Von Leick, Romain
Während einer heimlichen Reise vom 16. Januar bis 2. Februar über die libanesische Grenze nach Syrien führte der Schriftsteller Jonathan Littell, 44, ein Tagebuch, in dem er Erlebnisse und Gespräche mit zivilen Aktivisten und Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA) festhielt. Seine Notizen sind ein Bericht über die letzten Tage der Erhebung in der Stadt Homs, einer Hochburg der Rebellen gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad, unmittelbar bevor dessen Truppen die umkämpften Viertel während einer Großoffensive in Trümmer legten.
Die Aufzeichnungen waren als Vorlage für mehrere Reportagen gedacht, die Littell nach seiner Rückkehr für die französische Zeitung "Le Monde" verfasste. Sie gerieten jedoch so umfangreich, dass er beschloss, sie als Buch zu veröffentlichen - so authentisch wie möglich, nur geringfügig überarbeitet(*). Begleitet wurde Littell von dem Fotografen Mani, der für ihn vor Ort übersetzte. Im Text kommt Mani unter dem Decknamen Raed vor. Viele der jungen Männer von Homs, die Littell und Mani trafen, sind inzwischen tot.
Littell, in New York geboren und in Frankreich aufgewachsen, Sohn des für seine Spionagethriller bekannten US-Journalisten Robert Littell, erzielte 2006 mit seinem monumentalen Roman "Die
Wohlgesinnten" einen ebenso sensatio-nellen wie umstrittenen Welterfolg: In Form fiktiver Memoiren erzählt darin ein hochkultivierter SS-Mann detailgenau das Morden der Einsatzgruppen in Russland - als Bericht eines reulosen Täters.
Mit den Schrecken des Kriegs war Littell, dessen Familie osteuropäische jüdische Wurzeln hat, der sich aber selbst als nicht religiös bezeichnet, erstmals 1993 in Sarajevo konfrontiert worden. Bis 2001 arbeitete er für die humanitäre Hilfsorganisation "Action contre la faim" in zahlreichen Krisengebieten. Die Erfahrungen haben ihn nicht mehr losgelassen.
Littell schreibt auf Französisch und besitzt neben der amerikanischen inzwischen auch die französische Staatsbürgerschaft. Er lebt mit seiner Familie in Barcelona.
SPIEGEL: Herr Littell, seit fast 20 Jahren zieht es Sie auf die Schauplätze von Krieg und Gräueln - Bosnien, Tschetschenien, Georgien, Sudan, Kongo und jetzt Syrien. Ihr Roman "Die Wohlgesinnten", in dem Sie den Holocaust aus der Täterperspektive eines SS-Offiziers schildern, hat Sie weltberühmt gemacht. Fasziniert Sie das Morden?
Littell: Sagen wir mal so: Es interessiert mich, ja.
SPIEGEL: Man hat den Eindruck, dass Sie von der Gewalt und ihren Exzessen geradezu besessen sind. Warum?
Littell: Das ist eine gute Frage, aber ich weiß es nicht.
SPIEGEL: Langweilt Sie die Normalität eines Lebens in Frieden und Wohlstand, das wir in unserem Teil Europas führen?
Littell: Nein, das ist nicht langweilig, es ist nur eine andere Problematik. Ich interessiere mich einfach für das menschliche Verhalten in einem bewaffneten Konflikt, für die soziale, organisierte Gewalt, nicht so sehr für die pathologische. Kriminelle Einzeltäter, Serienmörder, Psychopathen und dergleichen lassen mich ziemlich kalt.
SPIEGEL: Lässt sich das eine vom anderen so klar trennen? Die Gewalt im Krieg bleibt selten kontrolliert.
Littell: Der Krieg bewirkt Verbrechen, Entgleisungen, unglaubliche Brutalität und Sadismus. Aber es handelt sich immer um kollektive Gewalt, um den Wahnsinn der Gruppe, nicht um die Verrücktheit eines Einzelnen wie Anders Breivik in Norwegen. Hinter dem massenhaften Morden ist immer ein System am Werk, eine administrative Organisation des Tötens.
SPIEGEL: Gegen diesen Apparat der Unterdrückung hat sich in Syrien das Volk zunächst sehr chaotisch erhoben. Intellektuelle lassen sich gern von ihrer Begeisterung für einen Befreiungskampf mitreißen. Sie auch?
Littell: Die Romantik des revolutionären Heldentums meinen Sie? Ich unterstütze die Sache des syrischen Volks und den Kampf, den die Opposition dort führt, das ist klar. Aber ich unterscheide zwischen meiner Meinung als Citoyen und Zeitgenosse und meiner Arbeit als Schriftsteller und Berichterstatter. Das Pathos der Freiheit und das philosophische Drumherum beschäftigen mich dabei viel weniger.
SPIEGEL: Liegt für Sie der ethische Gehalt, der moralische Protest, schon im Blick auf das Geschehen selbst?
Littell: Ich will Zeugnis ablegen, die Wirklichkeit der Geschichte im Werden festhalten, ohne zu moralisieren. Seit vier Jahren arbeite ich vorwiegend als Journalist und fast immer in solchen Situationen.
SPIEGEL: Reizt es Sie, das Erlebte und Gesehene wieder einmal literarisch zu verarbeiten?
Littell: Zurzeit nicht. Mein Buch "Notizen aus Homs" ist ein Dokument, kein Werk der Literatur.
SPIEGEL: Die Notizen sind auch kein Manifest. Anders als französische Intellektuelle wie Bernard-Henri Lévy benutzen Sie Ihren Einsatz und Ihre Aufzeichnungen nicht, um einen flammenden Appell für eine militärische Intervention an den Westen zu richten.
Littell: Nein, das käme mir albern vor. Aber das bedeutet nicht, dass ich keine Haltung habe. Sie drückt sich nur auf einer anderen Ebene aus. In Syrien wird gestorben, während anderswo diskutiert wird, sehr viel sogar. Die westlichen Diplomaten haben sich in ziemlich lächerliche Palaver verwickelt, ohne dass etwas getan worden ist. Was würde ich mit einem Aufruf erreichen? Ich habe in dieser Situation einigermaßen verzweifelt vorgeschlagen, dass man dann lieber den Mund halten und die Syrer ihrem Schicksal überlassen solle. Leider hat man genau das getan.
SPIEGEL: Inzwischen fordern die USA und die Europäische Union einhellig, Syriens Präsident Baschar al-Assad müsse gehen. Ist das die Lösung?
Littell: Man hat lange die Augen vor seinem Regime verschlossen. Noch vor knapp zwei Jahren wurde er in Paris mitsamt Ehefrau als der gute Diktator empfangen, ein vermeintlicher Modernisierer und Reformer. Jetzt sehen wir das Resultat. Der Westen hat sich lange bereitwillig mit vielen Diktatoren aller Art arrangiert.
SPIEGEL: Vor allem, wenn sie rational und berechenbar zu handeln schienen.
Littell: Der Typ des aufgeklärten Diktators, ja. Unsere Staats- und Regierungschefs pflegen manchmal eine sehr bequeme Lesart der Realpolitik. Nichts ist praktischer, als einen unliebsamen Herrscher für irre zu erklären. Das erspart viele Erklärungen.
SPIEGEL: Wie im Fall von Gaddafi.
Littell: Oder den Kims in Nordkorea. Die Psychologie von Diktatoren ist für mich ohne Belang. Dass einer verrückt sein soll, will in der Politik nichts heißen. Gaddafi war gewiss exzentrischer als die Norm, aber nicht verrückter als zum Beispiel Napoleon oder ein gewisser deutscher Führer in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
SPIEGEL: Das lässt sich wirklich nicht vergleichen, weder im Guten noch im Bösen.
Littell: Geschenkt, ich meine ja nur, dass auch Napoleon in seinem persönlichen Benehmen ein auffälliger Egomane war. Entscheidend ist doch: Hinter jedem Gewaltherrscher steht ein System. Es geht nicht nur um einen gestörten Einzelnen. Assad entscheidet nicht allein. Die Struktur der Macht in Syrien ist sehr undurchsichtig. Ein Regimewechsel impliziert mehr als die Beseitigung eines Individuums. Der innere Kreis um Assad kalkuliert zweifellos rational und strategisch, auch wenn das Ergebnis absolut wahnwitzig ist.
SPIEGEL: Syrien ist ein interkonfessionelles Mosaik von Glaubensgemeinschaften, die lange halbwegs harmonisch koexistierten. Muss aus dem Bürgerkrieg ein Religionskrieg werden?
Littell: Ich bin überzeugt, dass die syrische Revolution zu Beginn nicht religiös oder ethnisch angetrieben war, sondern wirtschaftlich und sozial. Es handelt sich um eine echte proletarische Arbeiter-und- Bauern-Revolution, um einen Aufstand der Verworfenen des Lebens. Wenn die Lage aber weiter verrottet, kann das eintreten, wovor der Westen sich fürchtet. Dann werden Dschihadisten aus allen Gegenden nach Syrien einsickern, um die Revolution für ihre unannehmbaren Zwecke zu missbrauchen. Ein Grund mehr, nicht bloß zuzuschauen und abzuwarten, sich die Haare zu raufen und zu rufen: Mein Gott, mein Gott, die Islamisten!
SPIEGEL: Ist der Punkt nicht schon erreicht?
Littell: Ich habe in Homs keine Religionsfanatiker getroffen. Aber das Regime setzt auf die religiöse und ethnische Karte, um die nichtsunnitischen Minderheiten, die Alawiten, Ismaeliten, Drusen und Christen um sich herum zusammenzuschweißen. Das zeigt, wie bedrängt es sich inzwischen fühlt. Dabei hätte Assad den Aufstand am Anfang leicht entschärfen können, wenn er soziale Reformen in die Wege geleitet hätte. Sein Sturz war zunächst gar nicht das Ziel der Unzufriedenen - sie wollten Gerechtigkeit, nicht Demokratie, die für sie nur ein vages Konzept ist. Nun ist daraus ein Kampf auf Leben und Tod geworden.
SPIEGEL: Mit welchem Ausgang?
Littell: Die syrischen Streitkräfte und Sicherheitsdienste sind nicht stark genug, um den Aufstand völlig niederzuschlagen, das zeigt schon die wachsende Zahl von Deserteuren. Aber die Rebellen sind auch nicht stark genug, um ohne Hilfe von außen zu siegen. Das Schlimmste wäre ein langer Abnutzungskrieg, in dem das Land völlig zerstört würde. Ich kann mir vorstellen, dass Assad und seine Leute als letzten Ausweg eine Zerstückelung Syriens in Betracht ziehen, den Rückzug in ein alawitisches Reduit. Das liefe auf eine Libanonisierung hinaus und würde massive ethnische Säuberungen voraussetzen.
SPIEGEL: Welche Möglichkeit haben die Vereinten Nationen, Assads Abgang zu erzwingen?
Littell: Ich glaube nicht, dass die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen bereit ist. Das mag man bedauern, es ist so, wie es ist. Zwischen der Untätigkeit und einer bewaffneten Invasion spannt sich jedoch eine große Bandbreite möglicher diplomatischer und militärischer Maßnahmen: ein Computerkrieg gegen die syrischen Sicherheitssysteme, gezielte Luftschläge, logistische Hilfe für die Revolution, eine totale Blockade gegen das Regime. Man hat immer eine Wahl.
SPIEGEL: Russland bestimmt im Sicherheitsrat, was geht und was nicht.
Littell: Die Nato hat Russland auch nicht um Erlaubnis gefragt, als sie die Serben im Kosovo bombardierte. Die Russen haben Respekt vor Stärke. Jedes Zögern und Taktieren nutzen sie, um Einfluss zu nehmen.
SPIEGEL: Das erinnert an die Sprache des Kalten Kriegs.
Littell: Die die Russen sehr gut verstehen. Entschlossen auftreten, ihnen klarmachen: Fuck you, wir tun, was wir für richtig halten, mit oder ohne euch.
SPIEGEL: Ihr Russland-Bild ist wohl von den Erfahrungen bestimmt, die Sie im Kaukasus gemacht haben?
Littell: Oh ja, unbedingt. Für die Russen sind die Völker des Kaukasus, allen voran die Tschetschenen, immer die Wilden gewesen. In Wirklichkeit sind die Russen unter Putin die Wilden. Meine Meinung zu Putins Russland ist eindeutig: ein abscheuliches, verworfenes, korruptes, antidemokratisches, bis ins Mark verfaultes System. Hoffentlich werden die Russen es bald los.
SPIEGEL: Der Konflikt wird immer blutiger, die Gewalt eskaliert auf beiden Seiten, die Opfer werden zur Schau gestellt, um Angst oder Wut anzustacheln. Wie soll das Schlachten noch gestoppt werden?
Littell: Keine Ahnung. Die Lage ist so verfahren, dass man nur noch versuchen kann, die Ausweitung der Katastrophe einzudämmen. Wenn Syrien im totalen Chaos versinkt, gerät auch die Umgebung in den Strudel, zuallererst der Libanon.
SPIEGEL: Sie fürchten einen Flächenbrand in der gesamten Region? Sie berichten in Ihrem Buch, dass einige militärische Führer von der Freien Syrischen Armee mit dem Gedanken spielen, Israel mit hineinzuziehen.
Littell: Es wird übel enden. Als grundsätzlicher Pessimist halte ich stets das Schlimmste nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich.
SPIEGEL: Welchen Eindruck haben die Kämpfer der FSA, zu denen immer mehr reguläre Soldaten überlaufen, auf Sie gemacht?
Littell: Außerordentlich motiviert, entschlossen, mutig, bereit zu sterben. Für viele von ihnen war die Desertion, die ja an sich schon lebensgefährlich ist, ein ungeheurer Akt der Erleichterung und der Befreiung. Oft hatten sie zuvor an der Repression teilgenommen, auf Demonstranten, die ihre Glaubensbrüder sind, auf Befehl geschossen und deswegen schlimme Schuldgefühle angehäuft.
SPIEGEL: Wie es aussieht, mehren sich auch auf Seiten der Aufständischen die Grausamkeiten.
Littell: Ich habe es nicht selbst erlebt, doch es gibt verbrecherische Gruppen am Rand der Freien Armee, die erpressen, vergewaltigen, morden. Aber längst nicht so systematisch wie auf Regierungsseite.
SPIEGEL: Sie schreiben, dass die Aufständischen manchmal Gefangene hinrichten.
Littell: Man hat mir verwundete Gefangene gezeigt, die in einer Untergrund-Klinik versorgt wurden. Ein Kämpfer, der in die Gewalt der Regierungstruppen gerät, wird dagegen nach allen Regeln der Kunst gefoltert, das steht fest. Freilich habe ich auch einen gelynchten Angehörigen der gefürchteten Schabiha-Milizen des Regimes gesehen - sein nackter, blutüberströmter Leichnam mit zerschmettertem Kopf wurde auf einem Pick-up durch die Menge gefahren, die dazu "Allahu akbar" rief. Ein Triumphzug blutiger Rache. Es kommt darauf an, wen die FSA-Männer gefangen nehmen: einen Milizionär, einen Heckenschützen, der Zivilisten, Frauen und Kinder auf der Straße abgeknallt hat, oder einen Wehrpflichtigen.
SPIEGEL: Die Aufständischen haben Ihnen Videos mit schrecklichen Szenen gezeigt. Wie reagieren Sie? Stumpfen all die Gräuel - und Sie haben viele erlebt - ab?
Littell: Wichtiger ist doch, zu versuchen, über diese Bilder nachzudenken. Was zeigen sie, was bedeuten sie, welche politische Botschaft vermitteln sie? Dieses Panoptikum erfordert eine angestrengte Deutungsarbeit.
SPIEGEL: Bilder fachen Emotionen an.
Littell: Das heißt nicht, dass sie sich der Analyse entziehen. In Syrien sind drei Arten von Bildern verbreitet: Fotos von Opfern, welche die Angehörigen auf ihrem Handy speichern, als Erinnerung an den gewaltsamen Tod eines Vaters, Bruders, Ehemanns. Dann die Aufnahmen von Gefallenen oder Gefolterten, blutige Bilder, mit denen die Aktivisten die Weltöffentlichkeit politisch aufrütteln wollen. Und schließlich die Videos, die Assads Henker selbst von ihrem Wüten ins Netz stellen, als Warnung und zur Abschreckung: Seht her, so ergeht es euch!
SPIEGEL: Es gibt Grenzen des Zumutbaren.
Littell: Manche Videofilme haben tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Pornos. Ich bewerte das nicht, ich meine damit nur die Art und Weise, wie sie gemacht sind: Die Kamera fährt ganz dicht am versehrten und verstümmelten Körper entlang, zeigt die Wunden und Einschusslöcher in Nah- und Großaufnahme.
SPIEGEL: Die Absicht ist eindeutig, da müssen die Journalisten sich doch nicht zu Komplizen machen.
Littell: Diese Falle können sie durch Analyse vermeiden. Stattdessen neigen wir dazu, es auszublenden. Ich erkenne darin auch eine gewisse postkolonialistische Verachtung: Was die Einheimischen einem auftischen, kann nichts taugen, ist sowieso nur Propaganda. Ich finde, man soll der Realität der Gewalt ins Gesicht sehen.
SPIEGEL: In Syrien haben bereits mehrere Journalisten den Tod gefunden. Wie sind Sie mit dieser Möglichkeit umgegangen - Jonathan Littell, der prominente Literat und Dokumentar des Genozids, ums Leben gekommen in den Bloodlands des Nahen Ostens?
Littell: Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Alle Journalisten, die in Konfliktgebieten arbeiten, setzen sich Gefahren aus und sind sich dessen bewusst. Man tut, was man kann, um sie zu begrenzen, je nach Erfahrung und Gefühl. Aber der Zufall spielt immer eine große Rolle. Die syrischen Aktivisten sind viel größere Risiken eingegangen als wir, oft für uns und zu unserem Schutz. Man sollte dem Mut dieser liebenswürdigen und gastfreundlichen Syrer mehr Aufmerksamkeit widmen als ausländischen Journalisten, die ja immer abhauen können, wenn sie die Schnauze voll haben.
SPIEGEL: Herr Littell, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Littell: Wie Sie wissen, bin ich kein großer Fan von Interviews.
DER SPIEGEL 28/2012
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