21.04.1997

AUTOMOBILE

Hehrer Sportsgeist

Von Wüst,

Elektronische Wegfahrsperren, sagen die Autoversicherer, seien sicher. Versierte Diebe überlisten sie trotzdem.

Die Spur der Autoknacker reichte bis zu einem Monitor. Auf den Videobändern kameraüberwachter Parkhausausfahrten im Raum Stuttgart sahen die Fahnder die Limousinen entschwinden. Wenig später gingen die Ganoven in die Falle.

Im vergangenen Sommer hob eine Sonderkommission der Esslinger Polizei einen italienischen Ring von Autodieben aus, der binnen weniger Monate etwa 30 Mercedes-Limousinen gestohlen hatte.

Die Täter, obgleich überführt und inzwischen unter Anklage, genießen den grimmigen Respekt der Automobilindustrie. Denn ihnen war gelungen, was Kfz-Experten bis dahin für unmöglich hielten: Sie überwanden ein als sicher geltendes Schutzsystem.

Die Mercedes-Typen, die sie entwendet hatten, meist Luxuslimousinen der S-Klasse, waren brandneu und verfügten somit über elektronische Wegfahrsperren. Diese Geräte, die seit 1995 schrittweise von den meisten Herstellern eingeführt wurden, legen beim Abziehen des Zündschlüssels das elektronische Motormanagement lahm. Nur ein elektrischer Impuls aus einem Chip im Autoschlüssel, der sich bei jedem Schließvorgang auf einen neuen Code schärft, kann die innere Blockade der Schaltkreise auflösen.

Mit dieser digitalen Generalabwehr wähnten sich Autohersteller und Versicherer einem seit Jahrzehnten angestrebten Ziel nahe: dem diebstahlsicheren Auto.

Der Erfolg der Stuttgarter Autoknacker erschütterte nun auch die Experten der Allianz Versicherung. Der Konzern ist der Urheber des Grundprinzips der elektronischen Wegfahrsperre. Die Anforderungsprofile wurden im Allianz-Zentrum für Technik in Ismaning bei München entwickelt. Die inzwischen europaweit durchgesetzten Wegfahrsperren erfüllen sozusagen Allianz-Norm.

Entsprechend pries Vorstandsmitglied Friedrich Caspers kürzlich auf der traditionellen Frühjahrskundgebung der Allianz die Wirksamkeit der elektronischen Sicherung. Den jüngsten Rückgang der Diebstahlzahlen (siehe Grafik ) wertete er als "Erfolg der elektronischen Wegfahrsperre". Auch das Bundeskriminalamt teilt diese Einschätzung. BKA-Experten sehen in der technischen Aufrüstung "einen wesentlichen Grund" für den Rückgang der Diebstahlzahlen.

Ob der Vorfall von Stuttgart nun als einer von wenigen Ausnahmefällen in die Geschichte des Autoklaus eingehen wird oder ob die Diebe nach hinreichender Fortbildung bald massenhaft auch Autos mit elektronischer Wegfahrsperre knacken werden, kann heute niemand vorhersagen.

Caspers räumte in seiner Ansprache ein, daß bisher 223 von 550 000 bei der Allianz versicherten Neuwagen mit elektronischer Wegfahrsperre gestohlen gemeldet wurden. "Akribisch" habe der Konzern diese Fälle untersucht und sei dabei zu "bemerkenswerten Ergebnissen" gekommen. In keinem einzigen Fall sei die Wegfahrsperre nachweislich überwunden worden.

In über zwei Dritteln der untersuchten Fälle mußten die Diebe nichts dekodieren, da sie im Besitz des Schlüssels waren - und das offenbar häufig mit freundlicher Hilfe des Eigentümers. Die Versicherung konnte den angeblich Geschädigten entweder Betrug nachweisen, oder sie muß wohlwollend annehmen, daß "Leichtsinn und Sorglosigkeit" (Caspers) des Fahrzeughalters den Schlüssel in die Hand des Diebes führte.

In weiteren 48 von der Allianz registrierten Fällen wurden Autos mit elektronischer Wegfahrsperre ohne Originalschlüssel gestohlen. Häufig, erklärte Caspers, sei das unter Umständen geschehen, "die ein Mitwirken des Eigentümers wahrscheinlich erscheinen ließen". Im Klartext: Der Besitzer des Wagens hat sich beim Vertragshändler eine Kopie des kodierten Schlüssels machen lassen und das angeblich verlorengegangene Original den Dieben überreicht.

Da auch die beste Wegfahrsperre gegen solche Formen der Fahrzeugentwendung wirkungslos ist, empfiehlt der Münchner Kaufmann Jürgen Zöllner, der sich seit neun Jahren mit professionellem Autoklau beschäftigt, ein anderes System des Eigentumsschutzes (SPIEGEL 8/1995). Weltweit müßte jedes Autos mit einem international anerkannten Eigentumsbeleg in Form einer fälschungssicheren Kennkarte ausgestattet werden, ohne die kein Versicherungsschutz gewährt wird - Zulassung oder Ummeldung sind ohne Kennkarte nicht möglich. Gestohlene Autos wären unverkäuflich.

Die Versicherungen lehnen Zöllners Lösungsvorschlag ab. Zwar erscheine, wie Robert von Benningsen, Assistent des Vorstandschefs der Allianz AG, dem Erfinder mitteilte, das Kartensystem "zur Bekämpfung des Kfz-Diebstahls grundsätzlich geeignet". Sein Erfolg hänge aber "in hohem Maße von einer generellen, verbindlichen und flächendeckenden Einführung ab". Dazu aber müßten alle Zulassungsbehörden Europas mindestens bis zur polnischen Ostgrenze mitspielen. Auf freiwilliger Basis, sagt Hartmuth Wolff, Forschungsleiter im Allianz-Zentrum für Technik, "ist das Ganze völlig witzlos".

Die elektronische Wegfahrsperre funktioniere dagegen auch ohne die Mithilfe internationaler Beamtenapparate und sei somit das wirkungsvollste der sofort realisierbaren Mittel - wenn auch machtlos gegen Leichtsinn und Betrug. Das klassische Knacken des Autos werde jedoch in Zukunft "praktisch nicht mehr möglich sein".

Ob klassisch oder nicht: Bei den Erfolgen des gefaßten Autoknackerrings von Stuttgart wirkte garantiert kein Eigentümer mit - dafür aber ein Mitarbeiter einer italienischen Mercedes-Niederlassung, der technischen Beistand leistete. Er hatte den Dieben Steuermodule aus dem Ersatzteillager und die nötige Software zum Umprogrammieren der Motorelektronik der ins Auge gefaßten Fahrzeuge zukommen lassen.

Mit dieser Kombination aus Bauteilen und geheimen Programmierdetails hatten die Gauner leichtes Spiel. Sie reisten mit Laptop und Ersatzteilen an, programmierten die Motorelektronik um und tauschten das Steuermodul aus.

Solches Vorgehen, meint Caspers, könne man "nicht unter der Rubrik ,Wegfahrsperre geknackt' führen". Von "Überwinden der Wegfahrsperre" könne nur in solche Fällen die Rede sein, in denen "es dem Dieb gelingt, trotz des vorhandenen Sicherungssystems den Motor in Betrieb zu nehmen".

Und dies sei "in keinem einzelnen Fall möglich gewesen".

Allianz-Kritiker Zöllner sieht in solchen Aussagen eine Fehleinschätzung des Problems: "Der Dieb will sich nicht in hehrem Sportsgeist mit der Allianz messen. Er will das Auto stehlen. Das müssen die doch begreifen."

[Grafiktext]

Gestohlene PKW in Deutschland

Gemeldete Diebstähle 1996

[GrafiktextEnde]

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Gestohlene PKW in Deutschland

Gemeldete Diebstähle 1996

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DER SPIEGEL 17/1997
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