21.04.1997

SEKTENRaub der Kindheit

Auch Kinder sind Missionsobjekt von Sekten. 100 000 bis 200 000 Jungen und Mädchen wachsen in Deutschland in religiösen Psycho-Gruppen auf - die seelischen Schäden sind oft verheerend.
Kathrin Hänel kam im Oktober 1992 zur Sekte des indischen Gurus Sant Thakar Singh zusammen mit ihrem Sohn Jacob. Der war noch nicht mal zwei Jahre alt. Kathrins Lebensgefährte, Jacobs Vater, hatte sie vor die Wahl gestellt: Entweder sie zögen gemeinsam in ein Domizil der Sekte, oder er werde sich von seiner Familie trennen.
Kathrin und Jacob landeten im "Mutter-Kind-Haus" der Singh-Gemeinde im bayerischen Buchendorf. Dort sollten vor allem die Kinder, so die junge Mutter, von "negativen Einflüssen" wie Fernsehen oder Stadtleben ferngehalten werden. Kinder, lehrt Sektenchef Singh, fänden am schnellsten "zu Gott", weil sie noch nicht "gemütvoll", also verdorben, seien.
Statt Sesamstraße und Sandmännchen stand in Buchendorf Meditation für dieKleinen ab neun Monaten auf dem Programm, zu Beginn zwei, nach einem halben Jahr zehn bis zwölf Stunden täglich.
Wenn Jacob nicht mehr wollte, hielt sein Vater ihn fest; dem Kind wurden die Augen verbunden, das rechte Ohr wurde mit einem Silikonstöpsel verschlossen - das sei, so lehrt die Sekte, der beste Weg zum "inneren Ton", der "direkt von Gott" komme.
Jacob durfte weder schreien noch weinen, um nicht als "schwach und negativ" aufzufallen. Wenn er nicht meditieren mußte, gab es Guru-Bilderbücher oder karges Spielzeug: mal ein paar Buntstifte, mal eine Flöte. Sechs Monate ließ Kathrin Hänel alles mit sich und Jacob geschehen. "Ich hatte das System voll im Kopf", sagt sie heute. Erst als die Hebamme Christin Graba, die bei Geburten im "Mutter-Kind-Haus" half, Alarm schlug, gelang ihr der Ausstieg. Die Hebamme schaltete das Jugendamt ein, ein Jugendrichter stellte die junge Mutter vor die Wahl: Entweder sie verlasse sofort die Sekte, oder sie verliere das Sorgerecht für ihren Sohn. Die Behindertenpädagogin entschied sich für ihr Kind.
Jacob, inzwischen sechs Jahre alt, leidet noch immer unter den Folgen der Behandlung in Buchendorf. Er ist, womöglich als Folge des Zustöpselns, auf dem rechten Ohr schwerhörig und macht eine Therapie wegen "totaler Selbstverneinung". "Er hatte lange Zeit Schwierigkeiten, sich selbst wahrzunehmen", berichtet seine Mutter: "Er empfand keinen Schmerz, er näßte ins Bett, und es mangelte ihm an körperlicher Koordination."
Für Beate Roderigo vom Kölner Informations- und Dokumentationszentrum Sekten/Psychokulte ist das, was mit Jacob passiert ist, "ein klarer Fall von Kindesmißhandlung". Zwischen 100 000 und 200 000 Kinder in Deutschland wachsen in Sekten auf, schätzt der Frankfurter Pädagoge und Sektenspezialist Kurt-Helmuth Eimuth.
Lisa Lech, 24, aus Köln wurde in die Sekte der Zeugen Jehovas hineingeboren. Ihre ganze Familie war seit Jahren Anhänger der Vereinigung, die sich auf ein kurz bevorstehendes Ende der Welt vorbereitet.
Lisa erinnert sich noch genau, wie sie zum erstenmal in ihrem Leben zum Kindergeburtstag eingeladen wurde: "Ich war völlig erstaunt. Das konnte doch nicht sein, das feiert man doch nicht." Geburtstage werden bei den Zeugen Jehovas nicht begangen, denn sie gelten als unzulässige Menschenverehrung. Auch Weihnachten und Ostern werden nicht gefeiert.
Lisa: "Als ich die Einladung meiner Mutter zeigte, ging sie damit zu dem Mädchen, das mich eingeladen hatte, und sagte: ''Das feiern wir nicht. Du kannst die Einladung ja einem anderen Kind geben.''"
Von der Grundschule an war die junge Frau daran gewöhnt, Außenseiterin zu sein: "In der Pubertät ärgerten mich die Mitschüler, indem sie rumknutschten und immer riefen: ''Komm, du Nonne!''"
Vor vier Jahren trennten sich Lisa und ihre Eltern von den Zeugen Jehovas. Seither haben sie ihre Angehörigen, die dabeigeblieben sind, nicht mehr gesehen. Lisa: "Wir gelten als ''Ausgeschlossene'', wir sind wie eine gebadete Sau, die zu ihrem Gespeiten zurückkehrt."
Kinder der Sekte dürfen in der Schule keinen Posten annehmen, sie dürfen nur mit Einschränkungen am Musik-, Kunst- und Sexualunterricht teilnehmen, auch Sport wird nicht gern gesehen. Jeder enge Kontakt mit anderen ist verboten.
Bis heute hat die Gerichtsangestellte Schwierigkeiten, Beziehungen zu knüpfen. Die Freundschaft mit einem jungen Mann ging in die Brüche, "weil ich überhaupt nicht wußte, wie ich mich verhalten sollte".
Der gemeinsame Ausstieg Lisas mit ihren Eltern ist die Ausnahme. Meist müssen sich Kinder aus Sekten allein befreien - wie die inzwischen 18jährige Tanya, die im vergangenen Sommer vom Scientology-Schloß Saint Hill südlich von London floh (siehe Seite 94).
Bei den Scientologen, sagt Tanya, stellten Kinder nichts anderes dar als "einen Mann oder eine Frau, die noch nicht zur vollen Größe herangewachsen sind". Tanya berichtet von stundenlanger Schufterei und strenger Disziplinierung der Kinder.
Der Psycho-Konzern bildet nach Angaben von Aussteigern bereits Achtjährige zu sogenannten Auditoren aus, die anschließend selbst Erwachsene in eingehenden Verhören - "Auditings" - nach persönlichen Problemen und seelischen Verletzungen ausfragen dürfen.
Scientology-Kinder durchlaufen zunächst selbst zahllose Auditings. Ein sogenannter Security-Check sieht Fragen vor wie: "Hattest du jemals das Gefühl, deine Eltern oder dein Zuhause wären für dich nicht gut genug?" Oder: "Was hat dir jemand verboten zu erzählen?"
Ziel solcher Verhöre: Am Ende sollen die Kleinen den Scientology-Zustand "clear" - rein von allen seelischen Verletzungen - erreichen.
Die Hamburger Ex-Scientologin Simone Christoffel ließ ihre Tochter seit dem fünften Lebensjahr an Sektensitzungen teilnehmen. Bei einem Auditing hörte die Mutter das Schreien des Kindes bis in den Warteraum hinein. Christoffel: "Ich wollte das sofort abbrechen, aber ich durfte nicht rein."
Sektenkenner Eimuth sieht in den Kinderverhören eine gefährliche Mischung aus "Manipulationstechnologie und zwangshypnotischen Verfahren", die eine natürliche Entwicklung systematisch verhindere.
Der Aussteiger Daniel Fumagalli berichtet, in der Kopenhagener Sektenzentrale sei der Kontakt von Eltern zu ihren Kindern auf die Schlafzeiten und einen Tag alle zwei Wochen begrenzt worden. Den Rest der Zeit war seine einjährige Tochter in der sekteneigenen Kinderkrippe. Fumagalli: "Da bringt man sie morgens hin und holt sie abends wieder ab." Nur so bleibe den Erwachsenen genügend Zeit für das Studium der Texte des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard.
Scientology bestreitet derartige Vorkommnisse vehement. Die Saint-Hill-Aussteigerin Tanya sei eine "chronische Lügnerin". Die Arbeitszeiten von Minderjährigen in dem Scientology-Schloß verstießen nicht gegen "die für die Altersgruppe geltenden Bestimmungen". 16jährige dürften gesetzlich zum "vollen Arbeitseinsatz" verpflichtet werden - bis zu 14 Stunden täglich. Den Sondereinsatz zum Bau einer Sauna, wie Tanya ihn beschreibt, dementieren die Scientologen.
Wenn ein Elternteil eine Sekte verläßt oder sich scheiden läßt, müssen häufig die Gerichte über das Sorgerecht entscheiden. Die Bonner Rechtsanwältin Ursula Gehentges, die etliche Aussteiger der Zeugen Jehovas vertritt: "Auch wenn die Mutter in der Sekte bleibt, erhält sie meistens das Sorgerecht." Die Richter hätten häufig schlichtweg Angst vor "Gesinnungsschnüffelei".
Ähnlich vorsichtig war der Bayerische Verwaltungsgerichtshof, als er 1991 nach fünfjährigem Rechtsstreit der Sekte "Universelles Leben" (UL) erlaubte, in Esselbach bei Würzburg eine eigene Schule zu eröffnen. Ein Gutachten der Schulaufsicht Unterfranken, das den Universellen Verfassungswidrigkeit bescheinigte, konnte die formalrechtlichen Argumente der Sektenanwälte nicht aufwiegen.
Seitdem kämpfen eifrige Bürger und die Würzburger Schulbehörde einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die Schule. Visitationen der Schulaufsicht - mit und ohne Anmeldung - blieben ohne Ergebnis. Nach Ansicht des Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche in Bayern, Wolfgang Behnk, kein Wunder: "Was wollen Sie da auch finden? Wenn Sie die Mafia besuchen, gibt es dort auch zufällig gerade eine Tombola für ein Altenheim in Palermo-Süd."
In einem neuen Gutachten über die Bildungsanstalt des Universellen Lebens stützt sich Behnk auf die Schriften der UL-Führerin Gabriele Wittek und die Aussagen eines hochrangigen Aussteigers. Danach sei "pädagogisches Rückgrat" der UL-Volksschule "der sogenannte Innere Weg, auf dem die Schüler mittels psychotechnischer Manipulationen ''geistig geschult'', das heißt individuell destabilisiert, entprivatisiert, sozial desintegriert und ihres verfassungsmäßigen Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit beraubt werden".
UL-Kinder wachsen meist in völliger Abgrenzung von der Außenwelt auf. Alles, was sich außerhalb der Sektengemeinde abspielt, gelte, so der Aussteiger, als "satanisch", genauso wie Intellekt, "Wissensanhäufung" und "Ich-Findung". Anzustreben sei völlige "Bindungslosigkeit". Die traditionelle Familie werde als "die Ursache allen Übels" angesehen.
Der Würzburger Psychologe Alfred Spall kommt in einem Gutachten zu dem Schluß, daß die mit dem "Inneren Weg" verbundenen Meditationen bei Kindern "eindeutig psychische Störungen auslösen" können. Die "Beeinflussungstechniken" hätten "persönlichkeitsverändernde und persönlichkeitsschädigende Qualität".
Der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) unterhält zwar weder eigene Schulen noch Kindergärten. Dafür übt die "rechte Psycho-Sekte", wie der VPM laut Gerichtsbeschluß genannt werden darf, starke Anziehungskraft vor allem auf Lehrer aus. Der Verein plädiert für die unbegrenzte Lernfähigkeit des Menschen. Der Unwille zu lernen deute auf psychische Schwierigkeiten oder charakterliche Schwächen hin.
Nirgendwo können die Anhänger der allumfassenden Psychotheorie ihre Lernlehre so gut verbreiten wie in der Schule - mit Hilfe strikter Disziplin.
Besonders bei der Drogen- und Sexualaufklärung vertritt die selbsternannte Psycho-Elite ganz eigene Standpunkte: Homosexualität etwa wird als "psychische Irritation" gewertet. Schüler von extremen VPM-Lehrern, so berichten Eltern, müßten sich aus Angst vor Aids nach jedem Naseputzen die Hände waschen. Jedes Kind müsse einen namentlich gekennzeichneten Trinkbecher besitzen - nur so könne vermieden werden, daß die Kinder aus dem Wasserhahn trinken und dort Speichelreste hinterlassen.
Nach massiven Elternbeschwerden wurden zahlreiche VPM-Pädagogen in der Schweiz, wo die Sekte die meisten Mitglieder hat, disziplinarisch belangt. In Köln, wo mit 300 Anhängern die größte deutsche VPM-Gemeinde existiert, versetzte die Behörde mehrere VPM-Lehrer einer Sonderschule an andere Anstalten.
"Es gibt dringenden Handlungsbedarf", fordert Pädagoge Eimuth, um den Einfluß der Sekten auf Kinder und Jugendliche einzudämmen. Gerade hat die Enquetekommission des Bundestags "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" drei Anhörungen zum Thema "Kinder in Sekten" veranstaltet. Anwältin Gehentges plant, die Sektenkinder zum Thema bei einem der nächsten Familiengerichtstage zu machen: "Die Gesetze reichen völlig aus. Was fehlt, ist die nötige Sensibilität bei Richtern und Gutachtern."
* 1992 im Sektenzentrum von Neu-Dehli.
Von Gless und

DER SPIEGEL 17/1997
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