24.03.1997

THRILLERMacht und Mord

James Ellroy spinnt Amerikas Jahrhundert-Trauma als Krimi-Fiktion fort - und liefert das bisher wüsteste Verschwörungsszenario zum Kennedy-Attentat.
Vielleicht war es reines Mißgeschick, vielleicht hat Lee Harvey Oswald damals in Dallas nur sinnlos in die Gegend geballert und dabei zufällig den Präsidenten erwischt. Aber die Theorie vom Einzeltäter ist zu traurig, um auch noch wahr zu sein. Deshalb spricht seit dem 22. November 1963 alles für eine Verschwörung.
Zuletzt hat Regisseur Oliver Stone, "Inhaber des begehrten Leni-Riefenstahl-Wanderpokals" (TAGESZEITUNG), die Geschichte eines Komplotts erzählt, in dem der "militärisch-industrielle Komplex" und Vizepräsident Lyndon B. Johnson konspirierten, um den pazifistischen JFK aus dem Weg zu räumen.
Obwohl Gerald Posner vor gut drei Jahren die "Akte geschlossen" (Buchtitel) hat, will es dem gewöhnlichen Nachrichtenkonsumenten nicht in den Kopf, daß der strahlende Kennedy das Opfer eines minderbemittelten Desperados geworden sein soll.
Den Freunden der Verschwörungstheorie liefert jetzt der 49jährige Krimi-Autor James Ellroy ("White Jazz") besonders süße Nahrung. Allerdings ist sie vergiftet wie nie zuvor: In seinem Roman "Ein amerikanischer Thriller" entwirft er ein dermaßen wüstes Szenario, daß sich niemand mehr unschuldig wähnen kann*.
Nicht nur hat sich die gesamte amerikanische Welt verschworen, den Präsidenten umzubringen, in Ellroys Schlachtgemälde wirkt das Komplott zum erstenmal plausibel.
Der Verschwörungstheoretiker hat bekanntlich immer recht, weil sich ihm,
* James Ellroy: "Ein amerikanischer Thriller". Deutsch von Stephen Tree. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 640 Seiten; 49,80 Mark.
wenn er nur will, eins zum anderen fügt.
Niemand beherrscht das besser als Ellroy. Wie ein besessener Chandler-Detektiv klebt er Stückchen für Fetzchen aneinander - und siehe da, alles paßt zusammen: Ward J. Littell, ein gescheiterter Idealist, knackt den Code, mit dem die Bücher der Transportarbeitergewerkschaft verschlüsselt sind.
Nun wird es offenbar: "24 US-Senatoren, 9 Gouverneure, 114 Kongreßabgeordnete", der CIA-Chef Allen Dulles, Diktatoren, Unternehmer, Gewerkschafter, überhaupt alles und jeder hat sich aus dem Teamster-Fonds bedient. Als zuverlässiger Gläubiger wirkte im Hintergrund "ein gewisser Joseph P. Kennedy Sr.".
Der alte Kennedy finanziert die Mafia und wäscht ihr Geld. Die zeigt sich erkenntlich und hilft seinen Söhnen im Wahlkampf. Man schätzt sich nicht, versteht sich aber unter Geschäftsfreunden bestens. Erst als Justizminister Robert Kennedy gegen die Transportarbeiter ermittelt, ist es vorbei mit dem guten Geschäft. "Ich bereue den Tag, an dem ich Jack (Kennedy) Illinois gekauft habe", sagt Sam Giancana, der Mafia-Boß von Chicago.
Auch wenn alles erfunden ist, alles hätte genauso ablaufen können, wie in dieser erbarmungslosen Chronik geschildert. Unerbittlich wie die klickende Uhr treibt sie dem bekannten Ende zu. Ellroys Bolero beginnt 1958 in Los Angeles und endet fünf Jahre später Sekunden vor den tödlichen Schüssen in Dallas.
Die Vereinigten Staaten, erkannte die Warren-Kommission, die das Attentat auf den Präsidenten aufklären sollte, sind im Schoß politischer Gewalt geboren. James Ellroy tut nichts weiter, als dafür Beweise zusammenzutragen, und natürlich dankt es ihm keiner.
Mäkelig und manchmal beleidigt hat die Kritik auf den Roman reagiert. "Unverantwortlich" sei Ellroys Methode, in dieser drastischen Art die Fakten zu verzerren, grämelte die NEW YORK TIMES, und die FRANKFURTER ALLGEMEINE maunzte hinterher, daß in diesem "Höllenpfuhl der Kennedy-Ära nichts erklärt, nichts motiviert" werde.
Das Unbehagen ist begründet, aber keineswegs die Schuld von James Ellroy. Er hat den Leser, und nicht nur den amerikanischen, an einem wunden Punkt getroffen: So genau wollte man es eigentlich gar nicht wissen. Ellroy ist unerbittlich - und fordert nicht weniger als die Aufgabe jeden Glaubens an das Gute und Vernünftige.
Darin unterscheidet er sich wohltuend von dem penetranten Optimismus, mit dem einen die moderne amerikanische Literatur sonst genüßlich quält. James Ellroy ist das gerade Gegenteil von John Updike, er glaubt aus vollem Herzen an das Böse im Menschen.
Der Originaltitel "American Tabloid" meint eigentlich die Kolportage, die reine Sensationsgier, mit der sich Zeitungen und Bücher in früheren Jahren interessant machten. Der Roman ist ein Lehrstück über Gewalt.
Gewalt ist bei Ellroy nicht sinnlos oder Hormonüberschuß wie im Actionfilm, sie dient einem höheren Zweck: der Macht. Wie Gewalt entsteht, aus dem Geist der amerikanischen Staatsgründung nämlich, und wohin sie führen kann, zu Mord und Totschlag und schließlich zu noch mehr Macht, das läßt sich nirgends so eindrücklich studieren wie in dieser Kolportage.
Selbst diese finstermännische Gruselgeschichte enthält eine Wegweisung. Sie ist schlicht, sie ist bekannt, aber auch so eingängig wie die Spruchweisheit: "Politisch Lied, ein böses, böses Lied!"
* James Ellroy: "Ein amerikanischer Thriller". Deutsch von Stephen Tree. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 640 Seiten; 49,80 Mark.

DER SPIEGEL 13/1997
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