09.07.2012

Bröckelnde Front

GLOBAL VILLAGE: Wie ein früherer Mitkämpfer Fidel Castros unter Exil-Kubanern in Florida für das Revolutionsregime wirbt
Es ist Mittagszeit in Miami, US-Bundesstaat Florida, genau 13 Uhr, aus einem Flachbau am Rande des Zentrums erklingt die Fanfare des kubanischen Staatsfernsehens. Drinnen sitzen 20 Frauen und Männer vor einem Flachbildschirm, sie sehen die Mittagsnachrichten aus Havanna. Fotos von Che Guevara und Fidel Castro schmücken die Wände.
Im Nebenzimmer arbeitet ein untersetzter Mann im Trenchcoat, über das schüttere Haar hat er eine Mütze gestülpt. Er feilt an einem Kommentar gegen das Wirtschaftsembargo, das die Amerikaner vor 50 Jahren gegen Kuba verhängt haben. Um 16 Uhr will er ihn bei Radio Miami verlesen.
Radio Miami ist das einzige Castro-freundliche Rundfunkprogramm in ganz Florida, und der 81-jährige Max Lesnik, der Mann im Trenchcoat, ist in Miami ein Exot. Denn die Großstadt an der Atlantikküste ist in der Hand von Castro-Hassern. 400 000 Menschen leben hier, jeder dritte ist ein Kubaner - viele von ihnen sind von der nur 320 Kilometer entfernten Karibikinsel geflohen.
Treffpunkt der Castro-Gegner ist das Café Versailles, nur wenige Straßenblocks von Lesniks Büro entfernt. Vor dem Eingang verteilen Schweinebucht-Veteranen Flugblätter gegen den "kommunistischen Despoten", drinnen tragen Kellner Steaks mit Reis und Bohnen auf. Alte Männer lehnen am Tresen, sie schlürfen süßen Kaffee und beschwören den Tag, an dem das Revolutionsregime auf der anderen Seite der Floridastraße zusammenbricht.
Lesnik bietet der kubanischen Gemeinde mit Radio Miami eine Alternative, jeden Nachmittag von Montag bis Freitag läuft sein Programm. Er kritisiert den amerikanischen Wahlkampf und Obamas Kuba-Politik, schaltet hinüber nach Havanna und interviewt Leute auf der Insel. Zwischen den Beiträgen preist Havana Tours die kubanischen Strände, Gulfstream Charters wirbt für billige Flüge in die alte Heimat. "Ich bin kein Kommunist", sagt Lesnik, "aber ich bin ein Freund Fidel Castros."
Lesnik wurde als Nachkomme polnischer Einwanderer auf Kuba geboren; seine politische Heimat war die Orthodoxe Partei, ein Sammelbecken demokratisch gesinnter Nationalisten. Er kämpfte an der Seite Castros gegen die Batista-Diktatur und feierte 1959 mit ihm den Sieg der Revolution.
Als Castro die Nähe zur Sowjetunion suchte, verflog seine Euphorie, er sei "gegen die Allianz mit Moskau" gewesen, sagt Lesnik. 1961 siedelte er nach Florida über und gründete dort die Zeitschrift "Réplica", ein Alternativblatt zur Castro-kritischen Presse. Aber er blieb ein Außenseiter in "La Pequeña Habana", in Little Havana, jenem Stadtteil Miamis, in dem sich das Gros der Flüchtlinge niedergelassen hat: "Die meisten sannen auf Rache, weil Castro sie enteignet hatte."
Miami war nun der Ort des Hasses auf Castro und seine Revolution.
Als der Exil-Kubaner Luis Posada Carriles 1976 einen Bombenanschlag auf ein Flugzeug der Staatslinie Cubana verübte - 73 Menschen kamen dabei ums Leben -, feierte Miami ihn als Helden. Für viele ist er das heute noch, man sieht Carriles gelegentlich beim Essen im Versailles.
Lesnik hat den Terrorismus der Castro-Gegner stets verurteilt, auch er hätte eines ihrer Opfer werden können: Unbekannte verübten elf Bombenanschläge auf das Redaktionsbüro, Morddrohungen gab es fast jeden Tag. Es sei "ein Wunder", dass er noch lebe, sagt Lesnik.
Seit den neunziger Jahren reist er regelmäßig nach Havanna - um darüber nachzudenken, "was von der Revolution zu retten ist", die Verbindung zu seinem Weggefährten Fidel Castro hat er wiederbelebt. "Wir sind in vielem unterschiedlicher Meinung, aber Castro respektiert mich", sagt Lesnik. Radio Miami bekomme "keinen Cent von der kubanischen Regierung".
Aber die bemüht sich um Kontakte zu gemäßigten Exilanten. 400 000 kubanischstämmige Amerikaner reisen jedes Jahr auf die Insel, den jungen Miami-Kubanern ist der Hass ihrer Vorväter auf das Regime in Havanna fremd. Wenn die Abgeordnete Ileana Ros-Lehtinen, wichtigste Vertreterin der Anti-Castro-Lobby im US-Kongress, im Versailles für die Verschärfung des Embargos wirbt, sitzen fast nur alte Leute vor ihr.
Lesnik profitiert vom Stimmungswandel. Morddrohungen gegen ihn gibt es nicht mehr, dafür trifft sich in seinem Büro nun die wachsende Schar von Miami-Kubanern, die dem Revolutionsregime wohlgesinnt ist. Bei Sandwich und Coca-Cola diskutieren Revolutionsveteranen, Altlinke und vom Kapitalismus Frustrierte den Sozialismus à la Kuba.
Anfang April durfte Lesnik auf CNN en Español, dem spanischsprachigen Programm des Nachrichtensenders, sogar den Besuch von Papst Benedikt XVI. auf Kuba kommentieren. Früher wäre das undenkbar gewesen.
Vorbei ist der Kalte Krieg allerdings noch nicht: Jüngst ließ Lesnik auf einem Dach nahe dem Versailles ein Plakat aufstellen, das die Freilassung von fünf in den USA inhaftierten kubanischen Agenten forderte. Es hing nicht einmal 24 Stunden, dann musste er es wieder abnehmen: Die Anwohner hatten protestiert.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 28/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 28/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Bröckelnde Front

Video 01:05

Hoverbike-Testflug Was einem so vorschwebt

  • Video "Hoverbike-Testflug: Was einem so vorschwebt" Video 01:05
    Hoverbike-Testflug: Was einem so vorschwebt
  • Video "Krake jagt Krabbe: Unterwasserduell mit überraschendem Ausgang" Video 01:25
    Krake jagt Krabbe: Unterwasserduell mit überraschendem Ausgang
  • Video "Unglück in Australien: Flugzeug stürzt in Shoppingzentrum" Video 01:14
    Unglück in Australien: Flugzeug stürzt in Shoppingzentrum
  • Video "Videobilanz zu Donald Trump: So viele Pannen, solches Chaos" Video 02:46
    Videobilanz zu Donald Trump: So viele Pannen, solches Chaos
  • Video "Mutmaßlicher Giftanschlag: Video soll Angriff auf Kim Jong Nam zeigen" Video 00:47
    Mutmaßlicher Giftanschlag: Video soll Angriff auf Kim Jong Nam zeigen
  • Video "Nachschub für die ISS: Falcon 9 gelingt sichere Landung" Video 01:03
    Nachschub für die ISS: "Falcon 9" gelingt sichere Landung
  • Video "US-Präsident klärt auf: Trump und der Anschlag in Schweden" Video 01:08
    US-Präsident klärt auf: Trump und der "Anschlag" in Schweden
  • Video "Vor laufender Kamera: Autos stürzen in Riesenloch mitten in L.A." Video 00:44
    Vor laufender Kamera: Autos stürzen in Riesenloch mitten in L.A.
  • Video "Überwachungskamera filmt Explosion: Bombenanschlag neben Stierkampfarena" Video 00:56
    Überwachungskamera filmt Explosion: Bombenanschlag neben Stierkampfarena
  • Video "Unbezahlte Rechnungen: Weltgrößte Segeljacht A in Gibraltar festgesetzt" Video 00:55
    Unbezahlte Rechnungen: Weltgrößte Segeljacht "A" in Gibraltar festgesetzt
  • Video "Schnellzugstrecke in Australien: Rettung in letzter Sekunde" Video 00:39
    Schnellzugstrecke in Australien: Rettung in letzter Sekunde
  • Video "Webvideos der Woche: „Wo geht´s bitte zur nächsten Stadt?“" Video 03:04
    Webvideos der Woche: „Wo geht´s bitte zur nächsten Stadt?“
  • Video "Yildirim in Oberhausen: Das Einzige, was die Türkei retten kann" Video 03:33
    Yildirim in Oberhausen: "Das Einzige, was die Türkei retten kann"
  • Video "Filmstarts im Video: Berufskiller mit Backenbart" Video 07:17
    Filmstarts im Video: Berufskiller mit Backenbart
  • Video "Trumps befremdlicher Auftritt: Läuft doch alles bestens" Video 01:41
    Trumps befremdlicher Auftritt: Läuft doch alles bestens