein skandalöses Urteil, das eine andere Strafkammer des Stader Landgerichts im April 1995 gefällt hatte: Damals sprachen die Richter Schubert mit der Begründung frei, Singateh habe den Ingenieur angegriffen, der tödliche Messerstich sei also "durch Notwehr gerechtfertigt". Sie billigten Schubert außerdem zu, er habe aktiv sein Revier in der 1. Klasse verteidigt.
Sambu Singateh, ein in Deutschland lebender Bruder des Erstochenen, kommentierte den Freispruch verbittert: "Wenn man in diesem Land einen Hund tötet, kommt man ins Gefängnis. Wenn man einen Menschen tötet, nicht." Das Urteil empörte auch Schuberts Kollegen bei der Umweltbehörde. Sie sammelten Geld für einen Anwalt, um eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen - "nicht wegen der Person Schubert", beteuert Personalrat Peter Borstelmann, sondern weil sie den Freispruch nicht begreifen konnten. Borstelmann: "Mein Glaube an den Rechtsstaat war erschüttert."
Der Hamburger Rechtsanwalt Georg Debler, der Angehörige Singatehs durch den gesamten Prozeß als Nebenkläger vertritt, legte beim Bundesgerichtshof (BGH) Revision ein und hatte damit Erfolg: Der BGH verwies das Verfahren zu erneuter Verhandlung ans Stader Landgericht zurück.
Die BGH-Richter sprachen Schubert zwar nicht das Recht auf Notwehr ab; der Stich in den Bauch aber hätte "nur in Ausnahmefällen als letztes Mittel der Verteidigung" dienen dürfen. Zudem habe Schubert versucht, den Afrikaner aus dem Abteil "herauszuekeln".
Was sich auf der Fahrt zwischen Hamburg und Buchholz abspielt, trägt Züge einer Slapstick-Groteske: Um den nach Bier riechenden Bakary Singateh zu vertreiben, öffnet Schubert das Fenster. Singateh friert, er macht das Fenster wieder zu. So geht das mehrfach hin und her, der Streit wird immer erbitterter. Schubert zeigt Singateh sein Messer; der stürzt sich trotzdem mit beiden Händen auf ihn.
"Ich hatte Todesangst", sagt Schubert vor Gericht, doch um Hilfe gerufen hat er nicht. Zeugen haben nur den Schrei Singatehs gehört: "He is killing me!"
Der Deutsche sticht mehrmals auf den Afrikaner ein, schon die erste Wunde ist tödlich. Ein Zeuge: "Er hat ihn ausgeweidet wie ein Vieh."
Schubert trug stets ein Messer bei sich, weil er sich seit Jahren bedroht fühlte und auf Angriffe vorbereitet sein wollte. Der Umgang mit Waffen war dem Ingenieur vertraut - Schubert ist begeisterter Sportschütze und Jäger.
In der Umweltbehörde, Abteilung Altlastensanierung, galt der Mann als Sonderling. Schon das erste Stader Urteil bescheinigte ihm aufgrund eines psychologischen Gutachtens eine "Persönlichkeitsstörung mit zwanghaften und schizoiden Anteilen" - alles unter Kontrolle halten, niemand an sich heranlassen sei seine neurotische Maxime.
Als Motiv der Tat sahen die Richter im zweiten Verfahren denn auch "vor allem Wut und Ärger über das Verhalten des Schwarzen", der Schuberts unsichtbaren Bannkreis durchbrach. Rassismus als weiteres Motiv, so die Stader Juristen, scheide dagegen aus. Kollegen gegenüber hatte der Messermann dunkelhäutige Menschen freilich schon mal mit abfälligen Bemerkungen belegt.
Ob das Urteil gegen Schubert rechtskräftig wird, ist noch offen. Der Mann, der sich für schuldlos hält, hat Revision eingelegt.

DER SPIEGEL 11/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 11/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PROZESSE:
Kampf in der 1. Klasse

Video 02:41

Trump-Sprecher Best of Spicer

  • Video "Trump-Sprecher: Best of Spicer" Video 02:41
    Trump-Sprecher: Best of Spicer
  • Video "Verstorbener Linkin-Park-Sänger: Chester Bennington singt Hallelujah" Video 01:32
    Verstorbener Linkin-Park-Sänger: Chester Bennington singt "Hallelujah"
  • Video "Abschreckungsvideo: US-Polizei verschrottet nagelneue Quads und Motorräder" Video 00:59
    Abschreckungsvideo: US-Polizei verschrottet nagelneue Quads und Motorräder
  • Video "Abschluss der royalen Deutschlandreise: Kate dirigiert Hamburger Philharmoniker" Video 00:51
    Abschluss der royalen Deutschlandreise: Kate dirigiert Hamburger Philharmoniker
  • Video "Shitstorm gegen Audi-Werbung in China: Sucht Ihr Vieh aus?" Video 00:44
    Shitstorm gegen Audi-Werbung in China: "Sucht Ihr Vieh aus?"
  • Video "US-Amateurvideo: Notlandung auf dem Highway" Video 00:47
    US-Amateurvideo: Notlandung auf dem Highway
  • Video "Zwei Tote, mehr als hundert Verletzte: Amateurvideos zeigen Seebeben in der Ägäis" Video 00:47
    Zwei Tote, mehr als hundert Verletzte: Amateurvideos zeigen Seebeben in der Ägäis
  • Video "Neuartiger Roboter: Robo-Wurm wächst seinen Weg" Video 00:57
    Neuartiger Roboter: Robo-Wurm wächst seinen Weg
  • Video "Kate und William in Berlin: Die royale Charme-Offensive" Video 03:06
    Kate und William in Berlin: Die royale Charme-Offensive
  • Video "Durch Körperkamera entlarvt: US-Polizist schiebt Verdächtigem Drogen unter" Video 00:58
    Durch Körperkamera entlarvt: US-Polizist schiebt Verdächtigem Drogen unter
  • Video "Streit mit der Türkei: Man weiß nie, ob es auch einfache Urlauber treffen wird" Video 02:21
    Streit mit der Türkei: "Man weiß nie, ob es auch einfache Urlauber treffen wird"
  • Video "Schwimmtechnik von Buckelwalen: Saugnapf-Kamera lüftet Flossen-Geheimnis" Video 01:08
    Schwimmtechnik von Buckelwalen: Saugnapf-Kamera lüftet Flossen-Geheimnis
  • Video "Köln: Unwetter sorgen für Überschwemmungen" Video 01:02
    Köln: Unwetter sorgen für Überschwemmungen
  • Video "Saudi-Arabien: Frau im Minirock erst festgenommen, dann freigelassen" Video 00:57
    Saudi-Arabien: Frau im Minirock erst festgenommen, dann freigelassen
  • Video "NSU-Prozess in Zahlen: 101, 5, 815, 280.000" Video 01:41
    NSU-Prozess in Zahlen: 101, 5, 815, 280.000