09.07.2012

WELTANSCHAUUNGENErleuchtung der Gottlosen

Woran glauben die Ungläubigen? In London trafen sich Gelehrte, um die Lebenswelten der Atheisten zu erkunden.
Manchmal kommt er sich vor wie der Vertreter eines exotischen Kannibalenstamms. Alle paar Monate erhält Andrew Copson Besuch von irgendwelchen Ethnologen und Soziologen, die ihn bei der Arbeit beobachten und ihn über sein Leben ausfragen.
Der 30-jährige Engländer gilt als eine Art Häuptling der Atheisten, seit er vor gut zwei Jahren zum Chef des Humanistenverbands von Großbritannien gewählt wurde. Und das Interesse an den Ungläubigen ist groß, seit Prominente wie der Evolutionsbiologe Richard Dawkins einen aufklärerischen Feldzug gegen den Glauben führen. "In aktuellen Umfragen hat erstmals die Mehrheit der Briten angegeben, nicht religiös zu sein", freut sich Copson. Auch die Mehrheit der Ehen werde in Großbritannien nicht mehr kirchlich geschlossen.
In der übrigen westlichen Welt sind die Ungläubigen ebenfalls auf dem Vormarsch. Als besonders gottlose Regionen gelten dabei die skandinavischen Länder, Frankreich - und der Osten Deutschlands, wo über 65 Prozent aller Bürger nicht an den Herrn und Schöpfer glauben.
Diese Entwicklung weckt das Interesse von Soziologen und Kulturwissenschaftlern. "Wir erleben eine historisch einmalige Phase der Entkirchlichung", begrüßte der Historiker Callum Brown von der Universität Dundee vorigen Mittwoch die Teilnehmer einer internationalen Fachkonferenz in London, ausgerichtet vom "Nonreligion and Secularity Research Network". "Bisher wurde die Atheismusforschung meist von christlicher Seite betrieben, was natürlich die Fragestellungen beeinflusst", sagt Brown. "Nun kümmern sich endlich unvoreingenommene Wissenschaftler darum."
Erste Erkenntnisse wurden auf der Londoner Konferenz vorgestellt: So wächst auch unter den Gottlosen das Bedürfnis nach Ritualen, nach nichtreligiösen Taufen, Heiratszeremonien, Jugendweihen oder Beerdigungen, wie sie etwa die Humanistenverbände anbieten.
Firmen wie die "School of Life" im Londoner Boheme-Viertel Bloomsbury bieten bereits freidenkerische "Sonntagspredigten" an, aber auch Beratungen zum richtigen "Todesstil". Der Preis pro Sitzung liegt bei etwa 20 bis 40 Euro.
"Teils erinnern Atheistentreffen in den USA an eine verschworene Sekte oder an Treffen der Anonymen Alkoholiker", berichtet Brown. Sie treffen sich in Hinterzimmern, ein Mikrofon kreist, die Teilnehmer haben ihr Coming-out als Ungläubige, die Gruppe applaudiert nach jedem Bekenntnis - so hat es der Forscher in San Francisco erlebt.
Brown führte Dutzende Interviews mit Ungläubigen, seine überraschende Beobachtung: Viele Ungläubige berichten von der Bekehrung zum Atheismus wie von einer religiösen Erleuchtung, die plötzlich über sie gekommen sei - zum Beispiel nachts unter dem Sternenhimmel. Ihre Bekehrung ereignet sich neuerdings bereits im Teenageralter, bei einem Drittel sogar im Grundschulalter.
Atheismus war früher überwiegend männlich, doch inzwischen wächst der Anteil der Frauen stark. Auffallend viele Ungläubige bezeichnen sich aber nicht ausdrücklich als Atheisten - es klingt ihnen zu negativ. Sie bevorzugen positiv besetzte Begriffe wie Freidenker, Agnostiker, Nichtreligiöse oder Humanisten.
Radikale Atheisten wie Dawkins, die sicher sind, dass es keinen Gott gibt, stellen ohnehin nur eine kleine, männliche Minderheit unter den Ungläubigen dar. Die meisten sind eher Agnostiker, die es für nicht entscheidbar halten, ob es Gott gibt oder nicht.
"Entkonvertierte" wiederum fühlen sich teilweise weiter zur Religion zugehörig, ohne aber noch an die Inhalte zu glauben. Ende Juni beklagte beispielsweise der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx einen weitverbreiteten "verborgenen Atheismus" innerhalb der Kirche, der viel schwerer in den Griff zu bekommen sei als der öffentlich vorgetragene Atheismus.
Bislang galt Atheismus als Produkt der europäischen Aufklärung, doch Forscher wie Humaira Iqtidar vom Londoner King's College bezweifeln das. Die gebürtige Afghanin verweist auf ältere Traditionen der gottlosen Weltsicht, etwa den Buddhismus oder teilweise auch im Sufismus, einer Strömung des Islam.
Einigkeit bestand auf der Londoner Konferenz, dass es den einen universellen Unglauben nicht gibt. Der Ethnologe Johannes Quack von der Universität Frankfurt am Main etwa begab sich in Indien auf Spurensuche. Er begleitete dort Atheisten, die über die Dörfer ziehen, um falsche Gurus und Quacksalber zu enttarnen, indem sie deren Zaubertricks nachstellen und Spottlieder singen. Selbstbewusst verweisen sie auf eine jahrhundertealte Tradition des Rationalismus in Indien. Ihr Beerdigungsritual beinhaltet nicht die Verbrennung wie im Hinduismus, sondern die Leichenspende an medizinische Fakultäten.
"Atheismen entwickeln sich nicht im Vakuum, sondern in Bezug auf ihr jeweiliges Umfeld", sagt Quack: "Vielleicht gibt es passend zu jeder Religion jeweils eigene Formen der Nichtreligiosität."
Ausgerechnet die wohl größte Gruppe der Ungläubigen bereitet Forschern auch die größten methodischen Probleme: die "apathischen Atheisten" oder "religiös Indifferenten". Ihnen sind Götter ebenso egal wie Religionskritik. "Sobald man diese Leute befragt, stört man ihre Apathie und ist versucht, etwas in ihre Antworten hineinzuinterpretieren", sagt Historiker Brown. "Doch da ist einfach nichts da."
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 28/2012
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