28.04.1997

SED-AKTEN

Noch Jahre warten

Von Wiegrefe,

Das von Boris Jelzin bei seinem Besuch vorletzte Woche in Baden-Baden angekündigte Gastgeschenk wird vorerst in Rußland bleiben. Jelzin hatte Helmut Kohl Filmkopien des SED-Archivs versprochen - wahrscheinlich voreilig. Die Übergabe scheitert bislang daran, daß deutsche und russische Archivare darüber streiten, ob Moskau vor dem Rücktransport von den Filmen Kopien anfertigen darf. Grundsätzlich hat das Bundesarchiv nichts dagegen, doch soll nicht alles kopiert werden.

Auf den 24 522 Filmrollen, die zwischen 1972 und 1988 nach Moskau gebracht wurden, sind auch Nachlässe festgehalten, die ohne Zustimmung der Erben nicht weitergegeben werden dürfen. Bei den Kaderakten gibt es ebenfalls Einschränkungen wegen des Datenschutzes. Dort ist dokumentiert, wie sich die Genossen anschwärzten und auf Parteisäuberungen vorbereiteten.

Angst vor Verbreitung hatten schon die SED-Genossen. Um sich vor der Neugier des großen Bruders zu schützen, versiegelten sie die Transportkartons und ließen sich schriftlich garantieren, daß die "Mikrofilm-Negativkopien" nur mit ihrer Zustimmung betrachtet werden dürfen. Nach Ankunft in Moskau übernahm das sowjetische Institut für Marxismus-Leninismus die Filmrollen. Danach wurden sie nicht mehr gesehen. Heute liegen sie auf einem geheimen Militärstützpunkt. Bis die Dokumente kommen, so der zuständige Direktor im Berliner Bundesarchiv, Konrad Reiser, werden "noch Monate oder Jahre" vergehen. Die Originale liegen allerdings schon fast vollständig im Archiv. Die Historiker spekulieren nur auf die Kopien jener Dokumente, die während der Wende zerstört wurden. Die Akten könnten zum Beispiel über die Finanzierung von SED-Aktionen im Westen Aufschluß geben.


DER SPIEGEL 18/1997
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