21.04.1997

TERRORISTENDie Legende hat überlebt

Auch nach 22 Jahren Haft rechtfertigt die Ex-Terroristin Irmgard Möller die Gewalt der RAF: Die Morde sind für sie legitim, die Stammheimer Häftlinge hat der Staat umgebracht.
Die Frau löst Emotionen aus. Für die extreme Linke und deren Umfeld bleibt sie wohl für immer eine geheimnisumwitterte Legende, eine unbeugsame Schutzheilige des bewaffneten Kampfes gegen die verhaßte Republik, ein Opfer unerbittlicher Staatsräson. Die meisten Deutschen sehen in ihr jedoch eine Fackelträgerin terroristischer Gewalt, die aus ihrer Vergangenheit nichts gelernt hat.
Über 22 Jahre saß die ehemalige Terroristin Irmgard Möller, inzwischen 49, wegen vollendeten und versuchten Mordes im Gefängnis - länger als alle anderen Strafgefangenen der RAF. Am 1. Dezember 1994 kam sie, krank, von zwölf Hungerstreiks und der langen Haft zermürbt, gegen Bewährungsauflagen frei.
Die frühere Aktivistin der Roten Armee Fraktion (RAF), für deren Freilassung Tausende auf die Straße gingen, findet sich nur mühsam in einer veränderten Realität zurecht: Im Juli 1972, als sie festgenommen wurde, tobte noch der Vietnamkrieg, regierte Willy Brandt, war gerade ein Mißtrauensantrag der Opposition gescheitert.
Jetzt, wo die Ermittler das "Ende der RAF" propagieren (SPIEGEL 5/1997), hat Irmgard Möller bei vielen jungen Leuten ein starkes Interesse an den Ereignissen der heißen Phase dieser Republik ausgemacht. Immer wieder werde sie nach Entstehung und Entwicklung der RAF in den sechziger und siebziger Jahren gefragt, "die finden darüber nichts Authentisches".
Also entschloß sich Möller, wie zuvor schon Till Meyer, Inge Viett und Birgit Hogefeld, ihre terroristische Vergangenheit öffentlich aufzuarbeiten, da "ohne die Kenntnis der Anfänge die spätere Entwicklung der RAF nicht zu verstehen ist".
Knapp zweieinhalb Jahre nach ihrer Entlassung schildert Möller in einem SPIEGEL-Gespräch und in einem Buch, das Ende des Monats erscheinen soll, aus ihrer Sicht jene Ereignisse, die damals die Nation bewegten: das Bombenattentat auf das US-Hauptquartier in Heidelberg, den Häftlingstod in Stammheim, den Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer*.
SPIEGEL-Gespräch und Buch sind Dokumente einer ideologischen Versteinerung. Die Ex-Terroristin rechtfertigt nach wie
* Oliver Tolmein: "RAF - Das war für uns Befreiung. Ein Gespräch mit Irmgard Möller über bewaffneten Kampf, Knast und die Linke". Konkret Literatur Verlag; 272 Seiten; 32 Mark.
vor die Mordanschläge der RAF, hält an der Version vom staatlich befohlenen Häftlingsmord in Stammheim fest, weist Fragen nach einer Umkehr brüsk zurück: "Es gibt nichts zu bereuen" (siehe Gespräch Seite 74). Selbst die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer vor 20 Jahren, beharrt Möller, sei kein Fehler gewesen: "Sehen Sie doch mal, wer Herr Schleyer war."
Sie selbst saß zum Zeitpunkt des Verbrechens zwar schon jahrelang im Gefängnis. Doch als Häftling in Stuttgart-Stammheim gehörte sie damals zu den Hauptfiguren des sogenannten deutschen Herbstes 1977, der die Bundesrepublik in ihre bislang größte Krise stürzte.
Ein RAF-Kommando hatte Schleyer entführt, um inhaftierte Genossen - darunter Irmgard Möller - freizupressen. Als die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt nicht nachgab, kaperten palästinensische Terroristen eine Lufthansa-Maschine mit deutschen Mallorca-Urlaubern und drohten, den Jet in die Luft zu sprengen.
Wenige Stunden, nachdem Anti-Terror-Spezialisten der deutschen GSG 9 die Geiseln im somalischen Mogadischu befreit hatten, wurden im Stammheimer Gefängnis die RAF-Terroristen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Irmgard Möller mit Schuß-, Stich- und Strangulationsverletzungen in ihren Zellen entdeckt. Baader und Ensslin waren bereits tot, Raspe starb Stunden später. Möller, die vier Stiche in der Brust hatte, überlebte als einzige.
"Das war Mord", behauptet Möller damals wie heute. Ein vom Staat beauftragtes Kommando sei nachts in die Zellen eingedrungen. Ihre Version, an der sie unerschütterlich festhält, ist zum Glaubensbekenntnis der militanten Ultra-Linken geworden, sie selbst eine Art Gralshüterin.
Gutachter aus Belgien, Österreich und der Schweiz kamen damals mit deutschen Medizinern zu dem eindeutigen Schluß, nichts spreche "gegen die Annahme, daß es sich um Tod durch Selbstmord handelt".
Schludrigkeiten bei den Ermittlungen und Widersprüche unter Polizeiexperten und Ärzten sorgten allerdings für Irritation: Auch Bürger, die keinerlei Sympathien für die RAF hegten, konnten seinerzeit kaum glauben, daß Terroristen im Gefängnis über Waffen und Munition verfügen und über ein Kommunikationsnetz miteinander sprechen konnten.
Inzwischen haben auch ehemalige Terroristen die Selbstmordthese untermauert. Die RAF-Aussteigerinnen Monika Helbing und Susanne Albrecht sagten aus, schon kurz nach Stammheim vom geplanten Freitod, einer sogenannten Suicide Action, erfahren zu haben. Andere RAF-Genossen äußerten sich ähnlich. Klaus Jünschke, ein Aktivist der ersten Terroristengeneration, der selbst 16 Jahre wegen gemeinschaftlichen Mordes einsaß, erklärte, bereits 1977 hätten die RAF-Kader im Untergrund gewußt, "daß sich die Gefangenen in Stammheim selbst getötet haben".
Bei einem Treffen in Zürich wollen Linke aus ganz Europa im Mai über Erfahrungen und Lehren aus dem sogenannten bewaffneten Kampf diskutieren. Bei diesem Treffen soll auch über die Stammheimer Todesnacht gesprochen werden.
Das Attentat, dessentwegen sie zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hält Irmgard Möller noch immer für legitim. Beim Sprengstoffanschlag auf das amerikanische Hauptquartier in Heidelberg kamen am 24. Mai 1972 drei US-Militärs ums Leben: Captain Clyde R. Bonner wurde zerfetzt, seine Beine wurden auf einen Baum geschleudert; den Soldaten Charles L. Peck traf eine herausgerissene Gittertür am Kopf; den GI Ronald A. Woodward schleuderte der Explosionsdruck gegen eine Hauswand, er verblutete.
Die Bombe sollte ein Fanal gegen den Vietnamkrieg setzen, der Tod von Menschen war kalkuliert. "In ihrem Haß gegenüber der amerikanischen Macht", hieß es 1979 im Urteil gegen Irmgard Möller, "sah sie in dem einzelnen Armeeangehörigen nur den Repräsentanten einer mörderischen Kriegsmaschinerie" - an dieser Einstellung Möllers hat sich bis heute nichts geändert.
Die Lübecker Richter, die 1994 dennoch ihre Freilassung anordneten, werteten das Festhalten an den früheren Überzeugungen auch als Versuch, den ehemaligen Gruppenmitgliedern, vor allem denen, die noch inhaftiert sind, unbedingte Treue zu halten: "Abschwören wäre Verrat."
Zudem sei das "Verharren bei den einmal gewonnenen politischen Anschauungen" für Irmgard Möller eine Art Überlebensstrategie. Der Tochter eines Oberstudienrats, die sich 1971 der RAF anschloß und schließlich fast die Hälfte ihres bisherigen Lebens in Gefängnissen verbrachte, drohe bei einem "Abrücken von ihrem moralischen Rigorismus" der Zusammenbruch ihres Selbstwertgefühls und ihrer "existenzerhaltenden Stabilität".
Gegenüber einem Pastor, der sie gegen Ende ihrer Haftzeit besuchte, hat Möller eine bemerkenswerte Erklärung abgegeben: "Wenn ich mich zerbrechen lasse, dann bleibt mir nur noch ein Mord - der Selbstmord."
* Oliver Tolmein: "RAF - Das war für uns Befreiung. Ein Gespräch mit Irmgard Möller über bewaffneten Kampf, Knast und die Linke". Konkret Literatur Verlag; 272 Seiten; 32 Mark.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 17/1997
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