09.07.2012

DEBATTEWarum ich Wagner nicht hören will

Eine Antwort auf Daniel Barenboim / Von Noah Klieger
Klieger, 85, ist Autor und Journalist. Der gebürtige Elsässer schloss sich im Zweiten Weltkrieg einer jüdischen Untergrundorganisation an, wurde 1942 von den Nazis festgenommen und in Konzentrationslagern inhaftiert. Seine Erfahrungen in Auschwitz verarbeitete er in dem Buch "Zwölf Brötchen zum Frühstück" (wjs verlag). Klieger lebt in Tel Aviv und ist Redaktionsmitglied der Zeitung "Jediot Acharonot".
Die Aussagen von Daniel Barenboim im SPIEGEL-Gespräch von vor drei Wochen, in dem er sich dafür ausspricht, die Musik Richard Wagners öffentlich in Israel aufzuführen, können nicht unwidersprochen bleiben.
Zuerst die Tatsachen: Es gibt in Israel kein Gesetz, welches die Aufführung von Wagner-Musik in der Öffentlichkeit verbietet. Es gibt auch keinen solchen Beschluss, weder von der Regierung noch vom Parlament, der Knesset. Es gibt nur sehr viele Menschen, die es nicht ertragen können, Wagners Musik öffentlich gespielt zu hören.
Und das hat eine Vorgeschichte: 1938, zehn Jahre vor der Gründung des Staates Israel, gab es eine eindeutige Haltung in der Bevölkerung zu dieser Frage. Eine Mehrheit war dagegen, Wagners Musik auf diesem Boden öffentlich aufzuführen.
Das war im November, in jenem Monat, an dessen neuntem Tag Menschen in Deutschland und Österreich organisiert jüdische Geschäfte geplündert, Friedhöfe geschändet und Synagogen in Brand gesetzt hatten. Sie verhöhnten und quälten Juden, zerstörten ihr Eigentum. Über 400 Juden wurden bei dieser Aktion getötet, 30 000 in KZs deportiert. Es war die Nacht vom 9. auf den 10. November, die unter dem euphemistischen Namen "Kristallnacht" in die Geschichte einging. Wir haben diese Nacht nicht vergessen.
Es war zufällig auch genau die Zeit, zu der in Palästina das "Palestine Orchestra" unter dem berühmten Dirigenten Arturo Toscanini in Tel Aviv Werke von Richard Wagner spielen wollte. Als die Nachricht über das Kristallnacht-Pogrom Tel Aviv erreichte, beschloss der Gründer und Direktor des Orchesters, der aus Polen stammende Geiger Bronislaw Huberman, das Konzertprogramm zu ändern. Wie kann ein jüdisches Orchester Werke eines Komponisten spielen, der die Rassentheorie erfunden und gepredigt hat, die Rassentheorie also, die jetzt von Hitler und sei-
nen Anhängern in die Tat umgesetzt wurde? Das waren Hubermans Argumente.
Die jüdischen Gemeinden in Palästina waren seiner Meinung. Toscanini stimmte ebenfalls zu und änderte sein Programm. Nach der Entstehung des Staates Israel, vor allem unter dem Einfluss der Überlebenden der Schoah, wurde der Wagner-Bann vom Großteil der Bevölkerung weiter unterstützt. Das zur Historie.
Ich weiß natürlich, dass viele Anhänger Wagners argumentieren, man müsse sein Werk und seine Ansichten unabhängig voneinander beurteilen. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. So argumentiert auch Barenboim. Man dürfe Wagner in Israel nicht boykottieren, obwohl er ein Antisemit gewesen sei. Wer so denkt, kommt mit Sicherheit, in welcher Variante auch immer, mit folgendem Argument: "Wenn wir Mercedes fahren und deutsche Haushaltsgeräte kaufen, warum also nicht Wagner spielen?"
Und auch Daniel Barenboim macht sich im SPIEGEL diesen Gedankengang zu eigen. Bei ihm klingt das so: "Ich kann nur sagen: Wagner verbieten und gleichzeitig deutsche U-Boote kaufen, das ist doch absurd." Und mit dem Wort "absurd" hat er tatsächlich recht. Nämlich bei seinem - meiner Meinung nach - unstatthaften Vermischen des U-Boot-Geschäfts mit den Gefühlen derjenigen, die es nicht ertragen, Wagner zu hören.
Jeder Israeli kann Wagner-Platten oder -Videos kaufen und hören - in seinem Zuhause, allein, mit der Familie, mit Freunden. Wagner wird in Israel auch nicht verachtet, weil er Antisemit war. Wenn wir alle Komponisten, Autoren und Dichter, die Antisemiten waren oder antisemitische Gedanken verbreitet haben, boykottieren würden, könnten wir nur sehr wenige hören oder lesen. Keinen Dostojewski etwa, keinen Shakespeare, keinen Dickens oder Wilhelm Busch.
Aber bei Wagner kommt noch etwas hinzu: Ich halte ihn, und nicht nur ich allein, für einen üblen Rassentheoretiker. Wenn Richard Wagner unter anderem schreibt, dass er "die jüdische Rasse für den angeborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr" halte, spricht er also nicht von Juden, sondern von einer Rasse, die der Feind der Menschen sei. Und auf einen Brief seiner Frau Cosima, die ihm 1881 von einem Brand in einem Theater in Wien erzählt, bei dem 416 Juden umkamen, antwortet Wagner: "Es sollten alle Juden in einer Aufführung des ,Nathan' verbrennen."
Das ist mehr als Antisemitismus. Das ist die Rassentheorie per se, gepaart mit einem prophetischen Wunsch nach Verbrennung aller Juden. Und genau diese Theorie und dieses Wunschdenken haben Hitler und die Deutschen in die Tat umgesetzt.
Sechs Millionen Mal.
(*) Am 7. Juli 2001, als Barenboim sich an das Publikum wendet und darum bittet, Wagner spielen zu dürfen.
Von Noah Klieger

DER SPIEGEL 28/2012
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