12.05.1997

AUSSTELLUNGENUrninge und Uranier

In einer einmaligen Dokumentation zeigt die Berliner Akademie der Künste hundert Jahre Politik, Alltag und Kultur von Homosexuellen.
In einer gutbürgerlichen Wohnung in Berlin-Charlottenburg, an einem milden Mai-Abend des Jahres 1897, sitzen vier Männer und diskutieren: Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld berät sich mit drei Freunden und Gleichgesinnten. Es geht um die Gründung eines "Wissenschaftlichhumanitären Komitees" - Deckname für den weltweit ersten Versuch, gegen die Diskriminierung und Verfolgung von Homosexuellen anzugehen. Zum Beispiel durch die Formulierung einer Petition gegen den Paragraphen 175 des Reichsstrafgesetzbuches, der "die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird", verbot.
Homosexuellen drohten Gefängnisstrafen. So bekannte sich auch ein hannoverischer Bahnbeamter aus Hirschfelds Männerrunde nur inkognito zum "Komitee" - er hatte Angst, aus dem Staatsdienst gejagt zu werden.
Hirschfeld selbst, der sich Zeit seines Lebens nicht als Schwuler geoutet hat, setzte im übrigen auf wissenschaftliche Aufklärung und suchte - erfolgreich - Verbündete nicht zuletzt unter Künstlern. Gemeinsam stritt man gegen sämtliche Tabus, die die freie Liebe, welcher Gestalt auch immer, damals behinderten. In Berlin-Tiergarten unterhielt Hirschfeld das angesehene Institut für Sexualforschung, dessen Bibliotheksbestände 1933 - wiederum an einem Mai-Tag - von nationalsozialistischen Studenten öffentlich verbrannt wurden.
Diese und andere Kapitel aus der Geschichte der Schwulen-Emanzipation und ihrer Gegner werden in einer großen Schau in der Berliner Akademie der Künste dokumentiert, die von Samstag an drei Monate zu sehen sein wird. Rund 1400 Bilder, Fotografien, Schriften und andere Dokumente von 300 Leihgebern aus aller Welt sind es, die Andreas Sternweiler vom privaten "Schwulen Museum Berlin" innerhalb von zweieinhalb Jahren zusammengetragen hat - die größte Ausstellung, die es bisher zu diesem Thema hierzulande gegeben hat*.
Titel der Schau: "Goodbye to Berlin". So heißt ein autobiographischer Roman des englischen Schriftstellers und Männerfreunds Christopher Isherwood. Er zählte zu jenen Ausländern, die das Berlin der Roaring Twenties nicht zuletzt wegen seiner Liberalität und Libertinage geschätzt und genossen haben. Die Zerstörung der freizügigen, weltoffenen Metropole durch die Nazis ist eines der Themen von "Goodbye to Berlin" - das 1939 publizierte Buch diente später dem Hollywood-Film "Cabaret" (1972) als Vorlage.
Die Ausstellung in der Akademie setzt hinter Isherwoods Abschied von Berlin ein Fragezeichen: Hat die brutale NS-Schwulenverfolgung Berlins führende Stellung bei der Schwulen-Emanzipation zerstört? Das Rahmenprogramm "Homo 2000", unter anderem mit Tanzdarbietungen des britischen Choreographen Javier de Frutos, zeigt jedenfalls, daß interessante schwule Kultur heute nicht unbedingt in der deutschen Hauptstadt geschaffen wird.
Die Ausstellungsmacher wollen darüber hinaus in Vortragsreihen und Diskussionen die Lage der Schwulen - nicht nur in der Geburtsstadt ihrer nunmehr hundertjährigen Befreiungsbewegung - ergründen. Obwohl der von den Nazis noch verschärfte § 175 des Strafgesetzbuches in der Bundesrepublik 1969 liberalisiert wurde, Homosexualität unter Erwachsenen seitdem legal ist, bedeutet dies nicht das Ende der
* Akademie der Künste (Tiergarten), bis 17. August. Katalog im Verlag rosa Winkel; 384 Seiten; 48 (Buchhandelsausgabe 68) Mark.
Diskriminierung. Der Soziologe Michael Bochow legte kürzlich eine Studie vor, nach der immerhin 11 Prozent der 1996 befragten ostdeutschen und 13 Prozent der westdeutschen Schwulen angaben, in den zurückliegenden 12 Monaten wegen ihrer sexuellen Orientierung beschimpft, beleidigt oder angepöbelt worden zu sein. 3,5 Prozent der befragten westdeutschen und 4,1 Prozent der ostdeutschen homosexuellen Männer wurden in dieser Zeit sogar körperlich attackiert. "Von einer emphatischen Schwulenfreundlichkeit", wie sie einige Optimisten der Bewegung verkündeten, sei Deutschland "noch weit entfernt", urteilt der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker.
Als Magnus Hirschfeld vor 100 Jahren mit seinen drei Freunden jene Petition zur Streichung des Paragraphen 175 entwarf, waren für Homosexuelle noch Begriffe wie Urninge oder Uranier geläufig - abgeleitet vom altgriechischen Gott Uranos, der ohne Mitwirkung einer Mutter Vater der Liebesgöttin Aphrodite wurde. Männerliebe wurde selten offen so genannt, und "schwul" war ein böses Schimpfwort. Gleichwohl unterschrieb Ernst von Wildenbruch, ein konservativer Hofdichter und Freund Wilhelms II., die Petition ebenso wie August Bebel. Der SPD-Vorsitzende setzte sich zudem im Reichstag für die Abschaffung des Paragraphen ein, allerdings vergeblich.
Über die richtige Strategie im Kampf gegen die gesellschaftliche und strafrechtliche Diskriminierung kam es unter den Aktivisten schnell zu Sezessionen und Intrigen. So bezichtigte der Schriftsteller Adolf Brand, der mit "Der Eigene" in Berlin die erste Schwulenzeitung der Welt herausgab, bekannte Politiker der Homosexualität - was ihm nicht nur Prozesse, sondern auch die Feindschaft Hirschfelds einbrachte.
Hirschfeld, der als Jude ein ideales Feindbild für die NS-Propaganda abgab, verließ Deutschland 1930. Auch die allermeisten seiner sexualreformerischen Kollegen gingen ins Exil. Der braune Terror gegen Homosexuelle, so belegt es die Ausstellung, hat den Berlinern die Avantgardeposition in dieser Sache ein für allemal genommen. Die westdeutsche Schwulenbewegung der siebziger Jahre empfing ihre entscheidenden Impulse aus den USA, vom Aufstand in der New Yorker Christopher Street im Jahr 1969 und dem "Gay Liberation Movement".
"Schlicht sensationell", so Albert Eckert, einer der Organisatoren der Schau, sei die Präsentation etlicher Dokumente zur Repressionsgeschichte gegen Homosexuelle - von einer illustrierten Chronik aus dem Jahr 1483, die die Verbrennung eines Männerpaares in Zürich zeigt, bis zu Gestapo-Akten über die Verfolgung von Schwulen.
Die Ausstellungsmacher wollen aber zum Glück auch die Sinnlichkeit schwuler Lebenswelten zeigen. Jenseits des Politischen und seiner visuell reizarmen Dokumentation liegt der zweite Schwerpunkt der Schau deshalb auf der Darstellung von Homosexuellen in der Kunst; zumindest in verschlüsselter Form durchzieht Homoerotisches die gesamte abendländische Kunst- und Literaturgeschichte. Die Ausstellung belegt das unter anderem mit Bildern von Jean Broc, Andy Warhol, David Hockney und Keith Haring.
Für das Rahmenprogramm ist ein Berliner Bewegungsveteran verantwortlich: Rosa von Praunheim, der mit seinem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" Anfang der siebziger Jahre die Bewegung in der Bundesrepublik neu belebt hat.
Daß deren Liberalisierungsbemühungen nur begrenzt erfolgreich waren, erwies sich sogar noch bei den Vorbereitungen zu dieser Schau. Die für Werbung bei den Berliner Verkehrsbetrieben zuständige Firma weigerte sich, das Ausstellungsplakat, das unter anderem ein drastisch erotisches Bild des New Yorker Graffiti-Künstlers Keith Haring zeigt, in den U-Bahnhöfen der Hauptstadt hängen zu lassen.
Die Tugendwächter des öffentlichen Nahverkehrs wollten den anstößigen Part des Posters überkleben; die Akademie der Künste zog es dann aber vor, ein neues Plakat drucken zu lassen - ohne das langschwänzige Strichmännchen von Haring.
* Akademie der Künste (Tiergarten), bis 17. August. Katalog im Verlag rosa Winkel; 384 Seiten; 48 (Buchhandelsausgabe 68) Mark.
Von Sontheimer und

DER SPIEGEL 20/1997
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