10.03.1997

USA„Ein Leben? Was ist das?“

Die Gewaltkriminalität geht zurück, aber die Zahl der Häftlinge wächst. Immer mehr Gefangene bleiben eingesperrt bis zu ihrem Tod - der Knast als Altenheim. Von Jürgen Neffe
Gefängnisse für Männer haben einen eigenen Geruch, eine Mischung aus kaltem Rauch und Schweiß, Desinfektion und manchmal Urin. Aber nirgendwo riecht es so wie in den Sälen der Hocking Correctional Facility, einer Strafanstalt am Rande des Städtchens Nelsonville im südlichen Bundesstaat Ohio.
Wer hier lebt, atmet den Ausdunst des Alters - jenen welken Hauch von Hinfälligkeit, den weder das herbe Aroma von Kernseife noch die chlorscharfen Dämpfe aus Putzmitteln überdecken können. Süßlich und säuerlich in einem, dringt er in die blauen Anstaltskleider und in die Wäschesäcke an den Fußenden der Doppelstockbetten. Er steht in den Räumen, streicht durch die Flure, steckt in Matratzen, Kissen, Büchern, Wänden.
"Wir nehmen das nicht mehr wahr", sagt Willy Johnson, 74, der vor sechs Monaten hier angekommen ist und wegen der fahrlässigen Tötung seines Urenkels eine Strafe von mindestens neun Jahren zu verbüßen hat. Doch lebhaft erinnert er sich noch seiner ersten Tage, als sich alles in ihm sträubte gegen "den Gestank von abgestandenem Leben". Inzwischen hat der einsitzende Schwarze längst selbst den Duft der kleinen, engen Welt von Hocking angenommen.
Seit es in den USA immer leichter geworden ist, ins Gefängnis zu kommen, und immer schwerer, wieder herauszugelangen, wächst - und ergraut - das Gefangenenvolk Amerikas in einem nie dagewesenen Ausmaß. Die Gesamtzahl der Häftlinge hat sich innerhalb nur eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt, die der älteren Insassen jedoch in weniger als fünf Jahren. Greise hinter Gittern, Pflegebedürftigkeit, Siechtum und selbst der (natürliche) Tod im Justizgewahrsam, früher die Ausnahme, werden allmählich zur Regel.
Der kleine Knast von Nelsonville, untergebracht in einem ehemaligen Tuberkulosehospital, beherbergt die älteste Gefangenenpopulation aller amerikanischen Strafanstalten: Das Durchschnittsalter der gut 400 Männer, jeweils zur Hälfte Schwarze und Weiße, beträgt 56 Jahre. Nach Ansicht von Experten liegt ihr "physisches Alter" jedoch im Schnitt etwa zehn Jahre höher. Für den Großteil der Häftlinge ist Hocking nichts anderes als ein Altenheim hinter Schloß und Riegel.
Zusammengedrängt wie Flüchtlinge in Notaufnahmelagern, weggestapelt in langen Reihen von Etagenbetten aus rostfarbenem Stahl, zwischen denen verschließbare Blechkisten mit persönlicher Habe Platz finden müssen, leben jeweils 200 Mann in einem vollbelegten Saal, wo sich öffentlich gewaschen und rasiert und in offenen Toilettenkabinen das Geschäft verrichtet werden muß.
Viermal am Tag ist Zählappell. Beim schrillen Läuten der Alarmglocken müssen die Häftlinge sich auf ihren Betten befinden, die rüstigeren bewohnen die oberen, die gebrechlicheren die unteren Lager. Zehn Minuten lang, während der Wachhabende die Reihen abschreitet, ist ihnen das Sprechen untersagt.
Ein erneutes Alarmläuten beendet die Schweigeminuten. Einige kehren zu ihren Arbeitsplätzen in der Küche, in Werkstätten oder Schreibstuben zurück. Die anderen, denen die Anstalt keine sinnvolle Beschäftigung bieten kann oder die nicht mehr taugen für die verfügbaren Jobs, dösen oder lesen. In der Bibliothek gibt es in großer Schrift gedruckte Bücher für Leute mit schlechten Augen.
"Das Schwierigste ist, die Zeit totzuschlagen", sagt Stanford Walker, 68, seit 27 Jahren wegen Mordes in Haft und wie viele seiner Mitbewohner ohne Aussicht auf Entlassung, "diese verdammte lange Zeit, das Wertvollste, was wir haben." Sich zu Tode langweilen - in dieser abgeschlossenen Welt bekommt die Formel plötzlich einen seltsamen Sinn.
Seit Amerika das "Reich des Bösen" als äußerer Feind abhanden gekommen ist, hat es sich vermehrt seinen inneren Feinden zugewandt, insbesondere dem Bösen in Person des Kriminellen. Der Strafvollzug ist zu einer der größten Wachstumsbranchen im Lande geworden. In Ohio gab es 1979 sieben Gefängnisse, 1997 sind es bereits 30. Einige Bundesstaaten geben inzwischen mehr Geld für Gefangene aus als für Studenten. Die "freieste Nation der Welt" hält mittlerweile gut 1,6 Millionen Menschen in Justizgewahrsam - mehr als je zuvor in ihrer Geschichte. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt mit gut 0,6 Prozent zudem höher als in jedem anderen Land der Erde.
Daß die Zahl der Gefangenen, die der älteren zumal, weiterhin stark ansteigt, obwohl die Kriminalität seit geraumer Zeit zurückgeht, hat mit einer Reihe politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen zu tun, die einander in fataler Weise verstärken können:
Nach der Devise "So much time for so much crime" wird das maximale Strafmaß heute öfter ausgeschöpft als früher, was im Schnitt zu längeren Haftzeiten führt. Neue Gesetze, vor allem das in etlichen Bundesstaaten gültige Prinzip des "three strikes and you're out", des Einsperrens dreifacher Wiederholungstäter für mindestens 25 Jahre selbst bei kleineren Delikten, läßt zur Zeit die Zahl der Langzeithäftlinge sprunghaft ansteigen. Die inzwischen immer häufiger angewandte Regel des "truth in sentencing" führt überdies dazu, daß Verurteilte im Durchschnitt länger hinter Gittern bleiben als noch vor wenigen Jahren: Begnadigungen werden seltener, die Genehmigungen zur Verkürzung der Haftzeit gehen drastisch zurück.
Die mächtig gewordenen "Victims' Rights Groups" (Interessenvertretungen von Gewaltopfern und ihren Angehörigen) werden vielerorts bei der Festlegung des Strafmaßes angehört, was in aller Regel längere Haftzeiten mit sich bringt. Und der Grundsatz "life means life" (lebenslänglich heißt wirklich bis ans Ende eines Lebens) hat der Todesstrafe in einigen Bundesstaaten einen beinahe gleichwertigen Partner im Schrecken an die Seite gestellt: die Aussicht auf Altern und Sterben in Haft.
Das größte Hochsicherheitsgefängnis der USA, das Louisiana State Penitentiary in Angola am Unterlauf des Mississippi, mußte kürzlich seinen Friedhof erweitern. Die alte Begräbnisstätte, ein weites Feld mit Reihen weißgetünchter Kreuze aus Beton, von den Gefangenen "Point Lookout", Aussichtspunkt, genannt, war bis auf den letzten Platz belegt.
Kaum einer der rund 5000 Häftlinge hat diesen Ort abseits der Unterkünfte je zu Gesicht bekommen. Aber ganz gleich, ob sie in einem der vier "Lager" oder im Hauptgefängnis hausen, in vollbesetzten Schlafsälen mit über 60 Betten, in winzigen Zellen allein oder zu zweit, ob sie in einer der Krankenstationen liegen oder im Todestrakt auf ihre Hinrichtung warten - kaum etwas beherrscht ihre Phantasie so sehr wie dieses Menetekel der Gnadenlosigkeit im amerikanischen Umgang mit Schuld und Sühne.
Der Großknast von Angola, vor knapp hundert Jahren hervorgegangen aus einem Arbeitslager und noch heute als "Alcatraz des Südens" bekannt, galt lange Zeit als Hort des Horrors schlechthin. Auf dem 7300 Hektar großen Gelände, umgeben von Sümpfen des Mississippi, Brutstätten für Schlangen und Alligatoren, herrschten mitunter anarchische Zustände. Allein zwischen 1972 und 1975 starben im Kampf der Häftlingsgangs um die Vorherrschaft in dem heillos überfüllten Gefängnis 40 Insassen, 350 weitere mußten wegen Stichverletzungen behandelt werden.
Seit einigen Jahren gilt Angola als "befriedet", ein Vorzeigeknast, der sogar die offizielle Anerkennung der American Corrections Association als vorbildliche Anstalt erhalten hat. Die Gangs sind unter Kontrolle, Übergriffe gegen Häftlinge kommen so gut wie nicht mehr vor, es herrscht Ruhe, eine unheimliche Ruhe, als seien die Männer hier in einen Zustand kollektiver Lähmung versunken.
So unmenschlich die Lebensbedingungen während der wildesten Jahre auch waren, für den Großteil der Gefangenen währten sie nur für eine mehr oder weniger überschaubare Zeit. Bedingt vor allem durch das relativ liberale Begnadigungsrecht, gelangten sogar Mörder im Durchschnitt nach gut zehn Jahren wieder auf freien Fuß.
Mittlerweile haben sich die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt: Trotz Lagerdasein und Zwangsarbeit, die alle arbeitstauglichen Männer zu verrichten haben, ist das Leben in Angola erträglicher und vor allem sicherer geworden. Die Aussichten für dieses Leben aber könnten nicht düsterer sein: Nach Berechnungen der Gefängnisverwaltung werden über 80 Prozent der Häftlinge den Strafvollzug nicht lebend verlassen.
Etwa die Hälfte der Insassen sind "lifers", Lebenslängliche, die in Louisiana nach dem aktuellen Stand der Gesetze keinerlei Chance auf Gnade haben. Jeder dritte Gefangene hat überdies eine so lange Strafe abzubüßen, daß er das Ende seiner Haftzeit aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erleben wird.
Jessie Smith, 62, seit 24 Jahren in Angola, ist solch ein "technical lifer", was soviel heißt wie "praktisch Lebenslänglicher": Für einen bewaffneten Raubüberfall, sein erstes geahndetes Verbrechen, bei dem niemand verletzt wurde, bekam er 68 Jahre. Nach den Regeln des Staates könnte er frühestens nach Abbüßen von 85 Prozent seiner Strafe eine bedingte Haftentlassung beantragen.
Menschen wie Jessie Smith dürften sich eigentlich keinen Illusionen mehr hingeben. Aber ein Großteil der Gefangenen von Angola verweigert sich der Wirklichkeit. Er werde dem Gouverneur schreiben, sagt Smith, ein drahtiger Afroamerikaner, der die Arbeitspferde der Farm betreut, und ihm erklären, daß er der Gesellschaft noch nützen könne. "Nächstes Jahr", versichert er, "bin ich hier raus."
Ob Wilbert Augustine, 70, seit 38 Jahren hier, Frank Scianna, 73, der 35 Jahre hinter sich hat, oder der, den sie alle nur "Daddie-O" nennen, seit 1981 in Haft und mit 87 der älteste Insasse - sie haben nur das eine im Sinn: nicht hier beerdigt zu werden. "Ich will beim Jüngsten Gericht nicht aus dem Grab steigen", sagt Scianna, "und noch immer im Gefängnis sein."
Selbst als Toter diesen verfluchten Knast nicht verlassen zu können - wie soll das einer verstehen, der nicht einmal das Leben als Erwachsener in Freiheit gekostet hat? Joseph Woods, schwarzbraune Haut, knapp zwei Meter groß, kräftig gebaut, 40 Jahre alt, seit 25 Jahren in Angola, sagt: "Nicht was ich hinter mir habe, erschreckt mich, sondern das, was vor mir liegt." Mit 15 geriet er auf dem Weg zu einer Party in eine Schießerei, bei der jemand durch eine Kugel aus seiner Waffe zu Tode kam. Die Verurteilung als Mörder brachte ihn nach Angola, wo er für den Rest seines Lebens bleiben muß. "Des Lebens?" fragt er. "Ich habe keine Ahnung, was das ist. Ich weiß nur: Das ist sehr lang."
Klaglos schuften die Männer in stickigen Werkstätten und Fertigungshallen, wo sie Matratzen produzieren und Nummernschilder für Autos, oder auf Äckern und Weiden rackern, von berittenen Wärtern mit Gewehren bewacht, meist bei unerträglich schwüler Hitze, tagein, tagaus für wenige Cents pro Stunde, von denen sie nur die Hälfte ausgezahlt bekommen. Der Rest wird, einer Regel aus Zeiten der Gnade folgend, auf persönliche Konten gelegt - angespart für den Tag der Entlassung.
Daß die meisten diesen Tag nicht erleben werden, ist ihnen, obwohl sie es durchweg verdrängen und verleugnen, dennoch klar: Sie nennen ihre Strafe auch "Tod durch Einkerkerung" und sich selbst "the living dead": "Irgendwann zwischen dem 20. und 30. Jahr ununterbrochener Gefangenschaft verlieren Lebenslängliche ihre Antriebskraft", beschreibt Douglas Dennis, 61, vor 40 Jahren nach Angola gekommen, das innere Siechtum. "Die Mauer ist zu stark. Ihr Geist stirbt, und sie werden zu lebenden Toten."
Erstaunlich nur, daß an der offensichtlichen Aussichtslosigkeit keiner verzweifelt. Seit über zwei Jahren hat sich in Angola niemand umgebracht - für ein Gefängnis dieser Größe ganz ungewöhnlich. Es hat nur drei Ausbruchsversuche gegeben und, obwohl ein Großteil der Gefangenen nichts zu verlieren hätte, nicht einmal den Ansatz zu einer Revolte.
Burl Cain, der Direktor der Anstalt, bibelfest und weiß, schreibt die Ruhe seiner Kompromißlosigkeit zu. Seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren hat der Südstaatler den Gefangenen, mehr als drei Viertel sind Schwarze, immer wieder erklärt: "Wir verhandeln nicht, wir schießen." Und damit auch niemand an seinen Worten zweifelt, läßt er seine Wachen regelmäßig Schießübungen abhalten, gleich neben dem Zaun. "Gott hat mich geschickt", glaubt Cain, 54, ein "wiedergeborener Christ", der Verbrecher mit dem Leibhaftigen vergleicht: "Man muß ihnen die Hörner vom Kopf schlagen und die Forke vom Schwanz."
Doch selbst Cain weiß, daß ein Teil seiner Insassen sich längst jenseits von Gut und Böse befindet. "Wenn nichts Entscheidendes geschieht", hat schon Murray Henderson, ein Vorgänger Cains, gewarnt, "wird Angola zum größten Altenheim Amerikas." Und wie das aussehen könnte, läßt sich im kleinen schon heute in Gefängnissen wie der Hocking Correctional Facility in Nelsonville, Ohio, begutachten.
Dort haben sich alle Sicherheitsbeamten inzwischen regelmäßig einer ungewöhnlichen Zusatzausbildung zu unterziehen, bei der sie sich gelbe Frischhaltefolie vor die Augen binden, Baumwollstopfen in die Ohren schieben, die Fingergelenke mit Papierstreifen umwickeln, Gummihandschuhe überstreifen und Maiskörner in die Schuhe streuen müssen. Auf diese Weise sollen sie sich in die Lage von altersschwachen, schwerhörigen Häftlingen mit getrübtem Augenlicht, arthritischen Gelenken, gefühlstauben Fingern und schmerzenden Füßen versetzen. "Ich hatte ja keine Ahnung", staunt Lieutenant Artie Coe, selber schon in den Fünfzigern, "was da auf mich zukommt."
Die Krankenstation von Hocking hat gut zu tun, vor der Tablettenausgabe bilden sich dreimal am Tag lange Schlangen. Männer mit verbundenen Beinen, an Krücken oder in Rollstühlen gehören zum alltäglichen Bild, Brillen für Altersweitsichtige zur Standardausrüstung. Und da Gefangenen im Prinzip die gleichen Therapien zustehen wie versicherten Menschen draußen, finanzieren die Steuerzahler von Ohio auch Operationen wie Augenlinsen- oder Hüftgelenkersatz und sogar Nierentransplantationen und Bypass-Chirurgie, letztere für 100 000 Dollar oder mehr.
Hohe Ausgaben für Pflege und medizinische Behandlung haben die jährlichen Kosten pro Insasse bereits von sonst üblichen 17 000 auf 22 000 Dollar ansteigen lassen. Und das ist noch wenig, weil die Leute hier zwar alt, aber in der Regel noch halbwegs gesund sind. Nach Schätzungen der Bundesregierung in Washington gibt der Staat für jeden Gefangenen über 55 Jahre etwa 70 000 Dollar jährlich aus.
Zwischen elf Uhr abends und sechs Uhr morgens erscheinen die Schlafsäle, obwohl dann niemand laut spricht, noch lärmerfüllter als am Tag - verursacht durch einen vielkehligen Choral aus Schnarchen und Husten, untermalt von Rülpsen und Stöhnen und Furzen. Da viele Gefangene nicht schlafen können, wälzen sie ihre Körper herum. Dauernd steht einer auf und schlurft zum Klo.
Die ständige Störung der Nachtruhe, klagt der 80jährige Morgan Morgan, sei für ihn das Schlimmste. "Der Schlaf ist doch mein einziges Privatleben." Auch nachts wird gezählt, pünktlich um Mitternacht und wieder um zwei und um vier, dann allerdings ohne Alarm. Der Wachhabende, der seine Runde im Halbdunkel mit einer Taschenlampe macht, braucht nun viel länger als am Tag: Er muß nicht nur die Anwesenheit der Häftlinge erfassen; er hat auch festzustellen, ob die jeweilige Person im Bett Lebenszeichen von sich gibt.
Aber Hocking ist kein Platz zum Sterben. Wer hier auf sein Ende zugeht, wird in der Regel noch in ein - bewachtes - Krankenhaus überführt. Überdies hat der Staat Ohio eine besondere Begnadigungsprozedur für die "unmittelbare Gefahr des Todes" entwickelt, nach der Sterbende zum Abschiednehmen entlassen werden können.
In der stillen Hölle von Angola können die Verdammten selbst davon nur träumen. Der Staat Louisiana hat kürzlich die Möglichkeit der "medical parole", der Begnadigung aus medizinischen Gründen, abgeschafft. Die Resultate dieser Politik der Käfighaltung bis zum letzten sind in der Station 2 des Gefängnishospitals zu besichtigen, dem Hochsicherheitsschlafsaal für Todkranke und Sterbende.
Earl Billiot, 70, hat vor 39 Jahren einen Menschen umgebracht. Nun dämmert er hier seinem eigenen Ende entgegen. Sein schwerer, schlecht behandelter Diabetes hat ihm das Augenlicht fast völlig genommen. Meistens sitzt er stumm auf seinem Bett, hält mit schlackernder Hand eine Sauerstoffmaske, die er wegen akuter Atemnot fast ständig braucht, und starrt vor sich hin, stundenlang, ohne ein Wort zu sagen.
Eugene Scott, 56, hat 35 Jahre Angola wegen Vergewaltigung hinter sich. Seit einem Schlaganfall im vergangenen Sommer verbringt er seine Tage hilf- und regungslos in einem Rollstuhl, die Augen aufgerissen. Die Stimme hatte ihm schon vorher sein Kehlkopfkrebs geraubt. Wenn sie ihn füttern, lächelt der glatzköpfige Schwarze mitunter. Seine einzige andere Form der Äußerung: Wenn er traurig ist oder Schmerzen hat, rinnen ihm Tränen über die Wangen.
Auch Albert Richardson, 65, hat hier das Weinen gelernt. Bis vor sieben Jahren hatte er sich außer Falschparken nichts zuschulden kommen lassen. Dann zündete ihm sein Untermieter die Scheune an. Statt die Polizei zu holen, spürte er den Brandstifter selber auf und erschoß ihn. Lebenslänglich. Die Anwalts- und Prozeßkosten brachten ihn um den Hof, den er seinem Sohn hatte vererben wollen.
Als bei Richardson vor kurzem Prostatakrebs diagnostiziert wurde, hatte er schon Metastasen im ganzen Körper; ihm bleiben nur noch ein paar Monate zu leben. Er schickte seinem Rechtsbeistand einen Brief mit einer einzigen Frage: Wie könne er es schaffen, im Kreise seiner Familie zu sterben?
Die Antwort des Anwalts fiel kurz aus. "Das einzige, was Sie tun können", schrieb er zurück: "für Amerika beten."
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 11/1997
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