31.03.1997

ZEITGESCHICHTE„Es ist besser, zu schweigen“

Für neue Debatten über das Verhältnis des Vatikans zum Dritten Reich sorgt ein Buch belgischer Autoren über „Die unterschlagene Enzyklika“ Pius XI. zur Judenverfolgung.
Das Treffen in Castelgandolfo, der Sommerresidenz des Papstes, hatte fast konspirative Züge. Erst verpflichtete Pius XI. seinen Gast, den amerikanischen Jesuiten John LaFarge, zur strengsten Geheimhaltung. Dann erteilte er ihm, unter vier Augen, einen brisanten Auftrag.
LaFarge solle, so lautete die päpstliche Order am 22. Juni 1938, "den Text einer Enzyklika über das Thema" entwerfen, das "zur Zeit das brennendste" sei - Rassismus und Antisemitismus. Gerade hatte Hitler in Rom Freund Mussolini pompös seine Aufwartung gemacht.
Pius, ganz Pragmatiker, gab LaFarge einen guten Tip mit auf den Weg. "Sagen Sie einfach, was Sie sagen würden, wenn Sie selbst der Papst wären." Dem Geistlichen war, als falle ihm "der Felsen des heiligen Petrus auf den Kopf". Denn bislang hatte sich der Heilige Stuhl mit Stellungnahmen zu dieser Problematik sehr zurückgehalten.
Mit zwei Jesuitenkollegen, dem deutschen Sozialethikprofessor Gustav Gundlach und dem Franzosen Gustave Desbuquois, arbeitete LaFarge in Paris knapp ein Vierteljahr an dem politisch heiklen Projekt. Im September 1938, wenige Wochen vor der Pogromnacht in Deutschland, lagen schließlich eine englische, eine französische und eine deutsche Version vor.
Schon Mitte März 1937 hatte Pius XI. (bürgerlich: Achille Ratti) die Enzyklika "Mit brennender Sorge" herausgegeben. Die Schrift galt wohlwollenden Katholiken als "Generalabrechnung des Papstes mit dem Nationalsozialismus". Aber nicht ein einziges Mal tauchte darin das Wort Jude auf.
Und nun sprach der Entwurf der kleinen jesuitischen Redaktion von einer "ungerechten, erbarmungslosen Kampagne gegen die Juden". Sie würden "auf dem Boden ihres eigenen Vaterlandes" verfolgt, Millionen Juden trieben "völlig mittellos über diese Erde, den Unwägbarkeiten des Exils ausgesetzt". "Mit Entrüstung und Schmerz" sehe die Kirche "eine Behandlung der Juden aufgrund von Anordnungen, die dem Naturrecht" widersprechen. Man häufe "Unrecht auf Unrecht, Lieblosigkeit auf Lieblosigkeit und beseitige die Juden oder unterdrücke sie völlig".
Es gebe sogar Christen, die "entgegen dem katholischen Glauben eine Einheit des Menschengeschlechtes" bestritten. Rassismus, so ein Fazit, stehe "im Widerspruch zur katholischen Glaubens- und Sittenlehre".
Zwar offenbarte der Text, daß sich die Autoren "letztlich aus der ambivalenten Haltung" der Kirche gegenüber dem Judentum, "einerseits Achtung, andererseits Mißtrauen" (Katholische Nachrichten-Agentur), nicht gelöst hatten. Ihre Haltung zur Verfolgung aber war für damalige Verhältnisse recht eindeutig - wenn auch das Konkurrenzverhältnis der Christen zu Juden, der dogmatisch bedingte Antijudaismus, stark durchschimmerte.
Doch LaFarge, Autor eines klugen, fast revolutionären Buches ("Interracial Justice") über die Rassenproblematik in den USA, händigte den Enzyklika-Entwurf nicht seinem Auftraggeber, dem Papst, aus. Er schlug den Dienstweg ein und übergab ihn in Rom seinem Chef, dem Jesuitengeneral Wladimir Ledóchowski.
Der autoritäre Pole, erfüllt von fast panischer Kommunistenfurcht, hielt "das rote Rußland an den Grenzen seines Landes offensichtlich für bedrohlicher als die braune Pest", so der französische Jesuit Henri Madelin. Er verschleppte die Weitergabe des umfangreichen Papiers - bis der Papst immer gebrechlicher wurde.
Am 10. Februar 1939 starb Pius XI. Der ihm bereits zugestellte Entwurf soll an diesem Tag auf seinem Schreibtisch gelegen haben, erinnerte sich ein Kardinal. Danach aber sei das umfangreiche Papier, so der Jesuitenpater Martin Maier, "auffallend schnell verschwunden".
Jetzt ist es wiederaufgetaucht, jedenfalls die französische Version*. Was als "sensationeller Fund" (TAGESSPIEGEL) gefeiert wird, ist indes seit längerem schon bekannt - der Fachwelt jedenfalls.
Kleine Auszüge aus der Schubladen-Enzyklika waren 1972 erstmals im amerikanischen NEW CATHOLIC REPORTER veröffentlicht worden. In Deutschland publizierte 1975 der Theologe Johannes Schwarte, heute Stu-
* Georges Passelecq/Bernard Suchecky: "Die unterschlagene Enzyklika. Der Vatikan und die Judenverfolgung". Carl Hanser Verlag, München; 322 Seiten; 45 Mark.
diendirektor am Overberg-Kolleg in Münster, die deutsche Fassung im Rahmen einer Doktorarbeit über den Mitautor Gundlach - einen prominenten Repräsentanten der katholischen Soziallehre.
Schwarte hatte das knapp 100 Seiten starke Papier im Nachlaß Gundlachs gefunden - im Kleiderschrank eines Mönchengladbacher Krankenhauses. Dort war Gundlach 1963 gestorben. Sein Erbe war laut Schwarte "völlig ungeordnet und überhaupt noch nicht archivarisch erfaßt".
Der Studiendirektor ist überzeugt davon, daß Gundlach die "entscheidende Verfasserarbeit" beim Entwurf der Enzyklika geleistet habe. Den Konkurrenzautoren Georges Passelecq und Bernard Suchecky wirft er vor, mit der französischen Version "die Öffentlichkeit systematisch zu täuschen" - weil sie "etwas als Sensation ausgeben, was seit über 20 Jahren keine Sensation mehr ist". Von einem Plagiat will Schwarte dennoch nicht reden. Aber: "Sie wiederholen in allen entscheidenden Fragen meine Ergebnisse."
Das Schweigen zu Judenverfolgung und Holocaust wird dem Vatikan spätestens seit der weltweiten Kontroverse um Rolf Hochhuths Schauspiel "Der Stellvertreter" (1963) immer wieder vorgeworfen. Gegen das Novemberpogrom 1938, die sogenannte Reichskristallnacht, schreibt pointiert der Historiker Heinz Hürten, sei "kaum mehr als nichts geschehen".
Auch der deutsche katholische Klerus und die Bischöfe hielten sich auffallend zurück. Ursprünglich hatten sie sich, so notierte der Rechtshistoriker Ernst-Wolfgang Böckenförde, "als fester und unerschütterlicher Gegner" der NS-Bewegung Hitlers verstanden. Als aber der Diktator richtig im Sattel saß, nach den Märzwahlen und dem Ermächtigungsgesetz, vollführte die Kirche eine verhängnisvolle Wende.
Dies geschah einerseits aus politischer Instinktlosigkeit, weil "man im deutschen Katholizismus nicht über die Denkwerkzeuge verfügte, den drohenden Faschismus zu verstehen", so der katholische Publizist Walter Dirks. Andererseits trug eine anachronistische Bibelinterpretation entscheidend zu dieser Volte bei.
Im Römerbrief schreibt der Apostel Paulus, Trägern der "staatlichen Gewalt" müsse "schuldiger Gehorsam" geleistet werden, da sie "von Gott eingesetzt" seien. Niemand, folgerte der damalige Trierer Bischof Franz Rudolf Bornewasser daraus, dürfe "je die Regierung ... im Stich lassen". Ob das vernünftigem Nachdenken standhielt, danach wurde nicht gefragt.
Als Hitler schließlich im Sommer 1933 das Reichskonkordat mit dem Heiligen Stuhl schloß, war er für die Kirche vollends der seriöse Staatsmann. Daß der Vertrag mit der Auflösung der katholischen Zentrumspartei und dem Rückzug katholischer Politiker in die stille Opposition verbunden war, ließ kaum jemanden aufhorchen.
Der Episkopat biederte sich sogar an. Dem Münchner Erzbischof Michael Faulhaber kam "es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler". Faulhabers Osnabrücker Kollege Hermann Wilhelm Berning beendete Reden mit einem dreifachen "Sieg Heil!"
Daß Jesuitengeneral Ledóchowski mit seiner übervorsichtigen Behandlung des Entwurfs der Judenenzyklika "Sabotage" betrieben haben könnte, will Schwarte nicht unterstellen. Schließlich habe "es sich um eine hochbrisante Angelegenheit" gehandelt, "die sorgfältig vorbereitet sein wollte - was eine gründliche Prüfung des Textes einschloß".
Als Pius XI. ihn erhielt, war er bereits von schwerer Krankheit gezeichnet. Vielleicht, spekuliert Schwarte, habe er das Erscheinen der Enzyklika deshalb "nicht mehr für angebracht gehalten". Schwarte: "Sie hätte die Kirche mit Konflikten konfrontiert, die nur ein Gesunder durchhalten konnte."
Weder Schwarte noch Georges Passelecq und Bernard Suchecky, die belgischen Autoren, wagen sich weiter ins Gestrüpp zeitgeschichtlicher Mutmaßungen. Ungeklärt ist immer noch die Frage, warum auch Pius XII., seit dem 2. März 1939 Nachfolger des Ratti-Papstes, die Fleißarbeit der Jesuiten nicht veröffentlichte.
Ob Pius XII. (bürgerlich: Eugenio Pacelli) schon frühzeitig Kenntnis vom Entwurf hatte, ist umstritten. Als Gundlach "am zweiten Tag des neuen Fischers" (soll heißen: Pius XII.) nachfragte, wollte "der Hohe Herr" jedenfalls von nichts wissen. Pacelli erklärte laut Schwarte, "er werde mal ARPN fragen, was da ist und wo die Sachen sind".
ARPN war, so löst sich die vatikanische Geheimsprache auf, damals das Kürzel für den Jesuitengeneral Ledóchowski. Der neue Fischer und ARPN kamen offenbar überein, das ehrgeizige Enzyklikaprojekt endgültig "zu begraben", so der Jesuit Maier.
Pius XII. war, wie sein Vorgänger und wie der Jesuitenchef, ein entschiedener Gegner des "gottlosen Bolschewismus". Gegenüber den Nazis verhielt er sich vorsichtig und diplomatisch. Er pflegte, formulierte sein Sekretär Robert Leiber, "gegen Unrecht und Gewalt" ganz "allgemein Verwahrung einzulegen".
Die Politik der leisen Töne wurde mit einer oft gebrauchten Ausrede begründet - Zurückhaltung, "um größere Übel zu verhüten" (Leiber). So verwies Pius XII. auf das Schicksal holländischer Juden, die im Sommer 1942 angeblich nur deshalb deportiert wurden, weil die Bischöfe öffentlich protestiert hatten.
Die Zeitungen berichteten damals in großer Aufmachung. Der Heilige Vater, schrieb seine langjährige deutsche Haushälterin Pascalina Lehnert, sei "kreidebleich" geworden und habe in der Küche "zwei große, engbeschriebene Bögen" verbrannt.
Eigentlich sollte an jenem Abend im OSSERVATORE ROMANO ein Papst-Protest "gegen die grauenhafte Judenverfolgung" erscheinen. Pius XII. sagte, laut Lehnert: "Aber wenn der Brief der holländischen Bischöfe 40 000 Menschenleben kostete, so würde mein Protest vielleicht 200 000 Menschenleben fordern."
Es sei also "besser, in der Öffentlichkeit zu schweigen". Er schwieg auch, als die Juden Roms ins KZ verfrachtet wurden. Und er schwieg, als nach Kriegsende feststand, daß über sechs Millionen Juden ermordet worden waren.
Ob die Veröffentlichung des "mutigen Textes" (Passelecq) Judenverfolgung oder den Holocaust hätte verhindern können, bleibt reine Spekulation. Wer so denke, sagt der französische Kirchengeschichtler Emile Poulat, sei "sehr optimistisch".
Auf jeden Fall hätten die katholischen Gläubigen den Lehrgehalt der Enzyklika übernehmen müssen - was in der Praxis Opposition gegen das Hitler-Regime bedeutet hätte.
* Georges Passelecq/Bernard Suchecky: "Die unterschlagene Enzyklika. Der Vatikan und die Judenverfolgung". Carl Hanser Verlag, München; 322 Seiten; 45 Mark.
Von Bönisch und

DER SPIEGEL 14/1997
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