19.05.1997

LEGENDEN„Ich habe niemals Schmerzen“

Seit seinem Auftritt bei den Olympischen Spielen in Atlanta und dem Oscar für Leon Gasts Film über ihn fühlt sich Boxstar Muhammad Ali rehabilitiert. Nun kämpft der Muslim gegen den Haß in der Welt und gegen die Bibel: „Das ist nicht Gottes Wort.“ Von Jürgen Neffe
Der Kampf war stets sein Element, ausgetragen mit Leib und Seele, mit schnellen Fäusten und frechen Sprüchen, charmant und schockierend, mutig, männlich, überheblich, unvergeßlich. Jetzt kämpft Muhammad Ali mit den Worten, mit seinen Erinnerungen und manchmal auch nur mit einer Kaffeetasse.
Behutsam, beinahe zeitlupenhaft zärtlich führt er das heiße Getränk mit leicht schlotternder Hand an seinen Mund, wartet, bis er den Rand des vollen Bechers auf seinen Lippen fühlt, und trinkt schließlich schlürfend einen winzigen Schluck. Dann setzt er das Behältnis langsam auf den Tisch zurück und folgt dabei seiner Hand mit Blicken, als gehöre sie einem anderen. Nachdem es sicher steht, lehnt er sich in seinem Sessel zurück und schließt die Augen für einen langen Moment.
Kein Tropfen ist danebengegangen. Wieder ein kleiner Sieg im Alltag jenes Mannes, dessen Leben zur Legende wurde - von einem, der sich wehren kann, der sich nicht aufgibt oder unterkriegen läßt, nicht einmal von einem Leiden wie der Parkinson-Krankheit, die auch "Schüttellähmung" heißt und unter Experten als "fortschreitende Degeneration eines für die Bewegungskoordination entscheidenden Hirnbereiches" gilt.
"Du schlabberst ja sowieso wieder", hatte Lonnie, seine Frau, eben noch liebevoll gesagt, als sie ihm mit dem Kaffee eine Serviette brachte. Nun lächelt Ali müde und legt die schweren Hände in seinen Schoß. Hier, auf seiner 30 Hektar großen Farm am Rande von Berrien Springs im Bundesstaat Michigan, die für knapp zwei Millionen Dollar zum Verkauf steht, sucht und findet er Ruhe vom Geschäft mit dem Ruhm. Mehr als zwei Drittel des Jahres verbringt er unterwegs, besucht Benefizveranstaltungen, Kliniken, Kongresse, läßt sich herumreichen und bestaunen als ehemaliger King und ewiges Kind. Bis zu 200 000 Dollar soll er pro Auftritt kassieren.
Da sitzt er in seinem Wohnhaus, einem eher bescheidenen Gebäude aus Holz, in das erst vor kurzem eine Küche eingebaut wurde, die diesen Namen verdient. Lonnie sitzt im Bürohaus nebenan, um Korrespondenz zu erledigen. Der sechsjährige Adoptivsohn Asaad ist in der Schule. Draußen schnattern Gänse, und der Nachbarjunge dreht mit dem Rasenmäher seine Runden. Alis Knie schlackern. Er beobachtet sie teilnahmslos.
"Ich kämpfe nicht gegen meine Krankheit", murmelt er ohne Betonung und mit schleppender Stimme, "die akzeptiere ich." Kein Fatalismus schwingt da mit, eher Demut - und Dankbarkeit: "I never feel no pain", flüstert der 55jährige, der im Ring reichlich Prügel ausgeteilt, aber auch viele schmerzhafte Schläge eingesteckt hat, "ich habe ja niemals Schmerzen."
Bei seinem jetzigen Fight, dem größten seines Lebens, geht es nicht um Sieg und Niederlage. Muhammad Ali kämpft um seine Würde. Nichts ist ihm wichtiger als zu beweisen, daß er trotz seines kranken Körpers über einen gesunden Menschenverstand verfügt.
Weil er seiner Sprechweise wegen abgestempelt werden kann zum stammelnden Tor, verbietet er Tonbandmitschnitte von Interviews. Bis heute empört er sich über einen Reporter, der sein Lallen mit einem versteckten Mikrophon einfing und ausstrahlen ließ als Beleg für Alis Verfall.
Die Parkinsonsche Krankheit führt dazu, daß sich im Äußeren nicht mehr das Innere ausdrückt. Das tonlose Sprechen aus mitunter maskenhaft erstarrtem Mondgesicht, das greisenhafte Zittern der Glieder und der manchmal grotesk verlangsamte Gang täuschen geistige Schwäche vor - was für viele Parkinson-Patienten noch quälender ist als das Leiden selbst.
Wer sich Zeit nimmt mit Ali, erlebt einen wachen, nachdenklichen, sogar schlagfertigen Mann, der gern lacht, ziemlich deutlich reden und gestikulieren kann, der sogar Zauberkunststückchen vorführt, die in Anbetracht seines Zustands tatsächlich wie Zauberei erscheinen.
Er nimmt die unbenutzte Serviette vom Tisch, reißt einen Streifen ab und stopft das Stück mit dem Daumen der rechten Hand in die linke Faust, bis es verschwunden ist. Dann öffnet er beide Hände, dreht sie vor und zurück und grinst: Kein Papier ist zu sehen. Noch einmal führt er seinen Trick vor, behende und schnell, dann präsentiert er stolz einen hautfarbenen Gummihut auf seinem Daumen, in den er den Schnipsel gestopft hat.
"Schau auf meine Füße", sagt er mit einer Klarheit, als spreche auf einmal ein anderer, der alte Ali, aus ihm. Er steht auf, geht ein paar Schritte zur Seite, stellt sich auf, verharrt etliche Sekunden regungslos - und plötzlich hebt sich sein ganzer Körper, wie von einer unsichtbaren Winde nach oben gezogen, bis er zu schweben scheint, ein paar Zentimeter über dem Fußboden, ohne jedes Zittern in den Beinen, obwohl er nur auf der Spitze eines Fußes balanciert.
Da lacht Ali, der Magier, und sagt: "Der große Allah gibt mir die Kraft. Manchmal hebt er mich bis unter die Decke." Dann wird er wieder ernst und redet über seine Religion, den Islam, das zentrale Thema in seinem jetzigen Leben. Er folgt den Vorschriften des Koran, beachtet die Fastenregeln des Ramadan und neigt sich fünfmal am Tag zum Beten gen Mekka.
Er hat Königin Elizabeth II. getroffen und Bill Clinton, Indira Gandhi, Fidel Castro, Nelson Mandela, Saddam Hussein, den Papst und die Beatles - aber seine wichtigsten Begegnungen nennt er die mit Malcolm X, mit "Oberst Gaddafi" und dem König von Saudi-Arabien.
Kürzlich hat er ein Büchlein mit dem Titel "Healing" (Heilung) herausgebracht. Darin wendet sich der Autor, der seinen übermächtigen Gegner George Foreman zu "töten" drohte, gegen den Haß in der Welt: "Wenn ich haßte, konnte ich nicht denken", schreibt er, "ich konnte nicht essen ... ich konnte nicht arbeiten."
Sein Vermögen ist zwar zum Großteil seinen drei Exfrauen und seinen insgesamt acht leiblichen Kindern sowie seinem Promoter Don King in die Hände gefallen. Mit seinen Einkünften unterstützt er dennoch wohltätige Vereinigungen, Krankenhäuser, Obdachlose. Denn sein Glaube an Himmel und Hölle sitzt tief.
"Eines Tages wachst du auf, und es ist Jüngster Tag", sagt er, "doch Gott will gute Taten sehen." Nun spricht er wieder fast unverständlich. Seine Knie schlagen gegeneinander, als er seinen Aktenkoffer zur Hand nimmt und umständlich öffnet. Er holt eine abgegriffene Bibel und ein dickes Notizbuch hervor. Das Blättern scheint ihm einige Mühe zu bereiten.
Als er 1963 zum islamischen Glauben übertrat und, wie er immer wieder betont, "meinen Sklavennamen Cassius Clay" ablegte, um fortan Muhammad Ali zu heißen, brach er radikal mit seiner religiösen Herkunft, die ihn bis heute zu verfolgen scheint: Alis großer Kampf gilt mittlerweile der Bibel, gegen die er einen wahren Kreuzzug führt. Stundenlang beschäftigt er sich mit der Heiligen Schrift und spürt Ungereimtheiten auf, als versuche er mit seinen Bibel-Widerlegungen noch immer, den Schnitt in seiner Biographie zu überspielen und den Verrat an seiner baptistischen Erziehung zu rechtfertigen.
"Ich kann beweisen, daß die Bibel nicht Gottes Wort ist", brüstet er sich, "denn Gott widerspricht sich nicht. Und Gott hat auch keine Mutter." Ali, der Schriftgelehrte, verbringt einen geraumen Teil seiner Zeit damit, Listen mit "Bible Contradictions" zu signieren. Sein Rekord, sagt er, seien 2000 Unterschriften an einem Tag gewesen. Die Zettel verteilt er, wohin er auch kommt. Mit seinem Autogramm, da ist er sich sicher, werden sie beachtet und aufbewahrt. "Die werden die Kirche aus den Angeln heben", ruft er aus und grinst diabolisch. "Das ist die mächtigste Sache, die einer je leisten kann."
Mag sein, daß "der Größte", wie er sich nannte, mit solchen Reden kaum jemanden noch so beeindrucken kann wie seinerzeit seine Gegner - auf die übertrug er mit unnachahmlichen Drohungen seine eigene Angst wie einen Fluch. Aber mundfaul ist das Großmaul deshalb noch lange nicht.
Nur über das Boxen, das ihn unsterblich gemacht hat, ist ihm kaum ein Wort zu entlocken - dafür jede Menge Vorträge, gehalten in Körpersprache, wie sie nur er beherrscht: der Tänzler aus Kentucky. Seine Pose ist seine Prosa.
Immer wieder formt er seine Hände zu Fäusten, hebt die Rechte, deckt mit der Linken, läßt die Linke zucken und die Rechte hervorschnellen, duckt sich, verschiebt das Schwergewicht blitzschnell von einer Schulter auf die andere, rechts, rechts, links, da, da und da - und dann läßt er sich in den Sessel fallen wie ein gefällter Baum.
Und wieder erhebt er sich, nähert sich, ein Gang wie ein Bär, schwerfällig tapsend, aber sobald die Arme gebeugt und die Fäuste geballt sind, scheint Parkinson vergessen, als wiederhole er aus dem Körpergedächtnis die Erinnerung an vergangene Tage.
Das Erstaunlichste aber in diesen Momenten sind seine Augen: Geradezu furchterregend funkelt es aus dem verstummten Gesicht, das eben noch nichts als stumpfe Blicke aussandte. Dämonisch blinzelt ein scheinbar schon lange Verschiedener durch das fast abgestorbene Antlitz eines mimikgelähmten Lebendigen: Ali, den seine Menschlichkeit übermenschlich erscheinen läßt. Seine stärkste Waffe, seine mentale Kraft, hat bis heute überlebt.
George Foreman, der Schläger, war stärker und brutaler in jener Nacht in Kinshasa, die der Film "When we were Kings" als Sternstunde des Boxsports wiederauferstehen läßt (siehe Seite 196). Fast sieben Runden lang, von der zweiten bis zur achten, gehörte ihm der Ring fast allein - bis Ali ihn mit einer Rechten auf die Bretter schickte und einfach nur zuschaute, wie der Gigant zu Boden ging.
"Foreman war klein", nuschelt Ali, der vom Boxen schon wieder ins Philosophieren geraten ist. "Mein wirklich großer Kampf war, nicht nach Vietnam zu gehen." Juristisch hat er damals zwar gewonnen. Aber die 1967 verhängte Sperre, die drei Jahre dauerte, und die Aberkennung des Weltmeistertitels, den er 1974 gegen Foreman (und 1978 noch einmal gegen Leon Spinks) wiedergewann, betrachtet Muhammad Ali als die eigentliche Niederlage seines Lebens.
"Als einzelner Mann hast du gegen die Macht der Regierung keine Chance", sagt er. "Selbst Martin Luther King konnte allein nichts ausrichten. Auch der brauchte die Massen."
Als Mitglied der militanten Black Muslims und vorlauter Schwarzer war Ali im Amerika der sechziger Jahre ohnehin nicht der Sympathieträger wie sonst fast überall auf der Welt. Nun galt er auch noch als Schwätzer und Drückeberger, nachdem er erklärte hatte: "Ich habe nichts gegen diese Vietcongs."
Erst die Eröffnung der Spiele von Atlanta im vergangenen Jahr, als er vor den Augen von Milliarden von Menschen als letzter die Fackel übernahm und das olympische Feuer entzündete, hat ihn in den USA rehabilitiert. Sein bravouröser Umgang mit dem Leiden und der herzzerreißende Anblick seines Zitterns hat ihn zu einer Gestalt gemacht, der die Sünden der Vergangenheit verziehen werden.
Ali, der in der Beliebtheit bei amerikanischen Teenies nur vom Basketballer Michael Jordan übertroffen wird, mußte verlieren, um zu gewinnen - die ewige Tragik seines Lebens.
"Eigentlich habe ich nie gegen irgend jemanden gekämpft", sagt er und läßt noch einmal die Fäuste tanzen, "sondern immer nur für mich."
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 21/1997
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