12.05.1997

BIOLOGIE„Alte Lehre zementiert“

Dürfen deutsche Anthropologen noch „Rassenkunde“ lehren? Studenten und Professoren fordern die Abschaffung des in Traditionen verhafteten Faches.
Das Universitätsinstitut am Hamburger Allende-Platz ist ein Betonturm aus der Zeit der leeren Kassen: Draußen bröckelt der Putz, drinnen im Erdgeschoß trägt eine graue Tür die Aufschrift "Einbruch zwecklos, kein Inhalt".
Vorbei an Vitrinen mit Schädeln und Gebeinen führt der Weg ins bescheidene Zimmer des langjährigen Direktors: Rainer Knußmann, 61, der das mit fünf Professuren größte deutsche anthropologische Institut leitet, hat auch das einzige deutschsprachige "Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik" verfaßt. Das 524 Seiten starke Werk soll "Biologielehrern und -studenten umfassende Kenntnisse von der biologischen Verwurzelung der Spezies Mensch geben" - so wirbt der Gustav Fischer Verlag - und sei "ohne Zweifel die gegenwärtig beste Darstellung des Gesamtgebietes", so eine Besprechung im BIOLOGISCHEN ZENTRALBLATT.
Doch der Autor hat an der Neuauflage seines Buches wenig Freude: Studenten und Professoren anderer Fächer haben das Werk als eine Fundgrube anstößigen Gedankengutes entdeckt - ebenso wie die vom "Institut für Humanbiologie" angebotene Vorlesung "Rassenkunde des Menschen".
Beides "strotzt nur so von rassistischen Vorurteilen", kritisiert die Medizinsoziologin Heidrun Kaupen-Haas von der Hamburger Uni-Klinik. "Wissenschaftlich unvertretbar, irreführend und politisch verantwortungslos", so urteilt der Hamburger Kriminologe Fritz Sack, seien die nahegelegten Zusammenhänge zwischen Kriminalität und "genetischer Belastung". Geschichtsbewußte Studenten protestieren, weil sie die Menschheit nicht mehr in "primitive" und "progressive" Rassen, in "Negride", "Mongolide" und "Europide" eingeteilt sehen möchten. "Die Rassenkunde will sich im Elfenbeinturm verstecken", heißt es auf Info-Blättern, "zerren wir sie an die Öffentlichkeit!"
Das ist den Studenten Johann Knigge, Felix Hoffmann und Jakob Michelsen mit Protestaktionen und Flugblättern gelungen. So nahmen im vergangenen Januar im Mensa-Gebäude Schwule und Lesben nach Art der Anthropologen einander die Kopf- und Körpermaße ab, um anzuprangern, daß in dem umstrittenen Lehrbuch Homosexualität als "deviantes" Sexualverhalten bezeichnet wird.
Aufgespießt und publik gemacht wurden unglückselige Formulierungen und Passagen wie diejenigen über die Juden, die laut Knußmann durch jahrhundertelange Isolation letztlich begünstigt worden seien: *___Da die Juden außerdem immer wieder Verfolgungen und ____gesetzlichen Benachteiligungen ... ausgesetzt waren, konnten sich ____unter ihnen nur solche Erblinien halten, die besonderes ____Durchsetzungsvermögen in unseren europäischen Gesellschaften ____gewährleisteten. Die Gesetzgeber haben nicht erkannt, daß sie ____damit ganz im Gegensatz zu ihren Interessen eine Selektion auf ____optimale Leistung bewirkten - gleichsam die Heranzüchtung einer ____jüdischen Elite.
Nachdem Universitätspräsident Jürgen Lüthje beschwichtigend eingegriffen und die Freiheit der Lehre verteidigt hatte, schaltete sich der Hamburger Wissenschaftssenator Leonhard Hajen ein und bat mehrere Wissenschaftler um eine Einschätzung des Knußmann-Lehrbuches. Kriminologie-Professor Sack, der alle Versuche zur biologischen Erklärung von Kriminalität ablehnt, fällte ein vernichtendes Urteil: Auch insgesamt sei Knußmanns "Forschungsansatz völlig überholt".
So knüpft der Anthropologe an die darwinistische Verbrechenslehre des italienischen Arztes Cesare Lombroso an, der 1876 in einem Bestseller die Vorstellung vom "geborenen Verbrecher" mit genauer Vermessung von Schädeln und Totenmasken untermauerte.
Die von Lombroso gefundenen Charakteristika des Kriminellen - abstehende Ohren und große Augenhöhlen -, welche die Übeltäter nach Auffassung des Italieners mit "Wilden und Affen" gemein haben, "konnten nicht bestätigt werden", heißt es im Lehrbuch unter der Rubrik "Soziale Sondergruppen".
Doch schienen einige andere zuzutreffen, "zum Beispiel überdurchschnittlich häufig niedrige, fliehende Stirn". Allgemein könne gesagt werden, schreibt Knußmann, "daß Schwerkriminelle zu somatischer und psychischer ‚Minderausstattung' neigen". Dabei seien Gewaltverbrecher "größer, breiter und dümmer, solche mit Eigentumsdelikten dagegen kleiner, schmäler und intelligenter als der Durchschnitt der Kriminellen".
Immer wieder verleitet die allgemeine Leidenschaft der Anthropologen zum Vermessen der Körperregionen auch Knußmann zu abstrusen Anmerkungen: Ein weiter, "das heißt weiblicher" Beckenausgang bei Männern wird sogleich mit Eigenschaften wie "heiterer Grundstimmung", "größerer Beeinflußbarkeit" sowie "geringerem Führungsanspruch" in Zusammenhang gebracht.
Einen wahrhaft "merkwürdigen Befund" (Knußmann) wiederum am Becken ermittelte der Anthropologe in einer eigenen Studie an Hamburger Kindern, die 1991 veröffentlicht wurde: Auch bei Knaben habe er "eine signifikante Zunahme der Beckenbreite" gefunden, wenn deren Mütter berufstätig gewesen seien. Das Phänomen, so mutmaßt Knußmann, lasse sich möglicherweise damit erklären, daß Berufstätigkeit der Mutter für das Kind mit Frustrationen verbunden sei, "solche aber als Streß hemmend auf die Bildung männlicher Hormone und damit negativ auf die Ausprägung einer typisch männlichen Beckengestaltung (also schmales Becken) rückwirken".
Betrübt und verständnislos sitzt der Professor indessen vor den Stapeln von Protestschriften, Zeitungsberichten und Anfragen an den Senat, die sich mittlerweile angesammelt haben: "Es tut weh, in die rechte Ecke gestellt zu werden, wenn man sich selbst immer eher links gesehen hat."
"Weil rechtsradikale Tendenzen in unserer Bevölkerung zugenommen haben" und er "nicht vor den falschen Karren gespannt werden möchte", habe er in der zweiten Auflage "versucht, Prophylaxe zu treiben": Besonders verfängliche Absätze und Termini wurden verändert oder gestrichen, so im Schlußkapitel mit Überlegungen zur "negativen" und "positiven Eugenik". Immer wieder distanziert sich Knußmann auch von Rassendiskriminierung und "Rassenhygiene", wie sie die Nationalsozialisten betrieben haben.
Wer sich an braunem Schrifttum in der Institutsbibliothek stört, in der auch die Zeitschrift NEUE ANTHROPOLOGIE des Hamburger Rechtsextremisten-Anwalts Jürgen Rieger ausliegt, wird auf ein Pappschild an der Eingangstür verwiesen: *___Diese Bibliothek dient - unter Meidung jeglicher Zensur - der ____Information über Literatur, die das Sachgebiet der ____Anthropologie betrifft ... Für den unerfahrenen Lesenden sei ____angemerkt, daß nicht nur Schriften der Jahre 1933 bis 1945, ____sondern auch solche älteren und jüngeren Datums rassistisches ____Gedankengut enthalten können.
Als Zugeständnis an die sensibilisierte Öffentlichkeit soll die Vorlesung über "Rassenkunde des Menschen" künftig in "Geographische Variabilitäten des Menschen" umgetauft werden.
Alles vergebens. Hochschulkollegen wie Kriminologe Sack und Soziologin Kaupen-Haas sehen von Knußmanns Buch und Lehre aus "den Boden bereitet, aus dem der Rassismus sprießt". Führende Humanbiologen wie Ulrich Kattmann von der Universität Oldenburg kritisieren die Umbenennung der Veranstaltung als "Augenwischerei und reine Kosmetik". Statt endlich zu einer neuen, objektiven Sichtweise zu gelangen, herrsche hier "der Rückfall in die alte Typologie".
Molekularbiologische Forschung habe längst gezeigt, daß "die traditionelle Typenschau" wissenschaftlich sinnlos sei, sagt Kattmann: "Ein kleiner Teil der genetischen Unterschiede wird überbewertet, weil er ins Auge fällt." Der Forscher stimmt mit Luigi Luca Cavalli-Sforza überein, dem italienischen Genetiker, nach dessen Überzeugung der Begriff der menschlichen Rasse "völlig willkürlich" ist: "Keine menschliche Gruppe ist biologisch rein, wie es ein Stamm von Labormäusen sein kann."
Äußere Merkmale reichten nicht aus, um eine Gruppe ausreichend zu charakterisieren: "Manche Indoeuropäer etwa, die angeblich zur weißen Rasse gehören, haben eine ebenso schwarze Haut wie die schwärzesten Afrikaner."
Cavalli-Sforza, Professor an der Stanford University, räumt ein, daß "natürlich nicht alle Menschen gleich begabt sind, und das ist teilweise genetisch bedingt". Doch solche Unterschiede seien nach dem Zufallsprinzip verteilt: "Nichts erlaubt uns zu sagen, daß manche Völker intelligentere Menschen hervorbringen als andere."
Die alte Klassifikation nach Haut- und Haarfarbe, Gesichts- und Körperform, die mit bestimmten seelischen und geistigen Eigenschaften gekoppelt wurden, fußt auf dem Werk des Breslauer Anthropologen Egon Freiherr von Eickstedt. Mit seiner "Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit" half von Eickstedt den Nationalsozialisten, ihr Fundament für die Wahnideen von "Blut und Boden" und der Überlegenheit der germanischen Rasse zu zimmern. Von Eickstedt 1934: *___Nur bewußtes Befolgen der ewigen Gesetze von Rasse und Leben ____kann also die Gesundung der Völker bringen und die Gefahren ____bannen, die Europa und der Welt greifbar nahe drohen. Der ____Nation, die hier vorangeht, gehört die Zukunft.
Von Eickstedt, dessen Einteilung sich auch heute noch unter dem Stichwort "Menschenrassen" im Herder-Lexikon Biologie wiederfindet, war Lehrer der vor kurzem gestorbenen Mainzer Anthropologin Ilse Schwidetzky. In ihrem Buch "Grundzüge der Völkerbiologie" vertrat sie die These, daß Kolonialismus dem Prinzip der "natürlichen Auslese" zwischen "Primitiven" und "Progressiven" folge.
Schwidetzky wiederum betreute Knußmanns Habilitation, und nur an ihrem ehemaligen Mainzer Institut, in Hamburg und an der Kieler Universität arbeiten Anthropologen noch mit dem Rassenbegriff.
Mit der kritiklosen Verwendung von Fotos, Dias und Forschungsergebnissen aus dem Eickstedtschen Fundus im Lehrbuch und in einer Vorlesung, in welcher der Hamburger Professor Virendra Chopra beispielsweise als "Drei jüdische Typen" finstere Gestalten mit Turban zeigte, sei die alte Lehre "uneinsichtig zementiert" worden, beklagt Kaupen-Haas.
Das zähe Festhalten an Rassekonzepten, so Kattmann, sei "nicht wissenschaftlich, sondern sozialpsychologisch begründet": Äußere Kennzeichen dienten als Erkennungsmarken, mit denen die Menschen der diskriminierten Gruppe ausgesondert werden. "Das Eigenbild bestimmt das Fremdbild", sagt Kattmann. "Unsicherheiten werden durch Abgrenzung kompensiert."
Weil der zwielichtige Begriff der Rasse "nur ins wissenschaftliche und politische Abseits führt", solle man sich endlich davon verabschieden. "Ob wir wollen oder nicht", sagt der Humanbiologie, anspielend auf die modernen Erkenntnisse über den Ursprung des Menschen, "wir sind ohnehin im Grunde alle Afrikaner."
Da die Juden außerdem immer wieder Verfolgungen und
gesetzlichen Benachteiligungen ... ausgesetzt waren, konnten sich
unter ihnen nur solche Erblinien halten, die besonderes
Durchsetzungsvermögen in unseren europäischen Gesellschaften
gewährleisteten. Die Gesetzgeber haben nicht erkannt, daß sie damit
ganz im Gegensatz zu ihren Interessen eine Selektion auf optimale
Leistung bewirkten - gleichsam die Heranzüchtung einer jüdischen
Elite.
Diese Bibliothek dient - unter Meidung jeglicher Zensur - der
Information über Literatur, die das Sachgebiet der Anthropologie
betrifft ... Für den unerfahrenen Lesenden sei angemerkt, daß nicht
nur Schriften der Jahre 1933 bis 1945, sondern auch solche älteren
und jüngeren Datums rassistisches Gedankengut enthalten können.
Nur bewußtes Befolgen der ewigen Gesetze von Rasse und Leben
kann also die Gesundung der Völker bringen und die Gefahren bannen,
die Europa und der Welt greifbar nahe drohen. Der Nation, die hier
vorangeht, gehört die Zukunft.
Von Nimtz-Köster und

DER SPIEGEL 20/1997
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