28.04.1997

JUGENDLICHEHauptsache Hardcore

Der Sprayer Odem schrieb ein Protokoll seines abenteuerlichen Auf- und Abstiegs in der Berliner Graffiti-Szene - ein Leben zwischen Kunst und Knast, Clique und Polizei.
Wenn Odem heute Ruhe braucht, geht er nicht in den Wald oder etwa in einen Park. Er steigt klammheimlich in einen Berliner U-Bahn-Tunnel, genießt den Geruch von Gummi und Beton, läßt die erleuchteten Züge an sich vorbeiziehen und denkt über sein Leben nach. 1992 - das war sein Jahr. Da war er "King" der Berliner Graffiti-Szene, alle kannten seinen Künstlernamen Odem, und sogar Sprayer aus Australien kamen, um mit ihm zu sprühen und über seine "Stylism Mission", seine Vorstellung von Buchstabenschwung und Farbgebung, zu diskutieren.
Über diese Zeit, seinen Auf- und Abstieg in der Graffiti-Szene, hat Odem, gemeinsam mit dem Berliner Journalisten Jürgen Deppe, ein Buch geschrieben: "Odem: On the Run"*. Es schildert Odems Jahre auf der Straße, das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, die Kleinkriege mit den Skinheads, die Angst vor dem Knast und den Verlust der Freunde durch Unfälle an der U-Bahn oder durch Drogen.
Zwar sind die Memoiren des heute 24jährigen stilistisch nicht gerade aufregend, aber sie zeichnen das eindrucksvolle Bild einer Straßenjugend in Berlin, die zwischen Cliquenromantik und Kriminalität pendelt. Die Kulisse bilden große gesellschaftliche Umbrüche wie Mauerfall oder Jugoslawienkrieg, die mit dem Schicksal Odems auf schräge Art verwoben sind.
Odem wächst in Berlin-Charlottenburg als Sohn kroatischer Gastarbeiter in einer Hausmeisterwohnung auf. Seine Eltern malochen von morgens bis abends und erwarten vom Sohn dasselbe. Er ist Stammhalter und Stolz der Familie und muß aufs Gymnasium, wo er sich als eines der wenigen Ausländerkinder seltsam fremd fühlt. Die Lebenswelt seiner Eltern - Leistung, Schule, Arbeit - wird für Odem bald zur Schreckenskammer. Zunächst flüchtet er sich ins Nichtstun, in die Langeweile, sitzt stundenlang in seinem winzigen Zimmer und wirft einen Tennisball gegen die Wand: "Bumm...Tschak. Immer wieder. Stundenlang. Bumm ... Tschak. So konnte ich stundenlang sitzen und nachdenken. Mir war das Leben einfach zu langweilig. Alles ödete mich an. Ich war 13 und wußte nichts
* "Odem: On the Run. Eine Jugend in der Graffiti-Szene". Aufgeschrieben von Jürgen Deppe. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin; 336 Seiten; 29,80 Mark.
mit mir anzufangen, gar nichts. Irgendwas mußte passieren. Möglichst bald. Bumm ... Tschak."
Es sollte ziemlich bald etwas passieren. Odem findet seine Droge: den Nervenkitzel. Mit einem Freund beginnt er Stifte zu klauen und damit die Klowände in der Schule vollzuschmieren. So entdeckt er sein zeichnerisches Talent, mit dem er auffallen, sogar anecken kann. Der Reiz, nie mehr so unsichtbar zu sein wie seine Eltern, läßt ihn immer gieriger durch die Straßen und Tunnel der Stadt streifen. Wohin es nur geht, sprüht Odem seinen grellen Namensschriftzug.
Zu seinen Eltern unterhält er nur noch die nötigsten Kontakte. Die Schule verläßt er ohne Abschluß, dann treibt er sich von morgens bis abends mit seiner Clique herum, die bald über alles bestimmt: Sie trennt sorgfältig in Freund und Feind, entscheidet über Liebesbeziehungen, sieht zu, daß Geld zum Leben da ist, prägt die Vorstellungen von Kampfesmut und Männerehre und sorgt vor allem für den nötigen Kick. Mit fast spürbarem Adrenalinstoß beschreibt Odem, wie sich die Clique an ihrem Treffpunkt Friedrichstraße formiert, loszieht wie eine Rächerbande, in die nächste S-Bahn springt, die Farbdosen zückt, den Wagen von innen zusprüht, die Türen aufreißt, aussteigt, den Wagen im Fahren von außen "zubombt"- immer in der Gefahr, in der nächsten Sekunde abzurutschen. Oder er schildert, wie sie sich in den Wende-Tagen nach dem Mauerfall mit verstörten Vopos Verfolgungsjagden in den unterirdischen Gewölben Ost-Berlins liefert: Odem und seine Freunde waren scharf auf die unberührten Wände im Osten der Stadt - das war das einzige, was sie an der Wiedervereinigung interessierte.
"Hauptsache Action, Hauptsache Hardcore sein, das war das wichtigste. Hardcore bedeutete Spaß, und Spaß bedeutete auch Streß mit den Bullen, mit den Eltern, mit den Banden Black Panthers und Fighters", sagt Odem heute. Irgendwann sei er süchtig gewesen nach diesem Hardcore-Gefühl. Daran habe sich nichts geändert, als ein Freund beim U-Bahn-Surfen abrutschte und starb, daran änderte sich auch nichts, als andere Freunde anfingen, Drogen zu nehmen, verschwanden und auf dem Fixerstrich wiederauftauchten, und auch nichts, als Odem irgendwann buchstäblich keinen mehr in seinem Alter kannte, der nicht schon mal im Knast gewesen war. Der Knast gehörte zum Cliquenalltag, und deswegen verstand er die Enttäuschung und die vielen Tränen der Mütter seiner Freunde nicht.
Gefühle von anderen waren ihm allemal einerlei. Eigentlich ging es ihm nur noch darum, daß seine Zeichen, die er Berlin aufprägte, von allen bewundert würden. Und das funktionierte: Die Graffiti-Magazine feierten ihn. Auf Hip-Hop-Veranstaltungen verteilte Odem Autogramme, und er reiste quer durch Deutschland, nach Dortmund und München, um als Gast-Star zu sprühen.
Doch dann zerstritt er sich mit seiner Clique: "Sie brachte mir nicht mehr den nötigen Respekt entgegen, und das ist dein Tod in der Szene." Außerdem war er für den Bandenkrieg allmählich "zu müde". Odem ging nach Kroatien, versuchte im Bürgerkrieg als Soldat anzuheuern: ein Plan, den ihm seine Verwandten im letzten Augenblick ausredeten - und ihm damit seine letzte Perspektive raubten. Für den Krieg auf dem Balkan fühlte er sich zu weich, seine Heimat, die er glorreich verteidigen wollte, war ihm fremd geworden. So schien seine Jugend vorbei zu sein. Er fühlte sich wie einer, der plötzlich in ein Niemandsland entlassen wird.
So trostlos enden Odems Erinnerungen im Buch. Trifft man den jungen Mann heute, knapp drei Jahre nach seinem Ausstieg aus der Szene, traut man seinen Augen nicht, sowenig entspricht er den Erwartungen, die sein Buch weckt. Er wirkt älter als 24, sein Haar ist schütter, und weil ihm das peinlich ist, trägt er einen Humphrey-Bogart-Hut. Äußerlich erinnert nichts mehr an den einstigen Anhänger der Hip-Hop-Kultur, und auch innerlich, so scheint es, sind die Straße, der Hip Hop und die Graffiti-Szene nur noch ferne Leidenschaften, an denen er einiges zu kritisieren hat: "Wir Sprayer lieferten uns immer Kriege mit den Skinheads, weil viele von uns Ausländer sind. Wir beschimpften die als Faschisten und waren es in einer Weise selbst. Wir alle hatten doch nichts anderes im Kopf als die Karriere in unserer Szene - und waren dabei unendlich fanatisch."
Wenn er es genau bedenke, seien die Ost-Berliner nicht nur viel solidarischer, sie seien auch inzwischen die besseren Sprüher: "Wir haben die Amis nachgemacht, waren total auf Buchstaben fixiert. Die Ossis sind eigenständiger, interessieren sich nicht so sehr für Buchstaben, sondern eher für Figuren, und sind damit weit gekommen." Odem erzählt mit einer überraschend leisen Stimme und wählt seine Formulierungen sorgsam. "Mir fehlen viele Worte", klagt er, "in all den Jahren auf der Straße habe ich meinen Geist verkümmern lassen." Was ihm die Worte und die geistige Durchdringung seines Lebens bedeuten, begriff er erst in den Gesprächen zu seinem Buch. "Über meine Zeit auf der Straße zu reden war für mich eine Therapie, durch die ich mir wieder zutraute, ein neues Leben zu beginnen."
Das neue Leben ermöglichten ihm Leute, von denen er es am wenigsten erwartet hätte. Ausgerechnet Vertreter der Stadt Berlin, der er soviel Schaden zufügte, deren Polizei eine eigene Sonderkommission auf ihn ansetzte, boten ihm an, Graffiti-Kurse für Jugendliche zu geben. Und das, womit keiner rechnete, trat ein: Die Kurse machten ihm solchen Spaß, daß er vor kurzem eine Ausbildung zum Erzieher begann. Vor den drei Jahren Disziplin fürchtet er sich, er will aber durchhalten, weil ihn danach das ganz große, neue Ziel reizt: "Irgendwann will ich Filme machen, um meinen Hunger nach Bildern auf legale Weise zu stillen", sagt er, schmunzelt unerwartet schüchtern, als erschrecke ihn das eigene Selbstvertrauen.
An sein früheres Leben denkt Odem tagelang nicht mehr - außer wenn er sich in einem Berliner Tunnel wiederfindet, einer erleuchteten S-Bahn hinterherblickt und Pläne für die Zukunft schmiedet.
* "Odem: On the Run. Eine Jugend in der Graffiti-Szene". Aufgeschrieben von Jürgen Deppe. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin; 336 Seiten; 29,80 Mark.
Von Beyer und

DER SPIEGEL 18/1997
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