14.04.1997

RESPEKT STATT INTEGRATION

Demirkan, 41, ist Schauspielerin und Autorin. Sie veröffentlichte zuletzt die Erzählung "Die Frau mit Bart".
Selten waren sich rechts und links so einig. Die Integration ist gescheitert. Stimmt. Weil gesetzlich nicht zu regeln ist, was menschlich fehlt: RESPEKT.
Vor zwei Wochen fragte mich ein Journalist des Hessischen Rundfunks, wie ich denn als FREMDE Europa erlebe. Wieso "Fremde", frage ich zurück; sagt er: Na ja, als HALBfremde, als Türkin sozusagen.
Frage ich noch mal, wie alt er denn ist, sagt er: 32. Sage ich ihm: "Ich lebe länger in und mit Europa als Sie, was macht mich fremder als Sie?" Er entschuldigt sich. Mir tat's weh. Ein anderes Beispiel. Ich wollte ein Au-pair-Mädchen. Will die Dame des Amtes nach einer Viertelstunde Gespräch meinen Namen wissen, dann nach erstauntem Stottern auch meine Nationalität. Nach einem sprachlosen "Aha" verweist sie mich an das Ausländeramt. Dort bestätigt mir der Abteilungsleiter in breitem Rheinisch, daß so was für Ausländer eigentlich gar nicht erlaubt sei. Und wieder tut's weh.
"Sie spreschen zwar doll Deutsch, aber woher soll isch denn wissen, dat Sie dat auch wirklisch sind" und besteht auf einer schriftlichen Bescheinigung meines Verlages, daß ich meine Bücher selbst und in deutsch geschrieben habe und erst damit und jetzt sogar trotz des türkischen Passes berechtigt und in der Lage bin, einem englischen Au-pair-Mädchen die hiesige Landessprache und Kultur näherzubringen.
Eine letzte biographische Episode, die im Vergleich zu den täglichen Sorgen der Mehrheit der hier lebenden Emigranten nicht mal ein Windlein ist und trotzdem weh tut.
Im Frühjahr '95 traf ich einen wichtigen grünen NRW-Politiker, sagte ihm, daß ich im Sommer 40 Jahre werde und einen einzigen Wunsch habe: die doppelte Staatsbürgerschaft angeboten zu bekommen, als doppelte, zu meinem türkischen Paß dazu, als ein Zeichen, als ein Geschenk, von diesem Land, in diesem Land gewollt zu sein. Eine Umarmung. Er versuchte sein Bestes. Es wurde Sommer und ich 40.
Im Winter, genauer Mitte Dezember, hatte ich ein Gespräch mit einem noch wichtigeren SPD-Politiker. Er gab sein NRW-Okay, sagte aber, entscheiden müsse das ein noch, noch wichtigerer CDU-Politiker in Bonn. Und der schickte die Papiere drei Monate später, im Frühjahr '96, zurück. Solche Geschenke würden in "unserem" Land nicht gemacht. Und ich bin im Sommer 41 geworden. Und ich habe mir wieder nicht anmerken lassen, daß es weh tat.
Die Integration (sich unterordnen unter das Ganze bei Aufgabe des Eigenen) hat immer die Menschen aus der Türkei gemeint. Dabei tun diese nichts anderes als zum Beispiel die Italiener, Spanier, die Aussiedler und die Deutschen auch: Sie sprechen in der Regel, wenn auch mitunter radebrechend, mehrere Sprachen, Türkisch, Kurdisch, Tscherkessisch, Deutsch, die Kinder noch Englisch oder Französisch, gehen, so noch möglich, einer erlernten Arbeit nach oder stehen am Arbeitsamt Schlange, sorgen sich um ihre Kinder, leben, lieben, lachen, beten und trauern, trauern um ihre Toten. Egal, wie die Menschen sterben mußten, ob nun durch Krankheit oder durch Mord. Gleichgültig, wer die Mörder waren, ein durchgeknallter Vater, der seine Familie verbrennt, weil sie ihn verlassen will, oder faschistische Banden, die Türken verbrennen, weil sie Türken sind und Deutschland verlassen sollen. Und sie sind gleichermaßen ohnmächtig und wütend gegenüber sozialem und politischem Unrecht, das ihre Würde als kulturelle Wesen über 30 Jahre hartnäckig verdrängt hat.
Auch da sind sich türkische Menschen und die anderen sehr ähnlich: Bevor sie sich durch das Integrationssieb ins Ungewisse passieren lassen, suchen sie Schutz in ihrer tradierten Identität.
Erst nach über 30 Jahren wurde aus dem Industriesklaven Gastarbeiter der mittelständische "ausländische Mitbürger". Welch eine Demütigung!
Und was Atatürk in 100 Jahren nicht geschafft hat und auch in 100 Jahren in der Türkei nicht schaffen würde, haben diese zwei kursiv gedruckten Worte in der Emigration erzwungen: Aus -zig völlig verschiedenen anatolischen Volksgruppen wurden Menschen mit einem einheitlichen Volksgefühl. Atatürk würde seinen Bart zwirbeln, könnte er hören, wie sie trotzig sagen: Es ist schön, ein Türke zu sein. Ein Protest gegen die Dressur durch Integration.
Erst die "Integrationspläne", die regelmäßig zu jeder Wirtschaftskrise auftauchen und damit immer wieder neu den "Gästestatus" aufkochen und verlockende "Rückführungsangebote" machen oder ganz simpel die Lebensbedingungen verschärfen - gerade aktuell die ultimative Demütigung, Visumspflicht für die Kinder -, haben aus den ungebundenen, traditionellen Türken die nationalen, religiösen Türken gemacht. Weil keiner ihre Sprache hören wollte, niemand ihre Musik, weil nur ganz wenige Nachbarn sich für ihren Alltag interessiert haben und kaum jemand nach ihren Träumen und Gebeten gefragt hat - sie ernst genommen hat.
Seit '84 habe ich immer wieder, in den verschiedensten Formen, auf den Religionsunterricht in den Hinterhöfen hingewiesen, zuletzt, noch vor dem Mauerfall, auf höchster Ebene im Amtshaus der Bundestagspräsidentin in Bonn, mit Renate Schmidt zu einem Kreis von Künstlern und Politikern eingeladen, um dafür zu werben, den Islam aus der Anonymität in die Öffentlichkeit der Schulen zu bringen, damit den moslemischen und den christlichen Kindern eine Begegnung zu ermöglichen und Ängste abzubauen. Das wurde auch nicht ernst genommen.
Aber plötzlich ist diese, seit zwei Jahrzehnten ghettoisierte, Religion eine Bedrohung geworden. Was ist passiert?
Eine neue Wirtschaftskrise ist da, und generalstabsmäßig wird jetzt etwas vorbereitet, was ganz bald zu einer unüberbrückbaren Kluft erklärt werden wird. Und wir wissen: Wann immer Politik und Wirtschaft am Ende waren, Gesetze und Rationalisierungsmaßnahmen keine Verbesserung brachten, hat die metaphysische, emotionale oder ethische Keule immer ihre Wirkung gehabt. Sie ist hervorragend geeignet, eine dämonische Atmosphäre der Furcht zu schaffen, um a) von der eigenen Unfähigkeit abzulenken und b) schlachte einen Sündenbock, so wird deine eigene Sünde vielleicht übersehen.
Die "Integration" hat aus den Türken DEN Türken gemacht. Und nun sogar DIE ISLAMISCHE BEDROHUNG schlechthin.
Die Luft riecht nach Abschiebung, nach neuen strengeren Ausländergesetzen, nach neuen engmaschigeren Integrationsplänen, nach neuen lukrativeren Rückführungsmaßnahmen.
Passende Begründungen überschwemmen gerade wie zufällig den Markt: Da ist die Studie des Prof. Heitmeyer, da ist der Verfassungsschutzbericht, da sind die neuen Zahlen vom Arbeitsamt, da sind Titelgeschichten, die vom Ethno-Krieg zwischen türkischen, kurdischen und Aussiedler-Kriminellen schreiben, aber den Trieb der einen als religiös oder politisch fanatisch interpretieren, den der anderen dagegen als alleingelassen in ihrem Kulturschock. Das ist kein Ethno-Krieg, das ist das Besteck des Kalten Krieges: Such dir einen Gegner, mach ihn zum Patienten, laß ihn auf dem OP-Tisch sterben und denk dann öffentlich über die Entsorgung nach.
Konjunktur und Kriminalität sind zwei Drachen am Januskopf der Kapitalgesellschaft. Und beide versprechen uns Glück und Liebe samt Königreich.
Ich bin überzeugt, die Mehrheit der Menschen, der Türken, der Deutschen, der Italiener, Araber oder Inder achtet die Menschenrechte und handelt verantwortungsvoll, verachtet totalitäre Systeme, ob politische und/oder religiöse.
Und ungeachtet ihrer eigenen Ängste wissen all diese Menschen auch sehr genau: Wer das Anderssein des Nachbarn als eine unüberbrückbare kulturelle Fremdheit apostrophiert, weil er seine Religion nicht versteht, weil ihm die Lebensweise oder die politische Überzeugung mißfällt, der verläßt den moralischen Konsens der Menschenrechte. Das verletzt, schürt die Wut und führt schließlich in die Barbarei.
Da gibt es noch ein drittes Wort, das den Rückzugsprozeß enorm beschleunigt hat: "Beileidstourismus":
Ein unfaßbarer Zynismus! Angesichts der - nachweisbar - von Jungfaschisten verbrannten Menschen.
Aber ich bin mir fast sicher, nein, ich bin mir ganz sicher, daß dieses Wort dem christlich-demokratischen Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl gewiß nur herausgerutscht ist, und bin überzeugt, daß er sich bestimmt irgendwann überwinden und sich für diese herausgerutschte Respektlosigkeit entschuldigen wird.
Am 9. 4., meiner Mutter zum Geburtstag gewidmet.
Von Renan Demirkan

DER SPIEGEL 16/1997
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