07.04.1997

FILMAnwalt unter Druck

Im Gefängnisthriller „14 Tage lebenslänglich“ erzählt der Regisseur Roland Suso Richter vom Leben eines reichen Schnösels unter schweren Jungs.
In den USA kursiert ein dämlicher, aber die öffentliche Stimmung haarscharf treffender Juristenwitz: Was hat man, wenn ein Anwalt bis zum Hals im Sand steckt? Die Antwort: zuwenig Sand. Der Haß auf gierige Paragraphenritter, die in jedem ihrer Fälle nur noch das Schadensersatzgeld sehen statt die Gerechtigkeit, wird derzeit auch in Hollywood gern gepflegt. Wenn die alte, moralische Mär vom Hochmut, der vor dem Fall kommt, frisch erzählt werden soll, muß - wie zuletzt in "Primal Fear" - häufig ein Jurist herhalten.
Die deutsche Fassung des eitlen, ehrgeizigen, hemmungslosen und von Grund auf ekligen Anwalts liefert jetzt der Aufsteiger Konrad von Seidlitz. Er ist der Typ, der sein Kokain mit der Platin-Kreditkarte schnupffertig macht - und der um eines PR-Gags willen freiwillig in den Knast geht: 14 Tage Erzwingungshaft wegen haufenweise unbezahlter Parktickets. Großartige Reklame, denkt von Seidlitz (Kai Wiesinger), und daher schmeißt der Yuppie eine große Champagner-Party, ehe er sich zum Absitzen meldet.
Großer Irrtum, Herr Anwalt. Bei seinem ersten Schritt in die Justizvollzugsanstalt ist der handyschwenkende Angeber schon ein Dead Man Walking, unwissentlich zappelnd im Netz eines Intriganten, der ihn um seinen Ruf, seine Freiheit und seine Karriere bringen will. Und aus den geplanten zwei Wochen Erlebnisurlaub hinter Gittern werden unversehens zwei Jahre echte Haft. Eine halbe Ewigkeit, wenn man sich zuvor - "Ich bin nur zu Besuch hier" - mit allen Gefangenen angelegt hat.
Als klassischer Genrefilm hat der Knastthriller "14 Tage lebenslänglich" keine Scheu davor, ziemlich dick aufzutragen und sich die Welt ein bißchen einfacher zurechtzuzimmern, als sie vielleicht ist. Da fehlt nichts: weder das Zerrbild Anwalt noch die schweren Jungs, die ihn tyrannisieren, weder der Hofgang im Regen noch das Kokain im Klo, weder der fiese Gefängnisdirektor noch die Wärter mit den dunklen Brillengläsern, die schon mal wegschauen, wenn ein unangenehmer Gefangener zusammengeschlagen oder vergewaltigt wird. Und schon gar nicht fehlen die Striche an der nackten Zellenwand, mit denen die Gefangenen ihre Haftzeit abzählen. Alles schon mal gesehen, in ungezählten amerikanischen Hinter-Gitter-Dramen. Aber selten besser. Jedenfalls bis kurz vor Schluß.
Was das Genre kann, das hat der Film- und Fernsehmacher Roland Suso Richter, 36, aus ihm herausgeholt. Dafür hat er ein Berliner Gefängnis neu gestrichen, Gitter angebracht, wo keine waren, und den Film-Gefangenen eine Einheitskluft schneidern lassen - alles im Namen der Leinwandwirkung, denn "wir wollten ja keine Dokumentation über den deutschen Vollzug drehen". Der Kameramann Martin Langer erzeugt eine klaustrophobische Knaststimmung, die so fahl und neongrell und unwirtlich von der Leinwand herabstrahlt, daß die Kälte auch den Zuschauern in die Knochen kriecht.
Da braucht es gar nicht viele Worte, um zu begreifen, wie der Klischee-Anwalt zum erst gequälten, dann geläuterten Menschen wird. Richters Hauptdarsteller Kai Wiesinger, vorschnell ins leichte Fach ("Stadtgespräch") abgeschoben, entpuppt sich - abgemagert, häßlich und zerfurcht - als bestechend guter Charakterdarsteller. Mit diesem Part kann er seine Karriere herumreißen.
"14 Tage lebenslänglich" ist ein rares Gut: ein deutscher Unterhaltungsfilm, der auch im Ausland Beachtung verdient hat. Und er ist ein Leinwand-Comeback für den Regisseur Richter, einen der Leidtragenden der großen deutschen Filmflaute der achtziger Jahre. Als junger Spund hatte er sich bei Rainer Werner Fassbinder als Komparse verdingt, um den bewunderten Schnellfilmer bei der Arbeit zu erleben. 1984 drehte Richter dann selbst das starke Nachkriegsdrama "Kolp", das gleich zu den Filmfestspielen in Cannes eingeladen wurde. Doch danach kamen keine Angebote. Richter filmte ein weiteres Leinwandwerk auf eigene Rechnung - und paßte sich dann den Gegebenheiten an: Fernsehen statt Kino.
Fernsehen war gefragt, und es bot ihm - genau wie seinen Generationsgenossen Nico Hofmann ("Land der Väter, Land der Söhne") und Rainer Kaufmann ("Greenhorn") - die Chance, sein Talent zu schulen, Erfahrungen zu sammeln, Fehler zu machen, anstatt jahrelang untätig auf den großen Filmcoup zu warten. Innerhalb von zehn Jahren wurde Richter mit TV-Dramen wie "Dagobert" und "Samstag, wenn Krieg ist" zu einem Star der deutschen Bildschirmregie: Seine Teenagergeschichte "Svens Geheimnis" gewann gar den "Banff Rockie Award" als weltweit bester TV-Film, und die Fernsehkritik bescheinigte ihm zu Recht "ein himmlisches Händchen" (FRANKFURTER RUNDSCHAU).
Zuletzt war in der vergangenen Woche Richters rasantes Wirtschaftskriminellen-Drama "Buddies" auf dem Bildschirm zu sehen. Aber erst in "14 Tage lebenslänglich" zeigt er wirklich, was er kann - und was er noch lernen muß. Denn wie in vielen der besseren deutschen Filme der letzten Zeit bricht nach einer guten Stunde das Drehbuch (Holger Karsten Schmidt) weg - und der Film stolpert mitten in eine chaotische Krimihandlung um einen Ausbruch und alte Bandenquerelen hinein, die Richter mit seinem ganzen Geschick nicht retten kann.
Hätte "14 Tage lebenslänglich" seine ganze Zeit im Knast abgesessen, dann wäre er ein richtig großer Film geworden. So aber haben ihn die Filmemacher auf Bewährung entlassen.
Susanne Weingarten
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 15/1997
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