28.04.1997

KIRCHEAngst vor den Schwulen

Unter katholischen Bischöfen in Deutschland gibt es Streit über ein bislang streng gehütetes Tabu: Jeder fünfte Kleriker, schätzen Experten, ist schwul. Sind homosexuelle Priester eine Schande für die Kirche - oder bessere Seelsorger als Heterosexuelle?
Jeden dritten Sonntag im Monat versammelt sich zur Abendstunde in der Stuttgarter Kirche St. Fidelis eine Gruppe zu einem katholischen Gottesdienst der besonderen Art. Geladen sind "Schwule, Lesben und ihre FreundInnen".
Die Messe gibt es seit einem Jahr, sie erfreut sich lebhaften Zulaufs. Zum Einjährigen versammelten sich am vorvergangenen Sonntag rund 50 Gläubige, darunter viele Pfarrer, aber nur wenige Frauen.
Der Rottenburger Oberhirte Walter Kasper toleriert die Veranstaltung für eine ansonsten in der katholischen Kirche noch immer verfemte Minderheit.
Kaspers Amtsbruder Johannes Dyba, Erzbischof von Fulda, hingegen ist das Stuttgarter Treiben ein Greuel. Homosexualität hält Dyba für ein widernatürlich Ding, Schwule seien "wegen des oft verletzten Jugendschutzes" eher ein Fall für den Staatsanwalt als für die Messe.
Wie mit jener christlichen Minderheit umzugehen sei, die sexuell andersherum gepolt ist, darüber ist in Deutschlands katholischer Kirche ein heftiger Streit entbrannt. Entzündet hat er sich an Hochrechnungen, wie viele Homosexuelle unter den Elitekadern der Kirche zu finden sind - unter Pfarrern, Bischöfen und Kaplänen.
Der Freiburger Oberhirte Oskar Saier sieht in schwulen Klerikern nur ein bescheidenes innerkirchliches Problem. Es sei wissenschaftlich erwiesen, daß "etwa 2 bis 5 Prozent der männlichen Bevölkerung höchstens homosexuell veranlagt sind und infolgedessen der Priester auch", verkündete der Erzbischof - als Replik auf die Behauptung des Augsburger Pastoraltheologen Hanspeter Heinz, rund 20 Prozent aller katholischen Kleriker seien schwul. Heinz berief sich für seine Schätzung auf eine ältere Studie in den USA.
Experten stützen die Heinz-These. Schon 1979 kam der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller im Rahmen einer empirischen Untersuchung zu dem Ergebnis, daß etwa jeder fünfte katholische Pfarrer gleichgeschlechtlich tickt. Müller leitet das Recollectio-Haus der fränkischen Abtei Münsterschwarzach, ein Heim für psychisch erschöpfte Kleriker. Nach seiner Erfahrung "nimmt der Anteil schwuler Priester und Ordensleute in Deutschland" kontinuierlich zu. Der Trierer Pastoralpsychologe Alwin Hammers geht sogar davon aus, daß "etwa 25 Prozent aller Priester homosexuell veranlagt sind".
Fuldas Dyba verdammt die Debatte um homosexuelle Prälaten und Pastöre pauschal als "publikumswirksame Besudelung des priesterlichen Standes". Einig ist sich Dyba mit seinem Amtsbruder Saier, daß Homosexualität eine der "menschlichen Natur nicht angemessene Veranlagung", und deshalb "ein Hindernis für den Priesterberuf" (Saier) sei.
Wie sich dieser Satz mit der Kernaussage des christlichen Glaubens zusammenreimt, daß jeder Mensch von Gott erschaffen ist samt seinen Veranlagungen, erklären die beiden Oberhirten nicht.
Sie stehen in unbeirrbarer katholischer Tradition. Der vom Vatikan 1993 publizierte Weltkatechismus räumt zwar ein, daß Schwule sich "diese Veranlagung nicht selbst gewählt haben". Aber in der Sache bleiben die römischen Moralapostel hart: Homosexuelle Handlungen sind eine "schlimme Abirrung" und daher "in keinem Fall zu billigen". Für gläubige Schwule hat der Katechismus nur einen Trost: Sie seien "zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich ... Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern".
In Klardeutsch: Homosexuelle haben ihre Veranlagung zu unterdrücken, sonst kommen sie in die Hölle. Im selben Atemzug fordert die Kirchenfibel dazu auf, Schwulen "mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen".
Was darunter zu verstehen ist, hat der erzreaktionäre Jesuitenpater Anton Rauscher treffsicher formuliert. Rauscher verteidigte in der Diskussion um die Heinz-Hochrechnung die "Menschenwürde" der Schwulen mit dem Hinweis: "Auch dem Verbrecher kann man diese Würde nicht entziehen oder absprechen."
Nicht alle Oberhirten geben sich so bigott wie der römische Katechismus. Der Trierer Bischof Hermann Josef Spital nennt Homosexualität eine entwicklungsbedingte Prägung, die nicht unmoralisch sein könne, und ist durchaus bereit, Schwule zu Priestern zu weihen. Spital: "Wenn homosexuelle Priester sich an ihre Verpflichtung zur Enthaltsamkeit halten, dann ist das in Ordnung."
Spital setzt sogar noch eins drauf: "Homosexuelle Veranlagung geht oft einher mit einer besonderen Sensibilität und Ausdrucksfähigkeit" - Tugenden, die in der Seelsorgearbeit sehr nützlich sind.
Wie groß der Anteil von Schwulen unter den 18 000 deutschen katholischen Priestern tatsächlich ist, darüber versuchen sich die Betroffenen neuerdings selbst einen Überblick zu verschaffen. Homosexuelle Kleriker haben sich landesweit in 12 Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. Drei von ihnen, alle als Geistliche in Amt und Würden, schildern in einem SPIEGEL-Gespräch erstmals ihre schizophrene Situation in der Kirche: "Wenn es publik würde, daß ich schwul bin, könnte ich sofort meine Koffer packen." Die drei waren zum Gespräch nur unter der Bedingung bereit, daß sie anonym bleiben.
Am liberalsten gibt sich - neben dem Trierer Spital - bislang die Diözese Rottenburg-Stuttgart des Bischofs Kasper. Das Bistum weiht schon seit Jahren homosexuelle Theologiestudenten zu Priestern, wenn sie bereit sind, wie heterosexuelle Kleriker enthaltsam zu leben. Eine Gruppe schwuler Priester hat Kasper aufgefordert, das Problem der homosexuellen Seelsorger jetzt auch öffentlich "zu benennen und zu diskutieren".
Daß unter den schwulen Klerikern auch Bischöfe sind, ist nach Überzeugung von Insidern "nur eine Frage der Logik". Geoutet hat sich noch keiner.
Von Beck und

DER SPIEGEL 18/1997
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