09.07.2012

TV-STARS

Im Äquatorialbereich

Von Niggemeier, Stefan

Markus Lanz gilt als die größte Hoffnung des ZDF. Seine Talk-Methoden sind gruselig - und prädestinieren ihn womöglich gerade deshalb für "Wetten, dass ??". Eine Fern(seh)-Diagnose.

Es fing damit an, dass die Schauspielerin Katrin Sass sagte, sie sei eine "Ärschefetischistin". Und plötzlich war die Stimmung in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz, als hätte jemand nach einer Vertreterversammlung eine einzelne Piccoloflasche Schaumwein in der Minibar entdeckt und beschlossen, das Beste daraus zu machen.

Markus Lanz erkundigt sich sofort bei dem aus dem Fernsehen bekannten Autor Andreas "Leo" Lukoschik nach einem besseren Ausdruck für "Arsch" und nimmt glücklich den Vorschlag "Äquatorialbereich" des menschlichen Körpers entgegen. Dann bittet er den aus dem Fernsehen bekannten Tanzjuror Joachim Llambi aufzustehen, damit Frau Sass dessen "Äquatorialbereich" auf Knackigkeit und Apfelform überprüfen könne, und Llambi warnt: "Nur gucken, nicht anfassen!"

Vorher schon hat die Heiterkeit einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, als die Talk-Runde es nicht glauben konnte, dass der ebenfalls irgendwie aus dem Fernsehen bekannte Modedesigner Thomas Rath in seiner Brille nur Fensterglas hat, und Markus Lanz sie probeweise erst Joachim Llambi aufsetzt und dann sich selbst, das gab ein großes Hallo.

Es ist ein wilder, alberner Abend - fast anarchisch für Leute, für die Anarchie schon bedeutet, dass man den Käse im Kühlschrank mal ins Gemüsefach legt. Irgendwann fragt Frau Sass Herrn Lanz nach seinem Alter, und Lanz antwortet: "Nächste Woche 30", und alle lachen, und Sass sagt: "Ich auch", und alle lachen wieder.

So ist das in der nächtlichen Talkshow von Markus Lanz, der Sendung, mit der er sich dafür qualifiziert haben muss, von Herbst an das einst große "Wetten, dass ...?" zu moderieren. So soll es wohl sein, im ZDF.

Er ist wie ein Party-Gastgeber, dem es egal ist, wenn die Besucher sein geplantes Programm verschmähen und bloß unermüdlich Unsinn anstellen mit einem Kondom, das sie gefunden haben. Solange sie sich nur amüsieren. Lanz ermuntert seine Talk-Gäste, hemmungslos zu sein, achtet aber darauf, dass niemand über Hosen sagt, sie seien "baggy", ohne dass das für seine Zuschauer übersetzt wird.

Als Lukoschik erzählt, ihm habe ein Unterhaltungschef von ARD oder ZDF gesagt, "intelligente Unterhaltung" wollte keiner mehr sehen, ergänzt Lanz natürlich fürs Protokoll: "Trotzdem glaube ich, Klammer auf, Klammer zu, dass das Fernsehen deutlich besser ist als sein Ruf, gelegentlich." Dann wechselt er das Thema.

Es ist leicht, sich vorzustellen, wie er diese kontrollierte Betriebsausflugsheiterkeit beim ZDF vom Herbst an nicht mehr nur am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag in seiner Talkshow herstellt, sondern auch am Samstagabend. Man müsste sich nur ein Sofa anstelle der Sessel denken und Robbie Williams oder Angelina Jolie zusätzlich darauf.

Es könnte alles sein wie bisher. Und das ist kein Grund zur Freude.

Markus Lanz hat eine rasante Karriere gemacht vom Moderator von RTL-Boulevardmagazinen wie "Explosiv", der die erste Fernseh-Live-Übertragung einer Brustvergrößerung direkt vom OP-Tisch kommentieren durfte, zum wichtigsten Unterhaltungsmenschen im ZDF. Er ist jetzt 43 Jahre alt, kann Klavier spielen, fotografieren und Polarregionen bereisen, gilt als vielseitig, alert und attraktiv. Sein größtes Talent aber ist, eine Talkshow so zu moderieren, dass er als großes Talent wahrgenommen wird.

Keine Frage: Viele Gäste lieben ihn. Manche kommen immer wieder. Es liegt dann eine demonstrative Kumpelhaftigkeit über der Runde, ein halbironisch gespreizter Umgang mit Höflichkeitsfloskeln und Sympathiebekundungen, ein endloses Augenzwinkern. Der Gastgeber beherrscht einen komplexen Tanz aus Posen von Unterwürfigkeit und Herablassung.

Lanz hat die alte Rudi-Carrell-Methode übernommen. Der rief vorher recherchierte Mini-Anekdoten von Kandidaten gern mit Fragen ab im Stil von: "Haben Sie mal etwas Lustiges mit Krokodilen erlebt?" Bei Lanz geht das so, dass er seinen Gästen Dinge vorliest, die sie selbst an anderer Stelle in Interviews gesagt haben, und fragt, ob die stimmen. Das hat - wenn man unbedingt ein positives Wort für diese Gesprächstechnik finden wollte - eine große Effizienz.

Dabei hat der Moderator einen fatalen Hang zum schlechten Witz. Wenn die Rede auf die spanische Fußballtaktik "Tiki-Taka" kommt, sagt er: "wie Balla Balla, kurz vor Bunga Bunga", "klingt auch nach Taka Tuka". Wenn jemand ein großes westrussisches Gebirge erwähnt, sagt er: "Morgens Elmex, abends Ural". Nachdem er einen Auftritt des Piraten-Politikers Christopher Lauer gezeigt hat, fragt er: "Das war der Herr Lauer; muss man auf selbiger sein, wenn er spricht?" Und zu Katrin Sass sagt er, sie hätte ihr Geld vielleicht "nicht verprasst, aber versasst".

Zugunsten einer billigen Pointe ist er ohnehin immer bereit, jeden Gesprächsfluss zu unterbrechen. Die frühere SPD-Ministerin Renate Schmidt erklärt am Anfang einer Sendung, dass es ein schlechtes Zeichen sei, wenn Politiker zu viele Wörter verwenden, die auf "-ung" enden. Als sie später die zu hohe "Versorgung" von Politikern kritisiert, platzt ihr Lanz triumphierend in den Satz: "Jetzt kommt das Ung-Wort!"

Im Ondulieren von Sätzen und Wörtern kann es Lanz fast mit seinem Nacht-Talk-Vorgänger Johannes B. Kerner aufnehmen. Innerhalb weniger Minuten einer Sendung findet er irgendetwas "hochexplosiv", "hochspannend" und "hochinteressant" - im Repertoire ist auch noch "hochemotional". Je größer die Emphase, desto leerer die Pose.

Seine Standardreaktion auf irgendetwas, das ein Gast sagt oder tut, ist der Ausruf: "Herrlich!" Arnulf Baring redet sich in Rage? "Das ist herrlich." Klaus Ernst ging mit seinem Onkel Pilze sammeln? "Herrlich!" Ein Witz über polnischen Optimismus? "Herrlich! Herrlich!"

Seine Beteuerungen sind auch Ausdruck davon, dass Lanz der vielleicht größte Streber im deutschen Fernsehen ist. Ehrgeiz und Wichtigtuerei formen seine Körpersprache: Wie er dauernd mit dem Zeigefinger ein "Obacht!"-Ausrufezeichen in die Luft malt. Wie er angespannt auf seinem Stuhl sitzt, das linke Bein nach vorn, das rechte angewinkelt nach hinten, jederzeit bereit, nach vorn zu fallen, wenn das nötig ist. Wie er sich rüberlehnt zu einem Gast, ganz nah, ganz aufmerksam, ganz intensiv.

Sein Lieblings-Plusterwort ist "sehr, sehr". Man muss schon eine echte Enttäuschung gewesen sein, als Gast bei Lanz, wenn er sich zum Abschied bei einem nicht "sehr, sehr herzlich" bedankt oder das beworbene Buch nicht als "sehr, sehr lesenswert" rühmt.

Andererseits sagte er zu der Fernsehmoderatorin Alida Kurras: "Ich bedanke mich sehr herzlich für ein sehr offenes, ein sehr ehrliches, wie ich fand, sehr souveränes Interview", und das ganze parfümierte Lob konnte nicht verbergen, dass vermutlich nicht einmal Lanz in diesem Moment wusste, weshalb er mit dieser Frau gesprochen hatte über ihre Zeit im "Big Brother"-Container, die jetzt zwölf Jahre zurückliegt, und ihre Zeit als Neun-Live-Animateurin, die auch schon fast ein Jahr her ist.

Überraschenderweise hat Lanz neuerdings den Ruf, auch kritisch nachhaken zu können. Das muss daran liegen, dass er es geschafft hat, aus der Zwangsstörung von Menschen, die das Haus nicht verlassen können, ohne wieder und wieder und wieder überprüft zu haben, dass der Herd aus ist, so etwas wie eine Interviewtechnik zu machen.

Als neulich Klaus Wowereit zu Gast ist, der Regierende Bürgermeister von Berlin, hat sich Lanz vorgenommen, ihn zu einer Aussage zu bringen, wer der Kanzlerkandidat der SPD wird.

Lanz bietet Wowereit 400 Euro, die er auf einen der Bewerber setzen sollte. Er fragt ihn noch mal. Er will wissen, wie viel er auf Steinbrück wetten würde. Er fordert ihn auf, Sätze zu vollenden: "Steinbrück ist die beste Wahl, weil …", "Kraft kann es nur machen, wenn …", "Gabriel kann es nicht, weil …", "Steinmeier verzichtet freiwillig zugunsten von …"

Wowereit verweigert jedes Mal eine Antwort, Lanz deutet das dann als Ablehnung des genannten Politikers. "Können wir fürs Protokoll festhalten und an die Agenturen rausgeben: Wowereit will keinen der vier?" Lanz fragt: "Was ist mit Ihnen?" Lanz lockt: "Die große Bühne wär doch was für Sie." Lanz behauptet: "Sie wären den Flughafen los." Über fünf Minuten geht das so. Es ist eine Form von Schattenboxen, fruchtlos, unwürdig.

Mit ähnlich beunruhigender Ausdauer presst er jedes Thema aus, das sich für billige Pointen anbietet, und sei es nur aus der kalkulierten Hoffnung heraus, dass die Wiederholung an sich irgendwann schon witzig sein könnte.

Er schafft dabei das Kunststück, das schon Kerner beherrschte, sich gleichzeitig von dem, was er tut, zu distanzieren. So fragt er den Linken-Politiker Klaus Ernst, ob es ihn nicht nerve, wenn er immer wieder auf seinen Porsche angesprochen werde, und spricht ihn dann immer wieder auf seinen Porsche an, zum Schluss mit dem Satz: "Richtig schön kommunistisch wäre, wenn Sie mir einen Zweitschlüssel gäben, und ich dürfte auch damit fahren."

Die Biederkeit des lanzschen Vergnügens korrespondiert mit einem konservativen Populismus. Fassungslos staunt er, in was für einem Aufzug manche Piraten ins Parlament gehen und was sie dort für Wörter in den Mund nehmen. Natürlich kommt er gleich mit dem Satz, die Piraten hätten kein Programm, und natürlich versucht er seinen Piraten-Gast gleich zu provozieren mit dem Satz, wenn er für Transparenz in der Politik sei, solle er doch einen Blick in sein Schlafzimmer zulassen.

Er versucht nicht einmal ernsthaft, die Idee hinter dem "bedingungslosen Grundeinkommen" zu verstehen. Zu fasziniert ist er von der scheinbaren Abwegigkeit des Vorhabens und dessen Angreifbarkeit. Wenn er die Finanzierung durchgerechnet habe, sagt er einem Piraten, "kommen Sie zu uns in die Sendung, damit wir morgens nicht mehr aufstehen müssen" (Gelächter, Applaus).

Da sitzt ein Mann, der selbst den Klassiker "Guten Abend, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studenten" noch erzählt, als wäre das ein neuer Brüller.

Als er mit dem schwulen Designer Rath spricht, verheddert er sich hoffnunglos in dem Satz: "Ist es wahr, dass deine Mutter von dir wusste, dass du, öööh, nicht der Nachfolger wirst, insofern, als dass du den Enkel zur Welt bringen wirst und produzieren wirst?" Das muss aber natürlich nicht Ausdruck von Verklemmtheit sein. Vielleicht hat er sich nur verplustert.

Es geht ihm um den Effekt. Wenn der Historiker Baring sich in eine Wut über die Linken redet, dann freut er sich wie ein kleiner Junge, wie sich der alte Mann echauffiert, und fragt nicht, worüber. Er biegt sich vor Lachen.

Und im Zweifel erschöpft sich seine Sensibilität dann auch schon in der Denkerpose, wenn er die Stirn in Falten legt und die Finger an die Lippen. Als sich die Schauspieler Til Schweiger und Armin Rohde in einen grenzenlosen Zorn über "Gutmenschen" reden, die meinten, dass auch Sexualstraftäter Rechte hätten, unternimmt Lanz nicht einmal den Versuch, zu moderieren oder auch nur Missverständnisse aufzuklären. "Interessanter Punkt", sagt er bloß.

Trotzdem glaubt er, Klammer auf, Klammer zu, dass das Fernsehen deutlich besser ist als sein Ruf, gelegentlich. Bei ihm ist es umgekehrt.


DER SPIEGEL 28/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 28/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TV-STARS:
Im Äquatorialbereich