21.04.1997

ARGENTINIEN Rattenlinie oder Klosterroute

Neue Dokumente belegen, wie Diktator Juan Perón nach dem Zweiten Weltkrieg Nazis in sein Land schleuste - als Verstärkung für die argentinische Industrie.
Rodolfo Freude, 74, arbeitet im Herzen des deutschen Ecks von Buenos Aires. Im Parterre des Hochhauses, wo seine Firma Araya S. A. ihren Sitz hat, residiert das Goethe-Institut; die Etagen über seinen Geschäftsräumen gehören dem traditionsreichen Deutschen Club, den sein Vater jahrelang leitete. Auf der anderen Straßenseite liegt die Deutsche Bank.
Der alte Herr sitzt nicht nur geographisch im Zentrum der deutschen Gemeinde Argentiniens. Er hütet auch die letzten Geheimnisse der wohl zwielichtigsten Episode in den deutsch-argentinischen Beziehungen: Als rechte Hand des Diktators Juan Domingo Perón schleuste er unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Nazis ein.
Freude ist eine Schlüsselfigur in einem neuen Buch, das dokumentiert, wie Perón sein Land zum bevorzugten Unterschlupf für Nazi-Verbrecher machte. Vier Jahre lang haben Forscher der argentinisch-israelischen Vereinigung Daia rund 22 000 Akten des Außenministeriums und der Einwanderungsbehörde aus den Jahren 1946 bis 1949 ausgewertet. Ihre Ergebnisse haben sie in dem 654 Seiten starken Werk "Proyecto Testimonio" zusammengefaßt.
Mehr als 40 Jahre lang lagerten die verstaubten und vergilbten Papiere in einer Autowerkstatt der argentinischen Bundespolizei am Stadtrand von Buenos Aires. "Perón war vor allem an Technikern und Wissenschaftlern des Dritten Reichs interessiert", sagt Beatriz Gurevich, die Leiterin des Forschungsprojektes. Den Caudillo faszinierte deutsche Kriegstechnik. Deutsche Ingenieure entwickelten den ersten argentinischen Düsenjäger und halfen beim Aufbau einer eigenen Automobilindustrie.
Die Vergangenheit der Einwanderer war für den Pragmatiker Perón zweitrangig - ausgewiesenen Linken ließ er allerdings die Einreise verwehren. "Perón wollte Argentinien zu einem Bollwerk gegen den Kommunismus machen", sagt Gurevich. "Kommunisten und Sozialisten hatten bei den Behörden keine Chance."
Eine besondere Kommission kümmerte sich um den Empfang der Nazi-Flüchtlinge. Geleitet wurde die Gruppe, die im Präsidentenpalast Casa Rosada tagte, von dem Deutsch-Argentinier Horst Fuldner, einem ehemaligen SS-Obersturmführer. Der Name Fuldner erscheint auch zusammen mit denen von 103 anderen Deutschen auf einer Liste der alliierten Geheimdienste, die 1945 dem Außenministerium des spanischen Diktators Francisco Franco zuging - die Spanier sollten die Gesuchten ausliefern. Doch wegen ihrer guten Beziehungen zum Franco-Regime konnten sie meistens untertauchen.
Fuldner soll aus Berlin eigens die Anweisung erhalten haben, als Verbindungsmann zwischen der Untergrund-NSDAP und Sympathisanten in Spanien zu arbeiten. Es wird vermutet, daß er in den folgenden Jahren systematisch alte Kameraden über Italien und Spanien nach Argentinien gebracht hat.
Horst Fuldners Ansprechpartner im Präsidentenpalast war Rodolfo Freude. Dessen Vater Ludwig, ein deutscher Geschäftsmann, hatte die Kontakte zwischen Perón und Nazi-Deutschland geknüpft. Er lernte Perón als jungen Offizier kennen, während seine Firma eine Straße im Landesinneren baute. Freude, so der Kölner Historiker Holger Meding in seinem Buch "Flucht vor Nürnberg?", pflegte enge Kontakte zu argentinischen Militärs, die mit den Achsenmächten sympathisierten.
Als die regierende Militärjunta 1945 den ehrgeizigen Perón seiner Ämter als Kriegsminister und Vizepräsident enthob, bot Freude ihm und Eva Duarte, Peróns späterer Frau, Zuflucht in einem Ferienhaus auf einer Insel im Tigre-Delta vor Buenos Aires. Dort wurde das Paar von einem Deutschen namens Otto bedient, dem die beiden den Spitznamen Otto Jawohl verpaßten - das war das meistgebrauchte Wort des beflissenen Butlers.
Perón vergaß die Hilfe nie. Als die Amerikaner nach dem Krieg Freudes Auslieferung beantragten, ließ er ihm einen argentinischen Paß ausstellen, Sohn Rodolfo machte er zu seinem Privatsekretär. Von der Casa Rosada aus koordinierte Freude junior die Arbeit der Nazi-Betreuer.
Die Autoren von "Proyecto Testimonio" konnten anhand der Dokumente aus dem Außenministerium die Mitglieder der Kommission identifizieren: Pierre Daye, einen Belgier, der wegen Kollaboration mit den Nazis in Brüssel zum Tode verurteilt worden war; Jacques-Marie de Mahieu, einen französischen Rassentheoretiker, Mitglied der Waffen-SS; und Branko Benzon, Ex-Gesandter Kroatiens in Berlin mit guten Kontakten zu Adolf Hitler und Hermann Göring. Benzon wurde später Peróns Leibarzt und begleitete ihn 1955 ins Exil.
"Viele Flüchtlinge schickten Lebensläufe, in denen sie sich als Wissenschaftler präsentierten, die beim Aufbau der argentinischen Industrie helfen wollten", sagt Forscherin Beatriz Gurevich. Die Mitglieder der Kommission entschieden mit Buchstabenkürzeln über die Einreiseanträge. So bedeutete "B no J", daß Benzon einem Anwärter die Einreise verweigerte, weil er Jude war. "F" besagte, daß Fuldner die Einreise genehmigt hatte.
Die Kommission kümmerte sich um die Überfahrt der Flüchtlinge. Perón hatte seine Diplomaten in Europa angewiesen, den Deutschen behilflich zu sein. "Insgesamt wurden etwa 2000 Pässe und 8000 Personalausweise ausgestellt", weiß der Anwalt Pedro Bianchi, unter Perón Mitarbeiter des Diplomatischen Dienstes und heute Verteidiger des ehemaligen SS-Mannes Erich Priebke, der jetzt wegen des Massakers in
den Ardeatinischen Höhlen zum zweitenmal vor einem Militärgericht in Rom steht.
Die Nazis kamen auf drei verschiedenen Wegen nach Argentinien, so Bianchi: "Das Rote Kreuz und der Vatikan verteilten Pässe, mit denen die Flüchtlinge über den Hafen Genua ausreisten. Dieser Weg wurde Rattenlinie genannt." Andere wählten die Klosterroute: Als Franziskanermönche getarnt, schlugen sie sich nach Spanien durch, von dort reisten sie per Schiff nach Buenos Aires.
Vielen gelang auch die Flucht über Skandinavien, die argentinischen Botschaften in Dänemark und Schweden stellten bereitwillig Pässe aus. Fuldner organisierte dann die Überfahrt mit Hilfe des Reisebüros Vía Nord in Buenos Aires.
Auch berüchtigte NS-Täter kamen zumeist als arme Leute nach Argentinien. Priebke reiste 1948 auf eigene Rechnung als "Otto Pape" mit Hilfe der katholischen Kirche von Italien nach Südamerika, so Gurevich. Später ließ er sich unter seinem richtigen Namen registrieren. Er arbeitete als Kellner in einem deutschen Restaurant, eröffnete danach ein Feinkostgeschäft im Erholungsort Bariloche - ein Biedermann, der sich in Sicherheit wähnte, bis er 1994 aufflog und an Italien ausgeliefert wurde.
Adolf Eichmann, der Millionen Juden in die Gaskammern schaffen ließ, fand Unterschlupf in der Firma Capri, die sein alter SS-Kamerad Fuldner gegründet hatte. 1960 entführte ihn ein israelisches Kommando nach Jerusalem, wo er 1962 hingerichtet wurde.
Josef Mengele, der Todesarzt von Auschwitz, war unter dem Namen Helmut Gregor nach Buenos Aires gekommen. Später stellte die deutsche Botschaft ihm einen Paß auf seinen Originalnamen aus. Die Autoren von "Proyecto Testimonio" fanden eine Kopie des Dokuments. Historikerin Gurevich: "Mengele fühlte sich so sicher, daß er sogar seine Wiederzulassung als Arzt beantragte."
* Während seines ersten Prozesses 1995 in Rom. * Auf dem Schiff nach Argentinien.
Von Glüsing,,

DER SPIEGEL 17/1997
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