14.04.1997

„Ich muß blöd gewesen sein“

Rapper Hakan Durmus über seine Zeit in der Kreuzberger Türken-Gang „36 Boys“
Vier seiner letzten zehn Lebensjahre verbrachte Durmus, 24, im Gefängnis. Derzeit ist er Freigänger und arbeitet mit der Gruppe "Kan.AK" an seiner ersten Rap-CD.
Frage: Warum sind Sie in Haft?
Durmus: Das möchte ich nicht sagen. Was war, ist vorbei. Ich schäme mich dafür, ich habe meine Fehler eingesehen. Ich habe gekämpft, um mich wieder an die Zivilisation anzupassen. Aber egal, wie man in Deutschland kämpft: Wenn man einmal vorbestraft ist und dann noch schwarze Haare hat, dann reicht das schon.
Frage: Wie wurden Sie kriminell?
Durmus: Ich sag' nur Kreuzberg. Ich bin fast international aufgewachsen, Deutsche, Italiener, Türken - alles. Und wenn einer Scheiß machte, haben wir alle mitgemacht. Wir waren ja Kinder. Wir wußten nicht, wie ernst das werden kann. Da haben wir uns in die Scheiße geritten, ohne es zu wissen. Alle, die ich kenne, sind vorbestraft.
Frage: Was haben Ihre Eltern gesagt?
Durmus: Die wußten von nichts. Alle Eltern hatten keine Ahnung. Die Kinder gingen raus, die Eltern haben ja den ganzen Tag gearbeitet. Die wußten nichts von ihren Kindern. Draußen haben wir uns wohl gefühlt wie in Texas.
Wenn ich in der Türkei aufgewachsen wäre, wäre ich heute bestimmt nicht so. Dann wäre ich ganz anders. Die zwei Kulturen, die Spannung, das hat uns total fertiggemacht.
Frage: Wie äußert sich diese Spannung?
Durmus: Man fühlt sich heimatlos, man weiß nicht, wohin man gehört. In der Türkei bin ich ein Deutschtürke, hier bin ich ein Türke. In Kreuzberg lebe ich seit 24 Jahren. Also bin ich Kreuzberger.
Frage: Wo ist Ihre Heimat?
Durmus: Meine richtige Heimat ist die Türkei, das ist klar. Aber wenn ich jetzt in die Türkei gehe, brauche ich wieder 24 Jahre, um Freunde zu finden. Das schaffe ich nicht, da geh' ich drauf.
Frage: Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie Ärger mit der Polizei hatten?
Durmus: Beim erstenmal hat mein Vater mich gut 20 Minuten geschlagen. Er war schockiert, daß ich Ärger mit der Polizei hatte. Da war ich das schwarze Schaf, aber wir haben uns alle gegenseitig verführt.
Frage: Waren Sie bewaffnet?
Durmus: Früher hatte ich immer, immer ein Messer dabei.
Frage: Hatten Sie einen Spitznamen?
Durmus: Ja, Killer-Hakan.
Frage: Waren Sie darauf stolz?
Durmus: Ja, früher ja. Das war ein Zeichen der Macht, alle respektierten mich. Heute denke ich, was ist das für ein Name? Mörder!
Frage: Akzeptieren die Kids von heute Sie nicht gerade deswegen?
Durmus: Wenn Sie mich deswegen akzeptieren, dann sollten sie mich gar nicht akzeptieren. In den Konzerten erzähle ich den Jungen, wie ich dazu gekommen bin. Ich bin glücklich, daß ich nicht mehr so aggressiv bin wie früher. Früher ging das nur: Warum guckst du so? Was guckst du denn so? Einfach schief gucken hat gereicht für eine Schlägerei. Ich muß blöd gewesen sein.
Frage: Was machten die "36 Boys" alles?
Durmus: Der harte Kern war eine Schlägertruppe. Wir mußten kämpfen gegen alle, die blöd geguckt haben. Das war barbarisch. Und was haben wir davon? Ein paar sind tot, die anderen sitzen im Knast. Alles schien wie ein Film, wie ein Atari-Spiel. Da hast du drei Leben, kannst dreimal sterben. Aber im richtigen Leben hast du nur ein Leben, und das kapieren viele nicht.
Frage: Hatten Sie Angst?
Durmus: Ich hatte nur Angst vor meinem Vater. Vor sonst nichts.
Von Sp-tv und

DER SPIEGEL 16/1997
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