07.04.1997

BEGABUNG

Richtig flirten

Von Brock, Peter

Hochbegabte Kinder versagen oft in der Schule. Einige Länder wollen die Genies von morgen künftig besser fördern.

Die Kriminalbeamtin Liselotte Bungardt, 43, aus Herne wußte nicht, wie sie den Fall lösen sollte. "Es war, als lebte ich mit einem Samurai zusammen."

Tagelang vertiefte sich ihr sechsjähriger Sohn Constantin in Fachbücher, dann verkleidete er sich, spielte das Gelesene nach und fing an, Samurai-Schwerter zu sammeln. "Ich dachte schon", sagt Bungardt, "das Kind muß in die Psychiatrie" - zumal Constantin "massive Schwierigkeiten" in der Schule bekam. Die einfachsten Aufgaben schienen für ihn zu schwer, er brauchte Stunden dafür.

Ein Psychologe schickte Constantin aber nicht in eine Therapie, sondern zum Japanischunterricht und von der zweiten Klasse direkt in die vierte. Seine Diagnose: Hochbegabung. Mit einem Intelligenzquotienten (IQ) von 139 war der Siebenjährige in der Schule einfach nicht ausgelastet.

Nach Untersuchungen von Schulpsychologen ergeht es in jedem Jahrgang ungefähr zwei Prozent der Schüler in Deutschland wie Constantin. Ihr IQ liegt über 130, ihr intellektueller Anspruch weit über dem Soll des Lehrplans. Aber die wenigsten Pädagogen reagieren darauf. "Wenn wir differenzieren, dann meist für die schwachen Schüler. Die Notwendigkeit, das auch nach oben zu tun, haben wir bisher nicht so gesehen", gesteht Karl-Ernst Wyrwa, 58, Rektor der Grundschule Beuthener Straße in Hannover.

Wyrwa und sein Kollegium haben nun Besserung gelobt. In einem einzigartigen Versuch werden sie in den kommenden Schuljahren je 16 hochbegabte Kinder einschulen, in vier Klassen integrieren und gezielt fördern. Die Ergebnisse des auf sieben Jahre angelegten Testlaufs sollen Richtlinien für den Umgang mit den Genies von morgen liefern.

Eines der Testkinder wird der sechsjährige William sein. Noch sitzt er ein paar Straßen weiter im Kindergarten und liest seinen Spielkameraden aus dem Sandmännchenbuch vor. "Ich kann auch addieren, subtrahieren und durch zwei dividieren", sagt der Kleine.

In diesem Kindergarten des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD) in Hannover ist das nichts Besonderes. Der republikweit einzige sozial-integrative Kindergarten für Hochbegabte betreut seit zwei Jahren 60 Kinder - die Hälfte davon mit überdurchschnittlichem Intellekt.

Meist bringen sich diese Kinder das Lesen selbst bei, sie sind redegewandt, besitzen ein prima Gedächtnis und eine schnelle Auffassungsgabe. Vor allem aber können sie verblüffend gut logisch und analytisch denken. Das unterscheidet sie von Altersgenossen, die nur ihrer Entwicklung ein bißchen voraus sind.

Die Eltern kommen zu Kindergartenleiterin Christa Hartmann, 46, meist nicht aus Stolz, weil ihre Sprößlinge schon mit vier Monopoly spielen, sondern aus Sorge über deren auffälliges Verhalten.

"Die Kinder senden ein Signal aus, daß sie mit ihrer Umwelt nicht zurechtkommen. Sie fühlen, daß sie anders sind als ihre Altersgenossen", erklärt Psychologin Hartmann das Phänomen. Oft werden sie von ihren Spielkameraden als "altklug" verspottet.

Insgesamt ist die Frage der Hochbegabung bei Pädagogen und Psychologen umstritten. Nicht nur die Methoden, mit denen der IQ gemessen wird, gelten bei manchen Experten als fragwürdig. Auch lassen besondere Fähigkeiten in der Kindheit nicht automatisch auf besondere Leistungen im Jugendalter schließen. "Seriöse Prognosen können eigentlich erst ab dem zwölften Lebensjahr gegeben werden", warnt der Erziehungswissenschaftler Peter Struck, 54, von der Universität Hamburg. Bei außergewöhnlich klugen Kindern liegt die Ursache häufig in einer besonderen Förderung durch die Eltern, der intellektuelle Vorsprung der Kleinen verliert sich jedoch in der Pubertät.

In der gemischten Gruppe in Hannover proben die Erzieher den Spagat - zwischen sozialem Lernen auf dem Spielplatz und geistiger Herausforderung für Dreijährige.

Daß diese Kinder "ein intellektuelles Bedürfnis haben, das wir befriedigen müssen wie den Hunger", steht für den Hamburger Psychologieprofessor Wilhelm Wieczerkowski, 69, außer Frage. Im Gegensatz zu musikalischen oder sportlichen Wunderkindern, die oft nur das Produkt eines "früh einsetzenden intensiven und einseitigen Trainings sind", habe bei den Allround-Überfliegern "die Gehirnentwicklung einen entscheidenden Anteil an der Begabung". Wieczerkowski leitet seit 1983 eine Beratungsstelle für Hochbegabte.

Was allerdings aus der genetisch bedingten Begabung wird, das ist stark von der Umwelt abhängig. Oft versucht diese, den Wissensdurst der fragewütigen und deshalb "oft höchst lästigen Kinder" (Wieczerkowski) zu bremsen.

"Nehmen Sie ihr die Bücher weg und melden Sie Ihre Tochter beim Sportverein an." Das bekamen Biancas Eltern von der Schülerberatung zu hören, als sie die vom Gymnasium gelangweilte Elfjährige testen ließen. Bianca ist ihren Eltern dankbar, daß sie dem Rat nicht folgten. Die heute 18jährige absolviert gerade an der Braunschweiger Christophorusschule des Christlichen Jugenddorfwerks ihr Abitur.

Das CJD bietet bislang die einzigen speziellen Förderklassen für Hochbegabte an. Statt der üblichen zwei Leistungskurse in der Oberstufe sind an der Christophorusschule für die besonders Begabten fünf Pflicht. Bianca hat sieben gewählt.

Die Gymnasiasten müssen zudem in der Oberstufe das Lernpensum in zwei Dritteln des Schuljahres schaffen. Im letzten Trimester, der sogenannten Vertiefungsphase, wird in der staatlich anerkannten Schule gelernt, was nicht im Lehrplan steht: Theaterstücke in Englisch schreiben oder Besonderheiten des Aids-Erregers HIV untersuchen.

Die ersten sieben Hochbegabten wurden 1981 in dem Braunschweiger Internat eingeschult. "Weil eine Untersuchung belegte, daß überproportional viele Hochbegabte in der Psychiatrie landen, wollten wir ein Hilfsangebot für diese Randgruppen anbieten", sagt die Leiterin der Christophorusschule Ursula Hellert, 43.

Sie erlebte damals als junge Lehrerin, wie die lauteren Motive der christlichen Pädagogen allenthalben als intellektueller Hochmut mißverstanden wurden. Das CJD, so der Vorwurf, wolle nach altem Muster eine Eliteschule errichten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wettert noch heute gegen Extra-Unterricht für Hochbegabte. Niedersachsens GEW-Sprecher Richard Lauenstein hält das "Dogma des Besonderen" und die Einteilung der Schüler für "hochgradigen Quatsch". Hellert dagegen: "Wir sind zur Modellschule geworden."

Baden-Württemberg bietet an vier Gymnasien sogenannte D-Züge an, die in acht Jahren zum Abitur führen. An weiteren 15 Oberschulen soll das Expreßabitur im kommenden Schuljahr eingeführt werden. Außerdem gibt es an zahlreichen badenwürttembergischen Schulen Arbeitsgemeinschaften für "besonders befähigte Schüler".

Bayern will von Herbst an ein "Akzeleration- und Enrichment-Programm" für Superschüler einrichten, wenn genügend Anmeldungen zustande kommen. Dabei soll der übliche Lernstoff im Eiltempo durchgepaukt werden, damit Zeit für Zusatzfächer wie etwa Chinesisch bleibt.

Den Unterschied zwischen Über- und Unterforderung erkennen selbst Lehrer nicht immer. Denn den Umgang mit Hochbegabten müssen angehende Lehrer während ihres Studiums nicht lernen. "Neulich rief wieder ein Sonderschullehrer an, der ein Kind mit einem IQ von knapp 150 zugewiesen bekam", sagt Dorothea Karcher, Beraterin der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind. Valentin Reitmajer vom bayerischen Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung warnt allerdings vor einem Umkehrschluß, den Eltern nur zu gern ziehen: "Wenn mein Sohn zwei Fünfer hat, heißt das noch lange nicht, daß er hochbegabt ist."

Die Deutsche Gesellschaft plädiert für einen offenen, differenzierenden Unterricht an allen Schulen. "Jedes Kind sollte die Fächer unterschiedlicher Jahrgangsstufen besuchen können", fordert auch Begabtenforscher Wieczerkowski. "Denn viele Schwierigkeiten, die Hochbegabte haben, beruhen darauf, daß die Schulen zu inflexibel sind."

Nordrhein-Westfalen bietet individuelle Bildungsgänge seit eineinhalb Jahren an. 40 Schüler haben davon bereits profitiert und als Fünftkläßler beispielsweise Mathe in der elften und Französisch in der neunten Klasse besucht.

Anna, der ebenfalls hochbegabten Schwester des kleinen Constantin, hat das Programm allerdings nicht geholfen. "Als ich für sie einen solchen individuellen Unterricht beantragen wollte, sagte mir der Schulleiter, das Kind solle sich besser anpassen", so berichtet Liselotte Bungardt. Inzwischen weigert sich die 15jährige, überhaupt in die Schule zu gehen.

Jutta Billhardt, Gründerin des Vereins Hochbegabtenförderung, fordert deshalb in allen Bundesländern Sonderklassen für Hochbegabte wie an der Christophorusschule in Braunschweig.

Dort werden jedes Jahr 88 Kinder auf ihre Tauglichkeit getestet. Sie müssen sich in einer Kontaktwoche im Unterricht beobachten und von einer Psychologin sieben Stunden lang auf Motivation, Belastbarkeit und Denkvermögen untersuchen lassen. Ein hoher IQ allein reicht nicht.

Harm hat die Prozedur erfolgreich überstanden. In seinem bisherigen Gymnasium war der Zwölfjährige als Streber verschrien, weil er schon zwei Klassen übersprungen hatte. "Viele Kinder haben nur gelernt, sich als Außenseiter zu definieren", sagt Schulpsychologin Sabine Platzer, 34. Oft sehen die Kinder erst im Braunschweiger Internat, daß es "noch andere so schräge Vögel gibt, und das ist wichtig, damit sie sich selbst relativieren können".

Aber zunächst mal muß Harm japanische Vokabeln pauken - Pflicht für jeden, der in den Förderzug aufgenommen wird. Die hochbegabten Kinder sollen so begreifen lernen, "daß Erfolg auch auf Anstrengung beruhen kann" (Platzer).

Denn um lebenstüchtig zu werden, hat Schulleiterin Hellert erkannt, brauchen auch Genies mehr als nur Intelligenz. Kunstlehrer Wilhelm Reinke, 34, früher selbst als normal begabter Schüler Zögling der Christophorusschule, spottet über seine früheren, hochbegabten Schulkameraden noch heute: "Die fanden die Bushaltestelle nicht und konnten nicht richtig flirten."


DER SPIEGEL 15/1997
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