DER SPIEGEL



CDU

Aufstand der Milchgesichter

Von Schumacher, Hajo

Als "Junge Wilde" haben sie die Union in Bonn das Fürchten gelehrt. Jetzt gehen die Provinzfürsten auf Schmusekurs - der Karriere wegen. Von Hajo Schumacher

Ein echter Revolutionär steht schon als Junge allein da, mit dem Rücken zur Wand, die blanke Brust der feindlichen Übermacht entgegengestreckt. So müssen sich Peter Müller, Christian Wulff, Ole von Beust und die anderen in ihrer Jugend gefühlt haben.

Damals, Anfang der siebziger Jahre, sahen sie sich von Linken umzingelt, die von Revolution redeten und darüber, welche Vorteile das Leben als Maoist gegenüber dem des Marxisten biete.

Aber da wollten sie nicht mitspielen. Sie schwärmten lieber von Lothar Späth oder Heiner Geißler und flüchteten sich zu den Treffen der Jungen Union (JU). Dort fühlten die Einsamen Wärme und Verständnis, dort wuchs die tiefe Zuneigung zur CDU, die ihr Leben fortan bestimmen sollte.

Gefördert von väterlichen Freunden, arbeiteten sie sich aus den Tiefen der Schülerunion hinauf bis in den Führungskreis der JU. Sie lernten, die Krawatte ordentlich zu binden, mit den richtigen Leuten Bier trinken zu gehen und Helmut Kohl zu preisen.

Jetzt, 20 Jahre später, harren sie als Berufspolitiker in der zweiten Reihe der Partei aus. Sie wissen, daß sie eines Tages Ministerpräsident werden können oder zumindest Staatssekretär. Sie dürfen sich nur keine größeren Fehler erlauben.

Doch genau das ist ihr Problem: Diesen Fehler haben sie womöglich schon gemacht. Denn seit ein paar Wochen sind sie nicht mehr nur die artigen Hoffnungsträger, sondern müssen sich als Vorzeige-Revoluzzer herumreichen lassen.

Ein paar freche Bemerkungen reichten, damit weite Teile von Volk und Partei sie stellvertretend ins finale Gefecht gegen den grauen Patriarchen Kohl schicken. Sie waren eine von vielen Kungelrunden in der CDU. Jetzt sind sie Aufständische. Kampfname: "Junge Wilde".

Der Marketing-Erfolg hebt zwar kurzfristig das Ego der Achterbande, deren Mitglieder sich als Fraktionsführer in den Landtagen mehrheitlich unterfordert und zu wenig beachtet fühlen. Andererseits, klagt einer der Wilden matt, "lastet auf uns ein enormer Erwartungsdruck".

Damit haben sich die vorlauten Babyboomer in eine heikle Lage manövriert. Denn selbst wenn sie wollten, könnten sie derzeit kaum mehr Attacken starten. Abseits der Steuerfrage ist die Gruppe nicht auf eine Linie zu bringen. Entgegen der Mehrheitsmeinung plädiert etwa der Hamburger von Beust für das Grundrentenmodell von Kurt Biedenkopf, der Saarländer Müller befürwortet gegen Wulff und Koch schwarz-grüne Koalitionen. In der kleinen Gruppe spiegelt sich das ganze Durcheinander der Positionen wider, wie es derzeit in der Union herrscht.

Vorsichtshalber hat sich die Gruppe auf taktisches Schweigen verständigt. Die erwartungsvoll und oft gestellte Frage, wann der nächste Krawall komme, beantworten die Herren mit Schulterzucken.

"Wir sind weder jung noch wild, noch ein Revolutionsrat", beschwichtigt Christoph Böhr, 43, Fraktionschef in Rheinland-Pfalz, der die Gruppe gründete. Unter JU-Chef Böhr waren viele in leitenden Positionen bei den Jungunionisten, verloren sich dann aus den Augen, um 1993 auf Böhrs Betreiben wieder zusammenzufinden.

Sie verstehen sich als "lockere Truppe ohne Hierarchie" (Wulff), die Strategien austauscht, Reformen austüftelt und sich aneinander durch die Partei emporrankt. Als Grundsatz gilt: Egal, was jemand sagt, keiner der anderen greift ihn an.

Voller Ideen und Energie fühlen sie sich als Team von lauter kleinen Clintons, auch wenn sie nur strebsame, wirtschaftsliberale Unionspolitiker sind, die in jedem Reihenhaus mit Jägerzaun und Salzteigschmuck gern gesehen wären. Viele, sagt Böhr, "wären gern mal bedeutsam".

Der Part des lauten Aufrührers war in ihren peniblen Karriereplänen allerdings nicht vorgesehen. Sie waren immer strikt pragmatisch, nie emotional orientiert. So entschieden sie sich kühl für eine Laufbahn im Land, weil die Generation vor ihnen - Rühe, Wissmann, Hintze, Seehofer, Rüttgers - die attraktiven Plätze in Bonn auf absehbare Zeit besetzt halten würde.

Doch auf dem harten Weg durch die Provinz hat sich Wut auf die Gemächlichen in Bonn gestaut. Was wissen denn die Parteioberen vom tristen Wahlkampf an der Basis, den etwa von Beust, 41, derzeit zu bestehen hat? Vor feixenden Glatzen in Bomberjacke und einer Handvoll Zuhörer muß er seine Jugendpolitik erläutern und aufgebrachten Wählern erklären, was das Durcheinander bei Steuer- und Rentenreform zu bedeuten hat.

In den Niederlagen gegen die sozialdemokratische Konkurrenz in Geduld geübt, schafften sich die Jungen, meist Juristen, in die Machtposition des Fraktionschefs oder CDU-Landesvorsitzenden.

Neben dem frischen von Beust der geradlinige Wulff, 37, in Niedersachsen, der stille Theologe Christian Köckert, 39, in Thüringen, Ronald-Mike Neumeyer, 35, in Bremen, der nachdenkliche Böhr in Rheinland-Pfalz, der ausgebuffte Müller, 41, im Saarland, der belesene Koch, 39, in Hessen. Am weitesten hat es Günther Oettinger, 43, gebracht. Er gilt in Stuttgart als möglicher Nachfolger von Ministerpräsident Erwin Teufel.

Feinfühlig dosierten sie ihre Provokationen stets so, daß sie dem eigenen Profil dienten, aber den Parteifrieden nicht störten. Nur selten teilten die jungen Milden richtig aus. Am mutigsten war Oettinger, der vor knapp zehn Jahren Kohls Rücktritt wegen "Führungsschwäche" forderte.

Müller traute sich im Herbst immerhin, "Dilettantismus" bei der Steuerpolitik anzuprangern. Von Beust hieß Kohls Sozialpolitik "Flickwerk", und Wulff stänkert seit dem niedersächsischen Wahlkampf 1994 gegen Finanzminister Theo Waigel.

Die CDU zeigte Verständnis, denn gegen Gerhard Schröder, Deutschlands beliebtesten Politiker, war nur mit populistischen Großthemen zu punkten. Beim Kanzler hatte Wulff ohnehin Kredit, weil er als einer der wenigen Landeschefs ordentliche Mitgliederzuwächse präsentieren konnte.

Um so überraschter war die Gruppe, als Wulffs Forderung nach dem Rücktritt Waigels Ende Januar derartig einschlug. Selbst die kanzlertreue WELT witterte einen organisierten "Aufstand" mit Koch als Denker und Wulff als Sprecher. Voller Wut keilte der Kanzler mit dem vernichtenden Vorwurf zurück, Wulff habe "den Ausstieg aus der Kameradschaft" vollzogen.

Bei Müller, der sich im Frühstücksfernsehen mit seinem niedersächsischen Kollegen solidarisiert hatte, klingelte kaum eine Stunde nach der Sendung das Telefon. Der Kanzler war dran. Er bebte.

Daß ausgerechnet Kohl sich derartig aufregte, ist nur mit der derzeitigen Bonner Nervosität zu erklären. Denn verglichen mit den Ausfällen des jungen Kohl wirken die Jungen Wilden brav wie Bettvorleger.

In den fünfziger Jahren sprachen "alle von dem rotzigfrechen Mann aus Ludwigshafen", wie es in Kohls Biographie von Werner Filmer und Heribert Schwan heißt. "Sie überlegten, ob es möglich sei, ihn aus der Partei hinauszuwerfen. Schließlich sei er der Feind aller, dieser ,verdammte linke Kohl'', der ,alle kaputtmacht, die Partei und die Politik''." Kohl, sagt sein Biograph Klaus Dreher, "war ein wüster Bursche. Dagegen sind die Jungen heute doch Milchgesichter".

Dennoch bekamen die weichgespülten Wilden ungewöhnlich viel Applaus. Offenbar hatte Wulff ein tiefsitzendes, lange verdrängtes Bedürfnis vieler Landsleute nach einem Tritt für die Regierung Kohl gestillt.

Als die Hysterie auch nach ein paar Wochen anhielt, ahnten der böse Wulff und die sieben Guevaras, daß sich hier ein Prozeß verselbständigen würde. Die Attacke, als Medienereignis gedacht, schuf sich eine eigene, größere Realität: Die Gruppe, die sich sich seit 20 Jahren kannte und seit 4 Jahren weitgehend unbeachtet traf, war plötzlich zum realen Machtfaktor geworden, der die CDU-Granden trotz ihres gespielten Desinteresses irritierte.

Als Beweis für gestiegene Wichtigkeit bat Wolfgang Schäuble in der Woche vor Ostern die Herren ins Hinterzimmer eines Bonner Restaurants. Dort setzte es nicht Ermahnungen, wie einige schuldbewußt erwarteten. Im Gegenteil, es wurde "hochspannend, offen und konstruktiv diskutiert", wie ein Teilnehmer berichtet. Auch wenn der Fraktionschef ihr Auftreten kritisierte, blieb das Gefühl, daß "wir als Leistungsträger auf Landesebene ernstgenommen werden".

Der Versuch des Kanzlerkandidaten, die Ungeduldigen einzubinden, beweist die anhaltende Wachsamkeit in Bonn. In Zeiten größten Wählerfrusts kann sich die CDU Revoluzzer nicht leisten, die Verschwörungstheorien noch anheizen.

Und in den "ungeordneten Haufen" (Müller) läßt sich viel Gefährliches hineininterpretieren: Warum erfolgte der Angriff gleich, nachdem Schäuble bekanntgegeben hatte, der Versuchung einer Kanzlerschaft nicht widerstehen zu können? Welche Rolle spielte der nicht minder ambitionierte Edmund Stoiber, der auffällig herzliche Kontakte zur Bande unterhält?

Und gehörten nicht einige der Jungen zum geheimnisvollen Kommende-Kreis? Der einstige JU-Chef Matthias Wissmann hatte Ende der achtziger Jahre die intern ausgesprochen offene, aber nach außen hin ungewöhnlich verschwiegene Kungelrunde gegründet, die mehrmals im Jahr in einem italienischen Restaurant tafelt und plant.

Diese konservative Toskana-Fraktion, der Verteidigungsminister Volker Rühe, Generalsekretär Peter Hintze, Umweltministerin Angela Merkel, der sächsische Umweltminister Arnold Vaatz und zwei Dutzend weitere liberale Geister der Union angehören, ist stets für eine Verdächtigung gut.

Da nichts ihre Karrieren schneller beenden kann als der Verdacht, eine Intrige gegen Kohl ausgeheckt zu haben, sind die Wilden nun hektisch bemüht, jeden Verschwörungsmythos zu zerstreuen. Zwar sprechen sie über Kohl gelegentlich mit perfider Milde wie über einen schwerhörigen Oheim. Doch kaum geht es um die Kanzlerkandidatur für 1998, dann jubilieren sie im Chor "Helmut Kohl".

Ob die Appeasement-Strategie fruchtet, ist noch nicht klar. Insbesondere Wulff kann seinen Stand beim Kanzler kaum einschätzen. Von Kohl weiß er derzeit nur, daß er mächtig sauer sei - um so mehr, weil er den Politiker Wulff selbst erfunden hat.

Als der Niedersachse ihn einst kritisierte ("Herr Bundeskanzler, mit Verlaub, Sie wirken selbstgerecht!"), tobte Kohl nicht, sondern lud den Kessen ein nach Bonn. Seither galt Wulff als Kanzlers Liebling. Zum Wahlkampf gegen Schröder zwängte sich Kohl sogar bei Wulffens in Osnabrück aufs schmale Sofa. Würde der Kanzler den von der FAZ zum "Kometen über dem Emsland" ausgerufenen Wulff nun aus der Umlaufbahn schießen?

Keine Angst, beruhigen die Mitwilden, bis zum Sommer hat Kohl derlei Vorgänge erfahrungsgemäß beiseite geschoben. Mit diesen jungen Leuten würde er allemal fertig werden. Er, prahlte der Kanzler beim Essen mit Müller, sei wegen fortgesetzter Dreistigkeit seinerzeit sogar zum Rapport bei Konrad Adenauer einbestellt worden.

* 1994 mit Wulffs Ehefrau Christiane und Tochter Annalena.

DER SPIEGEL 14/1997
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